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Hersfel-ee Tageblatt

Hersfelöer Kreisblatt"

Amtlicher Mnzeiger für öen kreis Hersfelö

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Nr. 269

Montag, den 15. November

1925

Das Wichtigste.

Aus halbamtlichen Londoner Meldungen wird der InhaltdesNotenwechsels Wer die Entwafftrunas- frage bekannt. Es sind fünf strittige Punkte, Wer die ver­handelt wird.

Reichspräsident v o n H i n d e n b u r g ist nach feinem Besuch in Frankfurt a. M. wieder in Berlin eingetroffen. m Das polnische Kabinett Grabski hat seinen R u «tritt erklärt. Der Staatspräsident hat einen Nach­folger bereits mit der Neubildung des Kabinetts betraut.

Dauer in Not.

Aus allen Gauen des Reiches dringen die Notrufe der deutschen Landwirtschaft, die um ihre Existenz kämpft. Im Laufe des Jahres hat wohl jeder Landwirt, ob groß, ob klein, zur Erhaltung seines Betriebes Kredite aufnehmen müssen, wobei er hoffte, daß es chm möglich sein werde, nach der Ernte und auf Grund der erzielten Einnahmen aus den Ernteergebnissen die Kredite zurückzuzahlen. Allein durch die Aufnahme solcher Kredite hatte sich der Landwirt stark über- nommen, so daß es ihm kaum möglich war, die immer noch recht hohen Zinsen zu bezahlen.

Jetzt ist die Ernte in den Scheuern und damit auch die Zeit gekommen, wo es für den Landwirt heißt, die Kredite zurückzuzahlen. Die Not ist bis zum Aeußersten gestiegen. Für den größten Teil der Landwirtschaft bedeutet die so­fortige Zurückzahlung der Kredite völligen Ruin, und in Kürze werden große Teile, gerade die besten, der Landwirt­schaft von Haus und Hof getrieben werden.

All zu leicht und zu schnell verhallen die Notrufe der Landwirtschaft. Der Städter tut sie ab mit dem einen Wort: Der Landwirt stöhnt immer, uns geht es auch nicht besser." Leider sind wir in dem Bestreben, zwischen Stadt und Land einen Ausgleich und ein Verständnis herbeizuführen, weder durch den Krieg, noch durch die Nachkriegszeit weiter­gekommen. Der Städter sieht im Landwirt denjenigen Stand, der zwar ungeachtet des Achtstundentages von frütj bis spät auf seiner Scholle sich müht, der dafür aber auch eine sichere Existenz und gute Verdienste aus seinen Erzeug­nissen hat. Fraglos stimmt dieses Urteil für die Zeit, in der das deutsche Volk noch in alter Macht und Größe lebte. Der Städter Wer, der heute stöhnt und täglich klagt, daß die Ar­beitsbedingungen schlecht und der Verdienst gering seien, der sollte auch mit dem gleichen Maßstab an den Lyndwirt her­antreten. Genau so gut wie heute jeder Städter, welchen Beruf er auch ausüben mag, über Geldknappheit klagt, ge­nau so gut klagt der Landwirt darüber. Nur ein Unter­schied. Der Städter, der heute einen Beruf hat, hat, zumal wenn er in einem festen Angestelltenverhältnis steht oder gar als Beamter angestellt ist, seinen garantierten Verdienst, der Kaufmann ringt zwar auch mit schwerer Kapitalnot, aber es wird chm bei einigermaßen guter Fundierung seines Geschäfts möglich sein, wenn auch bei größter Einschränkung, seinen Betrieb über die schlechten Zeiten hinwegzubringen. Wie aber steht's um den Landwirt? Er muß, wenn er, seine Familie und seine Arbeiter leben wollen, seinen Acker bis auf den letzten Quadratmeter alljährlich sorgsam bestellen. Mag er nun ein kleiner Landwirt sein mit weniger oder mehr als hundert Morgen Land, der mit seiner Familie und viel­leicht mit einem oder zwei Knechten arbeitet, oder mag er ein Gutsherr sein, der ein Heer von Angestellten und Ar­beitern mit ihren Familien zu unterhalten hat, in beiden Füllen heißt es den Boden ausnutzen und soviel heraus­wirtschaften, daß jeder davon sein Brot hat.

