yersfelöerTageblatt hersfel-er Kreisblatt" Amtlicher Mazeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 272
Freitag, den 20. November
1925
Das Wichtigste.
— Die Ministerpräsidenten der deutschen Länder sind am Donnerstag zufammengetreten, um über die Rückwirkungen und die Entwaffnungsfrage zu beraten.
— Das englische Unterhaus hat mit gewaltiger Mehrheit nach einem Bericht des Außenministers den Locarno-Vertrag angenommen.
— Die Regierungsbildung in Polen stößt auf große Schwierigkeiten. Nachdem Minister Skrzynski seinen Auftrag in die Hände des Staatspräsidenten zurückgelegt hat, ist der Sejmmarschall Rataj mit der Regierungsbildung beauftragt worden.
Richthosen's Heimkehr.
Am Montag um Mitternacht stampfte eine französische Lokomotive über die Rheinbrücke bei Kehl. Schrille Pfeifen- signale Hallen durch die Nacht, als der kleine Zug, bestehend aus Lokomotive, Kohlentender und einem Güterwagen, in die Grenzstation einfährt. Die Mütze ehrfurchtsvoll in der Hand, empfangen ein paar bedienstete Eisenbahnbeamte barhäuptig den seltsamen Zug.
Er birgt die Leiche des größten deutschen Fliegerhelden und bringt sie durch die Nacht vom französischen Boden in die Heimat zurück. Es sind die sterblichen Reste des Rittmeisters Manfred von Richthofen, eines deutschen Helden, der durch seine kühnen Flüge' über Feindesland sich auch bei seinem grimmigsten Gegner Achtung verschaffte.
Ohne jegliche Zeremonie übergeben die französischen Be- gleitbeamten den Transport am Grenzpfahl den deutschen Eisenbahnbediensteten. Frankreich hat keine Ehrenkompagnie für den deutschen Helden gestellt und keine französische Degenspitze neigt sich in Achtung vor dem ruhmvollen .Gegner.,, ..... , ?
Der Morgen dämmert herauf. Der aus rohen Brettern gezimmerte Sarg wird in einen deutschen Gepäckwagen gehoben und gleich darauf ertönen Hammerschläge der mit der Umbettung in einen neuen eichenen Sarg betrauten Eisenbahner. Das Werk ist bereits fertig, als die Sonne am Horizont heraufsteigt. Jede Feier war auf Weisung des französischen Kommandos untersagt.
So blieb es bis Dienstag nachmittag, dann hatte sich Frankreich besonnen und das Besatzungskommando erteilte großmütig die Genehmigung zu einer kleinen Feier. Es dürfen einige Choräle an: Sarge erklingen und schnell erscheint eine Schar derer, die ihren Helden zu ehren wußten und deren Sprecher sich vor dem Sarge neigend. seine Rede mit den gedämpften Worten: „Geliebter teurer Held" begann. Es war eine kleine, aber von Weihe durchzitterte Gedenkfeier.
Am anderen Morgen wurde der Wagen mit der Leiche des Rittmeisters weitergeleitet und trat seine Fahrt durch die Heimat an. Zu beiden Seiten des braunen Sarges halten Jagdflieger des alten Heeres die Totenwache. Flugzeuge mit schwarzen Wimpeln umkreisen die Bahn. Ueberall, wo der Transport nur kurzen Aufenthalt hat, Verbände, Jugend und gediente Soldaten, die ihr Haupt vor den irdischen Resten des großen Helden neigen.
