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Hersfelöer Tageblatt

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I nm Funi, w °-Ä« . ^^ nr. 8.! ^mt|j^ee Anzeiger für den Kreis Hersfelö | Budldruä^rsl In Busleld, ßillglled des &DZV.

Nr. 225

Freitag, den 25. September

1925

Das Wichtigste.

Am Donnerstag vormittag faßte der große Kabinettsrat unter dem Vorsitz des Reichspräsidenten die Beschlüsse zur kommenden Sicherheitskon­ferenz.

Das Wohlfahrtsministerium gibt bekannt, daß für Oktober keine Erhöhung der Miete erfolgt. Man will überhaupt für die nächste Zeit die augen­blicklichen Mieten beibehalten.

Die Tschechoslowakei gibt die R ü st u n g s - kosten für das Jahr 1926 bekannt, aus denen ein wahnsinniger Rüst ungs taumel ersichtlich wird.

Der Kampf gegen die Preissteigerung

Bei den harten Kämpfen, die die Reichsregierung gegen die hohen Preise in Deutschland führt, gilt es vor allem, den laugen Weg vom Erzeuger zum Verbraucher, durch den der ursprüngliche Erzeugerpreis nicht unerheblich gesteigert wird, abzukürzen. Infolge der Kriegs- und Nachkriegsjahre hat sich der Verteilungsapparat in der deutschen Wirtschaft unnatür- lich ^aufgebläht. Dieser Ansicht ist auch der Reichsbank- präsident, wenn er in seiner Rede auf der Industrietagung in Köln am 25 Juni 1925 davon sprach, daß uns heute noch zu viel Inftationsrost anhafte, und daß der ganze Leistungs- apparat unserer Wirtschaft noch derart aufgebläht sei, daß ein ganzer Teil überzähliger und volkswirtschaftlich nicht not­wendiger Unternehmurrgen sich in der Form des Ketten­handels auswirke.

Zahlen beweisen. Und diese Zahlen besagen, daß sich gegenüber 1913 die Anzahl der Handelsfirmen in Berlin um 90 Prozent, im Reiche um 265 Prozent ver­mehrt hat. Der Berliner Schlachthof zählte 1913 238 Groß- 1a>.an)ter, heute ist me Zahl auf über 1400 gestiegen. Was soll aber dieses Anschwellen der Handelsfirmen bei einem gegen die Vorkriegszeit erheblich gesunkenen Umsatz? Wollen sich so viel Handelsfirmen mehr als vor den: Kriege erhalten, so ist es selbstverständlich, daß sie einen höheren Gewinn bei dem Verkauf der einzelnen Waren erzielen müssen. Die Er­höhung des Preises hätte also einmal ihren Grund in der unverhältnismäßigen Vermehrung der Handelsfirmen, die bei Umsatz von weniger Ware als vor dem Kriege mindestens dieselbe Gewinnquote erzielen wollen wie früher die wesent­lich geringere Anzahl von Handelsfirmen.

Ein zweites Momeirt der Teuerung ist die überaus große S p anne zwischen dem Erzeugerpreis n n d dem K l e i nv e r k a u f s p r e i s , die sich gegenüber der Vorkriegszeit verdoppelte, teils sogar verdreifachte. Gewiß soll dabei nicht übersehen werden, daß die in Frage kommen- den Berufsstände durch weit höhere Spesen, Steuern und Zinsen gegenüber der Vorkriegszeit belastet sind. Daß aber dieser immer wieder ins Feld geführte Grund nicht die Ur­sache zur Aufrechterhaltung der Verdienstspanne ist, zeigt der Reichsindex für die Lebenshaltungskosten, der vom Februar bis August 1925 um 9,40 Prozent stieg, während der Großhandelsindex vom April bis Slugust 1925 um 5 Prozent zurückging. Mehr und mehr wird sich die Einsicht zum Siege durchringen, daß ein übermäßiger Zwischenhandel der wesentliche Grund für die Preissteigerung ist.

