Erdfelder Tageblatt
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Nr. 202 Sonnabend, den 29. August 1025
Das Wichtigste.
— Die deutsche Antwortnote, die in Paris übevgsben wurde, ist der Presse zur Veröffentlichung zugestellt worden.
— Der deutsche Vertreter auf der Juri ste n - konferenz, Ministerialdirektor Gaus, ist am Sonnabend nach London ab gereist.
— In Kan t on ist ein neue r Kampf zwischen Chinesen und Fremden ausgebrochen.
Der Drusenaufstand und England.
Von Dr. Konrad Döring.
Die Franzosen schreiten bei ihren Kämpfen gegen die Drusen von einem Mißerfolg zum andern. Es gelingt ihnen nicht, des kleinen Stammes Herr zu werden und ihre Herrschaft in Syrien zu befestigen. Besonders unangenehm ist den Franzosen die andauernde Eroberung von Waffen und die Zerstörung von Panzerautos und Flugzeugen durch die Drusen, da der Ersatz hierfür naturgemäß auf weit entfernten Kolonialkriegsschauplä^ mit Schwierigkeiten verbunden ist. So sehr den Franzosen Niederlagen zu gönnen sind, muß man fid) doch hüten, hieraus allzu große Hoffnungen auf schnellen Verlust ihres Prestiges zu setzen. Die heute in der Welt maßgebenden großen Kolonialvölker und Jinperialistennationen wie England und die Vereinigten Staaten haben selbst zu oft jahrelange und blutige Kriege mit Eingeborenen geführt und kennen die Schwierigkeiten überseeischer Expeditionen aus eigener Erfahrung zu genau.
Trotzdem aber bleiben die Klappen der Franzosen in Syrien und Marokko äußerst dienlich und heilsam. Sie tragen zweifellos dazu bei, den Hochmut und das Gebühren der „Sieger" aus dem Weltkriege zu däurpfen und insbesondere das Ansehen Frankreichs im Orient langsam aber sicher zu untergraben. Durch die gesamte morgenländische Welt geht ein Erwa>chen. Bei Kemal Pascha begann es, in Marokko wirkte es sich aus und in Syrien fetzte es sich fort. Der gegenwärtige Aufstand ist der sechste seit dem Besetzen Syriens durch die Franzosen unb. qnfcfamnUjn^
ver Mandatsverwaltung haben die Dinge in Syrien einen Verlauf genommen, der andauernde Zusammenstöße als unvermeidlich voraussehen ließ, besonders, da ein von den Franzosen unterjochtes Syrien sich mit den Wünschen und Absichten der Engländer auf die Dauer nicht vereinbaren läßt. Die Annahme, daß bei den Drusenauf- ständen englische Agenten und englisches Geld eine Rolle spielen, um den Franzosen den Appetit auf Syrien zu verderben, ist dal)er nicht von der Hand zu weisen.
Die Franzosen haben es auch in Syrien nicht verstanden, die Herzen der eingeborenen Bevölkerung zu gewinnen. Zunächst ging man mit planmäßigen Ansiedlungen vertriebener Armenier und Grieä)en vor, die den Bewohnern des Landes, Drusen, Arabern und Maroniten höchst wenig willkommen waren. Die Folge war eine Denkschrift an den Völkerbund, in der Syrien im Oktober des vorigen Jahres Selbstverwaltung und Zurückziehung des französischen Mandats verlangte. Nachdem der unparteiische Völkerbund dieses Gesuch zu den Akten gelegt hatte, kam es zu einer Reihe von 9luf= ständen, die sich jetzt zu einem allgemeinen Brande vereint haben.
Die Streitkräfte der Drusen werden auf etwa 35 000 Mann geschätzt, die unter ehernaligen türkischen Generalstabsoffizierei: stehen sollen und vorzüglich bewaffnet sind. Insgesamt mag das drusische Volk etwa 100 000 Köpfe zählen, die am westlichen Abhänge des Libanon, etwa von Beirut bis Saida am Antilibanon bis Dammskus wohnen. Der Religion nach sind sie eine mohammedanische Sekte, deren Lehren von Bestandteilen anderer Religionen durchdrungen sind. Es verlautet jetzt aus dem Aufstandsgebiet, daß die Drusen starken Zulauf aus den Kreisen der Beduinen erhalten haben. Jedenfalls ist der ganze Handel und Wirtschaftsverkehr Syriens stark lahmgelegt und die Erregung andauernd im Wachsen.
