Hersfelöer Tageblatt tzersfelöer Kreisblatt" Amtlicher Anzeiger für den kreis Hersfeld
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Nr. 193 Mittwoch, den 19. August 1925
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Das Wichtigste.
— Die Offensive gegen Abd el Krim ist von den Franzosen eröffnet worden.
— Minister Severing hat sich in Bielefeld für eine Auflösung des Landtages ausge» f prochen.
— Auf Amrum sind etwa 400 Kurgäste durch eine riesige Feuersbrunst obdachlos geworden.
Nach London.
Schneller als zu erwarten, haben die Londoner Be- sprechungen zwischen Chamberlain und Briand ihr Ende erreicht. Es ist, so wollen die Pressekommentare aus London und Paris wissen, eine volle Uebereinstimmung zwischen den beiden Ländern über die Antwort auf die deutsche Sicher- Heitsnote zustandegekommen.
Wo die Wahrheit liegt und wie sie aussieht, das werden spätere Zeiten erkennen lassen; etwas Neues ist es ja nicht, wenn wieder einmal die englisch-französische Kordialität mit Nachdruck betont wird. Wann ist denn bei all den vielen Konferenzen der Alliierten nicht „volle Uebereinstimmung" erreicht worden? Vor allem aus Paris kommen die Freuden- fanfaven, und je lauter sie ertönen, um so mehr haben sie zu verdecken- Das haben wir jetzt schon aus den Beobach- tungen gelernt. AengsLich ist man im anderen Lager bemüht, jeden etwaigen Riß zu verkitten. Und doch, so rosig sieht es nicht aus. Es gibt so manchen Punkt, der in den Konferenzen stets wieder berührt wird, und der doch jedesmal wieder auf spätere Zeiten verschoben wird. Nur nicht zu dicht heran an die Probleme! Wie leicht könnte sich zwischen den Meinungen ein Abgrund auftun, der nicht mehr zu Überdrücken ist. Und was dann? Was ist dann mit der vielgepriesenen „entente cordiale"? Daher die Geheimniskrämerei, die man wie einen dichten Schleier um die Ver- handlungenleqüWosdüVr^ ; ^i^^m^
"E -MktMe Mks den Büros oerauswärtigen Aemter. Was sie sonst noch bringt, sind Vermutungen, bei denen entweder die Partei durch ihr Presseorgan spricht, oder die Wünsche die Väter der Gedanken sind.
Wir, die wir als stille Beobachter den Konferenzen gegenüberstehen,, müssen lernen, zwischen den Zeilen zu lesen, und. unser Verhalten nicht nur nach unserem politischen Instinkt eirrzustellen, sondern mit offenen Augen und spitzen Ohren für das Spiel hinter den Kulissen im fremden Lager unsere außenpolitische Richtlinie bestimmen. Dazu gehört vor allem, daß wir nicht vorzeitig von unseren Forderungen abgehen, die uns die Lebensnotwendigkeit diktiert.
Eine neue Note wird das Berliner auswärtige Amt zu beschäftigen haben. Es ist kein Dokument in Buchform, sondern eine kurze Antwort auf die deutsche Note vom 20. Juli. Es ist aber genau so wie die erste Briand-Note ein französisches Dokument! Wie hätte man in London so schnell zur Einigung gelangen können, wenn man nicht über ein fertiges Dokument zu beraten gehabt hätte, das der französische Außenminister mit nach London brachte-
Zwei brennende Fragen standen in London zur Dis- kuMon: 1. Deutschlands Eintritt in den Völkerbund, 2. die Frage der Garantie im Falle kriegerischer Verwicklungen eines der europäischen Staaten mit Deutschland. Für Punkt 1 war eine Einigung schnell zu erreichen, denn England verlangt wie Frankreich den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund ohne jeden Vorbehalt. Hier liegt der Kern der Sicherheitsfrage, und hiervon wird in persönlichen Verhandlungen, an denen Deutschland teilnehmen wird, zu verhandeln sein.