Hinzu kommt, daß fast sämtliche Handelszweige in Or­ganisationen und Kartelle zusammengefaßt sind, die heute eine derartige Macht bekommen haben, daß sie fast autokratisch die Preise bestimmen können. Es gibt kaum noch einen Kaufmann, der heute außerhalb des Ringes bestehen kann; das bebautet, daß die freie Konkurrenz, durch die in der Vorkriegszeit ein gerechter Ausgleich zwischen den Preisen gewährleistet war, heute völlig ausgeschaltet ist. Das Kartell, die Organisation oder der Ring diktieren dem Kaufmann den Preis, den er für eine Ware beim Verkauf zu nehmen hat.

Es geht unmöglich an, daß in der Zeit einer so unsicheren Wirtschaftslage wie der heutigen in Deutschland sich die Preise nicht wie früher von selbst regeln. Es bedeutet eine schwere Erschütterung für die deutsche Wirtschaft und hindert sie gewaltig an dem Wiederaufbau und der Konkurrenz- fähigkeit mit dem Auslande, wenn derartige Erscheinungen, die durch den Krieg und die Inflation hervorgebracht sind, heute nach nicht abgestreift sind. Unsere deutsche Wirtschaft kann große Experimente nicht ertragen. Eg ist nicht zuletzt der Schaden der kaufmännischen Berufsstände selbst, wenn sie nicht bald zu einer gesunden Preisragelung zurückkehven. Der krasse Egoismus muß wieder zurücktveten, und an seine Stelle muß endlich die gesunde Einsicht treten, daß nicht nur der Kaufmann, sondern auch die Konsumenten in gleicher Weise Lebensberechtigung haben.

Gs ist Zeit, daß das Uebel der Preissteigerung an der Wurzel erfaßt wird, ehe durch die unausbleiblichen Folgen, die sich aus der Verteuerung der Lebenshaltung ergeben, und die sich in Lohnforderungen und in weiterer Verarmung des durch die Inflation ohnedies am meisten geschwächten Mittel­standes ausmirken, das Gespenst einer neuen Inflation in greifbare Nähe rückt.

Das Ergebnis des großen

Kabineiisrats.

Berlin. Am Donnerstag vormittag trat der Kabinetts­rat unter dem Vorsitz des Reichspräsidenten vonHinden- b u r g zusammen. Seine Aufgabe war, über die Beschickung der von den Westmächten vorgeschlagenen Ministerkonferenz, über die zu erteilende Antwort, über dir Wahl der Un­terhändler und die ihnen mitzugebenden Instruktionen endgültig Beschluß zu fassen. Schon die lange Dauer des Kabinettsrats, der um 1 Uhr seine Beratungen noch nicht beendet hatte, erwies, daß die eigentliche Entscheidung tat­sächlich erst zu fällen war. Kennzeichnend hierfür ist, daß man sich entschlossen hat, den mündlichen Bericht des Mi­nisterialdirektors Dr. Gaus über die Londoner Juristen- befprechung noch einmal heranzuziehen.

Der Kabinettsrat endete gegen 2 Uhr, nachdem er sich auch noch mit der Frage der Preissenkung befaßt hatte. Der einzige formelle Beschluß, der bekanntgegeben wird, istdieAnnahmeder Einladung und die Be­treuung des Reichskanzlers und des Reichs- außenministers mit dem Besuche der Ministerkonse- renz. Alle anderen Beschlüffe wurden geheimgehalten.

Amtlich wird folgende Mitteilung ausgegeben:

Das Reichsministerium trat am Donnerstag vormittag unter Vorsitz des Herrn Reichspräsidenten zu einem Kabi- nettsrat zusammen. Zur Beschlußfastung stand die d rut­sch e A n t w o r t auf die Einladung der alliierten Regierun­gen zu einer Konferenz über die Sicherheitsfrage. Es wurde beschlossen, die alliierte Einladung zur Konferenz anzuneh- men; als deutsche Delegierte werden der Reichskanzler und der Reichsminister des Auswärtigen an der Konferenz teil- ue^meu. *>m we.»^^n ^^ ^£**§

die zur Behebung der gegenwärtigen Teuerungslage anzuwendenden Maßnahmen erörtert. Der Herr Reichs­präsident brächte dem Reichsministerium gegenüber eindring­lich zum Ausdruck, daß alles nur irgend Mögliche geschehen muffe, um die jetzige Preisbewegung im rückläufigen Sinne zu beeinflussen.