Gleich wie in Marokko kommt den wilden und kriegerischen Drusen der Vorteil des Geländes zugute. Die militärischen Operationen spielen sich größtenteils in einem wild zerklüfteten Gebirgsland ab, das einer Guerilla alle Vorteile bietet. Die vielen Hunderte von Millionen, die die Franzosen bereits in dieses Mandatsgebiet hineingesteckt haben, dürften endgültig verloren sein und auch die augenblicklichen gewaltigen Ausgaben eines Kolonialkrieges nie wieder herein- tommen. Darum ist der Aerger der französischen Presse andauernd groß, und immer deutlicher wird mit verbissenem Ingrimm auf die Schadenfreude der Engländer hingewiesen, die diese verbündete Ration angesichts der französisclien Schlappen am Rif und im Drusengebiet unverhohlen zeigt.
Die bevorstehende Lurrstenkonferenz.
^ London. Wie Reuter erfährt, wird in unterrichteten । Londoner Kreisen damit gerechnet, daß die Rechtssachverstän-
। digen Deutschlands, Englands und Frankreichs nächste« Montag zur Erörterung der Sicherheitsfrage inLondo «
zusammentreten werden. _____
Ministeriaidirektor Gaus, der deutsche Vertreter bei den am Montag in London beginnenden Juristenbesprechungen über die rechtlichen Grundlagen einer Konferenz zur Schaffung eines Sicherheitspaktes ist am Sonnabend nach London abgereist. Da es sich, wie wir bereits betont haben, bei dem Zweck der Besprechung in London darum handelt, den Sachverständigen des Auswärtigen Amtes Gelegenheit zu geben, sich über die Auffassung der alliierten Juristen zu informieren, so dürfte über das Ergebnis dieser, kaum länger denn vier oder fünf Tage dauernden Besprechung erst nach Abschluß der Juristenkonferenz Näheres zu erfahren sein.
Verständigung und Kölner Zone.
^ Köln. Zu der französischen Note bemerkt die „Kölnische Zeitung": Weder die höfliche Tonart, noch gewisse versöhnliche Wendungen können unsere Zuversicht stärken, daß die Sturheit Deutschlands, seine Gleichstellung unter den Mächten und sein nationales Selbstbestimmungsrecht von Frankreich her einen Gewinn aus den kommenden Verhandlungen zu gewärtigen haben. Die französische Regierung könnte im deutschen Volke sofort eine günstigere Stimmung gegenüber den bevorstehenden Besprechungen der Rechtssachverständigen herbeiführen, wenn sie die vertragsmäßig am 10. Januar fällig gewesene Räumung der nördlichen Rhein- landzone endlich zugestehen und sie nicht über die schon ab- gelaufenen sieben Monate hinaus noch verlängern wollte aus Gründen, die vor einem wirklichen Verständigungswillen nicht standhalten könnten.
4^ Jahre unter fremder Bedrückung.
Die Stadt Düsseldorf an Ministerpräsident Braun.
^ Berlin. Aus Anlaß der Befreiung Düsseldorfs sandte, wie erinnerlich, der preußische Ministerpräsident an den Oberbürgermeister der Stadt ©äs
^M was »lerer durch nachstehendes Telegramm erwidert hat: „Die Stadt Düsseldorf dankt der preußischen Staatsregierung für die ihr übermittelten herzlichen Glückwünsche. Viereinhalb Jahre trug unsere Bevölkerung in stillem, zähem Ausharren schwerste Bedrückung, trug sie für das gesamte deutsche Vaterland. Gegen Gewalt und Verrat wahrte sie deutsche Würde und deutsches Wesen. Viel hat Düsseldorf in diesen Jahren verloren. Siegreich aber hat es sein Deutschtum behauptet, und auch in tiefster Rot hat die Stadt den Glauben an ihre und Deutschlands Zukunft bewahrt. Möge die Stunde der Befreiung auch bald den anderen rheinischen Gebieten schlagen, die mit uns litten. Das befreite rechtsrheinische Düsseldorf dankt der preußischen Staatsregierung am Tage der Befreiung für ihre Fürsorge und bittet sie, ihm zu helfen bei dem Wiederaufbau der schwergeprüften Stadt."
