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Hersfelöer Tageblatt Hersfel-er Kreisblatt" Amtlicher Anzeiger für den kreis Hersfels

Nr. 232 Sonnabend, den 3. Oktober 1925

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Das Wichtigste.

Reichspräsident von Hindenburg hat seinen Geburtstag auf dem Lande verbracht. Auf seinen Wunsch wurde sein Aufenthaltsort nicht be- k a n n t gegeben.

In dem Kabinettsrat am Donnerstag wurde neben der Frage der Sicherheitskonferenz auch der Ab­schluß eh.es deutsch-russischen Handels­vertrages erörtert. £cs ist mit baldigem Ab­schluß des Vertrages zu rechnen.

Die Delegationen der auf der Sicherheits­konferenz vertretenen Länder werden alle an diesem Sonntag in Locarno fein, wo sie der schweizerische Bundespräsident Motta begrüßt.

Wochenschau

Die vergangene Woche stand im Zeichen politischer Hoch­spannung. Nachdem die Annahme der Einladung zur Sicherheitskonferenz von allen zuständigen Stellen im Reiche beschlossen war, ging die deutsche Antwort auf die Einladung in die Hauptstädte der alliierten Länder ab. Gleich­zeitig gaben die deutschen Geschäftsträger mündliche Erklä­rungen ab, in der sie auf Lebensfragen des deutschen Volkes zu sprechen kamen. Ausdrücklich war bei diesen Fragen, die durch die Geschäftsträger mündlich vorgebracht wurden, emerkt, daß sie nicht als Bedingungen oder Vorbehalte für der Sicherheitskonferenz an- it der

bemerkt, daß sie nicht als -----

die Teilnahme Deutschlands an . , zusshen seien. Und doch mußte die Kriegsschuldlüge, sich das deutsche Volk seit dem Versailler Vertrag herumträgt, Die Frage der Räumung der Kölner Zone, die von den Alli­ierten mit seltsamer Schweigsamkeit Übergängen wird, noch einmal vorgebracht werden. Die Erwiderung in Paris und London war recht scharf und abweisend, und sowohl Briand wie Chamberlain entgegneten, daß die beiden Fragen nicht in irgendeinem Zusammenhang gebracht werden dürften mit den Sicherheitsverhandlungen. Es wird sich zeigen, ob Sicherheitsverhandlungen ohne Erörterungen oer oewen Fragen möglich sein werden, nolens volens werden sie sich dazwischendrängen. r ....

Kurz vor der Abreise der deutschen Delegation in Berlin der russische Außenkommissar Ts ch i ts ch eri n em- getroffen. Seine Mission hat zwei Aufgaben zu erfüllen. Zunächst soll Tschitscherin den Boden zum Abschluß eines deutsch-russischen Handelsvertrags ebnen, dann aber wird man kaum fehlgehen, wenn man behauptet, daß Tfchitscherins Berliner Besuch im engsten Zusammenhang »nt den bevor­stehenden Sicherheitsverhandlungen zu bringen ist. Noch ist nicht bekannt, was in b^ Unterredung zwischen Tschitscherm und dem Reichsaußenminister erörtert worden ist. ,

Gegenüber dieser hohen Außenpolitik trat die innere und Wirtschaftspolitik in vergangener Woche in den Hinter­grund. Bemerkenswert ist jedoch, daß die Reichsregierung ihren Vorsatz, mit allem Nachdruck eine Senkung des Preisniveaus herbeizuführen, durchsetzen will. Das be­weist der Reichswirtschaftsminister mit fernem Vorgehen gegen sechs Textilverbände, gegen die er vor dem Kartell­gericht Klage auf Beseitigung von Valutaklauseln angestrengt hat. In einem umfangreichen Memorandum hat die Reichs- regierung eine zusammenfassende Darstellung. über: ihre Maß- nahmen zur Preissenkung gegeben. Daraus geht hervor, daß die Regierung mit den Industrieverbanden m dung getreten ist und sie zu einer Preissenkung ihrer Er- zeugnisse veranlaßt hat. Die Kartelle stehen unter scharfer Bewachung der Regierungsorgane. und in allen Verkaufs- zwelgen wird auf Innehaltring der Angemeffenheltspreise gesehen, wobei man bei Feststellung von PreiSiiberschreitun- gen vor Schließung der Läden nicht zuruckschrecken wird. Der freien Konkurrenz soll wieder Geltung verschafft werden. Stach die Banken haben sich der Preissenkungsaktion ange-

