Reisfelder Tageblatt Hersfelöer Kreisblatt" Amtlicher Anzeiger für -en kreis Hersfels
Nr. 108 Dienstag, den 25. August 1025
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Das Wichtigste.
— Die Spanier haben große Verluste in Marokko.
— Die französischen Heeresberichte aus dem friedlichen Syrien entsprechen nicht den Tatsachen.
— Der lettische Außenminister Meierovics ist das Opfer eines Automobil Unfalls geworden.
— Aus Frankreich werden wieder 2 schwere Eisenbahnunglücke gemeldet.
Amerikanische Löhne.
Die Frage der amerikanischen Arbeiterlöhne, insbesondere aber der amerikanischen Reallöhne, wird in Deutschland in der letzten Zeit sowohl von Arbeitnehmer- als Arbeit- geberseite außerordentlich stark besprochen. Namentlich das Buch des Generaldirektors Köttgen, der noch im März 1924 bezweifelt hatte, daß Deutschlands technischer Apparat dem anderer Länder nicht gleichwertig sei, gewinnt bei der Beurteilung dieser Frage Bedeutung, weil er selbst auf Grund seiner eigenen Anschauungen heute das Gegenteil feststellt. Er erklärt, daß Amerika in der Rationalisierung der Arbeit einen großen Vorsprung hat und erkennt auch weiter an, daß die höheren Löhne teilweise produktionssteigernd gewirkt und die Rationalisierung der Betriebe gefördert haben.
Trotzdem wäre es falsch amerikanische Verhältnisse einfach auf deutsche zu übertragen. In Anrerika liegen die Dinge nun einmal wesentlich günstiger. Arbeitslosigkeit im europäischen Sinne kennt man nicht. Die Ausdehnung des Lanoes gibt so viele Arbeitsmöglichkeiten, daß höchstens von einer Umgruppierung gesprochen werden kann, wenn einmal irgendwo Msatzschwierig ketten eintreten, wie das in den letzten Jahren in der Landwirtschaft der Fall war. Das zeitigt überdies die Nebenwirkung, daß Amerika überwiegend ungelernte Arbeiter kennt, denn es ist dort (wie bei uns in der Inflationszeit) kein Anreiz vorhanden, eine längere Lvtzrzei^ourchKUimachen. Da man aber Arbeitskräfte beschäftigen kann und auf Ungelernte zurückgreifen muß, kommt als Folge die außerordentliche umfangreiche Benutzung von Maschinen. Die Anschaffung von Maschinen wird durch die hohen Löhne erleichtert, aber auch dadurch, daß der Amerikaner immer mehr dazu übergeht, den Verbrauch weitergehend zu vereinheitlichen. Die amerikanischen Wirtschaftserfolge beruhen deshalb nicht so sehr auf der angestrengten Arbeitsinitiative des Einzelnen als auf der starken Durch- organisierung der Teilarbeit und der vielen arbeitsparenden Maschinen. Dazu kommt das laufende Band, das beispielsweise bei Ford stark verwendet wird. Nicht vergessen darf allerdings auch der Arbeitsantrieb werden wie er bei der Masse der Ungelernten durch die sehr kurze tägliche Arbeitszeit in Erscheinung tritt.
Wie hoch ist nun der Lohn in Amerika? Es gibt Zahlen der amerikanischen Industrie, die in Dollar Vergleiche mit anderen Ländern anstellen. Nach dieser Ausstellung betrug der Lohn für Ende 1924 in den Vereinigten Staaten 5.60, in England 2.35, in Deutschland 1.46, in Frankreich 1.36, in Belgien 1.18. Auch das „Internationale Arbeitsamt" in Genf hat Zahlen aus der gleichen Zeit herausgegeben. Danach verdienten z. Z. Zimmerleute in Berlin 46.75 Mark, in London 82 Atari, in Philadelphia 201.60 Mark, ungelernte Bau. arbeiter in Berlin 36.98 Mark, in London 62 Mark, in Philadelphia 171.86 Mark. Der Durchschnittsverdienst aller Lohn- und Gehaltsempfänger in New York unter Einschluß der Jugendlichen und Farbigen betrug:
im Jahre Dollar 1914 rund 12,50
Goldmark 52,50
1918 , 20,35 85,46
1920 „ 28,15 128,23
1922 , 25,04 105,17
• Sept—Okt. 1924 „ 28,— 117,60
Nun sind allerdings inzwischen gegenüber dem Oktober 1924 auch die deutschen Arbetterlöhne wesentlich gestiegen. Trotzdem bleibt der Reallohn stark hinter den ameri- kanischen Löhnen zurück. In New York sind etwa die Lebens- Haltungskosten nur 50 Prozent höher als bei uns. Seit 1913 sind die Löhne im Staate Ziew York durchschnittlich um 120 Prozent gestiegen, die Kosten der Lebenshaltung um 70 Prozent. Einzelne wichtige Gegenstände: Schuhe, Wäsche usw. sind in New York billiger als in Deutschland. Wesentlich teurer dagegen ist insbesondere das Wohnen.
