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Hersfelöer Tageblatt

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Frm m w ßersidd.. f Jk* nr.«. Amtlicher Mnzeiger für den Kreis Hersfels I iudidrudierei in Bersfeld, (Sifglied des VDZü |

Nr. 231 Freitag, den 2. Oktober 1925

Das Wichtigste.

Die deutsche Delegation für Locarno ist jetzt zusam­mengestellt; sie hat am Freitag Berlin verlassen.

Der russische Außenkommissar Tschitscherin war am Mittwoch abend vom Reichsaußenminister zu einem Abendessen geladen. Am Donnerstag gab ihm zu Ehren der Reichskanzler ein Frühstück, und am Nach­mittag fand eine Besprechung zwischen Tschit­scherin und Dr. Stresemann statt.

Die französisch-amerikanischen Schul- denverhandlungen sind zum Abschluß gekom­men. Der französische Finanzminister E a i l l a u x hat da­mit einen großen Erfolg für sich zu buchen.

Zum Geburtslage unseres Reichspräsidenten.

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Die heute nachmittag 3 Uhr erfolgte glückliche Ent­bindung meiner geliebten Frau Louise geb. Schwickart von einem munteren und kräftigen Söhnchen beehrt sich er- gebenst anzuzeigen

Posen, den 2. Oktober 1847

Beneckendorff von Hindenburg, Lieut. und Adjut."

Das ist die kurze, wenn auch verspätete Meldung, mit der bie glücklichen^ Eltern die Geburt unseres heute allver- ehrten Reichspräsidenten von Hindenburg bekanntgaben. 2der hatte wohl damals geahnt, daß diesesmuntere, kräftige Söhnchen" einmal in den schwersten Zeiten unseres Vater-

Demmunteren Söhnchen" wurde sehr früh, allzu früh, unfreiwillig eine militärische Erziehung zu teil. Die Mutter mietete eine Kinderfrau für den kleinen Erdenbürger, die sich in der Dunkelheit bei ihr vorstellte. Sie machte einen biederen und zuverlässigen Eindruck, und ihr wurde die Pflege des Kleinen übertragen. Bald aber mußte die Mutter feststellen, daß bie Kinderfrau eine sonderbare Alte war. Oft, wenn der kleine Schreihals sich etwas laut bemerkbar machte, schrie sie ihn barsch an:Ruhe in der Kompagnie!" Bereitete sie ihm ein Süppchen und war dies manchmal zu heiß, so ließ sie es sich abkühlen mit dem Bemerken, es müsse dem Kleinenmaulgerecht" gemacht werden. Später erfuhr die Mutter, daß die biedere Kinderfrau Marketenderin ge­wesen war.

Der Vater wurde in der Eigenschaft als Landwehr- Kompagnieführer 1850 von Posen nach Pinne kommandiert. Hier war wohl für die Familie und für die Kinder die glück­lichste Zeit, die sie je erlebten. Leider währte dieser ländliche Aufenthalt nicht lange; denn schon 1855 wurde der Vater mit dem Regiment nach Glogau versetzt. Der inzwischen schulreif gewordene Paul kam hier nach zweijährigem Besuch der evangelischen Bürgerschule in die Sexta des Königlichen Evangelischen Gymnasiums, bas er aber bereits ani 1. April 1859 verließ, um in das Kadettenkorps einzutreten. Er zog nach Walstatt, wo er im Kadettenhause eine harte und spar­tanische Erziehung erhielt. 1863 tauschte er Walstatt gegen die Hauptkadettenanstalt in Berlin ein. Von hier aus zog er 1866 als junger, hoffnungsfroher Leutnant in den Deutsch- dänischen Krieg, wo er sich für sein tapferes Verhalten den Roten Adlerorden IV. Klasse mit Schwertern verdiente Heiß pulste in seinen Adern das Soldatenblut, und mit Be­geisterung faßte er seinen Beruf auf, was er in den vielen Briefen an seine Eltern immer wieder bekundete.

