Reisfelder Tageblatt
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Nr. 208
Hersfelöer Kreisblatt"
Amtlicher Anzeiger für den kreis HersfelS
Der Bezugspreis jbetragt-: durch ^dle 'Polt bezogen monatlich 1— Mk., ausschllebl. Beltellgeld, für Bersfeld 1.- M. bei freier ZuMung, Abholer —.80 Mk. * Druch und Verlag Don hudolg Funks Buchdruckerei in Bersfeld, (Dltglied des VDZV.
Gonnabend. den 5. September 1925
Das Wichtigste.
— Nach den letzten Nachrichten sind bei der Katastrophe der „S h e n a n d o a h" 15 Mann der Besatzung ums Leben gekommen und 19 schwer verletzt.
— Die französisch-spanische Offensive gegen Abd el Krim hat mit der Beschießung der Rif-Küste b e - g o n n e m
— Am Grabe Dr. PeterSpahns sprach der Vizepräsident des Reichstags^, Dr. Bell.
Saarregierung und Vöilerbnndral.
Auf der jetzt tagenden Völkerbundratssttzung in Genf wird u. a. auch die seit langem fällige Frage der Saarregierung zur Erörterung kommen müssen. Es ist höchste Zeit, daß öem Willkürregiment des Präsidenten der Saarregie- rungskommission, Herrn Victor Rault, von Beruf französischer Staatsrat, ein Ende gemacht wird. Herr Rault ist als Vertreter des Völkerbundes im Saargebiet eingesetzt worden und soll, so verlangt es der Versatller Vertrag, in gerechtem Ausgleich das Völkerbundregiment im Saargebiete führen. Daß Victor Rault diesem Auftrage nicht gerecht geworden ist, das weiß in Deutschland jeder seit dem Antritt seines hohen Amtgs. Victor Rault ist ein Franzose und ults solcher kein neutraler Beamter. Seinen Posten als Präsident der Saarregierung mißbraucht er, indem er unerhörte französische Propaganda treibt und, wo er nur kann, das Deutschtum zu unterdrücken sucht.
Einen rühmlichen Namen hat sich dieser Völkerbundbeamte erst kürzlich dadurch gemacht, daß er zu den Jahr- tausenüfeiern im Rheinlande, die auch die Saarbevölkerung in würdiger Weise begehen wollte, eine geradezu herausfordernde Stellung einnahm. Er verbot kurzerhand der Saar- bevölkerung diese Feiern und hatte sogar die Stirn, in seinem 22. Bericht der Saarregierung, in dem er über die Zeit vom 1. April bis 30. Juni 1925 berichtet, seine Maßnahmen gegen die Iahrtausendfeiern zu rechtfertigen und Großint hinzusreUen. Dieser Bericht liegt jetzt dem Böl-
I vor, und er wnv vo. .tuen haben, du er mit Herrn Rault der Ansicht ist, daß die Saarregierung in den Händen des Herrn Victor Rault gut liege. Rault hat in seinem Bericht sehr viel mit dem Begriff der „liberalen" Behandlung der Saarbevölkerung operiert. Er beginnt seinen Bericht damit, daß er in dem vergangenen Vierteljahr, das im Zeichen der rheinischen Iahrtausendfeiern stand, in dem Bestreben, den Organisatoren der Feiern Vertrauen entgegenzubringen, der Bevölkerung jede Möglichkeit zur Abhaltung der historischen Gedächtnisfeiern gegeben habe und nimmt in dem nächsten Absatz des Berichts all das wieder zurück und betont, daß die Regierungskommission größten Wert darauf gelegt hat, daß die Feiern keinen offiziellen Charakter tragen. Er hat, so rühmt er sich, verhindert, daß öffentliche Gelder zu den Feiern bewilligt wurden, daß die Beamten an den Feiern teilnahmen, tjat Versammlungen oder Konzerte der Stadt auf öffentlichen Plätzen verboten und all das wegen der „Gefahren für die öffentliche Ordnung". Darunter fällt auch, daß er der Stadt Saarbrücken die Abhaltung eines Fackelzuges verbot. Nach seiner Meinung war die öffentliche Ordnung so weit gefährdet, daß er sogar die Bereitschaft der Truppen in den Kasernen befahl.
