Hersfel-er Tageblatt
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Hersfelöer Kreisblatt"
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Nr. 207
Freitag, den 4. September
1925
Das Wichtigste.
— Die alliierten Außenminister sind bei den Genfer P a k t b e s p r e ch u n g e n zu einer vollen Einigung gekommen.
— Nach einer Pariser Meldung wurde auf der Juri st e n k o n f e r e n z in London über das Thema „S a n k - t i o n e n" g e s p r o ch e n.
— Die Lage -der Franzosen in Syrien ist ziemlich bedrohlich Auf französischer Seite wird ein großer Eingriff vorbereitet.
Schicksalstage in Marokko.
Nachdem in den vergangenen Wochen zwischen Frankreich und Spanien die Besprechungen über einen gemeinsamen Feldzug gegen den Rifführer Abd el Krim hin und her gegangen waren, ohne daß über das endgültige Ergebnis die Oeffentlichkeit aufgeklärt wurde, darf man aus der jetzigen Generaloffensive Spaniens und Frankreichs auf das Ergebnis jener Verhandlungen schließen. Frankreich scheint sein Ziel erreicht zu haben, indem es Spanien dafür gewonnen hat, die schweren Schlappen, die französische Truppen im Rif- gebiet erleiden, gemeinsam mit den Franzosen wiedergut- zumachen und das französische Prestige wiederherzustellen. Der Erfolg, den Frankreich damit errungen hat, ist fraglos kein geringer, denn so sehr eng ist die spanisch - französische Freundschaft nicht, und wenn Spanien sich heute in den Dienst seines oft zweifelhafte Rollen spielenden Nachbarn stellt, so werden sicherlich weite Kreise in Spanien diese Entwicklung mit größtem Unbehagen mitansehen.
Nach den großen Mißerfolgen, die Spanien in seiner marokkanischen Kolonie davongetragen hat, war man im spanischen Mutterlande des ewigen Kolonialkrieges müde. Man schloß einen Vergleich mit den Rifleuten und war froh, nach einen Teil der Kolonie retten zu können und weitere Blutopfer auf Kolonialboden sich zu ersparen. Die damalige Verständigung mit den Marokkanern entsprach der Stimmung, die das spanische Volk zum Marokkokrieg hatte. Damals versprach ihnen General Primo de Rivera, daß keine weiteren Truppen nach Marokko gesandt und dem spanischen Mutter- Durch die schweren Niederlagen, die Frankreich von Abd M el Krim erfuhr, wurde Spanien ungewollt wieder in die Marokkoaffäre hineingezogen. Mehr und mehr ließ sich Primo de Rivera mit seinen französischen Kollegen ein, die ihrerseits auch das größte Interesse hatten, ihrer Regierung in Paris stets Erfolge vom Kolonialgebiet melben zu können. Gegen die einst gegebenen .Versprechungen wurden neue spanische Truppen nach Marokko geworfen, große Mengen von Kriegsmaterial gingen nach dem Kriegsschauplatz, und das Direktorium sah sich zur Bewilligung neuer großer Kredite für einen neuen Marokkofeldzug gezwungen. Damit hatte aber Primo de Rivera, darüber war er sich von vornherein klar, sein dem 'spanischen Volke gegebenes Versprechen gebrochen. Nicht einmal den Interessen Spaniens entsprechend, war das spanische Volk in einen neuen Kolonialkrieg verwickelt, sondern lediglich als Helfer für Frankreich ließen spanische Truppen ihr Leben in den unwegsamen Küstengebirgen des Rifgebietes. Fraglos war Primo de Rivera derjenige, der für die Friedensverhandlungen mit Abd el Krim in erster Zeit mit allem Nachdruck eintrat. Er mußte es tun, denn er war es seinem Volke schuldig. Es folgte das Schauspiel, daß sich zwei Großmächte in demütigende Verhandlungen mit dem Häuptling eines marokkanischen Volksstammes einließen. Die Verhandlungen scheiterten, ohne daß der Konflikt bei« gelegt wurde. 6» blieb Primo de Rivera nichts anderes übrig, als wieder die Waffen zu ergreifen.