Hart am Tode ging er vorbei, als er mitten im Kugel­regen durch den Adler seines Helms einen Schuß bekam, der ihn am Kopf streifte.Einen halben Zoll tiefer, und die Kugel wäre ins Gehirn gedrungen, und ich läge tot und kalt auf der Walstatt", so schreibt er damals an seine Eltern. Dem Kriege von 1866 folgte der von 1870/71, den der junge Leutnant begeistert und tatendurstig mitkümpfte und aus dem eine Reihe von Briefen an seine Eltern vorliegen.

Im Herbst 1873 wurde Paul von Hindenburg zur Kriegsakademie kommandiert. Es war die Zeit, in der Hin- denburgs Lehrer, Oberstleutnant z. D. Professor Dr. phil. h. c. Pochhammer, über ihn schrieb:Hindenburg hat stets irgendeine Sektion der Generalstabskarte vor sich liegen, auf der er still zu arbeiten begann, sobald der Vortrag des Lehrers ihn nicht interessierte."

Nach dreijährigem Studium wurde Hindenburg 1878 Hauptmann im Großen Generalstab und kam dann zum zweiten Armeekorps nach Stettin, wo er sich 1879 mit Ger­trud Wilhelmine von Sperling verheiratete.

Verschiedentlich wechselt der Offizier in den kommenden Jahren seine Garnison, wird 1900 Kommandeur der 28. Di- Vision in Karlsruhe und 1903 zu Kaisers Geburtstag Kom- mandierender General des 4. Armeekorps in Magdeburg, in welcher Stellung er bis zum Frühjahr 1911 blieb. Dort nahm er dann den Abschied, weil er schon acht Jahre Kom-

Unserm Reichspräsibenken als Glückwunsch.

Du sollst an Deutschlands Zukunft glauben, An Deines Volkes Auferstehn.

Latz diesen Glauben dir nicht rauben, Trotz allem, allem, was geschehn. And handeln sollst Du so, als hinge Von Dir und Deinem Tun allein Das Wesen ab der deutschen Dinge, And die Verantwortung wär' Dein.

mandierender General war und stets den Grundsatz ver­treten hatte, man solle auch dem Nachwuchs Raum schaffen und den Zeitpunkt nicht verpassen, zur rechten Zeit zu gehen. Dann zog er nach Hannover, der Stadt, in der er nach dem Kriege 1866 als junger Leutnant stand. Von hier rief die Kaiserliche Ordre 1914 den verdienten General zur Ostfront und machte ihn zum Führer der gegen die russische Armee kämpfenden deutschen Korps. Der Sieg bei Tannen- b e r g brächte ihm den Rang eines Generalobersten. Tannen- berg und von Hindenburg find damals zwei Namen ge­worden, die mit ehernen Lettern in das Buch der Welt­geschichte eingetragen wurden.

Er führte die deutschen Armeen im Osten von Sieg zu Sieg, und sein hoher Kriegsherr kargte nicht mit der Aus­zeichnung seines treuen Feldherrn. Am 26. November 1914 erhielt er die Beförderung zum Generalfeldmarschall.

Wozu noch den Sicgeszug beschreiben, den die deutschen Armeen, geleitet von der sicheren Hand ihres Generalfeld- marschalls, durch alle Lande im Osten, Westen und Süden nahmen? Es wäre ein Siegeszug geworden, ein Ruhmesblatt für alle Zeiten, wenn das Schicksal mit dem deutschen Volke es nicht anders bestimmt hätte. Er, der sein deutsches Vater­land zum höchsten Ruhme geführt hatte, mußte seine tiefste Erniedrigung erleben. Gebeugt, aber unverzagt, vertrauend auf den Wiederaufstieg seines geliebten deutschen Volkes, so führte er seine Truppen, soweit er sie noch in der Hand hatte, in die Heimat zurück. Und dann zog er sich zurück in die Einsamkeit, von der aus er im Alter all die Schmähun­gen und Erniedrigungen seines Vaterlandes miterleben mußte.

