Reisfelder Tageblatt
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Hersfel-er Kreisblatt"
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Nr. 244
Sonnabend, den 17. Oktober
1925
Das Wichtigste.
— In uen Verhandlungen in Locarno ist trotz des Optimismus Chamberlains eine ernste Krise eingetreten, zumal Polen an der Garantierung der Ostgrenze festhält.
— Der italienische Ministerpräsident Mussolini stattete dem Reichskanzler Dr. Luther einen Besuch ab, den dieser erwiderte.
— Nach der Rede des Zentrumsabgeordneten H e ß im preußischen Landtag.hat es den Anschein, als sei das Zentrum einer Umbildung der preußischen Regie r u n g nicht abgeneigt.
Verfrühter Friedensalarm.
Durch die Fassung des amtlichen Berichtes und mehr noch durch den Ton ber Rede Chamberlains anläßlich des Frühstücks der Völkerbundfournalisten ist in Locarno eine Stimmung erzeugt worden, die geeignet ist, eine für das Gelingen der Konferenz, besonders aber für die deutsche Sache gefährliche Situation zu schaffen. Chamberlains Rede war die Krönung einer von Anfang der Konferenz an betriebenen Methode, von der die englische Politik nicht eine Minute, die französische nur ganz vorübergehend abgewichen ist. Der Welt soll die Ueberzeugung eingehämmert werden, daß die Konferenz von Locarno mit einem Erfolg enden müsse, ja recht eigentlich schon geendet habe.
Deutschlands Eintritt in den Völkerbund ist in den letzten Tagen nicht mehr verhandelt worden. Roch einmal muß hervorgehoben werden, daß es der deutschen Delegation nicht darauf an kommen konnte, die in Locarno versammelten Vertreter von sechs einem Antrag an die Völkerbundversammlung zu veranlassen, sondern daß es wichtiger war, von ihnen selbst bindende Erklärungen in schriftlicher §orm zu erhalten, die gemeinsam mit dem Gesamtprotokoll zu ratifizieren sind. Wie versichert wird, sind solche Erklärungen bereits aufgesetzt. Die Unterzeichner sollen sich soweit festlegen, daß die deutschen Bedenken gegen eine Anwendung des Artikels 16 völlig beseitigt sind. Dabei handelt es sich nicht etwa nur um die militärischen Klauseln, sondern auch die wirtschaftlichen Klauseln sind ausdrücklich eingeschlossen. Etwas Genaueres über die Regelung dieser Frage konnte bisher nicht festgestellt werden.
Selbstverständlich ist mit der Einigung über die erwähnte Erklärung zu Artikel 16 lediglich ein Anfang gemacht, dem weitere Verhandlungen über die Bedingungen für Deutschlands Eintritt in den Völkerbund folgen müssen. Auch hier also wird die Konferenz kein abschließendes Ergebnis haben. Das Gesamtprotokoll, sämtliche Pakte und Verträge treten aber erst in Kraft, wenn Deutschlands Eintritt in den Völkerbund etfolgt ist. Aus dieser einen Tatsache nun läßt sich erkennen, wie weit wir von dein end- gültigen Frieden entfernt sind, über den heute schon so viel Urteilslose jubilieren.
Die Rückwirkungen auf die R h e i n l a n d s b e s e tz u n g bilden de* hauptsächlichsten und schwierigsten Gegenstand der Verhandlungen der nächsten Tage. Von französischer Seite wird versichert, daß Frankreich zu einem Entgegenkommen bereit sei. Ueber die Räumung Kölns wird in allernächster 3gtt ein Beschluß der Botschafterkonferenz in Paris herauskommen, der für die Stellungnahme zur Entwaff- nungsfrage zuständig ist. Die übrigen Forderungen der deutschen Regierung stirb unverändert aufrecht erhalten geblieben. Es bleibt abzuwarten, wie weit sie damit durch- dringen. Freilich wird sich Briand nach der Konferenz von So conto in einer sehr schwierigen innerpolitischen Lage befinden. Es ist natürlich nidjt möglich, ein Gesamturteil über das bisher Erreichte abzugeben, solange uns nicht die Texte der Verträge, Abmachungen und Erklärungen vorliegen. Man ist auf das angewiesen, was die Mitglieder der Delegationen mitzuteilen für gut befinden, und das ist nicht viel. Wie immer, so werden auch hier die schwierigen Ver- Handlungen Vertrauen erfordern. Es ist Sache eines jeden einzelnen, das Maß dieses Vertrauens zu bestimmen.
