Kersftlöer Tageblatt
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heesfeL-er Kreisblatt"
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Nr. 189
Freitag, den 14. August
1925
Das Wichtigste.
"7 So sehr auch Briand mit dem Ergebnis der Londoner Verhandlungen zufriedem zu sein scheint, beinahe alle ausländischen Zeitungen äußern sich sehr vorsichtig, weil sie nicht an die Ueberbrückung der englisch-französischen Meinungsverschiedenheiten glauben.
— Die Trierer Bevölkerung wird zur Her- gabe von Wohnungen und Zimmern an die Be- 1 atzungstruppen gezwungen.
— Dem Reichspräsidenten von Hindenburg wur- den in München begeisterte Ovationen gebracht.
Der erste Schritt zum Anschluß Oesterreichs.
Von Dr. Konrad Döring.
Mit dem 12. August hat die Annäherung des Deutschen Reiches an Deutschösterreich einen Fortschritt gemacht; denn an diesem Tage ist der Visumzwang für die Angehörigen beider Staaten gefallen. Zum Ueberschreiten der Grenzen ist in Zukunft nur noch ein Paß notwendig, und es ist dringend zu hoffen, daß auch diese letzte Erschwerung des beiderseitigen Verkehrs recht bald verschwinden möge.
Der in den letzten Tagen naturgemäß etwas, abgeebbte I Reiseverkehr nach Oesterreich und umgekehrt wird angesichts der, warmen Sommerwitterung nun in gewaltigem Umfang einsetzen.. Beim Ueberschreiten der Grenze wird der Reichs- I deutsche in Oesterreich mancherlei Erfahrungen machen. Die I neue Schillingwährung wird den Aufenthalt in den schönen Alpen- unß Donauländern erleichtern, da mit der Durch- führung der neuen Währung die starke Belästigung durch I die Iniflationsumrechnung wegzufallen beginnt. Allerdings erst beginnt; denn das Rechnen nach 10 000 und 100 000 Kronen hat derartig tief in der Bevölkerung Wurzel gefaßt, daß es mit der Beseitigung der Nullen noch gute Wege haben
wäre daher die vorläufige Einführung ! einer Markkernwährung mit einem Kürsverhältnis von einer Mark gleich eineinhalb Schilling sehr zu begrüßen. Auch die endgültige Annahme des deutschen Maß- und Gewichtssystems seitens der Oesterreicher könnte nur erleichternd auf die beiderseitigen Beziehungen wirken. Es gehört schon eine ge- ] wisse Uebung dazu, sich in Oesterreich in das dort herrschende Deka- und Dezigewichtssystem hineinzufinden, ebenso wie in die höchst lästige M-StunLen-Rechnung der österreichischen Bundesbahnen, die den Reisenden andauernd zu durchaus überflüssigen Rechenexempeln zwingt.
Weiter wäre es höchst wünschenswert, wenn sich unsere österreichischen Freunde auch etwas mehr an die deutschen Bureaustunden auf Aemtern, in den Kanzleien gewöhnen würden. Es macht auf den Reichsdeutschen wirklich keinen erhebenden Eindruck, wenn er, wie es dem Schreiber dieser Zeilen in Innsbruck passiert ist, zehn Minuten vor Abgang des Expreßzuges erfahren muß, daß, das Fundbureau auf zwei Stunden wegen Mittagspause „gesperrt" ist, oder wenn in Wien der ganze Riesenbetrieb des österreichischen Verkehrsbureaus in der Friedrichstraße in der Hauptreisezeit ebenfalls von 12,30 bis um 2,30 Uhr vollkommen ferne Schranken schließt, unbekümmert darum, ob draußen in der Sonnen- glut Hunderte von Touristen unverrichteter Sache wieder abziehen müssen. „ ,
Der allseitig erstrebte Anschluß Oesterreichs an das Deutsche Reich wird nur dann kommen, wenn beide Volker hieran arbeiten; hierzu gehören aber vorbereitende gesetz- oeberische Maßnahmen. In erster Reihe wäre zu wünschen, daß Oesterreich und wir eine Gemeinschaft der Handelspolitik nach außen betreiben würden unter vorläufiger Beibehaltung von Zwischenzöllen für unter ungünstigen Erzeugungsbedin- gungen arbeiteiide Industrien. Auch die Regelung der Verkehrspolitik hinsichtlich des Ausbaues der Lasier- und Land- straßen wie des Dampfschiffahrtssystems ist herbelzufuhren. Eine gemeinsame Eisenbahnpolitik ist >a teuer infolge der Verpfändung der bcutfdjcn Reichseisenbahnen zurzeit nicht möglich. Zur Herbeiführung einer vollkommenen Zollunion müßten Richtlinien festgesetzt werden, um die indirekten Steuern und Monopole beider Länder auzuglelchen, wobei es die Oesterreicher höchstwahrscheinbich unt großer Freude begrüßen würden, wenn bei dieser Gelegenheit auch e,,ie ein- - gehende Ueberprüfung der Qualität der Erzeugnisse ihrer Tabakregie stattfinden würde; denn das dort in den Grafiken verkaufte Rauchwerk ist keineswegs immer ideal. Uußerdem müßte eine vollkomiiiene Gleichberechtigung der Relchvdeut- schen und Oesterreicher in beiden Ländern durch geführt werden, und es dürften keinerlei Beschränkungen für die Angehörigen dieser Staaten mehr bestehen, insbesondere hinsichtlich der Riedevlassnngsfreiheit und des Rechtes zur Ausübung von freien Berufen.