Gegenüber dieser Tatsache kann man natürlich den Zuschlag für die deutsche Sozialversicherung, der bei einem Der- gleich der beiderseitigen Reallöhne notweirdig wäre, nicht ohne weiteres als ausschlaggebend hinstellen. Das amerikanische Wirtschaftssystem kennt nicht die fatalen Einrich- hingen wie bei uns. Der einzelne muß für sich selber sorgen. Auf der anderen Seite aber ist Anwrika auch heute aus den bereits eingangs erwähnten Gründen der Ausdehnung des Landes usw. noch nicht so stark mit der sozialen Frage be- lastet wie wir. Vielleicht macht sich die soziale Frage in anderem Sinne geltend, das zeigt sich insbesondere in der Schrift von Filene der als Warenhausbesitzer die soziale tewm Standpunkt der Förderung des Geschäfts aus be- t und in dem bekannten Buch von Ford.
Das Mehr an Erzeugung führt Köttgen auf die Natur des Landes zurück, aber auch auf die größere Ergiebigkeit der wirtschaftlichen Arbeit. In dieser größeren Ergiebigkeit liegt zweifellos die Grundlage der amerikanischen Lohnhöhe begründet. Die Nationalisierung der Wirtschaft, die Ausbildung maschineller Verfahren, kann in Amerika leichter durchgeführt werden, weil dort nicht der Kapitalmangel vor- Handen ist, unter dem wir in Deutschland heute leiden. Andererseits müssen wir uns in Deutschland noch viel stärker darauf einstellen, die technischen Erfahrungen uns zu eigen zu machen. P. Riebensah-m berichtet in seinem neuerdings erschienenen Buch „Der Zug nach Amerika" aus eigenen Erfahrungen von der Qualität und Lebendigkeit der dortigen Imzenicurattachees, damit Deutschland fortlaufend über Fortschritte unterrichtet wird. Erfreulicherweise haben die deutschen Bestrebungen, die auf derartige technische Prrwleme gerichtet sind, jetzt durch staat- l i.ch e Unterstützung endlich eine Förderung erfahren. Bisher waren es private Organisationen, der Normenausschuß der deutschen Industrie,' der Ausschuß für wirtschaftliche Fertigung, der Reichsausschuß für Arbeitsermittlung usw. Das „Reichskuratorium für Wirtschaftlichkeit" wird jetzt staatlich unterstützt. Hoffentlich wird damit eine Organisation geschaffen, die „den Geist der Rationalisierung und das Erkennen der Wege zur Wirtschaftlichkeit durch Wort und Schrift in die weitesten Kreise der Bevölkerung zu tragen hätte".
Schwere spanische Verluste in Marokko.
£ Paris. (Drahtbericht.) Wie die Morgenblätter melden, setzten die Rifkabylen die Beschießung der spanischen Festung auf der Insel Alhucemas mit Artillerie fort. Das . Bombardement dauerte etwa fünf Stunden. Bei der Beschießung wurden der Kommandant der spanischen Festung, Oberst Monastiro, und vier Offiziere getötet. Von den 300 Mann der Besatzung wurden 7 0 Soldaten getötet und 30 Soldaten verwundet. In der Nacht soll es dann den Spaniern gelungen 'ein, öilssstreitkräfte auf Miyucemas zu .^■»■■■■■■■■■■■■e
Die firmlet schwieriger werdende Lage in Marokko hat es erforderlich gemacht, baß die Marineverwaltung ein zweites großes Hospital schiff hat aus- rüsten müssen. Es handelt sich um den großen Dampfer „Caroline" der Compagnie Generale Transatlantique, der schon gestern von Bordeaux nach Casablanca abgegangen ist, um Verwundete nach Toulon zu bringen.