Kassel. Eine unübersehbare Menschenmenge. Sämtliche Kriegervereine mit ihren Fahnen hatten auf dem Bahnhof Aufstellung genommen als der D-Zug in den Bahnhof einfuhr. Gleich hinter die Lokomotive war der Packwagen gekoppelt, in bem unter Tannen grün und zahllosen Kränzen der Sarg Richthofens stand. Vor dem Sarge die Ehrenwache. Dann eine Ansprache des Exzellenz von Staabes und nach 8 Minuten Aufenthalt setzt sich der Zug wieder langsam in Bewegung. Am späten Abend trifft der v-Zug in Berlin ein. * Eine unübersehbare Menge drängt sich um den Wagen, in dem der Sarg steht. Kameraden des Ulanen- regiments 1, dem Manfred von Richthofen angehörte, heben den Sarg heraus, der mit einem Strauß Maiblumen und einem Lorbeerkranz geziert ist. Vor dem Sarg trug man das einfache schwarze Holzkreuz, das den Grabhügel auf dein französischen Friedhof Fricourt geschmückt hatte. Schnell entführt ein Auto, dem zehn Kranzwagen folgen, durch ein dichtes Spalier von Zehntansenden den Sarg zur Gnaden- kirche. Leises Orgelspiel ertönt, als der Sarg durch das Halbdunkel der Kirche getragen wird: vor dem Altar wird er aufgebahrt. m
Am andern Morgen stauen sich unzählbare Menschen gruppen vor der Kirche, und drinnen steht die Bahre, ar der wie aus Stein gemeißelt Kameraden die Totenwach halten. Zwei Offiziere von Richthofens altem Truppenteil ordensgeschmückt, mit gesenktem Säbel, und zwei jüngere Flieger, den paar le mörite am Kragen. Unter den schweren Klängen von Beethovens Trauermarsch „Auf den Toi eines Helden" öffnen sich die Tore, um die draußen Wartenden einzulassen, die in endloser Reihe an dem Toter vorüberziehen. Lautlos treten sie heran an den Sarg, au dem Säbel und Tschapka liegen.
Es war die würdigste Feier, die einem deutschen Helder zuteil werden konnte: Das Vorüberziehen des Volkes, bin einem toten Kämpfer seinen letzten Gruß entbietet, einen Helden, dessen Name in der Geschichte des deutschen Volkes ewig stehen wird.
Die Locarno-Vorlage vor den Ministerpräsidenten.
4- Berlin. Die vom Rrtchsaußenminister zu bearbeitend» Vorlage, die die Zustimmung der gesetzgebenden Körperschaften zu dem Locarnovertrag sowie zu dem Eintritt Deutschlands in den Völkerbund enthält, war im Laufe des Mittwoch soweit gediehen, baß sie der am Donnerstag vormittag abgehaltenen Konferenz mit den Ministerpräsidenten der Länder fertig vorlag. Nach der Stellungnahme der Ministerpräsidenten ist das Reichskabinett erneut zusammengetreten, um endgültig über die Vorlage zu beschließen.
Durch die Veröffentlichung der beiden Noten der Botschafterkonferenz über die Rückwirkungen und die Frage der deutschen Entwaffnung ist in die parlamentarischen Kreise starke Beunruhigung getragen worden. Zwar beurteilt man in Regierungskrisen die Rückwirkung als für die Rheinlande günstig, man weist aber darauf hin, daß trotz Aushebung der Ordonnanzen und Abschaffung des Delegiertensystems durch die Einführung eines Güteverfahrens und in der Aufrechterhaltung der letzten Entscheidung der Rheinlandkommission in allen wichtigen Fragen die Vollmachten für das Eingreifen in die deutsche Verwaltung nach wie vor aufrecht erhalten sind. Eine grundsätzliche Freiheit der-deutschen Verwaltung ist also nicht eingetreten.
Befremdend wirkt in parlamentarischen Kreisen, daß über die strittigen Fragen, die Stellung des Generals von Seeckt und das Bestehen von Verbänden und Sportvereinen, noch keine Klarheit geschaffen ist. Sollten diese beiden Punkte durch Regierungsverordnungen nicht in den nächsten Tagen bekanntgegeben werden, so wird im Reichstag bei der Locarno-Debatte sicherlich interpelliert werden.
Voraussichtlich wird die Regierung bis $um 1. Dezember ein Weißbuch herausgeben, daß die Note vom 9. No- vember und die Einzelheiten über die Entwaffnungsverhand- lungen enthält. Vorläufig wird jedenfalls das Reichswehr- Botschasterkonferenz Rechnung frägt, nicht geändert werden. Irgendwelche Bestimmungen über die Stellung des Chefs der Heeresleitung und gegen eine militärische Befätigung der Verbände und Sportvereine kann nur durch eine Zusatzverordnung zum Reichswehrgesetz erfolgen, die vom Reichstag auf ihre Berechtigung nachgeprüft werden muß. Die Kritik an den Rückwirkungen und den Entwaffnungsverhandlungen wird in den nächsten Tagen bereits in den Frakttonsberatun- gen beginnen und sich im Plenum des Reichsatges auswirken, und zwar wird sie sich nicht nur auf die Deutschnationalen beschränken, sondern auch auf die Mittelparteien ausdehnen.