Den landwirtschaftlichen Genossenschafren Oesterreichs müßte man das Recht einräumen, sich in die genossenschaftlichen Zentralorganisationen Deutschlands eingliedern zu können, wie es ja bereits bei der Wirtschaftspolitik chen Ver- einigling, dem Reichslandbund, der Fall ist- auch waren du Oesterreicher wahrscheinlich burdjaus bannt einverstanden, wenn ihnen ein eigener Anteil in den Hafen von Hamburz
und Stettin zugebilligt und gleichberechtigte Zulassung zur deutschen Handelsmarine eingeräumt würde. Man könnte eine große Zahl ähnlicher Forderungen aufstellen. Unbedingt notwendig für alle Fälle wäre aber noch die vollständige Rechtsangleichung, d. h. einheitliche Gesetzgebung für beide Staaten.
Wenn es gelingt, diese vorbereitenden gesetzgeberischen und wirtschaftspolitischen Maßnahmen durchzuführen, so wird der politische Anschluß sich mit der Zeit ganz automatisch vollziehen. Alle Quertreibereien mißgünstiger Nachbarn und Feinde werden dann das Zustandekommen Großdeutsch- lands nicht aushalten können.
Der amtliche Bericht über das Londoner Abkommen.
£ London, 13. Aug. Nach einer längeren Besprechung zwischen Lhamberlain und Briand wurde folgende amtliche Erklärung ausgegeben: „Die Besprechungen zwischen Briand und Lhamberlain haben zu einem vollen Einvernehmen über den Text der Antwort geführt, die die ftanzösische Regierung im Einverständnis mit den alliierten Mächten auf die letzte deutsche Gavantievertragsnote absenden wird. Die Besprechungen gaben Anlaß zu einem Meinungsaustausch über den geplanten Sicherungspakt, der eine endgültige Form gewinnen könne, wenn hierüber Verhandlungen zwischen den Vertretern sämtlicher beteiligten Mächte eröffnet werden. Die Londoner Aussprache hat wesentlich zur Beschleunigung der weiteren Verhandlungen beigetragen, die zu einem endgültigen Ergebnis führen werden." Der französische Außenminister wird sofort einem Kabinettsrat Bericht über den Verlauf seiner Londoner Unterredungen erstatten.
Briand erklärte französischen Journalisten, daß zwischen Frankreich und England über den Text der Antwortnote an Deutschland volles Einvernehmen erzielt sei. Eine Abschrift jaÄeÄÄi^^
den 15. August nach Berlin abgesandt, worauf die Verhandlungen eröffnet werden könnten. Briand erklärte weiter, daß er sich am 2. September nach Genf begeben werde. Was den Garantiepakt anbelange, so werde jeder der Alliierten einen besonderen Entwurf vorbereiten, die dann zu einem endgültigen Entwurf umcfearbeitet würden. Briand fügte lächelnd hinzu: „So weit sind wir jedoch noch nicht." In politischen Kreisen verlautet, daß beide Außenminister sich über eine interalliierte Konferenz geeinigt hätten, die in Brüssel stattfinden soll. Zu der Konferenz soll auch Deutschland ein- geladen werden, jedoch hat Briand durchgesetzt, daß auch Polen und die Tschechoslowakei zugelassen werden.