Die Blockade der Rifgewässer.
Paris. (Drahtbericht.) Um Abd el Krim die Zufuhr von Munition und Waffen abzuschneiden, hat Frankreich eine Blockade des gesamten Rifgebietes organisiert, und zu diesem Zwecke ist bereits am 22. Juni mit Spanien ein Abkommen geschlossen. Nunmehr ist auch ein Abkommen zwischen Spanien und Frankreich einerseits und dem englischen Konsul in Tanger andererseits getroffen worden, das die Organisation der Blockade auch in den Gewässern der Zone von Tanger regelt. Wie der „Temps" schreibt, besteht das in den Rifgewässern kreuzende ftanzösische Geschwader aus zwei Kreuzern, sechs Torpedobooten und» sieben Aviso- schiffen. Spanien soll außerdem noch zwei Kreuzer, fünf Kanonenboote und elf Küstenschiffe, und England vier Zerstörer zur Unterdrückung des Waffenschmuggels in die Rifgewässer entsandt haben. Zwischen Marschall Petain und Marquis d'Estella hat eine Unterredung stattgefunben. Die Zusamenkunft ergab die vollkommene Uebereinstimmung über den Plan einer gemeinsamen Offensive, die in einigen Tagen begonnen werden wird. Der Marquis d'Estella begab sich alsdann nach Madrid, um dem Direktorium den Plan zu unterbreiten.
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Eine pessimistische französische Stimme.
❖ Paris. Der amtliche französische Heeresbericht schildert die Kampfhandlungen im Tsulgebiet als große Erfolge der ftanzösischen Truppen und wiederholt die Erwartung, daß sich zahlreiche Araberstämme in den nächsten Tagen ergeben werden. Das „Journal de Debats" ist dagegen der Ansicht, daß die Lage in Marokko keinerlei Veranlassung zu irgendwelchem Optimismus biete. Die von den amtlichen Berichten stark aufgebauschten Erfolge seien lediglich von lokaler Bedeutung und können nur die Tatsache vertuschen, daß sich die wichtigsten Posten noch in Feindeshand befinden. El-Ghard, die Kornkammer Französisch-Marokkos, sei in der Hand der Feinde. Das bedeute, daß Abd el Krim noch die Initiative in der Hand habe und von einer militärischen Uebermacht der französischen Trupepn nicht die Rede sein könne. Das „Journal de Debats" führt noch eine Reihe von Einzelheiten an, die die Heeresberichte zu verheimlichen oder zu entstellen suchen, und kommt zu dem Schutz, daß auch eine große Offensive keine Entscheidung herbeiführen könne. Es frage sich, ob es nicht am besten wäre, dein Beispiel Primo de Riveras zu folgen und das Gebiet bis auf die wichtigsten Stützpunkte an der Küste zu räumen.
Streik in einer französischen Flugzeugfabrik.
Nach einer Meldung aus Versailles sind in Carrieres- für.Seine ungefähr 350 Arbeiter einer Flugzeugfabrik in einen Lohnstreik getreten. Dem Blatt „Temps" zufolge
glaubt man, daß die Bewegung auf Umtriebe der Kommu- nisten zurückzuführen ist, die die Herstellung von für Marokko bestimmten Militärflugzeugen verhindern wollen.
Die französischen Verluste in Syrien.
❖ London. (Drahtbericht.) Nach einer Meldung aus Damaskus sind die ftanzösischen Verluste infolge des Drusenaufstandes weit größer, als in den amtlichen Erklärungen zugegeben wird. Nach den zuverlässigen Auskünften werden sie auf 2000 Mann geschützt. Der Gegner habe ferner elf Geschütze, 30 Maschinengewehre und einen großen Vorrat an Granaten und Gewehrmunition erbeutet. Außerdem seien mehrere Flugzeuge abgeschossen worden. Die Hospitäler in Damaskus und Beirut seien mit Verwundeten überfüllt. Der Guerilla-Krieg werde von den Drusen unermüdlich fortgesetzt, auch die Beschießung der Zitadelle von Soueida dauere fort. Die allgemeine Auffassung in Damaskus gehe dahin, daß es bei einem Angriff der Drusen auf die Stadt zu einer allgemeinen Erhebung gegen die Franzosen kommen werde. Zurzeit seien 5000 ftanzösische Soldaten zur Verstärkung eingetroffen. Für nächste Woch erwartet man weitere 7000.