^Leider können die Maßnahmen der Regierung durch die in letzter Woche wieder zunehmenden Streiks m den verschiedensten Gewerbezweigen illusorisch werden. Berlin erlebt zurzeit einen Streik im Speditlonsgewerbe. Bei den Bäckern und Fleischern, im Derkehrsgewerbe unb bei den Bergarbeitern herrscht eine starke^..Lohnbewegung,^ausrer sich schwere Lohnkämpfe ergeben können. Diese Bewegung wird das Bestreben der Regierung zur Derbilligung aller Bedarfsartikel schwer beeinträchtigen.. ~ w

Nicht übersehen werden soll bei der Wochenschau der Besuch GSmiers, des Direktors des Pariser Odeom Theaters, in Berlin. Gönner ist zweifellos der maßgebende Theatermann in Frankreich. Erfüllt von den hohen Seeälen der Kunst, überzeugt von der hohen Mission der Kunst, hat sich Kerr Gemier noch Berlin begeben. Er will die Der- föhnung der beiden hadernden Nachbarn durch die Kunst versuchen. Dem deutschen Theaterpublikum will er fran- zösische Stücke mit französischen Darstellern bringen und dafür nach Paris gute deutsche Stücke bringen, die in einem eigens dazu vorgesehenen Theater zur Aufführung kormnen sollen. Dadurch soll gewissermaßen eine geistige Am standegebracht werden, ein Volk soll das andere i lernen. So soll die Kunst im Geiste der wirken. Fraglich ist dabei, ob Herr Gämier seine Pläne wird durchführen können, ob sich deutsche Künstler unt Regisseure genug finden werden, um in Paris zu spielen

;rung zu. :r kennen»

und umgekehrt; dann ist noch fraglich, ob es in Paris ein Publikum für die deutschen Stücke gibt, und ob in Berlin genügend Kunstverständige für französische Kunst vorhanden sind, die auch trotz Frankreichs politischem Unfriedensgeist der französischen Kunst ihr williges Ohr leihen wollen. Der ganze Plan steht also vorläufig noch reckst wenig auf realem Boden. Die kommenden Verhandlungen in Locarno werden zeigen, ob der Geist der Kunst über den des politischen Fanatismus zu siegen Aussicht hat.

Der Geburtstag des Reichspräsidenten

H Berlin. Reichspräsident von Hindenburg ver­brachte seinen Geburtstag auf dem Lande in aller Zurück- gszogsnheit. Es entspricht dem Wunsche des Reichspräsi­denten, daß sein Aufenthaltsort nicht genannt wird. Schon am frühen Morgen war eine große Anzahl von Glückwunsch- adressen bei dem Reichspräsidenten aus allen Teilen des gleiches sowie aus dem Auslande eingelaufen. Auch die Reichsregierung und die arideren Regierungen hatten Glück- wünfche Lberbrachi.

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Geburtstagsgrüße der Stadt Bochum an Hindenburg.

H Bochum. Der Oberbürgermeister von Bochum sandte an den Reichspräsidenten zu dessen^ Geburtstag folgendes Glückwunschschreiben:Siemens der Stadt Bochum darf ich Ihnen zum Geburtstagsfest die aufrichtigsten Glückwünsche übermitteln. Der Glückwunsch an unseren Ehrenbürger hat in diesem Jahr, in dem das deutsche Volk ihm das höchste Amt, das es zu vergeben hat, in freudiger Wahl übertrug, einen ganz besonderen Wert. Ihr leuchtendes Beispiel gilt gerade dem arbeitenden Volke an der Ruhr als Symbol, wie der Imperativ der Pflicht im Sinne des großen Königsberger Philosophen gegenüber dem Vaterlande zu verwirklichen ist. Ihr Besuch in Bochums Mauern aus Anlaß unserer Befreiung vom fremden Joch wird in der Geschichte unserer Stadt und des gesamten Industriegebietes unvergessen bleiben."

Die Glückwünsche an den Reichspräsidenten.

Berlin. Die Vereinigten Vaterländischen Verbände sandten an den Reichspräsidenten folgendes Telegramm: ,,Ew. Exzellenz spreche ich namens der Vereinigten Vaterländischen Verbände Deutschlands die ehrerbietigsten Glückwünsche aus. Ihr Geburtstag fällt in eine Zeit, wo tiefste Sorge auf allen nationalen Kreisen-wegen der Entwicklung der Sicherheits- paktverhandlungen liegt. Möge es Ew. Exzellenz gelingen, im neuen Lebensjahr möglichst weite Kreise des deutschen Volkes auf nationaler Grundlage zu einigen, um dadurch das Reich allmählich einer dessen Zukunft entgegenzuführen. gez. v. d. Goltz."

