Hersfelöer Tageblatt hersfel-er Kreisblatt^ Amtlicher Mnzeiger für den kreis Hersfels
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Nr. 270
Dienstag, den 17. November
1925
Das Wichtigste.
— Am Montag begann inKasselderZsntrums- parte i ta g, der sich für die große Koalition aussprach, und in Berlin der Parteitag derDeutschnatio- n a l e n, der den Kampf gegen Locarno proklamierte.
Der Kabinettsrat unter dem Vorsitz des Reichspräsidenten trat zusammen, um über die Rückwirkungen zu beraten.
Arn Sonntag abend wurde ein Attentat auf den V-Zug Berlin — Hamburg gemeldet. Die Nachprü- sungen haben ergeben, daß das Attentat nur fingiert war, um dem Melder eine Belohnung zu sichern.
Schicke dich und begegne deinemGoü! gum Bußtage.
. Innerste Besinnung verlangt der ernste Tag, der mitten ms Wochengetriebe hinein die mahnenden Klänge der Glocken tragt. Der Blick ist in diesen Wochen an sich schon nach innen gerichtet. Die Natur draußen hat den Reiz verloren. Blatt- ws greifen die Aeste der Bäume in die graue Herbstluft; die Blumen sind verblüht. Rauhe Winde treiben ums Haus. Nach innen schauen — das ist die Losung.
Wir wollen dankbar sein, daß uns ein solcher Tag ge- Wn brauchen ihn. Wir brauchen Sammlung in aller Zerstreuung, die das laute Leben bringt. Besinnung haben wir nötig, wo das Getriebe des Alltag uns oft die Besinnung raubt. So gilt es, ihn auszunutzen im Kämmer- lem und Gotteshaus.
„Schicke dich und begegne deinem Gott!" So mahnt fast acht Jahrhunderte vor des Heilands Geburt, von Gottes Geist erfüllt, ein schlichter Hirt, Amos von Thekon. Es kann so nicht weitergehen mit Israel, oder das Volk geht unter. Genußsucht und Uebertretung der Grundordnung Gottes, Betrug und schmähliche Ausnutzung des Mitmenschen, Unwahrhaftigkeit und Scheinwesen verzehren die Seele des Volkes. Gott hat Gerichte geschickt: teure Zeit, Mißwachs, Krankheit, Kneg, Naturkatastrophen. Sie dienten nicht, wozu sie dienen sollten. „Noch bekehret ihr euch nicht zu mir", 1 Pracht der Herr. Amos verkündet Gott in neuer Art, nicht mehr als den Volksgott, sondern als den Herrn der Welt Untergang fernes Voltes, wenn es seinen Willennlcht tut.
„Schicke dich und begegne deinem Sott!" Bereite dich! Dein Gott kommt und will mit dir reden und rechnen., Unser Geschlecht hat sich entwöhnt, Gott hinter den Dingen zu sehen. Es sieht nur die Menschen handeln. Sie führen Kriege und treiben Politik; sie wählen und reden in den Parlamenten; sie treiben Handel und gestalten die Dinge; und genießen, ungehemmt durch Gewissen und Furcht. Diese Stellung ist falsch und macht schlecht unb treibt ins Chaos und Gericht. Denn Gott läßt sich nicht spotten und als Luft behandeln. Gott i st hinter den Dingen. Er sendet die Kriege und steuert ihnen; du denkst, du treibst, und wirst doch getrieben. Gott straft die Menschen und rückt sie zurecht durch ihr eigenes Tun. Schicke dich! Gott ist hinter dem allen. Begegne deinem Gott!
Wie willst du ihm anders begegnen, als mit dem Sinn, den der heutige Tag in seinem tarnen gebietet: bußfertig gebeugt mit dem Lutherbekenntnis: Bei dir gilt nichts, denn Gnad und Gunst, die Siinden zu vergeben! Und da hilft kein anderer als der eine, der helfen kann, — der immer half, wo Menschen sich beugten in Schulderkenntnis und Gewissensnot, — der allein in Kreuz und Auferstehen der Gnade gewiß macht und Kräfte neuen Lebens verleiht: Christus der Herb! Geh deinem Gott entgegen, wie er in Christus dir naht! So allein kannst du ihn ertragen: im Feuerschein seiner Liebe, mit seinem Vaterherzen, mit dem er vergibt Missetat, Uebertretung und Sünde bis in tausend Glied.
