Hersfelöer Tageblatt Hersfelöer Kreisblatt" Amtlicher Anzeiger für den kreis Hersfelö
Nr. 242 Donnerstag, den 15. Oktober 1925
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Das Wichtigste.
— Staatssekretär Kempner erstattete dem M i - nisterrrat Bericht über Locarno. Am Mittwoch mittag nahm der Reichspräsident den Vortrag Dr. Kempners entgegen. Seine Rückreise ist noch ungewiß.
— Auf der Konferenz in Locarno ist nach den letzten amtlichen Berichten in einigen Fragen eine Einigung erzielt. In den Hauptfragen bestehen immer noch große Schwierigkeiten. s
— ReichsernährungsministerGrafKanitz entwarf in Königsberg i. Pr. ein sehr trübes Bild von der deutschen Wirtschaftslage.
3m ehemaligen Ofiafrika.
Durch den verlorenen Krieg ist Deutschland auch seiner Kolonien verlustig gegangen. All das, was deutsche Pflanzer und Siedler in jahrelanger, mühevoller Arbeit geleistet haben, ist dahin, ist ein Raub der Siegerstaaten geworden. Die deutschen Kolonisten haben die Früchte ihrer Arbeit nicht genießen können, und die, die durch zielbewußtes Streben in ihrer Kolonisationsarbeit es zu einem gewissen Wohlstand gebracht haben, sind heute arme Leute, die in der Heimat als einzige Freude die Erinnerung an ihre zwar schwere, aber erfolgreiche Arbeit auf deutschem Kolonialboden haben, und die heute hören müssen, daß ihre Arbeit zunichte geworden ist, und daß auf dem einst gepflegten Kolonialboden jetzt längst wieder Verfall und Mißwirtschaft eingetreten ist.
Lange schon vor dem Kriege wurde das Märchen in die Welt gesetzt, daß der Deutsche kein Kolonisator sei, daß er nicht verstünde, die erworbenen Kolonialgebiete zu kultivieren und zu nutzen. Dazu kam das Märchen, daß der Deutsche gegen die Eingeborenen der Kolonialländer mit der Knute vorgehe und sie knechte und zu rechtlosen Fronarbeitern der ins Feld, um den Raub der deutschen Kolonien im Ver- sailler Vertrag zu rechtfertigen. Diese Lüge ist eine ebenso unmotivierte und haltlose, wie die Lüge von Deutschlands Schuld am Kriege, und es gibt wohl auch heute kaum noch ■ jemand, der sich von derartigen Märchen, bei denen die Tendenz zu offen zutage liegt, betören ließe. Und doch darf es nicht verdrießen, immer wieder auch die Koloniallüge zu widerlegen. Der heutige Zustand in den einzelnen deutschen Kolonien beweist' nicht nur, daß die Deutschen in ihrer Kolonialarbeit weit tüchiger und erfolgreicher waren, als die heutigen Mandatare der deutschen Kolonien, er beweist außerdem, daß die heutigen Verwalter geradezu unfähig sind, die Kultur, die deutsche Kolonisten geschaffen hatten, zu erhalten.
Neue Nachrichten aus Deutsch-Ostafrika können die Behauptung, daß der Verfall und die Mißwirtschaft in ehemals deutschem Kolonialbesitz unter der neuen Herrschaft rapide fortschreiten, erhärten. Vor dem Kriege hat Deutschland in seinen Kolonien für die Hebung der Eingeborenen und ihrer Kultur das Menschenmögliche geleistet. In der Bekämpfung von Seuchen und Krankheiten waren die deutschen Aerzte vorbildlich. Die Schlafkrankheit, die vor der deutschen Zeit die Bevölkerung Deutsch-Ostafrikas dauernd vermindert hatte, war so gut wie ausgerüstet. Sieben Jahre englischer Herrschaft I)aben genügt, diese furchtbare Seuche wieder erstehen und zu einer Gefahr für das bedrohte Gebiet werden zu
lassen. • ,. ,
Nachrichten, die aus dem Sanganjitagebiet an Herrn Dr. Steudel, den früheren bewährten Tropenarzt, nach Europa gelangt sind, stellen die erschütternde Tatsache fest, daß die Schlafkrankheit wieder weite Gebiete des Landes überfallen hat und in furchtbarer Weise unter der Bevölkerung wütet. Es heißt, daß 45 Prozent der Bevölkerung im Gebiete von Tabora, Ugundo und Mimbu schlafkrank seien. Ganze Dörfer sollen bereits ausgestorben sein, andere werden von der geängstigten Bevölkerung fluchtartig verlassen. Der neue Schlafkrankheitsherd hat einen ausgesprochenen epidemischen Charakter mit der Neigung zu rascher Ausbreitung. Die Uehertragung der Schlafkrankheit erfolgt bekanntlich durch eine besondere Art der Tsetsefliege. Sie halt sich vorwiegend im Gestrüpp an den Ufern der afrttaniftfjen Seen auf. Die deutsche Verwaltung war dieser Gefahr durch Ab« Holzung des Ufergebüsches planmäßig zuleide gegangen. Die englische Mandatsverwaltung hat das offenbar nicht für nötig gehalten. Die -Bekämpfung der Seuche wird dadurch fast unmöglich. Das englische Aerzteperional ist daraus unzureichend. Wohl haben die Engländer einige Aerzte in das Seuchengebiet geschickt und Vcftimmungeii über Berkehrs- beschränkungen erlassen. Da aber das Scuchengebiet sehr ausgedehnt "ist, ist an eine wirksame Bekämpfung der Krank- heit nicht zu denken.