Am 13. September ist der zweite Jahrestag des Staatsstreiches, der Primo de Rivera an die Spitze des spanischen Direktoriums brächte. Der vorige Jahrestag gab schon infolge des mißlungenen MarokkofeDzuges keinen Anlaß zu feierlicher Erwähnung; jetzt rückt der zweite Jahrestag in bedrohliche Nähe, und Primo de Ribera kann immer noch keine Erfolge feinem Volke bieten. Jetzt muß er zu einer Gewaltmaßnahm« greifen, muß einen letzten Versuch unternehmen, von dem sein ferneres Bleiben auf dem Posten eines spanischen Diktators abhängig ist. Der Unwille gegen ihn im spanischen Mutterlande wächst von Tag zu Tag. Man will keine neuen Menschen- und Gel-opfer mehr in Marokko bringen. Man will Ruhe im Lande. Daher wehe dem Diktator, wenn er jetzt mit neuen Mißerfolgen in die Heimat zurückkehrt!
So ist die große Marokko - Offensive als ein Verzweiflungsakt Primo de Riveras anzusehen. Bringt er den Sieg mit nach Madrid, so hat er einen Trumpf gegen die unzufriedene Volksstimmung in der Hand und wird für weitere Jahre seine Diktatur befestigen können. Gelingt aber sein letzter Schlag nicht, so hat er die längste Zeit die Ge- schicke Spaniens in der Hand gehabt. Dann wird er kaum ben zweiten Jahrestag seines Staatsstreiches überleben.
Dr. M.
Die Londoner Zuristenverhandlungen.
Eine Pariser Darstellung.
^ Paris. Die Londoner Sachverständigen traten zweimal im Foreign Office zusammen. Die Aussprache bezog sich
auf Fälle, für die ein Schiedsspruch in Frage kommt, sowie auf die
Anwendung automatischer Sanktionen.
Der englische Sachverständige Sir Cecil H u r st erläuterte eingehend den englischen Standpunkt, während sich der italienische Sachverständige große Zurückhaltung auferlegte. Dr. Gaus legte dann sehr ausführlich den Standpunkt der deutschen Regierung dar. Es verlautet, daß sämtliche Sanktionen sowohl in Osteuropa wie in den Rheinlanden von der Entscheidung des Völkerbundes abhängig gemacht werden müß- ten. Unter Hinweis auf die Besetzung von Frankfurt und der Ruhr 1923 erklärte der deutsche Sachverständige, daß es Deutschland nicht genüge, wenn Großbritannien sich bei einem ähnlichen Anlaß darauf beschränke, eine neutrale Haltung einzunehmen. Der deutsche Sachverständige hat darauf bestanden, daß Frankreich das Durchmarschrecht durch die Rheinlande erst nach Einholung der Genehmigung des Völkerbundes ausüben dürfe. Zum Schluß kam Dr. Gaus auf die Grundsätze der Schiedsgerichtsarbeit zu sprechen, wie sie in den Verträgen Deutschlands mit Norwegen, Holland und der Schweiz zur Anwendung komme.
Einigkeit über den Gicherheitspakt in Genf.
❖ Genf. Zwischen Chamberlain und, Vandervelde fand eine Unterredung statt, die etwa eine Stunde dauerte. Von belgischer Seite wird im Auftrage Banderveldes folgende halboffizielle Mitteilung gemacht: „Die Unterredungen, die der belgische Außenminister sowohl mit Chamberlain wie mit Briand im Laufe des heutigen Tages hatte, trugen einen sehr herzlichen und aufrichtigen Charakter. Alle drei Staatsmänner waren sich vollkommen einig über die Grundlage für den Sicherheitspakt. Den juristischen Sachverständigen in London liegt ein sorgfältig ausgearbeitetes Projekt vor, mit dem auch die belgische Regierung sich in allen Einzelheiten einverstanden erklärt hat. Hieraus darf aber nicht der Schluß gezogen werden, daß Deutschland nun vor vollendete Tatsachen gestellt werden soll; im Gegenteil, Deutschland soll volle Freiheit habe», zu den Projekten Stellung zu nehmen und Gegenvorschläge an. umrf^ „ffiiu^iBM^ Drei Äußeinntnisterkn Genf werden fortgesetzt werden, sobald . neue Nachrichten von den Sachverständigen in London vorliegen, die ständig über das Fortschreiten ihrer Arbeiten berichtend
Die pariser Friedenskonferenz.
Die nicht gehaltene Rede Löbes.