Der Beschluß, den der Kabinettsrat gefaßt hat, wird erst noch den Ministerpräsidenten der Länder und dem Aus­wärtigen Ausschuß des Reichstages unterbreitet werden. Da­mit ist die Möglichkeit für diese Instanzen gegeben, auf die materiellen Grundlagen der weiteren Paktpolitik Einfluß zu nehmen. Ueber den Zeitpunkt des Abganges der deutschen

Antwort steht noch nichts fest.

Einberufung des Aeltestenrats des Reichstags.

Der Aeltestenrat des Reichstas ist für Sonnabend %10 Uhr vormittags zu einer Sitzung einberufen worden. Auf der Tagesordnung steht der Antrag der Kommunisten auf sofortige Einberufung des Reichstages, um zur außen­politischen Lage Stellung nehmen zu können.

Eine Konferenz der Balkanmächte.

Bukarest. Die türkische Regierung hat am Mittwoch die Balkanmächte zu einer Konferenz eingeladen, die in Kon­stantinopel stattfinden soll. Stuf dem Programm stehen B e - sprechungen über einen Sicherheits Pakt und ein Balkanschied sgericht.

Dasversöhnliche" Frankreich.

DerTemps" zu den Beratungen des Reichs­kabinetts.

$ Paris. Die Pariser Blätter stellen unter Hinweis auf die Entschließung der Deutschnationalen Volkspartei, nach der Parteivorstand und Landesverbandsvorsitzende die Aus­führungen der Parteivorsitzenden und des Reichsministers Schiele über die Stellungnahme zur gegenwärtigen außen­politischen Lage billigen, fest, daß die Annahme der Einladung von Deutschland nun außer Zweifel steht. Gewisse Beun- ruhigung erregte indessen immer noch die allgemeine Siel- lungnähme der Deutschnationalen zum Sicherheitspakt, die, wie derTömps" mit Bedauern feststellt, trotz der verschie­denen in den. letzten Wochen angenommenen Entschließungen noch immer nicht geklärt sei. Insbesondere ließe die Ver- tagung der Sitzung des Auswärtigen Ausschusses darauf schließen, daß zwischen dem Kabinett und der Regierung noch Verhandlungen im Gange seien, bei denen das Reichs- kabinett eventuell unkluge Zugeständnisse machen würde. Dies könne, so fährt derTemps" fort, über die Tatsache nicht hinwegtäuschen, daß die Deutschnationalen grundsätz- liche Gegner'des Sicherungspaktes blieben und alles tun wür­den, um ihn zum Scheitern zu bringen. DerTemps" fährt fort, daß die Haltung der deutschen Parteien nicht danach angetan sei, großes Vertrauen für die Zukunft zu erwecken.

Es fei alles getan worden, um eine internationale Entspan­nung und eine Annäherung zwischen Deutschland und den alliierten Mächten herbeizuführen. Was Frankreich anbe- lange, so könne man sagen, daß es kein Beispiel in der Ge­schichte gäbe, daß eine siegreiche Nation dem Gegner größere Versöhnlichkeit und größeres Wohlwollen entgegengebradst hätte (?).

Es ist schon immer faul, wenn jemand seine Versöhn­lichkeit so laut betont; meist will er dann damit irgend- etwas verdecken. Nun sollen wir aber gar glauben, daß Frankreich gegen uns sich versöhnlich gezeigt hat. Wie ver­trägt sich bannt der jedem Vertrag hohnsprechende Einbruch in das Ruhrgebiet mit all seinen Greueln an Druck und Knechtungen deutscher Männer und Frauen? Warum hetzt dann die französische Presse jeden Tag gegen Deutschtand, wenn sie von der Versöhnlichkeit Frankreichs so überzeugt ist? Seltsam, daß man diese französische Versöhnlichkeit zu einer Zeit entdeckt, wo man von Deutschland etwas erreichen will. Soll uns etwa dannt der Eintritt in den Völkerbund schmackhafter gemacht werden, sollen wir dadurch geneigter gemacht werden zu Verträgen mit Frankreich? Es ist wohl saunt anzunehmen, daß ein deutscher Dipimnah oder eine deutsche Regierung durch derartige Versöhnungssymphonien der Presse Frankreichs sich in ihrem Urteil beeinflussen läßt.