Rault drückt schließlich sein Erstaunen aus, daß er trotz seiner „liberalen" Behandlung bei der Saarbevölkerung kein Verständnis findet. Es ist der Gipfel der Frechheit, wenn Rault bei diesem Willtürregiment auch noch Anerkennung seitens der Bevölkerung verlangt, wo er doch von Tag zu Tag neue Mittel ersinnt, um der Saarbevölkerung die Knute zu zeigen.
Die Ratsmitglieder des Völkerbundes in Genf werden den Bericht zu prüfen haben. Sie werden beweisen müssen, ob sie den Ruf einer objektiven und gerecht urteilenden Körperschaft verdienen. Interessant wird es sein, wie ihre Ansicht über die „liberale" Haltung des Präsidenten der Regierungkommission des Saargebietes ist. Wie es scheint, sieht man jetzt ein, daß man sich, als man Rault an diese verantwortungsvolle Stelle setzte, gewaltig geirrt hat, und daß er nicht der fähige Mann ist, den man in ihm erkannt zu haben glaubte. Allerdings sind die Verstöße Raults dem Völkerbundrate nicht neu, und er hat schon mehrfach Gelegenheit gehabt, sich mit diesem Vertreter des Völkerbundes zu befassen. Die Völkerbundtagung im März zeigte die Stel- lung Raults schon stark erschüttert. Es wird Zeit, daß der Völkerbund dem unverantwortlichen Treiben des Präsidenten der Saarregierung ein Ende macht, und wir wollen hoffen, daß der Optimismus der Saarbevölkerung, die mit der täglichen Abberufung Raults rechnet, sich bewahrheitet. Darüber hinaus ist es aber auch höchste Zeit, daß der Völkerbund die Saar frage überhaupt löst. Es ist erforderlich, daß diese Lö- sung mit dem Abschluß eines Sicherheitspaktes verbunden wird. Der Saarbevölkerung muß Gerechtigkeit zuteil wer- den, und es muß ein Zustand geschaffen werden, der dem freien Volkswillen der Saarbewohner Rechnung trägt.
Polnischer Ueberfall auf deutsche Optanten.
£ Marienburg. An einem der letzten Tage haben Polen in dem Dorfe Honigfelde (Kreis Stuhm) mehrere aus Polen ausgewiesene Optanten überfallen und mit Stöcken,
Bierflaschen und Latten geschlagen. Zum Schlüsse st a ch e n die Polen mit Messern auf die Deutschen ein, wobei einem jungen Manne namens Blank der Knochen eines Armes vollständig zertrümmert wurde. Ein anderer Deutscher wurde zu Boden geworfen, worauf drei Polen auf ihn hieben und mit ihren Messern auf ihn einstachen. Unter Aufwendung aller Kräfte gelang es dem Schwerverletzten, den Polen zu entkommen. Er wurde in ein Krankenhaus gebracht. Sein Zustand ist hoffnungslos.
Die Katastrophe der Shenandoah.
■£ New York. Das zu einem großen Ueberlaudflug auf« gestiegene Zeppelin-Luftschiff „Shenandoah" ist während eines Gewittersturmes sechs Meilen von Cumberland im Staate Ohio zerstört worden. Das Luftschiff trieb eine halbe Stunde im Sturm, ohne die Fahrtrichtung aufnehmen zu können. Es wurde durch die Gewalt des Sturmes mitten durchgerissen; der eine Teil stürzte zu Boden, während der andere weitergetrieben wurde. Die „Shenandoah" ist in Amerika nach deutschen Angaben gebaut worden.
Nach den letzten beim Marineministerium eingelaufenen Meldungen wurden bei dem Unglück der „Shenandoah" dreizehn Mlunn der Besatzung getötet und fünfzehn verletzt. Unter den Toten befindet sich auch der Kommandant des Schiffes, Lansdowne, einer der hervorragendsten Pioniere des amerikanischen Flugwesens. Der Chefradio- maschinist Schnitzer befindet sich ebenfalls unter den Toten.
Das Luftschiff „Shenandoah" war 224 Meter lang. Sein Durchmesser betrug 32,5 Meter im Maximum Die „Shenandoah" enthielt 19 Gaszellen mit einem Rauminhalt von 63 450 Kubikmeter; ihre - Kraftanlagen bestanden aus sechs 300-?8-Packard-Maschinen. Die HoMgeschwindigkeit des Schiffes betrug 56,5 Stun-en-Kilometer.-
Wer trägt die Schuld?