Die Eingeborenen im ehemaligen Deutich-Ostaftik«, die im Weltkriege so treu zur deutschen Fahne gehalten haben, betamnieii jetzt die Segnungen der MandatsherrsckMsi zu spüren. Vergleiche zwischen einst und jetzt werden zeigen, daß sie in erster Linie die Opfer des in Versailles ausgeklügelten Systems geworden sind.
Der Bericht über Locarno vor dem Ministerrat.
£ Berlin. Der für Dienstag abend 8 Uhr angesetzte Ministerrat, vor dem der Staatssekretär K e m p n e r einen mündlichen Bericht über den Stand der Behandlungen in Locarno geben sollte, wurde dadurch verzögert, daß das Flugzeug, das Dr. Kempner von Frankfurt a. M. nach Berlin bringen sollte, wegen Eintritts der Dunkelheit in Leipzig landen mußte. Staatssekretär Kempner setzte feine Reise von Leipzig nach Berlin im V-Zug fort. So begann die Ministerbesprechung erst gegen 9% Uhr abends und dehnte sich bis 1 Uhr nachts aus.
Staatssekretär Kempner informierte die Kabinettsmitglieder sehr ausführlich über die bisherigen Beratungen und den gegenwärtigen Stand der Dinge in Locarno und füllte damit die Lücken in der bisherigen drahtlichen und brieflichen Berichterstattung aus. An seinen Bericht schloß sich eine eingehende Diskussion an. Die anwesenden Minister stellten an Staatssekretär Kempner einzelne Fragen, die sie besonders interessierten. Neue Vorschläge und Forderungen wurden aus der Mitte des Kabinetts nicht laut.
Am Mittwoch vormittag um 10% Uhr erschien Staatssekretär Dr. Kempner beim Reichspräsidenten von Hin - d e n b u r g zum Vortrag. Nach seiner Rückkehr aus dem Reichspräsidentenpalais wurde der in der Nacht abgebrochene Ministerrat fortgesetzt, und zwar unter dem Vorsitz des Stellvertreters des Reichskanzlers, Reichswehrminister Dr. GeßIer.
Von dem Ergebnis der Mittwoch-Sitzung des Kabinettsrats wird es abhängen, ob Staatssekretär Kempner sofort nach Locarno zurückkehren wird oder ob er seinen Aufenthalt in Berlin wird verlängern müssen.
Von unterrichteter Seite wird erklärt, daß eine B e - sprechung des Staatssekretärs mit den Parteiführern nicht geplant ist und schon wegen der Kürze der Zeit nicht in Frage kommen dürfte. Die Aufgabe des WKMDMnMofM Beschlüsse ^ der in Berlin anwesenden Minister können im übrigen schon deswegen nicht gefaßt werden, weil ein Kabinett ohne Reichskanzler Und ohne Reichsaußenminister kaum beschlußfähig sein dürfte. Es bestätigt sich ferner die Nachricht, daß auch der Spezialist für Völkerbundfragen im Berliner Auswärtigen Amt, Geheimrat v. B ü I o w , nach Locarno abgereist ist. Der Zeitpunkt seiner Abreise steht nicht im Zusammenhang mit der Berichterstattung des Staatssekretärs Kempner, sie war im Gegenteil schon längst geplant und nur bis jetzt hinausgeschoben worden, weil Geheimrat v. Bülow sich eine starke Erkältung zugezogen hatte.