Die Kredite, die unsere Landwirtschaft notgedrungen ausgenommen hat und die sie bisher notdürftig über Wasser hielten, sind jetzt zur Rückzahlung fällig. Die Reichsbank und die übrigen staatlichen Kreditinstitute verlangen aber ganz entschieden die Wechsel zurück und weisen es weit von sich, diese Wechsel zu prolongieren. Das bedeutet für den Landwirt, daß er sein Gut, seine Maschinen und was er zur Bearbeitung seines Bodens braucht, veräußern muß, und nicht wenig landwirtschaftliche Betriebe haben heute bereits an ihren Möbeln den berüchtigtenKuckuck", das Siegel des Gerichtsvollziehers, gu kleben.

Schon jetzt hört man aus Landwirtskreisen, daß der Landwirt, dem es noch gelingen sollte, sich über die Notzeit hinwegzuretten und seine Gläubiger zu befriedigen, eine gründliche Umstellung seines Betriebes vornehmen wird. Die bisherige Intensivierung der Landwirtschaft, d. h. die Aus­nutzung jedes Stückchen Bodens und die sorgfältigste Bestel­lung werden der E x t e n s i v i e r u n g weichen müssen. Das bedeutet, daß der Landwirt, um an seinen Betriebsmitteln zu sparen, große Teile seines Bodens wird brach liegen lassen und nur so viel bestellen wird, wie er zu eigener Lebenshaltung braucht. Er wird sie mit solchen Artikeln bestellen, für die er einen sicheren Absatz zu angemessenen Preisen gewährleistet sieht. Auf das Brachfeld aber wird er sein Vieh treiben, denn der Verkauf von Vieh wird für ihn das einzig sichere sein, da, wie sich die Dinge auch entwickeln mögen, das Vieh stets einen angemessenen Preis halten wird. Dadurch wird er sich eine Menge Maschinen und Hilfskräfte ersparen und sich gleichzeitig gegen Herabdrückung der Preise für seine Bodenerzeugnisse schützen. Getreide und Kartoffeln bekommt er heute mit einem Hohnpreis bezahlt. Der Erlös deckt nicht einmal die Unkosten.

So sieht es heute tn unserer Landwirtschaft aus. Uhb wer ermessen kann, was die Umstellung von der Inten­sivierung zur Extensivierung für uns bedeutet, der wird die Not, die nicht in letzter Linie dem Städter daraus erwächst, erkennen und fürchten lernen. Es ist höchste Zeit, daß etwas für die Landwirtschaft geschieht, wollen wir nicht Zeiten entgegengehen, die eine Hungersnot mit sich bringen, denn zum Einkauf ausländischer Lebensmittel ist unser Geld zu schade. Dr. M.

Der LnhaLi -es Nois^wechsels in -er

Eniwaffnungsfrage.

Fünf strittige Punkte.

Paris. Nach einem Bericht aus London werden die Alliierten unverzüglich auf die letzte deutsche Note ant­worten. Die Verhandlungen zwischen Deutschland und den alliierten Mächten werden mit größter Schnelligkeit geführt, da die Räumung Kölns am 1. Dezember auf jeden Fall beginnen soll.

Zu Punkt 1:Vollmachten des Generals von Seeckt", wird erklärt, daß Deutschland bereit sei, die Forde­rungen der Alliierten z u erfüllen. Unter Hinweis auf moralische Schwierigkeiten wird jedoch eine völlige Um» Wandlung des Großen Generalstabes abgelehnt.

Zu Punkt 2:Sportvereine", heißt es in der deutschen Antwort, daß diese in keinem Zusammenhang mit der Reichs­wehr stehen.

Zu Punkt 3:Unerlaubtes Wafsenmaterial", wird er­klärt, Deutschland besitze kein unerlaubtes Wafsenmaterial, und die vorhandenen Waffen dienten lediglich zur technischen Ausbildung der Truppen.

Punkt 4:Kanonen der Festung Königsberg". Die Bei­behaltung dieser Geschütze wird unter Hinweis auf technische Gründe als notwendig bezeichnet.

Punkt 5:Polizeibestände". Die gegenwärtige Organi­sation der Polizei ist unentbehrlich. Angesichts eventueller kommunistischer Unruhen sind junge Mannschaften not­wendig. Aus diesem Grunde werden . ichtungen auch nur auf Jahre festgesetzt.