Hannover. Der Magistrat der Stadt Hannover hat fol­gendes Glückwunschtelegramm an den Reichspräsidenten ge­sandt:Millionen deutscher Stammesbrüder gedenken heute in inniger Verehrung des ruhmreichen Führers im großen Kriege, des Befreiers Ostpreußens und des Schützers deut­scher Grenzen gegen eine Welt von Feinden. Dankerfüllt und voller Zuversicht blickt das deutsche Volk an diesem Tage auf seinen getreuen Eckart, der seiner Jahre nicht achtend seiner Treue zum Vaterlande durch die Uebernahme der verantwortungsvollen Bürde des Amtes des Reichspräsiden­ten Ausdruck verlieh. Voll stolzer Befriedigung begrüßen wir in dem bewährten Führer deutscher Stämme in Krieg und Frieden den Ehrenbürger unserer Stadt. Es gereicht uns zur besonderen Ehre, diesem zu seinem 78. Geburtstage die allerherzlichsten Glückwünsche aussprechen zu können. Der unerschütterliche Glaube Ew. Exzellenz an den Wieder- aufstieg des deutschen Volkes und die ungebrochene Kraft, die uns aus Ew. Exzellenz Worten und Taten entgegen- leuchtet, gibt uns die Gewißheit, daß Ew. Exzellenz Wirken und Schaffen als erster Diener des Reiches auch in Friedens­zeiten dem deutschen Volke zum Segen gereichen wird. Mit dem innigen Wunsche, daß Ew. Exzellenz uns allen noch manches Jahr in alter Kraft und Frische erhalten bleiben möge, verbinden wir die Bitte, die Versicherung treuen und ehrerbietigsten Gedenkens entgegennehmen zu wollen."

Aus dem Kabrneiistai.

Vor dem Abschluß eines deutsch-russischen Handelsvertrages?

^ Berlin. Das Reichskabinett tagte Donnerstag nach­mittag bis gegen acht Uhr. Es wurden verschiedene laufende Arbeiten erledigt, die infolge der Abreise des Reichskanzlers und des Außenministers verabschiedet werden mußten. Ein­gehend wurde auch der Stand der deutsch-russischen W i r t s ch a f t s v e r h a n d l u n g e n und der letzte Ver­tragsentwurf erörtert. Ueber irgendwelche Beschlüsse ist amt­lich nichts besannt geworden. Wie jedoch verlautet, sind die Aussichten für eine'deutsch-russische Einigung in der Handels­vertragsfrage nicht ungünstig, wenngleich die Be- sprechungen noch nicht zum Abschluß tarnen. Nach Genehmi­gung des Vertragsentwurfs durch das Kabinett werden sich einige Herren der deutschen Delegation unter Führung des früheren Staatssekretärs v. K ö r n e r nach Moskau begeben, um dort den Vertrag zu unterzeichnen. Der von den beiden

Delegationen vereinbarte Entwurf ist ein umfangreiches Do­kument, das nach den in acht Artikeln verfaßten einleitenden Bestimmungen in einzelnen Sonderabkommen die Wirt- schafts-, Handels- und Steuer-, Eisenbahn- und Seeschiffahrts­interessen sowie Fragen des Niederlassungsrechts, des per­sönlichen und gewerblichen Rechtsschutzes regelt.

England zum Besuche Tfchitscherins in Berlin.

London. Der Besuch Tfchitscherins erregt in Londoner politischen Kreisen große Aufmerksamkeit. Man betrachtet den deutschen Widerstand gegen den Paragraph 16 als durch die Unterzeichnung des Vertrages von Rapallo bedingt. Die Time s" schreiben an leitender Stelle, daß Deutschland das erste größere Land sei, das sich zu einem Abkommen mit der Sowjetregierung verstanden habe. Es wäre sicherlich für Moskau recht traurig, wenn der Vertrag von Rapallo zunichte gemacht würde. Tschitsc^rin werde alle seine diplomatischen Künste auf Herrn Stresemann angewendet haben, um ihn von einer Verbindung mit den Westmächten abzuhalten.

Der Empfang der Delegation in Locarno.

4- Paris. Wie verlautet, werden am Sonntag bereits alle Verhandlungsteilnehmer in Locarno eingetroffen sehr, auch der schweizerische Bundespräsident Motta wird am Sonntag in Locarno eintreffen, um den Gästen den Gruß der schweizerischen Regierung zu entbieten. WieParis Sott" meldet, werden die Vertreter Polens und der Tschech». slowakei erst am kommende» Donnerstag oder Freitag in Locarno eintreffen.