Preffekommentar zu den Londoner Berhandmngen.
Frankreich.
4- Paris, 13. Aug. Zu dem amtlichen Bericht fügt der „Temps" ergänzend hinzu, daß außer der Einigung über die französische Antwort an Deutschland zwei wichtige Lösungen erzielt wurden. Auf englische Anregung sei beschlossen war. den Deutschland zu veranlassen, im September einen Antrag auf Ausnahme in den Völkerbund zu stellen, und daß es auch zunächst bedingt ausgenommen werden soll. Gleichzeitig wird ein Gutachten der Alliierten Kontrollkommission eingefordert, ob Deutschland die Abrüstungsklauseln erfüllt habe. Trifft dieses zu, so wird die Aufnahme endgültig er- folgen, womit der Garantievertrag unmittelbar in Kraft tritt. Ueber die entmilitarisierte Rheinlandzone haben Frankreich und England beschlossen, daß sie für den Fall schwerer Ver- stötze gegen die Bestimmungen der Artikel 42—44 des Fne- densvertrages oder gegen die Bestimmungen des Cicheruugs- paktes nach einer sofortigen Rücksprache zwischen Paris und London unmittelbar gemeinsam vorgehen werden, während bei leichteren Verstötzen der Weg des Schiedsspruches be- schritten werden soll. Was die übrigen deutschen Grenzen anbelangt, so behält sich England seine Stellungnahme bis zur Fällung eines Schiedsspruches vor und wird nur eingreifen, wenn der Konflikt sich auf die Rheingrenze aus- zudehnen droht.
Die übrigen französischen Blätter sind nicht besonders optimistisch gestimmt, einige zeigen sich sogar pessimistisch. Verschiedentlich wird darauf hingewiesen, daß man nicht wisse, wie weit eine Annäherung zwischen dem französischen und dem englischen Standpunkt in der Garantiefrage der deut- scheu Schiedsgerichtsverträge mit Polen und der Tschecho- slorraket erzielt worden sei. „Journal des Däbats" warnt vor übereiltem Optimismus. Es heißt dort: „Dem Umstand, daß ein Einvernehmen über die französische Antwort an Deutschland herbeigeführt wurde, darf nicht zu weitgehende Bedeutung beigemessen werden. Der Text der französischen Rote verrät deutlich das Bestreben, die strittigen Punkte beiseite zu lassen. Die Antwortnote sei darauf berechnet, lernen
Anlaß zu neuen Gegensätzen zu geben. Im übrigen hebe die
Note hervor, daß Deutschland weder den Artikel 16 des Völ- kerbundpaktes zur Sprache bringen, noch eine Abänderung des Rheinlandregimes beanspruchen könne. Deutschland darf weiter an den Eintritt in ben Völkerbund keinerlei Bedingungen knüpfen. Die ftanzösische Note geht sonst nur auf die wichtigsten Vorbehalte Stresemanns ein. Aus diesem Grunde war die Verständigung zwischen Frankreich und England von vornherein nicht zweifelhaft und ist daher ohne Bedeutung. Die Aussprache über die strittigen Punkte wird wahrscheinllich auf der Konferenz vor sich gehen, zu der die Deutschen eingeiaben werden. Wenn es vorher nicht gelingt, ein gemeinsames französisch-englisches Programm zu entwerfen, so ist zu befürchten, daß die Konferenz mit einem glatten Fiasko enden wird."
England.