Nach dem gleichen. Bericht haben die Alliierten auf die einzelnen Bemerkungen Deutschlands wie folgt geantwortet:

Zu Punkt 1: Die Alliierten fordern die Rückkehr zu der Lage von 1919, als die Reichsarmee dein Kriegsminister unterstellt war. Der Generalstabschef darf nv technische Befugnisse haben, insbesondere müssen die Korpskomman- danten ausschließlich dem Kiregsminister unterstellt sein. Die Alliierten verlangen, daß diese Aenderungen gesetzlich sanktioniert werden.

Zu Punkt 2: Die Alliierten wünschen das Versprechen, daß die Sportvereinigungen nicht militärisch ausgebildet werden, durch ein Gesetz bekräftigt zu sehen.

Zu Punkt 3: Die Alliierten nehmen die Erklärung Deutschlands zur Kenntnis.

Zu Punkt 4: Die Alliierten lassen die technischen Gründe der deutschen Antwort gelten und erheben keine Einwendung.

Zu Punkt 5: Die Alliierten stehen auf dem Standpunkt, daß die Polizei keine Reservearmee für die Reichswehr bilden darf. Die Lage ist augenblicklich die, daß die Polizeimann- schaften ein zwölfjähriges aktives Dienstverhältnis eingehen und dann in lokale Polizeiaibteilungen übertreten. Die Alliierten wollen, daß dieser Sachverhalt geändert wird und wünschen insbesondere, daß die Dienstverpflichtungen auf Lebenszeit abgeschlossen werben. Außerdem darf die kasernierte Polizei 35 000 Mann nicht übersteigern

Die Gefahren der EntwaffnungSforderungen.

Nach den halbamtlichen Erklärungen über den Inhalt des Notenwechsels in der Entwaffnungsfrage dürfte sich der Stand der Dinge folgendermaßen kennzeichnen:

Die Botschafterkonferenz wird in ihrer Sitzung an diesem Montag feststellen, daß dere r n st e Will e" Deutsch­lands in der Entwaffnungsfrage gum Ausdruck gekommen sei. Die Botschafterkonferenz wird diese Feststellung zur Veranlassung nehmen, den Beginn der Räumung der Kölner Zone festzusctzen. Damit wird aber noch nicht erklärt, wann das Kölner Gebiet tatsächlich geräumt ist. Die Alliierten haben es vielmehr in der Hand, die Räumung nach Belieben über unbestimmte Zeit aus^udehnen. Daß die Räumung am 1. Dezember beginnt, ist nicht zu bezweifeln; aber wieviel Truppen aus dem besetzten Gebiet abziehen werden, ist durch­aus noch nicht klar zu ersehen. Die Alliierten werden sich nach wie vor durch möglichst lange Aufrechterhaltung der Be­setzung einen Druck auf Deutschland vorbehalten.

Das Nachgeben der Alliierten in den Punkten 2 bis 4, die an und für sich nur untergeordneter Natur waren, dürfte nur ausgenommen sein, um die Versöhnlichkeit ins rechte Licht zu rücken. Nach wie vor bestehen trotzdem in den ent­scheidenden Punkten, der Stellung des Generals von Seeckt und in der P o l i z e i f r a g e, scharfe Mei- nungsgegensätze.

Soll die Reichswehr einen einheitlichen Charakter be­halten, so muß sie notgedrungen eine militärische Spitze haben, die der zivile Reichswehrminister nicht ersetzen kann. Eine Abberufung des Generals von Seeckt würde die schwerste Erschütterung in der Reichswehr mit sich bringen.

lebe

In der P o l t z e 1 f r a g e scheinen die Alliierten Die enslängliche Anstellung der Polizeibe- i m t e n zu fordern. Damit würde die Gefahr einer Ueberalterung der Polizeimannschaften im Außendienst heraufbeschworen werden. Die älteren Polizei­beamten würden für Straßendienst nicht mehr rüstig genug und als Polizeitruppe für Putsche überhaupt nicht mehr ver­wendbar fein. Darin stimmen auch sämtliche Innenminister der deutschen Länder, welcher Partei sie auch angehören mögen, überein.

Aus allem läßt sich erkennen, daß, wenn auch die Bot­schafterkonferenz die Räumung Kölns festsetzt, die E n t» waffnungsschikanen noch keineswegs er­ledigt sind. Inzwischen aber tritt der Termin der Unter­zeichnung des Vertrages von Locarno ein, ohne daß das be­setzte Gebiet eine merkliche Besatzungserleichterung erfahren hat.