Hin und her gerissen wurde das deutsche Volk durch der Parteien Gezänk. Ein Krieg im Frieden seit dem unglück­seligen Kriegsende von 1918. Nie hätte es der verdiente Heerführer je geahnt, daß ihn feines Volkes Liebe und Dankbarkeit noch einmal an die Spitze des Reiches rufen würde, um sich ihm, dem erprobten Helfer in Kriegsgefahr, als Netter aus schwerer Not und Führer zu einer besseren Zukunft anzuvertrauen. Aus feiner Ruhe riß ihn des Volkes Ruf; aber er folgte ihm, denn er hielt es für feine Pslicht, der Stimme des Voltes zu gehorchen.

Heute, am 2. Oktober, begeht Paul von Hindenburg als Reichspräsident feinen 79. Geburtstag. Die Glückwünsche seines Volkes bringen von allen Seiten in das stolze Palais in der Wilhelmstraße. Möge uns dieser Reichspräsident, dieser Retter in höchster Not, noch lange erhalten bleiben; möge er es erleben, daß die Großtat, die er durch Ueber­nahme des höchsten Amtes im Reiche verbrachte, reichen Segen bringt, damit unser geknechtetes deutsches Volk in nicht allzu weiter Ferne wieder frei dasteht, frei und stark unter seinem Führer und Präsidenten Paul von Hinden­burg. Dr. M.

Sicherheiispakt und Kriegsschuldliige

Die Antwort Deutschlands auf das Einladungsschreiben zur Paktkonferenz und die dazu gemachten Erklärungen der deutschen Geschäftsträger in Paris und London haben dort eine nicht allzu wohlwollende Aufnahme gefunden. Es ist den Alliierten feit dem Abschluß des Schandvertrages von Versailles immer unangenehm gewesen, wenn von deutscher Seite die Kriegsschuldlüge aufgerollt wurde.

Leider haben frühere deutsche Regierungen es unter­lassen, diese unerhörte Beschuldigung rechtzeitig und nach­drücklichst zurückzuweisen. Auch die Erklärung der Regierung Marx vom August 1924 blieb in den Anfängen stecken, da man sich damals scheute, die Erklärung zu notifizieren. So ist es möglich gewesen, daß auf dem deutschen Volk noch sieben Jahre nach Beendigung des Krieges die unerhörte Lüge lastet, mit der man es vor der Welt als den Urheber des Krieges hinstellte.

Jetzt handelt es sich darum, daß Deutschland in den Völkerbund ausgenommen werden soll. Folgt Deutschland dieser Aufforderung, so ist es aber notwendig, daß ihm volle Gleichberechtigung mit den anderen im Völkerbund ver­tretenen Staaten zuteil wird. Dieser Zustand läßt sich jedoch erst dann erreichen, wenn man von dem deutschen Volke die Lüge nimmt, mit der es gebranndmarkt wurde. Es war also unbedingt nötig, daß die deutsche Regierung in dem Augenblick, wo sie zur Sicherheitskonferenz nach Locarno zu gehen entschlossen war, auf der ja auch die Frage der Ausnahme Deutschlands in den Völkerbund zur Sprache kommen soll, die Kriegsschuldlüge nochmals aufs Tapet bringen mußte.