Noch schon wir hier nicht klar, wohin die Auffassung Englands und Frankreichs geht. Aber über Deutschlands Aufnahme in den Völkerbund kann es für uns kein Handeln oder Verhandeln geben. Gerade darin, daß wir als gleichberechtigt in den Bund der Völker eintreten sollen, liegt die Gefahr. Den gleichen Rechten stehen die gleichen Pflichten gegenüber. Me sollte aber Deutschland die gleichen Pflichten übernehmen, wie die anderen im Bunde vertretenen Völker? Erst hat man uns geknechtet und ruiniert, um uns aus der Reihe der Großstaaten, wenn möglich ein für allemal, zu verdrängen, und nun mit einem Male GIeichberechtigung? Niemals! Jetzt scheuen die, die unsere Kraft zu zerschlagen bemüht waren, die Konsequenzen. Träte Deutschland heute vorbel)«ltlos in den Völkerbund ein, so wäre es ein wehrloser Staat inmitten einer Welt, die ihr Tun und Denken auf Militarisierung der Volksmassen richtet, und die schon heute bis an die Zähne bewaffnet ist. Wo sollte da für uns der Wert für die Mitgliedschaft zum Völkerbünde liegen?
Ein Sicherheitspakt, wie er von Frankreich erstrebt wird, bietet für uns noch nicht die geringste Gewähr für Sicherheit' Solange Frankreich selbst seinen Rüstungswahnsinn nicht ab. legt und noch dazu feine Vasallen an der deutschen Ostgrenze in ihrem Rüstungstaumel unterstützt, muß es für uns, die wir unter solchen Verhältnissen stets bedroht sind, undisku- tierbar fein, als „gleichberechtigt" in den Völkerbund einzu- treten. Es gab Zeiten, da wurde viel mit dein großen Wort „Abrüstung" gespielt, überall in der Welt sollte abgevitstet werden. Scheinbar hat man das vergessen, oder man legt sich den Begriff heute anders aus Jetzt mögen die, welche die Befriedung der Welt erstreben und die den „Friedensstörer"
Deutschland zum Sklaven machten, um dadurch künftigen Friedensstörungen vorzubeugen, zeigen, ob sie es ehrlich meinen. Heuchelei war's, Theater! Erst Abrüstung der waffenstarrenden Staaten, dann läßt sich über den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund verhandeln. Was Hütte denn Deutschland aus dem Völkerbund für Vorteile, wenn es von vornherein als Stiefkind dort erschien. Haben wir aber keinen Nutzen von unserer Völkerbund mitgliedschaft, dann können wir mit der Aufnahme auch noch warten, bis die Vernunft in die Hirne der „Sieger" und der neuen „Groß- staaten" eingekchrt ist. Unter den uns vorgesetzten Bedingungen wäre unsere Aufnahme in den Völkerbund nur ein neues Versailles! Dr. M.
Die französische Antwort nicht vor Freitag?
$ Paris. Einer Meldung zufolge wird die Antwort
Frankreichs auf die deutsche Sicherheitsnote, entgegen den bisherigen Meldungen nicht vor Freitag oder Sonnabend übergeben werden können, da die Meinungsäutzeruirgen Italiens, Belgiens und Japans nicht eher zu erwarten sind.
Die Note wird am Tage nach ihrer Übergabe veröffentlicht werden.
Beginn der Offensive gegenAbd el Krim
-$• Paris. Nach einer amtlichen Erklärung ist eine französische Offensive gegen das Tsoul-Gebiet im Gange. Ein Armeekorps und eine gemischte Brigade unter Führung des Generals Boichut nehmen an der Operafion teil. Dem Infanterieangriff ging eine starke Beschießung durch Artillerie und Flugzeuggeschwader voraus. Die Rifleute wichen zurück. Im ganzen sind auf französischer Seite 25 Bataillone zum Angriff eingesetzt. Der Sonderberichterstatter des Wattn in Fez telegraphiert, daß die Propaganda Abd el Sterns wieder erheblich zugenommen habe. Den Agenten der Rifleute sei es gelungen, sich in Verkleidungen durch die fran- zosischen Armee Meldungen von angeblichen Siegen Abd el Krims zu verbreiten. Nach glaubwürdigen Nachrichten verfüge Abd el Krim noch immer über große Geldbeträge und habe auch neuerdings wieder Waffen und Munition erhalten. Zu Beginn der Feindseligkeiten habe für ihn ein Unterseeboot 28 Millionen Pesetas in der Bucht von Alhucemas gelandet. Die ägyptischen Mohammedaner hätten bem Riff Führer sehr große Geldsummen überweisen lassen.
