Hersftlöer Tageblatt
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Nr. 234
Dienstag, den 6. Oktober
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1925
Das Wichtigste.
— Die Sicherheitskonferenz in Locarno hat am Montag vormittag begonnen. Den Vor- 1 i 6 führte der englische Außenminister Chamberlain.
— Der russische Außenkommissar T s ch i t s ch e r i n wird vermutlich am Mittwoch vom Reichspräsidenten von Hindenburg empfangen werden.
— Der Sudetendeutsche Heimatbund hielt am Sonnabend und Sonntag seine Verbandstagung in Berlin ab. Von den Rednern wurde vor allem die Knechtung des Deutschtums durch die Tschechen behandelt.
Die Lage -es deutschen Kohlenbergbaues.
„ Die Wirtschaftslage im Monat Sepetember hat sich nicht wesentlich gegenüber dem Vormonat, geändert. Die Umstellung des Ruhrkohlenbergbaues' hat zu einer Erleichterung der Absatzkrise geführt, wenn auch die Räumung der Halden nur sehr langsam vor sich geht. Die Klagen über die schlechte Lage der Eisenindustrie, besonders der Großeisenindustrie, sind noch nicht verstummt. Die Lage des Arbeitsmarktes zeugt von einem nicht ungünstigen Beschäftigungsgrad der Wirtschaft, ohne daß aber daraus Schlüsse auf den Ertrag der deutschen Wirtschaft gezogen werden können.
Die Lage des Ruhrbergb aues hat sich im Berichtsmonat nicht. gebessert, aber auch nicht weiter verschlechtert. Je mehr die Hoffnung auf einen baldigen Umschwung schwand, um so mehr mußte man die Produktion der verringerten Absatzmöglichkeit anpassen. Man hat die ungünstig arbeitenden Zechen stillgelegt und den Betrieb auf die günstigeren Zechen konzentriert. So hat man indirekt die leistungsfähigen Betriebe kräftiger und widerstandsfähiger gemacht.
Auf dem Kohlen markt machte sich bereits das Her- MP4te^^ wenig »eUench Der Auslandsabsatz wurde durch die nach abgewandter Streikgefahr kräftig vorstoßenden Bemühungen der Engländer erschwert. Auf dem internationalen Kohlenmarkt, vor allem auf dem europäischen, begegnen sich die beiden Kohlenprodu- zenten Deutschland und England immer wieder in schärfster Konkurrenz. Bei der Lage, in bet sich der Bergbau beider Länder befindet, ist es begreiflich, daß man sich über die Möglichkeit von Vereinbarungen Gedanken macht. Ueber dieses Lorstadiüm ist aber die schwierige Frage noch nicht hinaus- gekoMmen. Die H all d e n b e st ä n d e auf den Zechen haben im vergangenen Monat etwas abgenomen, betragen aber immer noch rund 9 Millionen Tonnen. Die Zahl der Feierschichten betrug bis zum 25. September 191328 gegenüber rund 250 000 in der gleichen Zeit des Vormonats. Der Rückgang ist im wesentlichen auf die Produktionspolitik zurück- zuführen, daß an Stelle von Feierschichten die wenig rentablen Betriebe stillgelegt wurden. Die Arbeiterentlassungen zeigen nur eine unwesentliche Verschiebung gegenüber dem Vormonat. Die Zahl aller Bergarbeiter im Ruhrbergbau wird für Ende August mit 408 233 angegeben. Die Stillegung ganzer Betriebe ist weitergegangen. Insgesamt sind seit Anfang dieses Jahres mehr als 60 Betriebe stillgelegt und etwa 80 000 Arbeiter entlassen worden. Die Kohlenpreise sind vom 1. September ab für das Rheinisch- Westfälische Kohlensyndikat infolge Fortfalls der für einige Sorten festgesetzten Sommerpreise geändert worden.
In der L o h n f r a g e hatte der Zechenverband den staatlichen Schiedsspruch auf Verlängerung der bisherigen Lohnordnung bis zum 31. Oktober angenommen. Auf den Protest der Bergarbeiterverbände hatte das Reichsarbeitsministerium erklärt, eine weitere Erhöhung der Löhne angesichts der gegenwärtigen Lage nicht befürworten zu können.