Immer noch große Schwierigkeiten m Locarno.
4- Locarno. Ueber die letzten Verhandlungen in Locarno wurde ein amtlicher Bericht ausgegeben, in dem es heißt:.
„In der Sitzung wurde der Gesamtbericht der Rechts- sachverständigen entgegengenommen, über den letzten Stand der Revisionsarbeiten, die ihnen zwecks Vorbereitung einer endgültigen Redaktion des Sicherheitspaktes anvertraut waren. Es wurde hinsichtlich des größeren Teiles des erörterten Textes eine Einigung erzielt, während einige Punkte einer späteren Erörterung vorbehalten wurden."
Die Einigung bezieht sich auf die fragen, die mit § 16 über das Durchmarschrecht zusammenhängen. Bor der Sitzung hatten der italienische Delegierte S c i a l o j a, B r i a n d und Berthe-lot zusammen eine Dampferfahrt unternommen. Es handelte sich darum, die italienische Dreiviertel-Zusage, als Sicherheitsmacht des Westpaktes zu fungieren, in eine ganze zu verwandeln. Briand scheint diese Zusage als außenpolitischen Erfolg zu betrachten, da es hier nun schon um politisches Feilschen gel)t. Unter dieser Voraussetzung ist der Form des Eintritts Deutschlands in den Völkerbund zuzustimmen, die eine Ausschaltung des § 16 ermöglicht.
Ueber das Gespräch, das Minister Stresemann mit Graf S k r z y n s k i hatte^ wird von nichtdeutscher Seite und auch von nichtpolnischer Seite bemerkt, daß Polen bereit fei, gewisse integrierende Fragen auszuschalten. Es ist bekannt, daß Deutschland einer wie immer gearteten Garantie der polnischen Westgrenze freiwillig nicht aufs neue nähertreten kann. Man glaubt, durch tschechische Vermittlung einen Weg gefunden zu haben, der die territoriale Frage ausschaltet.
Die Ansicht der deutschen Delegation in der R ü u • mungsfrage, in den Erleichtern n gen f ü r das Rhe in land, in der Saar frage usw. ist in Besprechungen außerhalb der Sitzung unzweideutig zum Aus- druck gebracht worden, so daß darüber Klarheit herrscht, daß ohne ihre gleichzeitige Erledigung der Abschluß des Sicher- Ijcitspaties nicht möglich ist. Auch die französische Delegation zweifelt nicht mehr, daß diese Dinge eng miteinander ver bunden sind. Selbstverständlich ist die politische Zustimmung zu allen diesen Fragekomplexen erst dann möglich, wenn das ganze Instrument des Paktes vorhanden ist.
Schwierigkeiten in Locarno.
Paris. Der Sonderberichterstatetr des „Matin" in Locarno will auf Grund von Mitteilungen aus autorisierten Kreisen mitteilen können, daß noch Schwierigkeiten bestehen. Artikel 15 des Völkerbundsstatuts gelte nicht für die Westpaktmächte, da er ja sage, daß die Mitglieder des Bundes ihre Handlungsfreiheit wieder erlangen, wenn der Rat des Völkerbundes nicht zu einer einmütigen Entscheidung gelange. Frankreich, Deutschland und Belgien könnten aber, wenn diese Einstimmigkeit nicht erzielt werde, einen anderen Schiedsrichter wählen. Wie der Berichterstatter glaubt, werden in den nächsten drei Tagen die Tschechen und die Polen den Versuch machen, die deutsche Zustimmung zu den Verträgen zu erlangen, die genau denselben Inhalt hätten, wie der beabsichtigte deutsch-französische Vertrag. Würde das möglich sein, dann würden die Allianzverträge, die man geschlossen habe, hinfällig, und Europa könne an seine Abrüstung denken. Komme man nicht dazu, dann werde im Osten Europas die Möglichkeit bestehen, einen regulären Krieg zu führen, nämlich den Krieg, den der Völkerbund im § 15 des Statuts zugelassen habe, nachdem alle Schiedsgerichtsmöglichkeiten erschöpft feien. Aber die französische Garantie werde bestehen bleiben.