Vor der energischen Anwendung der Kartellgesetze.
^ Berlin. Im Reichswirtschaftsministerium fanden Verhandlungen mit den Vertretern der Arbeiterorganisationen, der Beamtenverbände uend Konsumvereine statt. Dabei machte Ministerialdirektor S ch ä f f e r Mitteilungen über die Absicht der Regierung nunmehr von den Kartellgesetzen ernstlich Gebrauch zu machen. Sie werde verhindern, daß die gegenwärtigen Tarifzölle bis zum Abschluß erleichternder Handelsverträge zu Preisverteuerungen ausgenützt werden.
Gewerkschaften und Teuerungsaktion.
Eine Aussprache im Reichswirtschafts- m i n i st e r i u m.
❖ Berlin. (Eigener Bericht.) In: Reichsarbeitsministe- rium fand eine Besprechung mit den Vertretern der Gewerkschaften aller Richtungen statt. In der Aussprache wurde zunächst das Regierungsprogramm durch den Staatssekretär Trendelenburg und den Ministerialdirektor Schäfer mitgeteilt und die Hoffnung ausgesprochen, daß die Aktion der Regierung schon in kurzer Zeit sich fühlbar machen werde. Die Regierung erwarte jedoch, daß sie von allen Kreisen bei ihrem Vorgehen unterstützt werde. Eine Stabilisierung der Preise, besonders aber ein Zurückgehen unberechtigter'For- derungen sei unmöglich, wenn auf der anderen Seite Lohnforderungen gestellt würden, die in keinem Verhältnis zur allgemeinen Wirtschaftslage ständen. Lohnerhöhung vertrage sich nicht mit Preissenkung, und wenn die Forderungen auf Erhöhung der Löhne auf der ganzen Linie durchgeführt werben würden, so bedeute das praktisch nur ein Sinken des Reallohns, weil im selben Augenblick auch die Warenpreise verstärkt anziehen würden.
Seitens der Gewerkschaftsvertreter wurde die Bereitschaft ausgesprochen, an dem Problem der Preissenkung nach Kräften mitzuarbeiten. Man sei jedoch durch gewisse Vorkommnisse in der Vergangenheit sehr kritisch geworden, und erst dann, wenn die Maßnahmen der Regierung ihre Auswirkungen zeigten, könnte seitens der Gewerkschaften tatkräftig eingegriffen werden. Auf keinen Fall köimten die gewerkschaftlichen Organisationen sich heute dazu
bereit erklären, einen Blankowechsel zu unterschreiben. Es wurde dann noch die im Augenblick so wichtige Frage der Lebensmittelpreise gestreift. Die Vertreter des Reichswirt, schaftsministers betonten auch hier, daß eine Steigerung des Reallohns die Preisschraube weiter anziehen wüvde, und das Reichswirffchafts- ebenso wie das Reichsarbeitsministerium seien bestrebt, durch möglichst starke Belebung des freien Wettbewerbes preismildernd zu wirken. Da es sich erwiesen habe, daß namentlich auf dem Fleischmarkt der Zwischenhandel unberechtigte Gewinne ziehe, werde es Sorge der Regierung sein, durch Annäherung der ländlichen Organisationen und der Konsumvereinigungen den Zwischenhandel nach Möglichkeit auszuschalten. Die hierbei ge- madjten Ersparnisse würden der gesamten Bevölkerung zugute kommen. In den nächsten Tagen findet eine Forffetzung der Aussprache im Reichsarbeitsministerium statt.
Die christlichen Gewerkschaften zur Teuerung.
^Hannover. Das Kartell der christii chen Ge- werkfchaften in Hannover nahm in einer Versammlung zur fortschreitenden Teuerung Stellung. In einer einmütig gefaßten Entschließung heißt es u. a.: „Ueberall kommt es zu den schärfsten Lohnkämpfen, weil die Unternehmer sich weigern, die Arbeitslöhne den gestiegenen Preisen anzupassen. Dieser Zustand ist auf die Dauer für die Arbeiterschaft un- erträglich." Als Hauptursache der unbefriedigenden Lage wird angesehen: 1. Die ungesunde Preispolitik der Truste, Sattelte und PreiskonvenUonen, 2. der Kamps der Großbanken um die Vorherrschaft in der Industrie, der zurzeit keine ruhige in'bulftrielle Entwicklung zuläßt, 3. der übermäßig entwickelte Zwischenhandel. — Die Delegierten erwarten, daß die Reichsund Staatsbehörden sowie die Parteien mit derselben Schnelle und Entschiedenheit, mit der sie die Sauern und Zölle schon verabschiedeten, an die Bekämpfung der schuldigen Teile her- angehen, weil sonst nicht nur weite Volkskreise verelenden, sondern auch die Unruhen und Hungerrevolten, die wir vor zwei Jahren erlebt haben, wieder in greifbare Nähe gerückt werden.