Wenn ein Teil der Presse darin, daß die Erwähnung der Kriegsschuldlüge im Lager der Alliierten recht kühle Auf­nahme fand, eine Niederlage der deutschen Regierung er­blicken will und behauptet, daß die deutsche Delegierten, nach­dem sie schon vor ihrer Reise noch Locarno eine recht scharfe Abweisung erfahren haben, gedemütigt an den Konferenz­tisch treten, so entspricht diese Auffassung doch wohl nicht ganz den Tatsachen. Man sollte sich dahin durchringen, daß man eine gewisse Sensibilität, mit der man an alle Dinge heraugeht, fallen läßt und sich nicht scheut, klar heraus das zu sagen, was doch einmal gesagt werden muß. Allzu sensibel ist man bei uns bisher bei der Erwähnung der Kriegs­schuldlüge gewesen. Nur immer die Furcht, eine derartige unangenehme Sache könne die Alliierten verstimmen, hielt die deutsche Regierung bisher ab, sich mit allem Nackdruck gegen die Kriegsschuldlüge zu wehren. Die Alliierten werden immer, ob heute oder morgen, Verstimmung zum Ausdruck bringen, wenn die Frage der Schuld am Kriege von irgend­einer Seite aufgerollt wird. Weshalb aber die Bereinigung dieser Angelegenheit verzögern, wenn sie sich doch nicht um- gehen läßt? Will Deutschland einen Platz unter der Sonne erringen, so muß es sich von dieser ihm aufgebrängten Schuld befreien, das verlangt deutsche Ehre und deutsches Selbst­bewußtsein.

Wenn schließlich sogar behauptet wird, daß an der Auf- rollung der Kriegsschuldlüge die Sicherheitskonferenz hätte scheitern können, so muß demgegenüber betont werden, daß man die Regelung der Kriegsschuldfrage nicht als Vor­bedingung für die Teilnahme an der Sicherheitskonferenz ge­macht hatte. Weil die deutsche Regierung voraussah, daß die Alliierten die Erwähnung der Schuldfrage nicht gerade mit Freude aufnehmen würden, hat man ja auch formell diese Frage von der Annahme der Einladung getrennt.

Dasselbe gilt auch von der Räumung des unrechtmäßig besetzten Gebietes. Auch sie mußte erwähnt werden, ohne daß man sie, wie es auch die deutsche Regierung getan hat, zur Bedingung für die Teilnahme einer Konferenz machte. Und doch ist es ein Widerspruch, wenn die Miierten heute einen Sicherheitspakt mit Deutschland abschließen wollen, ohne das Kriegsbeil begraben zu haben, denn in der Besetzung deutschen Bodens kann ein Deutsck>er nur eine feindliche Handlung erblicken. Die deutsche Regierung will ja nicht einmal an der Frage der Besetzung deutschen Bodens prinzipiell rühren, hat sie doch in dem Versailler Vertrag das Recht zur Besetzung gewisser Teile eingerüumt. Aber deshalb muß doch das deutsche Land, das unrechtmäßig und über die Frist hinaus besetzt wurde, endlich wieder geräumt werden. Wie soll denn ein Deutscher an den Sicherheitspakt glauben, wenn er sieht, daß nicht einmal die Worte des Versailler Vertrages von den Alliierten eingehalten werden. So ist doch eine Sphäre des Vertrauens und der Aus- söhnung nie zu erreichen, trenn die eine der rertrag-

schließenden Parteien berechtigten Grund hat, an der Ehrlich, feit des andern zu zweifeln.

Deshalb darf man wohl annehnren, daß die Alliierten auf der Konferenz in Locarno nicht um die Erwähnung dieser Fragen, die die deutschen Geschäftsträger jetzt schon vorbrachten, herumkommen. Sie werden bald einsehen müssen, daß sich eine Trennung des großen Fragenkomplexes von der Frage der Sicherheit nicht vornehmen läßt. Und eben deshalb, tretl sich die ganzen Fragen von selbst ein- stellen werden, hat die deutsche Regierung darauf verzichtet, von ihnen die Teilnahme an der Konferenz abhängig zu machen. Im übrigen ist es immer dasselbe Spiel, daß die Alliierten im ersten Moment ihre scharfe Ablehnung zum Ausdruck bringen, während sie bei gründlicher und längerer Ueberlegung durchaus milder urteilen.