Die spanische Finanzbelastung.
Madrid. Das finanzielle Problem des Marokkofeldzuges ist gerade in letzter Zeit häufiger als sonst und meist nicht ohne Besorgnis zur Sprache gekommen. Die Ausschreibung einer Emission neuer Schatzobligationen, die Bekanntgabe des Staatshaushaltplanes für das Steuerjahr 1925/26 scheinen denen recht zu geben, die die Aussichten für eine baldige Wiederherstellung des finanziellen Gleichgewichts in Spanien ungünstig beurteilen. Die Hauptursache für die zunehmende Beunruhigung sind die nur allzu oft abgegebenen Versicherungen der Regierung, die Gesundung der wirtschaftlichen Lage solle durch rücksichtslose Vermeidung aller unnötigen Ausgaben in Marokko herbei- geführt werden. Dabei müssen aber die Tatsachen auch den Urteilslosesten davon überzeugen, daß an Ersparnisse gerade auf diesem Gebiet in absehbarer Zeit überhaupt nicht zu denken ist. Ferner hat der Präsident des Direktoriums eine großzügige Finanzreform in Aussicht gestellt, sobald in Marokko eine befriedigende Lösung für die dortigen Schwierigkeiten gefunden worden ist.
Der neue Staatshaushaltsplan rechnet mit einem Fehlbetrag von 337,2 Millionen Pesetas. Die Einnahmezahlen sind im Vergleich zum vorjährigen Budget um 22,6 Millionen Pesetas znrückgegangen, die Ausgaben um 150 Millionen gestiegen.
England und die Mannesmann-Konzeffionen in Marokko.
4 Paris. Die französische Presse gibt in großer Aufmachung Berliner Meldungen wieder, wonach die Mannes- manu-Gesellschast ihre Konzessionen im Rifgebiete an ein anglo-amerikanisches Konsortium zu übertragen beabsichtigt. Die Amerikaner sollen das Geschäft finanzieren, während die englische Gruppe die Ausbeutung der Konzessionen in die Hand nehmen wird. Man glaubt, daß die Angelegenheit politische Hintergründe habe und spricht die Vermutung aus, daß England in Marokko erneut eine Rolle spielen wolle. Wie der Berliner Vertreter des „Echo de Paris" bestimmt zu wissen glaubt, habe die englische Gruppe die Unterstützung der Regierung. Diese werde die Gelegenheit wahrnehmen und die Einsetzung internationaler Polizeikräfte im Rifgebiet fordern. Die Firma Mannesman» wolle den Wanten des englisch-amerikanischen Konsortiums um keinen Preis verraten.
Waffenstillstand in Syrien.
4 Paris Eine Meldung aus Beirut bestätigt, daß zwischen bem französischen Oberkommando und den .Deinen ein Waffenstillstand abgeschlossen wurde. Die Musen hoben bereits vierzig französische Gefangene zurückgegeben.
Severing für Auflösung des Landtages?
4 Berlin. Der preußische Innenminister Severing hat in einer Rede in Bielefeld u. a. über die dauernde Regierungskrise in Preußen gesprochen und geäußert, daß der Minister- Präsident und er beabsichtigen, den Landtag aufzulösen, wenn die Krise nicht beigelegt werden könne. Sie wollen sich nicht vorwerfen lassen, daß sie gegen die Interessen des Landes handeln.
Rom und der deutsch-polnische Wirtschaftskrieg.
4 Rom. Mondo schreibt in einem Artikel zu dem deutsch-polnischen Wirtschastskonflikt: Po. len hat sich in diesen Wirtschaftskrieg mit Deutschland in einem Augenblicke eingelassen, in dem es selbst eine sehr ernste Wirtschaftskrise durchzumachen hat. Angesichts des Sturzes des Zloty, des steigenden Notenumlaufs und der verminderten Deckung für die Noten ist es ein Wahnsinn, die Zolltariffätze zu erhöhen und Einfuhrverbote zu erlassen.