New Park. Es steht fest, daß für das Unglück niemand von der Besatzung verantwortlich gemacht werden kann, auch nicht Kommandant We y erdn ch e r, der Konstrukteur des Luftschiffes, das nach seiner Meinung vor dem Aufstieg in vollkommener Ordnung war. Bisher hatte das Luftschiff auch die schwersten Wetterproben gut überstelln können. Noch im leisten Januar, wo die „Shenandonh" vom Ankermast losgerissen und in das stürmischste Wetter getrieben worden war, hatte das Schiff den unfreiwilligen Flug gut überftanben und seinen Konstrukteur von seiner Wettertüchtigkeit überzeugt. Kommandant Lansdowne galt als einer der fähigsten Luftschifführer, und man kann ihm kaum die Schuld am Unglück zuschreiben. Nur eine gewisse Bedeutung wird der Tatsache beigemessen, daß im Januar die „Shenandoah" von einem deutschen Kapitän, H e i n e n , vor einem Unglück bewahrt worden war und daß diesmal kein Deutscher an Bord war. Nach Aussagen eines Ueberlebenden, des Leutnants Thomas H e n I e y , wurde das Luftschiff gerade am Kiel vom Sturm erfaßt, so daß das Luftschiff sofort ein Spielball des Windes wurde, da die Motoren ausfetzten und der erste Bruch im Luftschiff bemerkbar wurde. Jedoch wurde das Luftschiff noch acht Meilen weiter getrieben, ehe es vom Winde vollständig zerbrochen wurde. Daß bei dem Unglück noch dreißig Per- sonen gerettet werden sonnten, erscheint Leutnant Henley als ein Wunder. Nach Aussagen des Kommandanten Rosen- dahl hätte der Sturm das Luftschiff in 2500 Fuß Höhe erfaßt und auf 7000 Fuß hinaufgetrieben. Zwei heftige Stürze hätten das Luftschiff gerade in der Mitte, wo die Kabinen lagen, nach unten geknickt.
In amtlichen Kreisen, die dem Präsidenten Coolidge nahestehen, verlautet, die Vereinigten Staaten werden angesichts des Unglücks der „Shenandoah" Deutschland ersuchen, die Genehmigung zu erteilen, daß das andere Zeppplin-Lust- schiff, die „Los Angeles", für Kriegszwecke verwendet werden darf.
Als die „Los Angeles" abgeliefert wurde, bestaub Deutschland darauf, daß die Vereinigten Staaten sie nur für kommerzielle Zwecke verwendeten. Jetzt haben hie Vereinigten Staaten jedoch kein Lenkluftschiff für Kriegszwecke, wenn nicht Deutschland die Zustimmung erteilt, daß die „Los Angeles" bafür verwendet werde. Ehe sich bas Unglück der „SlMandoah" ereignete, wurden Pläne erwogen, die „Los Angeles" einer industriellen Gruppe zu vermieten, die das Lenkluftschiff in einen Passagier- und Frachtverkehr zwischen New York und Chikago stellen wollte. Diese Pläne sind jetzt zurückgezogen worden. 9lKe Fachleute bewahren ihr Vertrauen in die Lenkluftschiffe. Henry W ood h o u s e, der Präsident der ancerikanischen Fliegerliga, erklärte: „Das Lenkluftschiff ist der Hauptbestandteil des Planes für die Errichtung eines Flugtransportwesens über große Distanzen und ebenfalls für gewisse Zweige der Landesverteidigung".
Staatssekretär Wilbur zog den Plan zurück, einen Flug von San Francisko nach Honolulu vornehmen zu lassen. Er erklärte: „Wir sind nicht in der Lage, jetzt noch mehr
Leben aufs Spiel zu setzen. Der Verlust der ,Shenandoah' stört ernstlich die Pläne der Flotte, die Nützlichkeit der Leni- luftschiffe für Kriegszwecke festzustellen. Wir werden jedoch weiter die Politik verfolgen, daß die Flotte Luftfahrzeuge verwendet, wo immer dies möglich ist."
Der Sekretär des Marinedepartements weigert sich, das Gerücht zu bestätigen oder zu bestreiten, daß die Flugschiff, station in Lakehurst infolge der Zerstörung der „Shenmchoah" , geschlossen werden soll. Er erklärt, das Marinedepartement hätte bereits ein Lenkluftschiff-Programm in Erwägung ge- zogen, und dieses Programm werde durch den Verlust der „Shenandoah" nicht berührt werden. Bisher habe die Regierung kein Angebot für das Lenkluftschiff „Los Angeles" erhalten, wonach dies für kommerzielle Zwecke Verwendung . finden sollte. Nachdem die „Shenandoah" verloren ist, sei es unwahrscheinlich, daß man irgendein Angebot annehmen würde.