London, 13. Aug. Eine offizielle Meldung dementiert, daß ein Garantievertragsentwurf schon abgefaßt worden sei und Deutschland aufgezwungen werden solle. In London verlaute, daß diese falsche Auslegung bei deutschen Diplomaten Glauben gefunden habe. Die beiden Außenminister hätten aber derartiges nie in Erwägung gezogen. Ihre Absicht gehe dahin, mit den Vertretern Deutschlands in Verhandlungen einzutreten und ihnen nicht von vornherein fest- gelegte Bedingungen zur Unterzeichnung vorzulegen. Selbstverständlich sei der Boden für diese Verhandlungen vorbereitet worden. Das erzielte Einvernehmen beziehe sich aus die Voraussetzungen, unter denen die Verhandlungen mit Deutschland eröffnet werden sollten. An Deutschland liege es jetzt, den Alliierten entgegenzukommen. Die Note, in der Deutschland eiugeladen werde, fei sehr versöhnlich gehalten und unterstreich« die Möglichkeit einer Verständigung. Briand und Chamberlain hätten im übrigen versucht, für gewisse mit dem Pakt zu- sammenhängende Fragen bestimmte Formeln zu finden. Es treffe zu, daß die Fälle, die die Ergreifung von Sanktionen nach sich ziehen, zur Sprache gekommen seien. Zurzeit lasse sich noch nicht sagen, wann Deutschland mit den Alliierten zusammentreffe.
Amerika.
|iuj MWBW*MM^MAuaM^ «mMK-iEm^ im allgemeinen sehr vorsichtig und abwartend, tenwepe auch recht pessimistisch. Es wird darauf hingewiesen, daß Briand nicht den Erfolg zu verzeichnen habe, auf den er viell«cht gerechnet hatte. Zwischen der französischen und der britischen Auffassung beständen noch immer große Gegensatze, auch wenn von französischer und englischer Seite die Angelegenheit so bärge Y-nt würde, als ob es sich um ein völliges Einvernehmen zwischen Paris und London handle. Große Bedeu- tuna wird der Tatsache beigemessen, daß der in London beschlossene Antwortentwurf an Deutschland auch der Washingtoner Regierung zur Kenntnisnahme zugesandt werde. Man glaubt, daß während der nächsten Völkerbundtagung von den in Genf versammelten Außenministern auch die noch strittigen Fragen einer Lösung zugeführt werden. Bis dahin werde man auch die Antwort Deutschlands kennen. D<e Hauptschwierigkeit sieht man darin, daß England nicht die Garantie für die polnische Westgrenze übernehmen wolle. Die englische Oeffentlichkeit erkennt offen an, daß^ der polnische Korridor und die Abtrennung Oberschlesiens für Deutschland große Ungerechtigkeiten bedeuten und daß bie|e Grenzen nicht bestehen bleiben könnten. Deutschland sei be- reit, dem Völkerbund beizutreten, verlange jedoch die Revision der Ostgrenzen. Die amerikanischen Mütter beurteilen die Politik Frankreichs durchaus ablehnend und stimmen der Haltung Englands im allgemeinen zu. Einige Blätter bedauern, daß Frankreich noch immer eine Politik der Bajonette betreibe. Die Lage in Europa fei noch immer sehr unsicher, und daher habe England guten Grund, sich in her Sicherheitsfrage äußerst vorsichtig zu verhalten, damit es in keinen neuen Krieg hineingezogen werde.
Noch kein offizieller Befehl zur Räumung.
£ Essen, 13. Aug. Ueber die Räumung von Düsseldorf ist entgegen anderslautenden Pressenachricksten noch immer keine offizielle Meldung der Besatzungsbehörden eingegan- gen, und zwar weder bei der Regierung in Düsseldorf, noch bei den Stadtverwaltungen in Düsseldorf und Duisburg.
Wohnungen für die Franzosen.
$ Trier, 13. August. Der Präsident der Wohnnngs- Kommission der Besatzungsbehörden in Trier hat die stvbt- verwaltung davon in Kenntnis gesetzt, daß er gemäß den Wohnnngsbestimmungen zu einer allgemeinen Aufnahme der Wohmlnqen m der Stadt Trier schreiten müsse, llm festzar>tel- kn, ob die Wohnungsverhültnisse dix Bedürfmpe der Deutschen überschreiten. Er müsse infolge von Verstärkungen neue Offiziere, Unteroffiziere und Beamte unterbrmp.cn. für die er keine Wohnungen zur Verfügung habe. Außerdem müsse die Ankunft neuer Truppenkoutingeute ins Auge gefasst werden (?) Die Stadtverwaltung ist gebeten worden, bei B caersäsaft von der Wolprungsaufnahme Kenntnis zu »eben damit Schwierigkeiten vermieden werden. In der ve- tkfWcn Rote heißt es noch: „Sollte ein Wohnungsrnhaber d e Besichtigung feiner Wohnung verweigern, so ist davon der Wohnungskonunission Bericht zu entasten. Es werden bann