' ❖ Paris. Als Vertreter der deutschen Delegation auf dem 24. Friedenskongreß haben Reichstagspräsident L ö b e und Reichsminister a. D. K o ch die Vertreter der deutschen Presse empfangen. Er und Frau L ü d e r s sind als Vertreter der Deutschen Demokratischen Partei erschienen. Löbe teilte mit, daß ihm Reichsaußenminister Etresemann einen Brief geschrieben habe, worin er seiner Hoffnung auf Erfolg des Kongresses Ausdruck gibt. Reichstagspräsident Löbe ist vom Kongreß eingeladen worden, im Anschluß an die Eröffnung eine Ansprache zu halten, wobei vorausgesetzt wurde, daß Herriot zur Eröffnung kommen würde. Indessen ist Herriot nicht erschienen. Als Löbe trotzdem das Wort nehmen wollte, wurde ihn: von den Franzosen nahe- gelegt, seine Ansprache nicht selber vorzutragen, sondern verlesen zu lassen. Das lehnte jedoch Löbe im Einverständnis mit den übrigen Mitgliedern der deuffchen Delegation ab. Die deuffchen Vertreter werden es von den weiteren Ver- hanblungen mit der Kongretzleitung abhängig machen, ob sie dem Kongreß noch weiterhin beiwohnen wollen. Lobe erklärte dem Vertreter eines amerikanischer Blattes, daß er das Anschlußproblem vor der Interparlamentarischen Union in Amerika behandeln werde. Man erwartet den Reichstags- präsidenten am 29. September in New Park, von wo er sich zu einem 14tägigen Aufenthalt nach Washington begeben werde.
Die Hauptteile der Rede, die Reichstagspräsident Löbe auf der Friedenskonferenz halten wollte, haben u. a. folgenden Wortlaut:
Krieg unb Nachkriegszeit haben die materiellen Kräfte der Welt stark umgeschichtet. Nur ein einiges Europa ist in der Lage, seinen Platz in der Welt zu behaupten. Die Zollunion der europäischen Länder aber muß die erste Etappe zur politifdjen Verständigung, zu den Vereinigten Staaten Eu'ropas sein. Jedem Versuch, die Rückkehr der Kriegsschrecken praktisch unmöglich zu machen, stimmen wir zu. Der S chi e d s ge r i ch t s g e d a n k e , der jetzt in so erfreulicher Uebereinstimmung von den Staatsmännern beider Länder erwogen wird, er steht an der Wiege der interparlamentarischen Union, er steht an der Wiege der Organisation der Friedensfreunde. Wirksam wird diese Schieds- gerichtsbarkeit erst werden, wenn die Abrüstung allgemein in Angriff genommen wird, wie sie die Einleitung zum 5. Abschnitt des Versailler Vertrages nicht nur für einzelne Staaten, sondern für alle dem Völkerbünde angehörenden Länder in Aussicht nimmt. Als Deutscher darf ich an dieser Stelle wohl einfügen: Unser Land ist technisch bis zu einem Grade abgerüstet, der für alle Länder Europas ein Vorbild sein kann.
Wir warten auf die Erfüllung der Zusagen im Abschnitt 8 des Friedensvertrages. Die Einlösung der dort gegebenen Versprechungen wird auch jenen anderen Teil der Abrüstung fördern, der nicht minder wichtig ist, nämlich die moralische Abrüstung, die Abrüstung der Geister. Nicht nur die Kriegsmittel, sondern auch der Kriegswille muß abgebaut werden, wenn die Welt vor neuen Aderlässen geschützt werden soll.
Begraben wir die Idee von der Ueberlegenheit und den Vorrechten einer Nation, welche es auch sei! Schlingt sich das Band der Versöhnung um Frankreich und Deutschland, dann wird es sich bald um ganz Europa schlingen.
Räumung CleveS erst am 1. Oktober.
2 Brüssel. Jetzt wird bestätigt, daß die Meldung von einer Räumung Eleves verfrüht ist. Das vierte Ulanen- regiment ist nur zur Teilnahme an Manövern nach Belgien abgerückt, wird zum größten Teil aber vor der end- gültigen Räumung, die am 1. Oktober erfolgt, wieder nach Eleve zurückkehre».
Französisches Kriegsgerichtsurteil gegen eine« deutschen Arzt.