Die Bergwerksdirektion Saarbrücken als Werberin für die Fremdenlegion.
❖ Saarbrücken. (Drahtbericht.) Die Saarpresse beschäftigt sich mit einem Vorfall, der die Bergwerksdirektion in Saarbrücken als Anwerbestelle für die Fremdenlegion hiu- stellt. Ein aus Bochum stammender Maschinist, Heinrich Mathaes, ließ sich am 18. August auf der Fahrt zu seiner neuen Arbeitsstelle nach Erfurt am Essener Harrptbahnhof von einem Mann unter Zusicherung besserer Arbeitsbedingungen überreden, nach Saarbrücken zu fahren. Von hier aus wollte ihn der Unbekannte über Hanweiler nach Saarbüro sei. Da der wußte, daß Saargemünd in Frankreich liegt, schöpfte er Verdacht, und am Grenz ort weigerte er sich, weiter zu gehen. Der Werber der Fremdeu- legion — um einen solchen handelte es sich — führte darauf den Mathaes auf die Bergwerksdirektion in Saarbrücken, wo der Begleiter plötzlich verschwand. Auf dem Zimmer 17 der Bergwerksdirektion erhielt der Betrogene laut seiner eidlichen Aussage von der Staatsanwaltschaft ht Saarbrücken den Bescheid, daß er zur Fremdenlegion angeworben werden solle. Der Beamte habe ihm in diesem Zimmer ausdrücklich erklärt, daß dieses Büro Werbungsarbeiten für die Fremdenlegion zu erledigen habe und außerdem Flüchtlingsangelegenheiten bearbeite. Die Staatsanwaltschaft in Saarbrücken hat sich der Angelegenheit angenommen.
Wirth aus der Zentrumspartei ausgeschieden.
Stuttgart. Wie aus unterrichteter parlamentarischer Quelle verlautet, ist Reichskanzler a. D. Dr. Wirth aus der Zentrumspartei ausgetreten.
Weitere Enteignungen in der Tschechoslowakei.
^ Prag. Wie die Zeitungen mitteilen, wird das Bodenamt im Laufe der nächsten Zeit weitere Grundstücke des Tepler Stiftes enteignen. Die Blätter rechnen damit, daß die Regierung die Bäder Marienbads in eigene Verwaltung übernehmen werden.
Polen ist jede Gelegenheit zum Sehen recht!
- Warschau. (Telegramm.) Der Beschluß des „Bundes der Deutschen" in Polen, eine Abordnung zur Tagung der Auslandsdeuffchen in Berlin zu entsenden, hat in der polnischen Hetzpresse wütende Angriffe auf die deutsche Minderheit in Polen ausgelöst. Die Zeitungen behaupten u. a., daß die Abordnung nur deshalb nach Berlin reife, umsich über die polnische Regierung zu beschweren und dadurch das Ansehen Polens im Auslande zu schädigen. (?)
Zum Tode des lettischen Außenministers.
$ Riga. Der lettische Minister des Aeutzera, Myierovicz, ist bei einem Automobilunfall getötet worden.
Berlin. Die deutsche Reichsregierung wird sich bei den Beisetzungsftierlichkeiten in Riga für den verstorbenen Außenminister Meierovicz durch den beutfdjcn Gesandten vertreten lassen, der auch der lettländischen Stuatsrogievung das Beileid der beutfdjai Reichsregierung zum Ausdruck bringen wird. Auch in Deutschland wird das Mieden des lettischen Außenministers sehr schmerzlich empfunben werden, zumal Meierovicz erst kürzlich in Berlin war und tn sehr deutsch- freundlichen Sinne Beziehungen zwischen beiden Staate« ungebahnt hat. .. ..