Veröffentlichung des Westpaktes nächsten Mittwoch.
H Locarno. Die Konferenz hat beschlossen, den Sicher- Heitspakt nicht in Locarno zu veröffentlichen, sondern ihn am nächsten Mittwoch gleichzeitig in allen Hauptstädten der Oeffentlichkeit zu übergeben.
Krise in Locarno.
Kein Nach geben der deutschen Delegation.— Um den Ostpakt.
■£ Locarno. Nach der Besprechung, die zwischen den Hauptdelegierten stattfand, ist ein völliger Umschwung der Lage eingetreten, da nunmehr von deutscher Seite die sogenannten Rückwirkungen, nämlich der ganze Komplex der Rheinlandfragen mit allem Nachdruck in den Vordergrund gestellt worden ist. Me Konferenz ist damit in ein Stadium eingetreten, dessen außerordentlicher Ernst auch von amtlicher Stelle nicht mehr bestritten wrd.
Die deutsche Delegation kennzeichnet die Situation, daß sie „keine Krise, kein Bruch" sei, aber im Augenblick kein Ausblick auf eine befriedigende Lösung vorhanden sei.
Es ist vereinbart, daß nun folgender amtlicher Bericht ausgegeben wird, der ebenfalls den Ernst des augenblicklichen Standes der Konferenz voll wiederspiegelt: „Zwischen dem Reichskanzler Dr. Luther, dem Reichsminister des Auswärtigen Dr. Sites e m a n n, dem französischen Außenminister Briand, dem englischen Staatssekretär des Auswärtigen Chamberlain und dem belgischen Außenminister Vandervelde fand eine Besprechung statt. Es wurden in etwa dreiviertelstündiger Aussprache die im Zusammenhang mit dem Sicherheitspakt stehenden allgemeinen Fragen erörtert. In den Verhandlungen der Rechtssach-- verständigen über die östlichen Schiedsverträge ist eine Einigung bisher noch nicht e r z i el t."
Auch daraus geht also hervor, daß die scharfe Zuspitzung der Lage, die mit keinem früheren Stadium zu vergleichen ist, in erster Linie auf die Schwierigkeiten in den Rheinlandfragen zurückzuführen ist.
Nach einer ergänzenden Meldung ist die Krise auch noch durch die Tatsache verschärft worden, daß die Polen unter keinen Umständen von dem Ostpakt abschen wollen, während von deutscher Site betont worden ist, daß die d e u t s ch e Delegation unter keinen Umständen den Ost pakt abschließen werde. Die Verhandlungen der juristischen Sachverständigen über dmst Fragen stehen auf . dem toten An. U. Man ...aß mit der Tatsache rechnen, vaß die Haltung der Polen die schon durch die Diskussion der Rheinlandfrage ohnehin außerordentlich kritische Situation noch weiter kompliziert. In Konferenzkreisen wird die allgemeine Lage dahin beurteilt, daß die Konferenz durch die Debatte über die Rheinlandfrage setzt auf Biegen oder Brechen steht, da die deutsche Delegation diese für Deutschland lebenswichtigen Fragen zu allererst geklärt sehen will.
Der kühne Optimismus Chamberlains.