Aus Rom wird gemeldet, daß Mussolini, dessen unmittelbare Rückkehr bevorsteht, die mit beut Sicherheitspakt in Zusammenhang stehenden Fragen prüfen will, um den Charakter der Teilnahme Italiens an der Locarnoer Konfe­renz festzulegen. DieTribuna" meldet, daß Mussolini über sie Haltung Italiens eine Erklärung vor dem am fünften Oktober zusammentretenden Ministerrat abgeben will. Was die italienische Delegation auf ber Konferenz in Locarno anlangt, so wird der Unterstaatssekretär im Aus­wärtigen Start, Grand:, den Standpunkt Mussolinis bar- eÄi ^ das -WU^MMs Dsl«Mtiorr^jus. einzelne gehende Richtlinien mitbekommen wird, W jedoch nicht vollkommen ihre Bsvegungsfreiheit ausschließen. Man hat den Eindruck, daß bei der italienischen Regierung jetzt eher die Neigung besteht, dem Pakt beyutreten. _ Die Ver­treter Italiens werden auf der Konferenz ihren Standpunkt über die Garantie der Brennergrenze vorlegen.

Die britische Arbeiterpartei gegen den Sicherheitspakt

London. Die Jahresversammlung der britischen Arbeiterversammlung in Liverpool beschäftigte sich mit poli- tischen Fragen. MacDonald sprach über die bevorstehende Konferenz der Außenminister und erklärte, daß die britische Arbeiterpartei von vornherein gegen den Sicherheits­pakt Stellung genommen habe. Ferner teilte MacDonald mit, daß nach Veröffentlichung des Sicherheitspaktes eine internationale Konferenz der sozialisti­schen Organisationen zur Bekämpfung des Paktes zusammengerufen werde. Auch der Besuch Tfchitscherins in Berlin war Gegenstand lebhafter Erörterun. gen, da er im allgemeinen nicht nur als Vorstoß der Sowjets gegen den Sicherheitspakt sondern auch gegen die w est - liche Orientierung verdeutschen Regierung angesehen wird.

Locarno-

Locarno, der Konferenzort, ähnelt in nichts seiner be­kannten Nachbarstadt Lugano, die man zuerst für die Ab­haltung der Besprechungen ausersehen hatte. In Lugano Alaffen protzender HotelMlüste, klingelnde Straßenbahnen, rasende Autos, elegantes Nachtleben. Locarno dagegen zeigt ein verträumtes, hjpifd) italienisches Stadtbild: Mit seinem Marktplatz, von jenen so echt italienischen Galerien umgeben, wo man alles taufen kann, von der Zahnbürste bis zur Schiffskarte nach Amerika, mit seinen engen, winkligen Güß- chen und mit dem ragenden Wahrzeichen der Stadt, mit der Madonna del Sasso, jener trutzigen Klosterkirche, die hoch über Locarno auf die glitzernde Fläche des Sago Maggiore

Aber auch hier wird es wohl bald so aussehen, wie igano; denn auf dem Marktplatz, wo Cook alltäglich seine in diesen Ort gekommenen Herden Reisender absetzt, befindet sich als Zeichen der neuen Zeit eine Tankstelle, und auf die Madonna del Sasso führt eine Drahtseilbahn, wo hinein sich die Misses und Misters setzen, denen die halbe Stunde Einstieg zu viel ist.

Die Konferenz findet im Gerichsgebäu-e, das im Zentrum der Stadt gelegen ist, statt. Von hier toiirmt man in zwei Minuten zum Graird-Hotel, das die EnglmKer und Franzosen beherbergt. Es ist ein Prachtbau im wcchrsteu Sinne des Wortes, angeblich ein früheres Schloß, mit riesigen Marmorhallen, vornehm wirkenden diskr'et eingerichteten Speifesälen, und von einem wundervollen Palmenpark um­geben.

Die deutsche Delegation dagegen wohnt wett ungünstiger. Draußen, in dem Villenvorort Minusio, im H o t e l E s p I a n a d e. Ein früheres Sanatorium mit den vielen Balkons, offenbar für Lungenkranke berechnet. Mit der verschLvenderisä>en Eleganz des Grand-Hotel kann sich das Esplanade natürlich nicht hn entferntesten messen. Auch dürfte die halbe Gehstunde zum Gerichtsaebaude sicherlich