Die Räumung der Kölner Zone am 1. Dezember.

Paris. Die Botschafterkonferenz hat die Räumung der Kölner Zone auf den 1. Dezember festgesetzt

Die Erleichterungen im Besetzungsregime.

Ist dasalles?

Paris. Die Mitteilung an den deutschen Botschafter ent­hält die in der Frage der Rheinlandbesetzung zugestandenen Erleichterungen.

1. Danach erklären sich die Alliierten bereit, den Reichs- kommissar, Herrn von Langwerth anzuerkennen und eine Re­vision der Ordonnanzen durchzuführen.

2. Die Zahl der Besatzungstruppen soll vermindert und die Militärgerichtsbarkeit für gewisse Delikte den deutschen Gerichtsbehörden übertragen werden.

3. Ferner soll für gewisse Fälle auf der Basis der Gegen­seitigkeit eine Amnestie gewährt werden.

Die Botschafterkonferenz legt am Montag den Text dieser Mitteilung fest.

Verletzung der Zusammenkunft der Botschafterkonferenz aus eine Anregung der deutschen Regierung zurückzuführen ist. Die deutsche Regierung habe den Wunsch geäußert, daß man ihr noch vor der Protestversammlung der Deutschnationalen gegen das Abkommen von Locarno die Möglichkeit gebe, die Räumung der Kölner Zone offiziell für den 1. Dezember an» zukündigen.

Eine Meldung aus London bestätigt die vorstehende Aeußerung, fügt aber hinzu, daß die Frage der Kontrollkom­mission infolgedessen von der der Räumung getrennt werden müsse, da das Problem der deutschen Entwaffnung auf Grund der vorliegenden Tatsachen noch ungelöst bleibe.

Langwerth von Simmern beim Reichskanzler.

Berlin. Der neue Reichskommissar für die besetzten Gebiete, Freiherr Langwerth von Simmern, wurde vom Reichskanzler empfangen. Es fand ein Frühstück statt, an dem der Reichskanzler, der Reichaußenminister, der Minister für die besetzten Gebiete unb Ministerialdirektor Dr. Dillthey, der Vertreter des Reichskommissars, teilnahmen. Bei dieser Gelegenheit wurden mit dem neuen Reichskommissi schiedene Angelegenheietn in der Frage des besetzten 6 besprochen.

ar ver-

lefeijten Gebietes

Neue Wohnungsforderungen durch die belgische Besatzung.

4- Köln. Dem Aachener Oberbürgermeister ist seitens der Besatzungsbehörde die Mitteilung zugegangen, daß vor­läufig eine Rückgabe der durch die Besatzung frei» gewordenen Wohnungen an ihre Eigentümer nicht er­folgen dürfe. Aus Iülich wird berichtet, daß dort die Garnison infolge der bevorstehenden Räumung der Kölner Zone eine erhebliche Verstärkung erfahren wird' und daß in- folgedessen die Stadtverwaltung von Iülich unverzüglich weitere 145 Wohnungen von 3 5 Zimmern bereitstellen müsse. Zurzeit befinden sich in Iülich 153 Be- satzungsfamilien, von denen 76 in Bürgerhäusern unter» gebracht sind. Iülich zählt nur 8700 Einwohner und hat dabei 500 Wohnungsuchende vorgemerkt. Bei dem belgischen Oberdelegierten sind bestall' vom Regierungspräsidenten in Aachen Vorstellungen erhoben worden, da es unter den ge« gebenen Verhältnissen der Stadt Iülich eins a ch u n - m öglich ist, neue n W o h n u n g s a n f o r d e r u n g e n der Besatzungsbehörden gerecht zu werden.

Locarno und ErfüllungSpolitik.

Berlin. In einer stark besuchten Versammlung in Berlin sprach Graf Westarp über den Vertrag von Locarno und wandte sich entschieden gegen die ErfüllungSpolitik.

Gras W e st a r p kam noch einmal auf das Februar- Memorandum zurück, das, wie er ausdrücklich betonte, ohne Kenntnis der deutschnationalen Minister verfaßt worden sei. Nach Bekanntwerden des Memorandums hätten die Deutsch- nationalen sofort erklärt, daß sie die Verantwortung nicht mittragen könnten, wenn die SicherheitsVerhandlungen mit den Alliierten auf dieser Grundlage weitergeführt werden. Mitbestimmend für den Austritt der Deutsämationulen sei