£ Locarno. Auf dem Pressebankett im Grand-Hotel- Palast hielt der englische Außenminister Austen Chamberlain folgende Ansprache:
Unsere Beratungen nähern sich dem Ende, das von uns allen heiß erhofft wurde, dessen Resultat aber auch der kühnste Optimist nicht vorhergesehen hat. Wir danken den Erfolg der gemenifamen Arbeit aller Delegationen, dem guten Willen und dem Geiste der Verständigung, der uns alle beherrschte. Wir waren erstaunt zu sehen, daß die Schwierigkeiten wichen, wie die Wolken der Nacht der Sonne des Tages weichen. Wenn wir in unsere Heimat zurückkehren, wird keiner über den anderen triumphieren können, daß er einen Sieg über ihn davongetragen hätte. Wäre einer da,zu in der Lage, so würde das einen Mißerfolg unserer Arbeiten bedeuten. Alle Welt muß den Erfolg "von Locarno anerkennen.
Die Verbindungen, die von den Staatsmännern in Locarno angeknüpft wurden, haben zu einer gegenseitigen Verständigung geführt, deren Unterlage die völlige und von uns allen gewallte Gleichberechtigung war. Die Verständigung der Völker wird hoffentlich unserer Verständigung folgen. Ein gemeinsamer Frieden für alle ist unser Wunsch, der unseren Völkern die ersehnte Erleichterung bringen wird.
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Zur Feier des 62. Geburtstages Chamberlains ist die Stadtmusik im Garten des Grand Hotels in Locarno erschienen, wo sie die englische Nationalhymne spielte. Bürgermeister Beretta überbrachte Chamberlain die Glückwünsche der Gemeinde Muralto und seiner Gattin ein Körbchen mit Orchideen. Chamberlain erklärte in kurzen Dankesworten, er habe in diesem Orte glückliche Stunden verbracht, wo man die Grundlagen zu einem großen Friedenswerk gelegt habe.
Mussolini mitten im Konferenzgetriebe.
Besuch bei der deutschen Delegatjion.
ch Locarno. Die Villa Farinelli, in der Mussolini wohnt, ist von Neugierigen umlagert, die Mussolini beim Ausgehen zu sehen hofften. Der Besuch Mussolinis beim Reichskanzler Dr. Luther mußte jedoch verschoben werden, weil die deutschen Minister bis tief in die Nacht hinein mit Chamberlain, Briand und Vandervelde zusammensaßen. Am Freitag vormittag stauben bereits wieder Scharen Schaulustiger vor dein Garten der Villa Farinelli, ohne daß es bis jetzt zu Kundgebungen kam.
Mussolini ist am Freitag vormittag 10 Uhr im Hotel Es plan ade eingetroffen. Er stattete zunächst dem Reichskanzler Dr. Luther und dem Reichsaußenminister Dr. Strese m ann einen Besuch ab.
, Mussolini stattete am Freitag vormittag auch noch Briand und Chamberlain im Grand Hotel Gegenbesuche ab und hatte bei dieser Gelegenheit längere Unterredungen mit den beiden Staatsmännern. Alsdann erwiderte Mussolini auch die Besuche Beneschs und Skrzynskis. Am Nachmittag erhielt Mussolini den Gegenbesuch des Reichskanzlers Dr. Luther. Nach seinen Besuchen bei den deutschen Ministern wurde Mussolini von dem Staatssekretär Schubert an den Wagen geleitet. Mussolini fragte den Staatssekretär, wie er die Lage der Konferenz ansehe. Schubert antwortete: „Wie die letzten Wehen einer Geburt!"
Im Anschluß an die Höflichkeitsbesuche Mussolinis traten die fünf Hauptdelegierten ohne Mussolini, Benesch und Skrzynski zu einer wichtigen internen Besprechung zusammen, die im, wesentlichen der Klärung der von der deutschen Delegation erneut mit allem Nachdruck in den Vordergrund gestellten Rheinland fragen gewidmet sein soll.
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Mussolini empfangt die Presse.
ch Locarno. Am Freitag nachmittag empfing Mussolini die Vertreter der Weltpresse und legte ihnen seine Ansicht zu der Konferenz dar.