Juristenberatung und Ministerbesuch in Locarno.
Locarno. Der Mittwoch war wieder mit der Arbeit der Juristen, die vorwiegend den Westpakt betrifft, ausgefüllt.
Reichskanzler Dr. Luther machte dem polnischen Außenminister Graf Skrz i/n s k i seinen formellen Gegenbesuch. Ch am b e r l a in sprach beim Reichsaußenminister Dr. Stresemann vor.
Die Wünsche des besetzten Gebietes.
$ Köln. Aus dem besetzten Gebiet wird zu dem bisherigen Verlauf der Verhandlungen in Locarno geschrieben:
Es bedarf keiner Begründung und Rechtfertigung dafür, daß die Bevölkerung des besetzten Gebietes von den in Locarno zu treffenden Abmachungen eine gründliche Erleich- terung ihres schweren Loses erwartet. Auch für die übrige .W^s.ftsii^ "^ ^^"- f»Ut.st'^-st>'n^lich s^n, daß nach i>em-j&———--- schluß eines deutsch-französischen Friedenspaktes, den im Gegensatz zum Versailler Unfriedensvertrag Deutschland frei- willig eingehen würde, keine Rede mehr sein kann von der Fortdauer eines Zustandes, der schon dadurch gekennzeichnet wird, daß die öffentliche Meinung im besetzten Gebiet ihn nicht frei und offen zu kennzeichnen vermag.
In welchem Maße man im besetzten Gebiet eine weit- gehende Aenderung erwartet hat, geht aus den Kundgebungen hervor, die jüngst nach Locarno gerichtet worden sind. Mit unsicheren und unverbindlichen Vertröstungen auf das Nachher ist der Verständigung und dem Frieden nicht gedient. Wenn in den Angelegenheiten des besetzten Gebietes unseren amtlichen Vertretern in Locarno weiterhin Schwierigkeiten gemacht werden, wird es nötig sein, daß and) berufene Vertreter des Rheinlandes sich in Locarno einfinden, um den Willen ihrer Landsleute zur Geltung zu bringen und die Regierungsvertreter in dieser Geltendmachung zu unterstützen.
Ein Kölner Blatt meldet aus Locarno, es könne als bestimmt gelten, daß hinsichtlich der Frage der Räumung der Kölner Zone ein Erfolg bereits gesichert sei, da eine Bereitschaft, sich -dem deutschen Standpunkt zu nähern, auf der anderen Seite festgestellt werden könne.
An Berliner zuständiger Stelle ist eine Bestätigung dieser Meldung nicht zu erhalten. Wir geben sie deshalb nur unter allem Vorbehalt wieder.
Ein trübes Bild von der deutschen Wirtschaftslage.
Eine Rede des ReichsernährungsMinisters.
❖ Königsberg. Auf einer Tagung des Vereins Oberlän- discher Landwirte in Preußisch-Hölland führte Reichs- ernährungs-minister Graf Kanitz in längerer Rede unter anderem aus:
Wir leiden nicht allein, es geht anderen Berufsständen nicht bester, zum Teil sogar viel schlechter. In der Industrie sieht es teilweise sehr viel schlechter aus als in der Landwirtschaft. An eine Besserung ist vorläufig nicht zu denken. Wir müssen froh sein, wenn die Fälligkeitstermine unserer Wechsel auseinandergezogen werden. Zu bezahlen sind von der Landwirtschaft am 15. November die Rentenbank- Wechsel. Diese können nicht gestundet werden, weil die deutsche Mark auf diesen Zahlungen beruht. Aus eigener Kraft wurde die Reichsbank nicht aufgebaut, sondern durch ausländisches Kapital. Die Reichsbank muß daher bis zum 1. Dezember im Besitze ihrer Gelder sein, da sie sonst ihren Zinsendienst an das Ausland einstellen muß, was ohne Zweifel zu einem Sturz der Mark und damit zu einer zweiten Inflation führen würde. Es hat sehr schwer geleiten, den Realkrcdit von 25 Millionen Dollar in Amerika zu erhalten. Der Kredit ist su teuer. Die nächste Anleihe wird eine viel größere fein. Doch sollen wir uns hüten, uns zu sehr abhängig vom Auslande zu machen, damit wir Herren im eigenen Lande bleiben.
Die Rückzahlung der Saatgutkrcd ite macht