Hersfelöer Tageblatt
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Nr. 265 Mittwoch, den 1L November 1925
Schwierige Verhandlungen der Reichsregierung über die Eniwaffnungsfrage.
^ Berlin, Der Reichstagspräsident Löbe hatte mit dem Reichskanzler Dr. Luther eine Unterredung über die inner- politische Lage, insbesondere über die Frage der Einberufung des Reichstages. In politischen Kreisen zweifelt man schon jetzt nicht mehr daran, daß der Reichstag erst am 23. November zusammentreten wird, und daß der Aeltestenrat, den Löbe zum Donnerstag dieser Woche zusammenberufen hat, diese Auffassung bestätigen dürfte.
Die Reichsregierung ist gegenwärtig vor allem mit der Entwaffnungsfrage beschäftigt und befindet sich in lebhaftem
Meinungsaustausch mit der Botschasterkonferenz.
Ueber die einzelnen dabei notwendigen Schritte wird angesichts des komplizierten Charakters dieser Angelegenheit Stillschweigen bewahrt, und mit irgendwelchen Veröffentlichungen ist auf gegenseitige Vereinbarung hin zurzeit nicht zu rechnen. Bekanntlich bewegen sich die Auseinandersetzungen vor allem um die Frage der Schutzpolizei und der Stellung des Generals von Seeckt. Beides sind so schwierige und die inneren Angelegenheiten Deutsch- lands so tief eingreifende Probleme, daß den Verhandlungen darüber eine ganz besondere Bedeutung zukommt. Man glaubt jedoch, trotz der Schwierigkeiten, die diese Angelegenheit mit sich bringt, mit einem sehr bald bevorstehenden Abschluß der Verhandlungen und einer Vereinbarung zu rechnen, deren materieller Inhalt sich jedoch im Augenblick noch in keiner Weise übersehen läßt.
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Die englische Offizierskommission, die in Wiesbaden die ersten Vorbereitungen für die Uebersi chelung der britischen Truppen gemacht hat, hat die Stadt nach dreitägigem Aufenthalt wieder verlassen. Demnächst wird die englische Eisenbahn-Unterkommission bei der Reichsbahndirektion in Mainz ihre Täffgkeit aufnehmen. Für ihre Unterbringung sind im Direktionsgebiet eine Anzahl Büroräume angefordert worden. Der Unterkommission obliegt die Vorbereitung zur Durchführung der Verlegung der englischen T r u p p e n v e r b ä n d e. Ob die französische Unter- kommission nun ghberusen wird, ist Ais nicht, sicher, Äg**g|ej™
Der englische Außenminister über den Geist vsn Lscarno.
Chamberlain trinkt dem deutschen Botschafter aus dem Liebesbecher zu.
-£ London. In London fand das große historische Bankett der neuen Lord Mayors statt, an dem die Spitzen der Regierung, des Heeres und der Flotte und führende Persönlichp keiten der Politik und Geisteswelt teilnahnren.
Der englische Außenminister Chamberlain brächte den Trinkspruch auf die ausländischen Botschafter und Gesandten aus, der in folgenden Worten gipfelte: „Ich glaube, daß wir heute mit größerer Genugtuung auf das Wohl unserer ausländischen Gäste krinken können, als wir es vor einem Jahr tun konnten. Es ist einiges geschehen, das die Freundschaft und den guten Willen besiegelt hat und den Beweis erbringt, daß dieser Trinkspruch keine leere Zeremonie dar- stellt. Die Aufnahme der Ergebnisse der Kon- ferenz von Locarno durch meine Landsleute ist mir deshalb besonders wertvoll, weil sie mir beweist, daß ich in Locarno nicht nur für eine Parrei, sondern für ein Volk gesprochen habe. Die Politik des Friedens und der Verständigung, die in Locarno verfolgt wurde, ist die Politik aller , meiner Landsleute. Das, was mir oder einem anderen Minister dieser oder jener Regierung auszuführen übrig bleibt, wird die Unterstützung des ganzen Volkes finden, so- lange wir das gleiche Ziel auf demselben friedlichen Wege verfolgen. Nicht nur die geschriebenen Verträge von Locarno werden die Veränderungen, die wir uns von der Ausführung der Verträge versprechen, hervorrufen. Es ist der Geist von Locarno, den die Welt braucht und den wir pflegen müssen. Locarno war kein Abschluß, sondern ein Anfang!"