Er führte u. a. aus: Da diese Konferenz in der italienischen Schweiz, wenige Kilometer von der italienischen Grenze statt- findet, wäre es eine Unhüflichkeit gewesen, nicht zu erscheinen. Man muß sich daran erinnern, daß Italien die gleichen Ansichten über den Rheinpakt hat wie England und daß es keine gemeinsame Grenze mit Deutschland hat, daß es aber dafür eintritt, daß die Unabhängigkeit Österreichs unantastbar bleibt. Nach dem Rheinlandpakt wird Italien dieselben Rechte und dieselben Pflichten haben wie England.
Der Rheinlandpakt wird nach meiner Ansicht die allgemeine Stabilisierung des europäischen Friedens sichern.
Italien wird dafür eintreten, daß Deutschland in den Völkerbund eintritt und einen dauernden Sitz im Völker- Lundrat erhält, wie auch meine Reden im italienischen Senat beweisen.
-9|ii^t>- ds* ■’• Konferenz gute Arbeit ge-' leistet hat, nicht nur in sachlicher Bedeutung, sondern auch in den hier angewandten Methoden, die leicht, vertraulich und angenehm waren und die führenden Minister einander nüher- gebracht haben. Wie mit dem persönlichen Verkehr der Menschen, so ist es auch mit ben Beziehungen der Völker. Der Rheinlandpakt wird auch auf die wirtschaftlichen Fragen günstig einwirken. Aus der Vollendung dieser Konferenz- arbeiten werden segensreiche Ergebnisse hervorgehen, die den Völkern gestatten werden, sich der wirtschaftlichen Entwicklung ihrer Länder zu widmen.
Plötzlicher Schluß der Konferenz in Locarno.
Locarno. Bei Beginn der Vollsitzung am Freitag verlautete, daß die Konferenz unter allen Umständen zu Ende geht. Chamberlain hat bereits seine Schlußrede den anderen Delegationen vorgelesen. An der Nachmittagssitzung nahm auch Mussolini teil, der als erster im Gerichts- gebäude eintraf. Für seine Person waren die Sicherungs- maßnahmen verdoppelt. Die Nachmittagssitzung beschäftigte sich zunächst mit den östlichen Fragen. Eine zweite Vollsitzung, die den Abschluß der Konferenz bildete, fand abends statt.
Obwohl man seit der Entspannung der schwere» Krise wieder mit einem positiven Ergebnis der Konferenz rechnete, wirkte die Plötzlichkeit des bevorstehenden Wschlnsses in Locarno doch einigermaßen überraschend. Man muß natürlich damit rechnen, daß die privaten Besprechungen der Dele- gationsführer zum Teil noch fortgeführt werden.
Die größte Ueberrafdjung an dem plötzlichen Abschluß der Konferenz ist die Tatsache, daß von den amtlichen Stellen mitgeteilt wird, daß in persönlichen Besprechungen zwischen Dr. Strese m a n n und B r i a n b auch für die Frage der Rückwirkungen Lösungen gefunden werden, die in einer Erklärung der alliierten Staatsmänner in der Schlußsitzung festgelcgt werden. Diese Erklärungen dürften dann in das Schlußprotokoll der Konferenz übergehen. Die Regelung der noch strittigen O st f r a g e n erfolgte nach Angaben von deutscher Seite in einem uns befriedigenden Sinn e.
Wie wir erfahren, handelt es sich bei den Zugeständnissen der Gegenseite in der Frage der Rückwirkungen um folgende Punkte:
1. Räumung der Kölner Zone nach Erledigung einiger unwesentlicher Entwaffnungsbedingungen.
2. Keine Rückverlegung dieser Truppen in die übrigen Zonen, deren Stärke vielmehr auf den Umfang der deutschen Friedensgarnisonen zurückgeführt werden soll.
3. Gleichberechtigung der Handelsschiffahrt im besetzten Gedieh
4. Wiedereinsetzung des deutschen Reichskommissars.
5. Aenderung des Rhein- und Saarregimes.
6. Zugeständnisse in der Freiheit der deutschen Verkehrsluftfahrt.