Die Lage des ober schlesisch en Steinkohlenbergbaues befriedigte auch im September. Die Förderung wird nach vorläufiger Schätzung rund 1380 000 Tonnen, das heißt bei 26 Arbeitstagen 53 200 Tonnen arbeits- täglich erreichen. Die entsprechenden endgültigen Ziffern für August lauten: 1332 058 Tonnen und 51233 Tonnen bei ebenfalls 26 Arbeitstagen. Die Förderung hat sich also weiter erhöht. Der Absatz vollzog sich ohne Schwierigkeiten. Die an- geforderten Eisenbahnwaggons wurden restlos gestellt. Kahn- raum war hinreichend an geboten. Die Verfrachtung nach den Küstengegenden hat sich verstärkt, ebenso die Ausfuhr nach den Nachfolgestaaten des früheren Oesterreich-Ungarn. Bei der starken Konkurrenz der westdeutschen Kohle in den innerdeutschen Absatzgebieten waren die Preise stark gedrückt. Ueber die bereits im August erhobene Forderung der Arbeitnehmer, die Löhne um 20 Prozent zu erhöhen, wurde vor dem Schlichter bisher ergebnislos verhandelt. Entsprechend der Herabsetzung der limfatjftcucr werden die Kohlenpreise am 1. Oktober um 0,5 Prozent ermäßigt. , „
Im nie d e r s ch l es i s ch e n Steinkohlenberg« bau bezirk beträgt die arbeitstägliche Rohförderung nach den bis jetzt vorliegenden Ergebnissen 20 841 Tonnen gegenüber 19 785 Tonnen im Monat August. Die arbeitstägliche Koksherstellung hat sich von 2572 Tonnen auf 2582 Tonnen vermehrt. Die Brirettherstellung war durch Störungen in zwei Brikettfabriken erheblich vermindert. Die Haldenbe- stände sind zurückgegangen. Die Ausfuhr dürfte die Ziffer des Vornwnats erreichen.
Im mitteldeutschen Braunkohlengebiel hat die Förderung eine leichte Steigerung erfahren. Die Wagengestellung war gut. Streiks und Aussperrungen fanden nicht statt. Die Zahl der Arbeiter und Angestellten betrug rund 89 000.
Beginn der Verhandlungen in Locarno.
❖ Locarno. Nachdem im Laufe des Sonntags alle Delegationen vollzählig in Locarno eingetroffen waren, begann sofort das übliche diplomatische Spiel.
Der ftanzösische Außenminister B r i a n d hatte im Laufe des Sonntagnachmittags eine zweistündige Unterredung mit dem englischen Außenminister Chamberlain.
Reichskanzler Dr. Luther machte in Begleitung des Ministerialdirektors Schubert mchrere Besuche, an die sich eine Besprechung des Ministerialdirektors mit den Chefs der französischen und englischen Delegation anschloß, in der die technische Frage des Vorsitzes bei der Konferenz und der Reihenfolge der Verhandlungsgegenstände erörtert wurde.
Die erste Sitzung begann am Montag vormittag 11 Uhr. Der schweizerische Bundesrat Motta begrüßte die Staatsmänner.
Die voraussichtliche Dauer der Konferenz wird in den politischen Kreisen der Konferenzteilnehmer auf etwa zehn bis zwölf Tage angssetzt. Trotz der großen, zu überwindenden Schwierigkeiten wird von allen Delegationen ein starker Optimismus zur Schau getragen.
Luther und Stresemann an die deutsche und ausländische Presse.
Im Billardsaal des Hotels Esplanade, der zum Presse- Empfangsraum umgestaltet wurde, sprachen am Sonntag vormittag Reichskanzler Dr. Luther und Außenminister Dr. Stresemann in zwangloser Form mit der deutschen Presse, Der Reichskanzler bemerkte unter anderem, er hoffe, daß es gelingen werde, mit ihr im Interesse des Vaterlandes gemeinschaftlich an dem großen Fiel zu arbeiten, um das es es stehe fest, daß man das ernste Bemühen zeigen wolle, in gemeinsamer Arbeit für Deutschland und Europa den wirklichen Frieden zu sichern.