Es klang geradezu dramatisch, als Chamberlain sich mit folgenden Worten an den Lord Major wandte:
„Mein Lord Mayor, dank Ihrer Gastfreundschaft konnte ich heute abend aus Ihrem Liebesbecher dem deutschen Botschafter zutrinken. Mögen die andern Völker morgen tun, was er und ich heute getan haben!"
Diese Rede des Außenministers rief lauten Beifall hervor. DerPremierminister Baldwin gab in seiner Ent- geMung auf den Trinkspruch auf die Minister Sr. Majestät einen allgemeinen Ueberblick über die gegenwärtige politische Lage. Chamberlain beschloß seinen Trinkspruch mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß der Geist von Locarno erhalten bleiben möge und sich durchsetze in der Welt, um Frieden und Eintracht an die Stelle von Kampf mit) Haß zu setzen. 9lde seine Kollegen blickten mit Stolz auf den Außenminister und seine Erfolge in Locarno.
Zum Handel Großbritanniens übergehend, meinte der ^Premierminister, die Ausblicke auf die Entwicklung des Handelslebens feien für die nächste Zukunft
äußerst hoffnungsvoll, jedenfalls bedeutend günstiger, als sie es noch vor wenigen Monaten gewesen seien. Die ständige Abnahme der Arbeitslosigketi tue das Ihre zur Verbesserung dieser Aussichten. Er führte an, daß die großen Vorräte amerikanischer Baumwolle günstige Aussichten für die Baumwollindustrie böten und daß die Verbilligung der Wolle auch von großem Vorteil sei. Vor allem solle jedoch darauf geachtet werben, daß Engländer englische Waren kauften. Die indische Frage streifend, bewillkommnete Baldwin den ehemaligen Vizekönig von Indien, Lord Beading, und drückte seine Genugtuung aus, daß sich während des letzten Jahres in Indien eine wesentliche und tatsächliche Besserung der Lage bemerkbar gemacht habe. Es käme heute vor allem darauf an, guten Willen durch Bezeugung guten Willens hervorzurufen.
Die deutsch-englischen Hgndelsvertragsverhandlungen.
Die Folge der britischen Schutzzollpolitik.
£ London. Ueber den Beginn der englisch-deuffchen Verhandlungen verlauten folgende Einzelheiten:
Der Anlaß zu der Konferenz ergab sich aus der Situation, die durch die neue britische Schutzzollpolitik geschaffen wurde, und basiert auf dem dem Handelsvertrag angehefteten Protokoll, worin es heißt, daß, wenn eine der kontrahierenden Parteien der Meinung ist, daß besondere Zollsätze von der anderen Partei festgesetzt wurden oder daß die andere Partei nicht mit den Bestimmungen des Vertrages in Einklang handle, sofort mündliche Verhandlungen begonnen werden sollen. Die Auffassung der deuffchen Regierung ist die, daß der neue britische Zolltarif die günstigen Bedingungen für Importe geändert habe, während sich die britischen Exporte nach Deuffchland zu gleicher Zeit in steigendem Maße der Meistbegünstigung erfreuten. Die deutsche Regierung bittet infolgedessen, daß die neuen Schutzzölle auf deutsche Waren nicht angewendet werden sollen oder daß das Recht Deutsch- lands anerkannt werden soll, die Zollbehandlung britischer Waren unter der Klausel der Meistbegünstigung zu ändern.
Wie verlautet, werden die deutsch - englischen Handels- vertragsverhandlungen ungefähr eine Woche dauern. Falls die Konferenz keine befriedigende Lösung bringt, kann die deutsche Regierung vertragsmäßig den Internationalen Schiedsgerichtshof anrufen.
ch Berlin. Die durch das Vorgehen Spaniens geschaffene neue zollpolitische Lage ist zurzeit Gegenstand eingehender Beratungen bei den beteiligten Reichsstellen. Die spanische Regierung hat kurz nach ihrem Beschluß auf Einführung der bekannten Retorsionsmaßnahmen den deutschen amtlichen Stellen in Madrid einen neuen Vorschlag für d i e weiteren Verhandlungen unterbreitet. In dessen Mittelpunkt scheint die spanische Südfruchternte zu stehen. Es ist demnächst mit deutschen Gegenmaßnahmen zu rechnen, die jedoch nicht ohne Zustimmung der gesetzlich vorgeschriMnen Organe erlassen werden können.