❖ Paris. Das Kriegsgericht in Amiens hat den deut- schen Arzt Dr. Kroepel, der während des Krieges das Militärlazarett in Münster leitete, in Abwesenheit verurteilt. Dr. Kroepel wird beschuldigt, einem ftanzösischen Major ärztlichen Beistand verweigert zu haben, wodurch später die Amputation eines Beines notwendig geworden sein soll. Dr. Kroepel wurde zu zwei Monaten Gefängnis und einhundert Frank Geldstrafe verurteilt.
Verhandlungen über den Preisabbau im Bäcker- gewerbe.
£ Berlin. Im Anschluß an die Preisaktion im Fleischergewerbe findet in der mittleren Preisprüfungsstelle Berlin- Brandenburg eine Sitzung mit der Bäckerinnung statt, da die vielfachen Klagen über zu ge.uu.gLs Brq^wicht die BeoötSe- rung in Erregung gefetzt haben, und insbesondere das starke Sinken der Getreide- und Mchlpreise sich in den Preisen der Backwaren nicht ausgedrückt hat.
Im Hauptquartier Abd el KrimS.
^ Paris. Der Sonderberichterstatter des „Matin" in Tanger ist von einem Besuch im Hauptquartier Abd el Krims zurückgekehrt und berichtet über eine Aussprache mit dem ersten Minister Abd el Krims und mit dem Bruder Abd el Krims. Der Minister Si ben Ali bestritt, daß Abd el Krim franko-spanische Friedensvorschläge erhalten habe. Richtig sei, daß Abd el Krim durch die Zeitungen von dem angeblichen Vorschlag der beiden Mächte Kenntnis erhalten habe. Später sei aus Algier eine Note der spanischen Regierung angekommen, in der angefragt wurde, ob spanische Unterhändler die Friedensvorschläge persönlich unterbreiten könnten. Diese Anfrage blieb jedoch unbeantwortet, da Spanien in der 9tote drei wichtige Punkte in Marokko für sich verlangt habe. Im übrigen erklärte sich der Minister zu der Erklärung berechtigt, daß Abd el Krim an keinerlei Friede ns verhan dlungen denkt, solange Spanien und Frankreich nicht die volle U n a b - hängigkeit des Rifgebietes anerkennen wollten. „Wir wollen", so erklärte der Minister, „frei leben und uns selbst regieren, wir werden bis zum Aeußersten kämpfen. Was die Grenzfragen anlangt, so verlangen wir von Frankreich, daß die Grenzen von Agir nach Guefania zurückverlegt wird. Von Spanien fordern wir die Rückverlegung der spanischen Grenze bis nach Melilla. Was Tetuan anlangt, so sind keine wesentlichen Säuberungen notwendig. Noch einmal wiederhole ich, daß den Verhandlungen die Anerkennung der absoluten Unabhängikeit des Rifgebietes vorausgehen muß." — Am Nachmittag wurde der Berichterstatter von dem Bruder Abd el Krims, Si Mohammed, empfangen, der ihm u. a. erklärte, daß die Rifkabylen von keiner Macht unterstützt würden und daß sie auch zu den Muselmännern Asiens keine Beziehungen unterhielten. Der Berichterstatter bemerkte auf dem Wege nach Algier die Gebeine spanischer Soldaten, mit denen die Straße besät war.
Schwierige Lage der Franzosen in Syrien.
Vorbereitung einer großen Aktion.
- London. Nach Berichten aus Beirut wird jetzt noch nachträglich bekannt, daß die Drusen und Beduinen, als sie am 27. August den Versuch machten, in Damaskus ein- zudringen, fast chren Zweck erreicht hätten. Es gab dabei einen höchst kritischen Augenblick. Die Franzosen hatten unter den Christen bereits 650 Gewehre zur Selbst- Verteidigung verteilt. In dieser Woche haben die Drusen berits mehrere Plätze, die 7 bis 10 Meilen von Damaskus liegen, eingenommen. Sie entkleideten die Gendarmen bis auf die Haut und jagten sie nackend nach Damaskus zurück. Aus Jerusalem verlautet heute, daß viele Beduinenstämm« sich mit den Drusen verbündet haben und daß die Aufständischen jetzt 20 000 Mann betragen. Die Drusen verstärken überall ihre strategische Position in Erwartung eines