Bußtag ist freilich der Tag, der d a s V o l k angehsi das Volksganze in der Gesamtheit seiner Stände und Berufe; der mit scharfem Licht hineinleuchtet in alle Volks- schaden und Abgrundtiefen des öffentlichen Lebens, in Schund und Schmutz, in Kulturjchande und Kulturseligkeit, in Polks- unsittlichkeit, und deckt die Gottentfremdung des großen Lebens auf in Politik und Genuß. Videant consules, ruft er den verantwortlichen Stellen zu und erinnert sie i h r e r V e r a n t w o r t l i ch k e i t a u ch vor Gott! O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort! Das ist das weithin schallende Geläut seiner Glocken.
Buße aber ist immer etwas, das den einzelnen angeht und das Gewissen trifft. Buße geht auf du und d u ! Du bist der Mann, den's trifft, der verantwortlich ist für sein eigen Tun vor dem Heiligen und lebendigen Gott. Es soll dich kein angenehmes Gruseln überkommen, wenn du in der Kirche hörst, wie der Prediger die Volksschäden auf- deckt und die Zusammenhänge erweist zwischen Schuld und Not: und dann gehst du hin und sprichst: Ich danke dir, Gott, daß ich nicht so bin. Du bist auch so; und d u, e b e n d u, bist gemeint. Sieh nur zu, wo dein Fehlen liegt; über- sinne, was das sei: S ch u l d g e m e i n s ch a f t! Suche voll Ernstes den Punkt heraus, wo allgemeine Schuld unb eigenes Uebertreten ineinander münden. Und dann geh >zu dem großen Arzt am Abendmahlstische und bitte: Hier bin ich krank, hier heile mich! Ja — und eben nicht nur:
Hier bin ich krank, sondern in rechter Selbsterkenntnis: Hier bin ich schuld! Mea culpa, mea maxima culpa — meine Schuld, meine große Schuld —, klagte Luther in der. Klosterzelle sich an. Meine Ungeduld, mein Unglaube, meine Leidenschaft, meine Unzuverlässigkeit, meine Selbstsucht, mein Erdensinn; mein Innerstes, das ich wohl vor Menschen verhüllen kann, aber nimmermehr vor dir; daß ich nach außen als anständiger Mensch dastehe, aber — so du willst, Herr, Sünde zurechnen, Herr, wer wird bestehen! _ .
Bußtag, recht begangen, führt unter das Kreuz., Bußtag, in seinem ganzen Ernst erfaßt, läßt in die Geheimnisse des Karfreitag seine Zuflucht nehmen, wo das ewige Erbarmen Gottes kund wird, durch das allein wir dieses Leben tragen können und Frieden finden für unsere Seelen. Führt dich aber der herbstesgraue Bußtag dem Karfreitag zu, bann führt er in den Frühling hinein zu neuem Lebensmut und neuer Kraft, zu Glauben unb Gottesverbun- den^it und Läuterung und Liebe! So schicke dich und begegne deinem Gott! —
Pfarrer Lic. Lichtenstein.
Der Mumungsbeschluß
der BoßschaftsrkoNdersnz.
DerEndtermin wi : d noch festgesetzt.
^London. Einer Meldung aus Paris zufolge ist die überraschende Sitzung der Botschasterkonferenz und die darin erfülgte Entscheidung der Räumung Kölns am L> Dezember aus der Absicht, die deutsche öffentliche Meinung günstig zu beeinflussen, zu erklären. Zwei Beamte des deutschen Aus- wärtigen Amtes wären, so heißt es in dem Bericht, am Freitag in Paris eingetroffen und hätten am gleichen Abend und am Sonnabend früh eine Reihe von Besprechungen mit den Mitgliedern des Versailler Militärkomitees gehabt, um bestimmte Punkte, besonders hinsichtlich der Schutzpolizei, aufzu- klären. Die Militärkonrrollfrage ist bis jetzt von der Botschasterkonferenz nicht endgültig entschieden, sondern vertagt worden.
Der Räumungsbeschluß der Botschasterkonferenz wurde dem deutschen Botschafter von Hoesch mündlich mitgeteilt. Eine schriftliche Note wird auf der neuen Sitzung der Botschasterkonferenz ausgearbettet werden. Die Note wird die
Wi
Maßnahmen und ferner diejenigen Maßnahmen aufzählen, deren Durchführung von bestimmten Zusagen der Reichs- regierung abghängig gemacht wird.