Vor schweren Wirtschaftskämpfen im Saargebiet.
ch SiMbrücken. Die schwere Wirtschaftskrise im Saargebiet wird durch d ie Franka u fwert un g von Tag zu Tag bedrohlicher. Große Arbeitskämpfe stehen im ganzen Saargebiet bevor. Die Gewerkschaftsgruppen haben den Arbeitgebern neue Lohnforderungen unterbreitet. Der Arbeit- geberverband der Saarindustrie hat die Lohnforderungen der Gewerkschaftsorganisationen wegen der schlechten Wirtschafts- lage abgelehnt. Im Holz- und Baugewerbe will der Arbeitgeberverband zur- Aussperrung aller Arbeiter schreiten. In drei Saarbrücker Großbetrieben haben die Arbeiter die Tarife gekündigt.
Die saarländische Separatistenbewegung vor dem Zusammenbruch.
ch Saarbrücken. Die saarländische Separaffftenbewegung scheint vor dem Zusammenbruch zu stehen. Frankreichs Aus- sichten für eine Abstimmung im Saargebiet sind nach dem deuffchen Geist der Jahrtausendfeiern aussichtslos. Die französische Regierung hat daraus die Konsequenzen gezogen und die P r o n o g a n d a g e l d e r für die französische Sache im Saargebiet eingestellt. Jetzt erfährt man auch, daß das Separatistenblatt der Franzosenfreunde im Saar gebiet, der „Saar-Courier", für 50 000 Mark verkauft werden soll. Der derzeitige Verleger Dr. Guillaume Schöttler hat sich nach zahlreichen Geld- und Gefängnisstrafen bereits nach dem Elsaß geflüchtet, um sich dem Strafantritt zu entziehen.
Der Kampf der Parteien um den Nationalfeiertag.
^ Berlin. Im Rechtsausschuß des Reichstages wurden die Verhandlungen über die Frage der kirchlichen Feiertage und des Nationalfeiertages ausgenommen.
Hierzu lag ein von denSozialdemokraten unterstützter demokratischer Antrag vor, den 11. August, den Ver- fassungstag, als Nationalfeiertag in die Zahl der reichsrecht- lich anerkannten Feiertage aufzunehmen. Die Deutsch- nationalen beantragten, den 18. Januar, die Soizal- demokraten und Kommunisten den, 1. Mai als Nationalfeiertag zu erklären. Ein Antrag des Zentrums ver- lanate. daß der Nationalfeiertag allein durch das Reich fest
gefetzt werden könne. Dazu beantragten die Sozialdemo- kraten, daß der 9. November und der 1. Mai in den Ländern, wo sie bereits als öffentliche Feiertage begangen würden, diesen Charakter behalten sollen.
Ein weiterer Antrag des Zentrums verlangte, daß neben der Feier des Verfassungstages auch ein Gedenktag für die Opfer des Krieges gesetzlich festaelegt werden, soll. Nach längerer Aussprache wurde von den Deutschnationalen folgender Antrag eingebracht: „Als Nationaltag wird zur Erinnerung an die Opfer des Krieges der sechste Sonntag vor Ostern bestimmt. Die reichsrechtlich anerkannten kirchlichen Feiertage werden dadurch nicht berührt." Die Aussprache wurde nach längerer Dauer ohne Abstimmung abgebrochen.
Irrsinnige Putschgernchte.
£ München. Nachdem Frankfurter und Berliner Blätter neuerdings Putschgerüchte aus Bayern gebracht haben und dabei von einzelnen Blättern sogar ein Eingreifen des Reiches beziehungsweise des Oberreichsamoalts gefordert wurde, bringen die „Münchner Neuesten Nachrichten" an der Spitze des Blattes einen Artikel unter der Ueberschrift „Unbegründete Gerüchte — Beunruhigung von außen", in dem feftgeftellt wird, daß für Bayern keine Gefahr besteht. Eine Gefahr sei lediglich insofern vorhanden, als gewisse nord- deutsche Blätter neuerdings versuchen, Bayern in Mißkredit zu bringen und vor allem Beunruhigung nach Bayern hinein- zutragen, während in Bayern selbst Ruhe herrsche,
Aussöhnung des Zentrums mit Dr. Wirth.