Der Kanzler kam dann darauf zu sprechen, daß von feiten der Entente ernstlich die Frage des Sicherheitspaktes mit der Frage des (Eintritts Deutschlands in den Völkerbund verknüpft worden wäre. Es sei, wie auch längst bekannt, von deutscher Seite auf die Schwierigkeiten hingewiesen worden, die durch die Verkoppelung dieser Fragen entstanden seien. Deutschland erstrebe einen wirklichen und aufrichtigen Frieden auf konkreter und sicherer Unterlage. Auf der anderen Seite läge Deutschland, das völlig entwaffnet sei, inmitten von Staaten, die mit der Entwaffnung, wie sie im Berttag von Versailles festgelegt wäre, noch nicht einmal begonnen hätten. Jedenfalls könne der Reichskanzler für die deutsche Regierung noch einmal den festen Willen aussprechen, zu einer befriedigenden Lösung zu gelangen.
Im Anschluß an die Ausführungen des Reichskanzlers kam Dr. Stresemann auf den Besuch T s ch i t s ch e r i n s in Berlin zu sprechen. Er beklagte sich über die Versuche Tschit- scherins, der deutschen Regierung gute Ratschläge zu geben. Was den deutsch-russischen Handelsvertrag anbetreffe, so werde er in Wirtschaftskreisen noch scharfe Kritik finden, er zeige aber, daß der Vorwurf einer rein westlichen Orientierung unberechtigt sei.
Dr. Stresemann kam dann nochmals auf die
Kriegsschuldfrage
zu sprechen, die ttotz der scharfen Worte Englands und Frankreichs nicht erledigt fei.
Die deutsche Regierung selber, die durchaus daran festhalte, daß die rechtzeitige Erörterung vor Beginn der Kon- ferenz wesentlich zur Klärung beigetragen hatte, behalte sich den Zeitpunkt vor, an dem sie aufs neue an die Kriegsschuldfrage herantreten wolle. Wir könnten uns das Gesetz des Handelns auch in dieser Frage nicht von den Gegnern vorschreiben lassen.
Die Interviews des Außenkommissars Tschitscherin würden allgemein als taktlos empfunden. An sich könne es nichts schaden, daß auch russischerseits die Berechttgung des deut- fdjen Standpunktes in der Völkerbundfrage anerkannt werde. Es komme hier jedoch wesentlich die Form an, mit der das geschehe. Der Eindruck könnte nämlich entstehen, die deutsche Delegation halte ihren Widerstand gegen den Artikel 16 auf russischen Bruck hin auftecht. Dem müsse naturgemäß entgegengetreten werden. Die Franzosen und die Engländer würden sich davon überzeugen müssen, daß unsere Einwänd« wesentlich eine Folge des allgemein anerkannten Grundsatzes faktischer Gleichberechtigung seien, ein gewisses Aequivalent für die Benachteiligung Deutschlands infolge der einseitigen Entwaffnung.
Sonntag mittag empfingen Dr. Luther und bet Reichsaußenminister dann die ausländische Presse. In den Vordergrund rückte der Reichsaußenminister, daß die Verhandlungen mit Tschitscherin und der Abschluß des deutsch russischen Handelsvertrages in keiner Weise dem Konferenzgedanken zuwiderliefen, sondern auch im gesamteuropäischen Interesse lägen. Stresemann wies dann darauf hin, daß
Europa, wenn es an seiner gleichberechtigten Stellung gegenüber den anderen Teilen der Welt festholten wolle, unbedingt die durch den Krieg verursachten Verluste an Menschenleben und Intelligenz ersetzen, seine Finanzen ordnen und den Vorsprung in der Technik nachholen müsse, den die übrige Welt unterdessen gewonnen habe. Deutschland werde ernsthaft danach streben, mitzuarbeiten, damit dieses hohe Ziel erreicht werde.
Wie man hört, haben die Ausführungen des Reichsaußenministers bei den fremben Delegationen sympathischen Widerhall gefunden, besonders in englischen Kreisen bringt man der Betonung des europäischen Gedankens volles Verständnis entgegen.
Die „russische Wolke" über Locarno.