Preissenkung und Einzelhandel.
^Berlin. Die Hauptgemeinschaft des deutschen Einzelhandels f»tte zu einer Besprechung mit Vertretern der Presse geladen, um diesen über die Stellungnahme des Einzelhandels zur Frage der Preissenkungs- aktion Mitteilungen zu machen. Es wurde darauf hingewiesen, daß der Einzelhandel die Absicht der Reichsregierung, eine Verbilligung des Preisniveaus herbeizuführen,restlos unterstützen werde, soweit dies in seinen Kräften stehe. Leider hänge der Einzelhandel aber bei der Festsetzung seiner Preise von den Einstandskosten ab. Der Einzelhandel stelle im Güterverteilungs- prozeß die letzte Etappe dar, der mehrere andere vorauf- gegangen seien. Die Ermäßigung der Umsatzsteuer ab 1. Oktober werde von: Einzelhandel, dem von seinen Verbänden kürzlich noch einmal die allergenaueste Preiskalkulation zur Pflicht gemacht wurde, bei Festsetzung der Verkaufspreise von diesem Termin ab voll berücksichtigt, könne sich aber erst dann auswirken, wenn die Senkung der Umsatz- steuer vom Urprodukt an bis zum Einzel- bzw. Kleinhändler in Abrechnung gebracht sei. Auf den am 1. Oktober vorhandenen Warenbeständen ruhe noch die alte Umsatzsteuer, so daß nicht erwartet werden dürfe, daß mit einem Schlage von diesem Tage ab bereits die volle Umsatzsteuer- ermäßigung in den Kleinverkaufspreisen zum Ausdruck komme.
Christliche Erziehungsfragen in Stockholm.
$ Stockholm. Die Weltkonferenz beriet über Probleme der christlichen Erziehung. Die Frage der Erziehung zur brüderlichen Gesinnung im eigenen Volk und unter den Völkern sowie die Frage der Erziehung zu einem besseren Verständnis zwischen dem Osten und dem Westen wurden von Rednern aller Sektionen behandelt. Es kam allgemein zum Ausdruck, daß die Kirche auch jetzt noch, wo ihre erzieherischen Bestrebungen durch die Entwicklung des modernen Kultur- Bewusstseins eingeschränkt sind, eine wichtige Aufgabe der Erziehung, sowohl dem einzelnen wie dem Volke gegenüber, zu erfüllen habe, dem: von allen Einflüssen, die auf die Bildung der menschlichen Persönlichkeit wirksam sind, sei der einer wahren Religion der stärkste. Die Religion berühre das menschliche Leben aus das tiefste. Sie sei deshalb der Grund und Der Inbegriff einer wahren Erziehung. Der Führer der Holländisch-Ehristlich-Sozialen, Prof. Slotenaker de Broine, wandte sich gegen das Mißverständnis, das man der Erziehung zur chrsstliäM Persönlichkeit entgegenbringe. Christentum Heiße nicht nur Hingabe und Selbstverleugnung. Das Ideal einer christlichen Persönlichkeit fei nicht das eines weichlichen, kraftlosen Menschen. Wenn es so wäre, könnte man von keinen: verlangen, ein Christ zu werden. Eine christ- Iid)e Persönlichkeit schließe auch die LSerte eines gesunden kraftvollen Individualismus in sich ein. Es komme darauf an, die Individualismen und den Kosnwpolitismus mitein- einander zu verbinden. Das aber sei mir von der höheren Stufe des christliä>en Erziehungsideals aus möglich. — Heute Abend fand ein Diner statt, zu den: der a:nerikanische G»- fanbte die Delegierten eingeladen hatte.