H Berlin. Zwischen Fraktionsmitgliedern des Zentrums und dem Abgeordneten Dr. Wirth haben zur Beilegung der durch den Austritt Dr. Wirths aus der Fraktion hervorgerufenen Spannung, Verhandlungen begonnen. Auch der Parteivorsitzende Marx hat mit Dr. Wirth Fühlung genommen.
In gut unterrichteten Zentrumskreisen wird erklärt, daß nach dem bisherigen Ergebnis der Aussprache die Möglichkeit eines Wiedereintritts Dr. Wirths in die Fraktton gegeben erscheine. Die eigentliche Entscheidung dürfte jedoch erst in bem Parteiausschuß fallen, der am Sonntag in Kassel dem Zentrumsparteitag vorausgehen wird. Dr. Wirth selbst
Generaloberst Günther von Kkrchbach f*
£ Berlin. Am 6. d. M. ist in Blankenburg der General- oberst Günther Graf von Kirchbach gestorben.
Der Verstorbene hat den Krieg 1870/71 beim Gardefüsilierregiment mitgemacht, war später Kommandeur des zweiten Garderegiments zu Fuß und stand an der Spitze des fünften Armeekorps in Posen, das schon sein Vater im Kriege 1870/71 kommandiert hatte. Bei Ausbruch des Krieges war er Präsident des Reichsmilitärgerichts und trat bei der Mobilmachung an die Spitze des zehnten Reservekorps. Als Kommandierender General dieses Korps wurde er in der Schlacht bei St. Quentin verwundet und übernahm nach seiner Genesung zunächst ein Armeekorps im Osten, dann die achte Armee und war bei Schluß des Krieges Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Kiew. Graf Kirchbach war Ritter des Schwarzen Adlerordens und des Pour le merite.
Neue Ksbmettskrife in Frankreich.
^ Paris. Die Finauzkommifsion der französische« Kammer hat den Vorschlag PainlevLs, von alle« französischen
Bürgern über 21 Jahre eine jährliche Kopfsteuer oo« 20 Frank zu erheben, mit großer Stimmenmehrheit abgelehnt. Ferner lehnte die Kommission den Antrag der Socialisten auf eine Kapitalsabgabe in Form einer Beteiligung des Staates an allen Vermögensquellen des Landes mit 15 gegen 15 Stimmen bei mehreren Stimmenthaltungen ab.
Die Zurückweisung des sozialistischen Antrages auf Einführung einer direkten Kapitalsabgabe in der Sitzung der Finanzkommission konnte zunächst den Anschein erwecken, als handle es sich um einen Erfolg des Kabinetts Painleve. In Wirklichkeit sieht die Lage für Die Regierung nach der Ab- ftimmung in der Kammer weit ungünstiger aus. Die So- zialisten ließen erkennen, daß sie nunmehr in der offiziellen Sitzung gegen das ganze Projekt stimmen würden. Painlev6 kann deshalb nicht mehr auf eine Mehrheit in der Kammer rechnen, und man macht sich mit dem Gedanken an eine der schwersten je erlebten Kabinettskrisen vertraut. Man befürchtet eine neue Spaltung im Kartell der Linken.
Bei den politischen Beratungen, die zwischen den Parlamentariern und der Regierung geführt wurden, kam zum Ausdruck, daß dem politischen Wirrwarr mit allen Mitteln ein Ende bereitet werden müsse. Man einigte sich darauf, durch eine Interpellation zur Finanzfrage in der Kammer eine sofortige Klärung herbeizuführen. Herriot wurde von Painleve, Briand und Malvy über die parlamentarischen Möglichkeiten zu Rate gezogen. Man ging am späten Abend mit dem Gefühl auseinander, daß über die wichtigsten Grundsätze keine Einigung erzielt worden sei.