Man kann sich diese Politik nur mit dem verblendeten Größenwahn der leitenden Kresse Polens erklären. In dem Abkommen mit den Juden hat die polnische Regierung nur einem Druck nachgegeben und sich in Polen selbst unpopulär gemacht. Gleichzeitig weist man Tausende von Deutschen in grausamer Weise aus Polen aus und verschärft den Haß der beiden Völker.
Noch immer Kontumazialurteile gegen deutsche Offiziere.
4Brüssel. Ein belgisches Kriegsgericht wird demnächst eine Reihe von Abwesenheitsurteilen gegen frühere deutsche Offiziere fällen, so gegen den General von Arnim,
Riede!, ehemals Kommandeur der siebenten Division. Ihnen wird vorsätzliche Tötung zur Last gelegt.
Abzug farbiger BesatzungStruppe«.
4 Oberstein an der Nahe. Die farbigen Besatzungs- truppen (Tuneser und Marokkaner) sind nach den auswärtigen französischen Kriegsschau Plätzen ab transportiert worden. Sowohl Bad Kreuznach wie auch Oberstvin-Jdar erhalten nunmehr französische Infanterie zur Besatzung, was von der Bevölkerung in Anbetracht der in den letzten Tagen vorgekounnenen Ueberfälle durch Farbige als Entspannung empfunden wird.
Caillaux' Reise nach London.
4 London. Wie amtlich gemeldet wird, wird der französische Finanzminister Caillaux Ende dieser oder An- fang nächster Woche zu einer Unterredung mit dem britischen Staatskanzler Churchill über die Schuldenfrage in London eintreffen.
Wie erinnerlich, ist die französische Sachverständigen- kommiffion, die vor einigen Wochen mit Vertretern des englischen Schatzamtes in London Beratungen gepflogen hatte, seinerzeit nach Paris zurückgekehrt, um die Frage im Lichte der hier zum Ausdruck gekommenen Meinungen und gewisser Bemerkungen von englischer Seite zu erwägen. Inzwischen hat der französische Finanz minister Caillaux vor englischen und französischen Pressevertretern nochmals betont, Frank- reich beabsichtige, seinen Verbindlichkeiten gerecht zu werden, und erklärt, er werde England das „Angebot eines Ehren- mannes" machen. Die Grundsätze, nach denen England in der interalliierten Schuldenfrage zu handeln gedenkt, sind in der sogenannten Balfour-Note niedergelegt. Sie bedeuten eine sehr erhebliche Verringerung der an England ge- schuldeten Summen. In der Balfour-Note ist festgelegt worden, daß England Schulden der Alliierten nur so weit erlassen kann, als seine eigenen Zahlungen an Mierika noch gedeckt bleiben. Der durchschnittliche Iahresbetrag der Zahlungen an Amerika beträgt 37 Millionen Pfund Sterling. Unter Hinzurechnung der Zinsen ergibt daraus für England eine jährliche Gesamtschuld an Amerika im Betrage von 40 Millionen Pfund. Die französische Schuld an England wird auf 623 Millionen Pfund Sterling geschätzt.
England und der Fall Stinnes.
4 London. Den Sckpvierigkeiten der Firma Stinnes wird in der englischen Oeffentlichkeit immer noch ungeteilte Aufmerksamkeit geschenkt. Die „Times" schreiben: In der nächsten Zeit sei'in der deutschen Industrie ein Uebergang zur Massenproduktion zu ermatten. Die Ausdehnung des deutschen Produktionssystems fei indessen begrenzt, weil jeder deutschen Firma bet Hintergrund eines ausgedehnten Inlandmarktes fehle. Auch aus anderen Gründen fei das notwendige Großkapital, das für die Ausführung der Tay- lorisierung einer Industrie notmenbig sei, nicht' immer er- hältlich. Interessant fei die Tatsache, daß der Streit mit einem Sieg des Bankkapitals über den industriellen Kapita- lismus geendet habe.