New Pork. Die amerikanische Presse widmet der Konferenz in Locarno ausführliche Artikel und eroeht sich in Voraussagungen über den vermutlichen Verlauf der Verhandlungen. Im allgemeinen ist man der Ansicht, daß der westliche Sicherheitspakt bereits für abgeschlossen gelten dürfe. Es bliebe nur noch eine befriedigende Lösung der Frage der Abrüstung Deutschlands zu finden. Der springende Punkt werde die Frage der
Sicherung der Ostgrenzen
sein, da über dieser Frage Rußland wie eine drohende Wolke hänge. Die Verbündeten seien sich noch völlig unklar über Zweck und Ergebnisse des Besuches Tschitscherins in Warschau und in Berlin. Man könne sich nur klar darüber sein, daß Tschitscherin in Berlin andere Ziele verfolgt habe als nur den Handelsvertrag. Es werde sich erst im weiteren Verlaufe der Konferenz ergeben, von welcher Tragweite und Bedeutung die Unterredungen des Sowjetaußenkommissars mit Dr. Stresemann gewesen sind.
Auch in London steht die Frage der deutsch-russischen Beziehungen im Vordergrund der Erörterungen. „Daily Telegraph" schreibt, was auch immer zwischen Rußland und Deutschland abgemacht würde, hier in London müsse man sich klar sein, daß alle Maßnahmen Tschitscherins und Sowjetrußlands im Grunde nurgegenEng-
Tschitscherins in Warschau bezwecke, Deutschland wieder zu einem Gegner Englands zu machen. Aus diesem Grunde habe Tschitscherin die Garantie der polnischen Westgrenze übernommen. Dadurch würde das übervölkerte Deutschland, dessen Landesgrenzen auf diese Weise verewigt wären, wieder zur kolonialen und maritimen Expansion gezwungen werden. Das würde eine Erneuerung der Feindschaft zwischen England und Deuffchland bedeuten.
Chamberlain über das Ziel der Konferenz.
^ Locarno. Der englische Außenminister Allsten Chamberlain empfing am Montag früh die in Locarno anwesenden Pressevertreter aus dem gesamten Auslande. Chamberlain erklärte, die Konferenz sei von einer Atmosphäre guten Willens getragen. Aus den Erklärungen der deutschen Vertreter hätte er denselben guten Willen herausgelesen, der ihn selbst beseele. Er begrüße es, daß nach den Erklärungen des Herrn Stresemann die Berliner Verhandlungen mit Tschitscherin keinesfalls diese Konferenz belasten. Zweck und Aufgabe der Konferenz sei es, die Bitternis des Krieges unter den Völkern zu beseitigen und die Versöhnung unter den Nationen anzubahnen. Er gab der dringenden Hoffnung Ausdruck, daß die Verhandlungen nicht von außen gestört würden, indem etwas Fremdes hineingetragen werde. Es sei erfreulich, daß in London durch bic Beratungen der Juristen bereits eine Unterlage geschaffen sei, die die Verhandlungen wesentlich erleichtern könnte. Es sei notwendig, daß die Konferenz zu einem guten Erfolge geführt werde. Bei einem Mißlingen würden die Schwierigkeiten für die Zukunft größer sein als bisher.
Der Optimismus der Alliierten.
H>Paris. Nach einem Havasbericht aus Locacrno wird in alliierten Kreisen angenommen, daß programmäßig an erster Stelle die Frage des Rheinpaktes zur Sprache kommen wird. Falls die Besprechungen günstig fortschreiten, hofft man, daß Dr. Benesch und Skrzynski schon Mitte der Woche mit den französischen, englischen, italienischen, belgischen und deutschen Delegierten die Möglichkeit des Abschlusses von Schiedsgerichtsverttägen mit der Tschechoslowakei und Polen beraten können. Weiter glaube man, daß in Locarno keine endgültigen Abmachungen getroffen werden. In alliierten Kreisen werde darauf hingeipiesen, daß es an der nötigen Zeit fehle, um den Wortlaut der Vertragsentwürfe festzulegen. Man müsse sich damit begnügen, eine E i n i - gung über die allgemeinen Grundsätze herbei- zuführen. Im übrigen geben die alliierten Delegierten der Erwartung Ausdruck, daß man zu positiven Ergebnissen ge- langen werde.
Die erste Sitzung in Locarno.
Locarno. Die Eröffnungssitzung der Sicherheitspakt- konferenz wurde Montag nach 1hl Uhr geschloffen. Die einzelnen Delegationen kamen überein, sofort in die Diskussion über den Rheinpakt einzutteten. Da verschiedene Artikel des von den Juristen in London vorbereiteten Paktes noch einer Aufklärung bedürfen, wurden die Sachverständigen beauftragt, sofort die Prüfung dieser Artikel aufzunehmen.