Die überparteilichen Verbände Hamburgs zur Kriegs- schuldlüge.

Z Hamburg. Die überparteilichen Organisationen Hamburgs haben an den Reichspräsidenten ein Telegramm gesandt, in dem sie diesen bitten, seinen ihm in der Verfassung gewähr­leisteten Einfluß dahin geltend zu machen, daß das vom Reichskanzler Dr. Marx in der Reichstagssitzung vom 29. August 1924 dem deutschen Volk gegebene Versprechen bal­digst eingelöst und durch die Reichsregierung die Lüge von der Schuld Deutschlands am Welt­kriege zurückgewiesen werde. Da die Gegner Deutschlands diese Lüge zur Grundlage des Ver­trages von Versailles gemacht hätten und dieser Vertrag die Grundlage für die Behandlung Deutschlands bei den bevorstehenden Verhandlungen über dem.Tcherheits- pakt bilden werde, dürfe der Widerruf des erpreßten Schuld­bekenntnisses nicht länger hinausgeschoben werden, sollten die Verhandlungen über den Sicherheitspakt für das deutsche Volk zu politischen wie wirtschaftlichen Erleichterungen führen.

Danzigs Vertrauen zum Völkerbund erschütiert.

$ Danzig. Der Protest der Bevölkerung Danzigs gegen die Entscheiduna des Völkerbundes in dem Danzig-polnischen Postkonflikt gestaltete sich zu einer machtvollen Kundgebung, die der tiefen Empörung über die ungerechte Entscheidung des Völkerbundes Ausdruck gab. Folgende Entschlie­ßung wurde gefaßt:Zwanzigtausend auf dem Langen Markt versammelte Bewohner der Freien Stadt Danzig geben einmütig ihrer bitteren Enttäuschung darüber Aus­druck, daß der Völkerbundrat die Frage des Poststreites tm Sinne des für Danzig unerträglichen Gutachtens der Post- kommission entschieden hat. Das Vertrauen der Danziger Bevölkerung zum Völkerbünde als dem berufenen Beschützer der Rechts Danzigs hat einen neuen schweren Schlag er­litten. In Danzig kann man es nicht verstehen, daß neben dem staatlichen Postdienst der Freien Stadt ein eigener pol­nischer Postdienst im Innern der Stadt Danzig bestehen soll, insbesondere ist es unverständlich, daß die Postkommission keine Begründung für ihr Gutachten, uttb daß der Völkerbundrat die schweren Bedenken, die von der Freien Stadt geltend gemacht werden, gänzlich beiseite ge­schoben hat. Die Danziger Bevölkerung gibt der bestimm- ten Hoffnung und Erwartung Ausdruck, daß naef) .der vor­gesehenen Zeit von drei Monaten eine neue und auf den Grundsätzen des Rechts und der Gerechtigkeit ruhende Re- gelung der Postfrage erfolgt." Der Verein der Danziger in Deutsch-Eylau sandte folgendes Telegramm:Der Verein der Danziger Deutsch-Eylaus ist empört über die jedem Recht hohnsprechende Entscheid ung des Volk e r - bundrates im Poststreit und schließt sich einmütig der Protestkundgebung an."

Beginn der Danzig-polnischen Verhandlungen in Warschau.

' Warschau. Im polnischen Außenministerium in War- schau begann eine Konferenz mit dem Danziger Senator Staut über die Errichtung von Danziger Teilungen bei den polnischen Vertretungen im Auslande, was Danzig nach der Pariser Konvention zu verlangen hat. Die Verhand­lungen gestalteten sich bis jetzt reibungslos.

TschechischeAbrüstung".

Die großen Rüstungslasten für 1926.

4- Prag. Der tschechische Staatshaushaltplan für 1926 sieht folgende Ausgaben für das tschecholsowakische Heer vor: 10 Millionen Kronen für die Bedürfnisse des Kriegsmini- steriiinis, 7 Millionen Kronen für die französische Militär- nüsston, 2,75 Millionen Kronen für die Auslandsorgarie der Verteidigungsministeriums, 361 Millunum für die Besoldung