Eine amtliche Erklärung zum Unglück der „Shenandoah".
Washington. Marineminister Wilbur gab zu dem Luftschiffunglück folgende Erklärung ab: Das Marineamt versuchte, die Gefahr zu vermeiden, welcher die „Shenandoah" zum Opfer gefallen ist. Im letzten Sommer weigerte sich das Marinedepartement mit Rücksicht auf die herrschenden Stürme, das Luftschiff in das Innere des Landes zu schicken. Die jetzige Fahrt wurde in Erwartung einer besseren Wetter- läge von Juli bis jetzt verschoben. Aber auch je §t hätte der Kommandant keinen Befehl zur Fahrt gehabt, binn es sei ja bekannt, daß gerade zu dieser Jahreszeit im Innern des Landes heftige Stürme wüten.
In amtlichen Kreisen, die dem Präsidenten Coolidge nahestehen, verlautet, die Vereinigten Staaten werden angesichts des Unglücks der „Shenandoah" Deutschland ersuchen, die Genehmigung zu erteilen, daß das andere Zeppelinlust- schiff, die „Los Angeles", für Kriegszwecke verwendet werden darf. Als die „Los Angeles" abgeliefert wurde, bestand Deutschland nämlich darauf, daß die Vereinigten Staaten sie nur für kommerzielle Zwecke verwendeten. Diesem Verlangen stimmten die Vereinigten Staaten zu. Jetzt haben die Vereinigten Staaten schon .Luftschiff ft-u .^-z wenn nicht Deutschland die Zustimmung erteilt, daß die „Los Angeles" dazu verwendet werbe.
Bevor sich das Unglück ereignete, » erben Pläne erwo- gen, die „Los Angeles" einer industriellen Gruppe zu vermieten, die das Lenkluftschiff in einen Passagier- und Frachtverkehr zwischen New York und Chikago stellen wollte. Diese Pläne sind jetzt zurückgezogen worden.
Das Beileid der Reichsregierung zur „Shenandoah". Katastrophe.
New York. Anläßlich der Katastrophe der „Shenandoah" stattete der deutsche Botschafter von Maltzan dem Präsidenten Coolidge einen Bespch ab, um ihm das Beileid der Reichsregierung auszusprechen.
Die Londoner Zuriflenkonferenz.
£ Paris. Die Londoner juristischen Sachverständige» haben ihre Arbeiten fortgesetzt. Gegenstand der Aussprachen bildeten die Möglichkeiten des Schiedsspruchs im Falle eines Konflikts zwischen Deutschland und Polen und Deutschland und der Tschechoslowakei, sowie die damit zusammenhängenden Fragen der Garantie- rung der Schiedsgerichtsverträge zwischen Deutschland und den Oststaaten durch Frankreich. Man nimmt an, daß sie in Kürze zum Abschluß gelangen.
«Die Havasagentur gibt als Grund für die unerwartete Teilnahme Italiens an der Londoner Iuristenkonferenz an, daß dieselbe auf Meldungen zurückzuführen sei, wonach zwi- fdjen Frankreich und Deutschland ein politisches und wirtschaftliches Abkommen vor dem Abschluß stehe. Die Tatsache, daß die Rainen Loucheur und Briand immer zusammen genannt werden, habe ba^u beigetragen, die Meldungen glaubhafter erscheinen zu lassen. Man war daher in Italien über, zeugt, daß es diesmal ernst sei, und entschloß sich deshalb, an den Londoner Juristenberatungen teilzunehmen.
Konferenz Der Außenminister Ende September?
£ London. Die Londoner „Times" wollen wissen,
daß die Zusammenkunft der alliierten Außenminister mit dem deutschen Außenminister Dr. Stresemann noch im
September ftattfinben wird. An dieser Konferenz wird auch
Mussolini teilnehmen. Die Besprechung soll in einer
Stadt in der Schweiz oder Norditalien stattfinden, um dem
Wunsche Mussolinis, nicht allzu lange von der Hauptstadt entfernt bleiben zu brauchen, entgegenzukammen. Die Londoner „Daily Mail" behauptet sogar zu wissen, daß die Konferenz bereits für den 20. September in Lau» saune vorgesehen ist.
Dieser Konferenz der Außenminister wird das Ergedriis