In diesem Zusammenhangs berichtet die Pariser Presse, daß insbesondere die Forderung der Alliierten auf lebenslängliche Dienstanstellung der Polizeiangestellten noch nicht erfüllt ist. Von besonderem Interesse dürfte die Stelle der Note sein, die sich auf den Zeitpunkt bezicht, zu dem die Räumung Kölns beendet sein soll. Die BISU--^ kommentieren im großen und ganzen den Räumungsbeschluß mit großer Zurückhaltung.
Der Entschluß, die Räumung Kölns schon am 1. Dezember beginnen zu lassen, wird in den englischen Blät- tern verhältnismäßig wenig kommentiert. Ein Blatt schreibt: „Niemand, am allerwenigsten die deutche Regierung, könne sich darüber beklagen, daß die alliierten Regierungen nicht guten Willen gezeigt hätten. Die englische Regierung habe bet diesem Entschluß eine entscheidende Rolle gespielt, denn sie habe den Alliierten die Berücksichtigung der deutschen Bitte empfohlen. Ebenso habe sie sich für eine starke Vermin- derung der alliierten Okkupationstruppn eingesetzt. Haupt-
sei es auf den englischen Einfluß beim Versailler Militarkomitee zuruckzuführen, daß die Botschasterkonferenz Nicht die Zerstörung der 22 beweglichen Geschütze in der Festung Königsberg verlangt habe. England habe durchgesetzt, daß die Militärkommiission sich mit der deutschen Versicherung zufriedengegeben habe, der Reichswehr würde in Zukunft nicht mehr gestattet werden, mit verbotenen Waffen zu üben. Die Franzosen Hütten ihren Kopf nur hinsichtlich der Abschaffung des Generalstabes unb der Verwandlung der Stellung des Generals von Seeckt in den Posten des Staatschefs des Reichswehrministers durchgesetzt.
Hinzuziehung Deutschlands zur Botschasterkonferenz.
London. In amtlichen englischen Kreisen wird bereits lebhaft erörtert, was in Zukunft aus den beiden interalliierten Körperschaften in Paris, der Botschasterkonferenz und dem Versailler Militärkomitee, werden soll, da sie mit dem Inkrafttreten des Locarno-Vertrages überflüssig werden. Wie verlautet, soll die Botschafterkonferstnz unter Hinzuziehung des deutschen Botschafters noch beide halten werden.
Vertrauen des Reichsaußenministers auf die Locarno- Verfprechungen.
Eine Rebe Dr. Stresemanns in Duisburg.
❖ Duisburg. In einer von der Deutschen DolkspartÄ in Duisburg verunstalteten Versammlung sprach Reichsaußenminister Dr. Stresemann über Fragen der deutschen Außenpolitik und führte dabei u. a. folgendes aus:
Der Vertrag von Locarno entspreche den Grundlinien der Note der deutschen Regierung vom 20. Juli, und deshalb hätten die deutschen Delegierten auch das Recht der
Paraphierung für sich in Anspruch nehmen müssen. Die deutsche Initiative sei erfolgt, um den Bestrebungen entgegen zu wirken, die bereits im Versailler Vertrag als Ersatz für die belgische Neutralität ein einseitiges Abkommen der Alliierten vorgesehen hätten. Einer der Hauptgesichtspunkte des Vertrages von Locarno liege in der Ersetzung einer gegen Deutschland gerichteten Entente durch einen Gegenfeitigkeits- vertrag, der auch Deutschland Schutz und Sicherheit gewähre. Die große fortwirkende Bedeutung von Locarno liege in der Notwendigkeit des Zusammenwirkens der europäischen Wirtschaft, die unter den Wirkungen des Krieges schwer gelitten hätte. Die Erkenntnis von der Notwendigkeit europäischer wirtschaftlicher Zusammenarbeit habe dem Vertrag von Lo- ccrtno die Wege geebnet. Da
Locarno der Beginn einer neuen Aera
in Europa sein müsse, sei die Auffassung aller berjentgen, die an diesem Vertragswert mitgewirkt hätten. Der Minister ging zum Schluß seiner Ausführungen auf die Frage der Rückwirkungen ein. Me Reichsregierung werde über die Note zu beraten haben, die von feiten der alliierten Regierungen eingegangen sei und die Erleichterungen für das Rheinland enthalte, und ferner die enbgültige Räumung der nördlichen Rheinlandzone ankündige, deren Beginn für den ersten Dezember in Aussicht genommen fei.
Auf Grund des bisherigen Ganges der Verhandlungen könne er nur sagen, daß das Vertrauen, das die deutschen Delegierten den Versprechungen Chamber- lains und Vanderveldes entgegengebracht hätten, in keiner Weise erschüttert worden sei. Wenn die Reichs- regierung auf Grund der bevorstehenden Beratungen ihrerseits zu der Auffassung komme, daß dem vorliegenden Gesamtwert zuzustimmen sei, und das deutsche Volk auffordere, hinter diese Entscheidung zu treten, so müsse man trotz allem, was vorgegangen sei, hoffen, daß unter Hintansetzung aller neuen politischen Erwägungen das deutsche Volk in, seiner überwiegenden Alehrheit in dieser wichtigsten außenpolitischen Frage hinter die Regierung trete. ____
Zentrumsparieitag in Kassel.
^ Kassel. In der Stadthalle in Kassel begann am Sonntag der vierte Parteitag der Deutschen Zentrumspartei.
Reichskanzler a. D. Marx gedachte der seit der letzten Tagung Hingeschiedenen Fraktionsmitglieder, des Reichsmini- fters Dr. £> ö f Le und des alteic.Süjms Qe. Lpu-Huu— Der Parterausst^lß beschäftigte sich mit dem
Fall Wirth.
Von dem badischen Parteifreund Dr. Wirths, dem Prälaten Dr. Schofer, sind Besprechungen mit Dr. Wirth eingeleitet worden, um die Grundlage für eine öffentliche Aussprache auf dem Reichsparteitag herbeizuführen. Der Parteiausschuß gab einhellig seinem Willen dahin Ausdruck, daß seine Aufgabe nicht darin liegen könne, sich zum Richter über die Vergangenheit zu machen, sondern die Zukunft zu sichern und vor allem die Einheit der Partei herzust ellen. Man erwarte im Lande ein einheitliches, geschlossenes unb aktiomsfähiges Zentrum.
Eine längere Auseinandersetzung fand über die politische Lage unter Berücksichtigung der Haltung der Reichstagsfrak- tion und der durch den Fall Wirth geschaffenen Situation statt. Der von der Zentrumsftaktion des Reichstages vor kurzem gefaßte Beschluß, daß in absehbarer Zeit ein Zu- samnrenarbeiten mitden Deutschnationalen in einer Regierung unmöglich sei, fand im Reichspartei- ausschuß ebenso einhellige Zustimmung, wie das in der Reichstagsfraktion der Fall war.
Im weiteren Verlauf der Aussprache, in der u. a. auch Reichsarbeitsminister Brauns das Wort nahm, klärte sich die (Situation dahin, daß
die große Koalition als Forderung
der Zentrumspartei sich herausbildete. Schließlich wurde der Reichsparteileitung eine Entschließung empfohlen, die den Beschluß des Versassungsausschusses des preußischen Landtages, das im Artikel 63 der Reichsverfassung den Provinzen verbürgte Recht einer selbständigen Vertretung im Reichsrat durch ein Gesetz zu beseitigen als offensichtlich verfassungswidrig erklärt.
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Dr. Wirth und die Zentrumsftaktion.
Kassel. Me verlautet, ist von einem Medereintritt Dr. Wirths in die Reichstagsfraktion der Deutsä)en Zen- trumspartei bis auf weiteres keine Rede. Er hat vielmehr die Absicht, schon in der nächsten Zeit im Reiche im Sinne eines republikanischen und denn statischen Zentrums- gedankens Versammlungen abzrihalten. Auf dem Parteitag wurde starke Opposition gegen Wirth von den Vertretern Württembergs ausgeübt, auch im Parteiausschuß waren überwiegende Stimmen gegen ihn. Dem Auftreten Dr. Wirths im Plenum des Parteitages, das vorarlsfichtlich heute nachmittag erfolgt, wird mit größter Spannung entgegengesehen.
Kassel. Nach einer Reihe von Begrüßungsansprachen nahm dann Reichskanzler a. D. M a r x das Wort zu einem Portrage über das Wesen und die Aufgaben der deutschen Zentrumspartei in der deutschen Politik.
Alle deutsche Politik, so erklärte er, müsse von dem Gedanken beherrscht sein, wie Deutschland wieder zu der ihm gebührenden Stellung in Europa und in der Welt kommt