Der Locarno-Vertrag vom englischen
Unterbaue angenommen.
D i e Rede des englischen Außenministers.
^ London. Im englischen Unterhaus hielt der englische Außenminister die längst angekündigte und mit großer Spannung erwartete Rede über die Abmachungen von Locarno.
Chamberlain führte aus, er habe mit den Kollegen, mit denen er in Locarno zusammen traf, Glück gehabt.' Man habe sehr bald feststellen können, daß die deutschen Delegierten von dem gleichen Wunsche nach Frieden und Versöhnung beseelt gewesen seien wie die Delegierten der übrigen Staaten. „Wir gehen nicht zu weit, wenn ich sage, daß der Erfolg der Konferenz von Locarno hauptsächlich der Haltung der Vertreter Deutschlands und Frankreichs zu verdanken "ist."
In Locarno sei, lediglich durch die Sicherung des Frie- dens, die Lösung der Abrüstungsfrage einen großen Schritt vorwärts gebracht worden. In kurzer Zeit werde nun ein Völkerbundsausschuß zusammentreten, um die Einberufung einer Abrüstungskonferenz vorzubereiten. „Unsere Arbeit muß den Erfolg haben, daß die Abrüstungsfmge^ größere Dringlichkeit und praktischen Wert erhält. Wir müssen dem Völkerbundsrat und dem Völkerbünde helfen, diese Frage zu einem erfolgreichen Abschluß zu bringen." — Ferner sei in einem der Zusatzanträge gefordert, nach Abschluß des Vertrages von Locarno Schritte zu unternehmen, um den
Eintritt Rußlands in den Völkerbund
zu sicherm. Dazu könne er nur sagen, daß es der Wunsch der britischen Regierung und auch, wie er annehme, der Wunsch aller Mitglieder des Völkerbundes fei, den Völkerbund nach Möglichkeit auf alle Staaten auszudehnen. Das Fernbleiben großer Nationeck schwäche das Ansehen des Bundes und beeinträchtige seine Wirkung. Nach den letzten Berichten halte die Sowjetregierung ' den Völkerbunds gebauten für nicht vereinbar mit ihren Anschauungen. 'Kenn das wirklich der Fall sei, könne man die britische Regierung unmöglich als ein Hindernis für den Beitritt Rußlands zum Völkerbund bezeichnen. — Die Absicht der deutschen Regie rung, in den Völkerbund einzutreten, glaube er als eine Genugtuung für alle Freunde des Bundes und der inter nationalen Verständigung bezeichnen zu dürfen.
Zum Vertrag von Locarno selbst bcmemie Chamberlain: Der Vertrag richte sich gegen niemand und bedrohe nie
manden. Es sei ein Vertrag gegenseitiger Garantien. Frankreich habe Deutschland gegenüber die gleichen Verpflichtungen übernommen wie Deutschland gegenüber Frankreich. Es sei kein Vertrag einer Machtgruppe gegen die andere, sondern die Gewährung gegenseitiger Sicherheiten aller beteiligten Mächte untereinander. Sämtliche Verträge lägen im Sinne des Völkerbundes und stünden unter seiner Aufsicht, der Völkerbund sei für alle möglichen Folgerungen aus den Verträgen die höchste Instanz.
Ueber
die Verpflichtungen Groß-Britanniens
betonte Chamberlanp, daß ein militärisches Einschreiten Groß- Britanniens nur auf Grund der Bestimmungen des Völker- bunds-Paktes zu erfolgen habe. Sollte ein Fall eintreten, der eine so unmittelbare Gefahr darstelle, daß man nicht den Zusammentritt des Völkerbundsrates abwarten dürfe, so habe die britische Regierung über die Notwendigkeit eines sofortigen Einschreitens zu entscheiden. Die italienische Regierung sei in derselben Lage. Er könne nicht daran zweifeln, daß beide Garanten im gegebenen Falle sofort ihre Meinungen über die Lage austauschen würden, doch hinge die Entscheidung in jedem Falle von jeder Regierung für sich ab. Die Entscheidung des Völkerbundsrates brauche also nur in dem Falle nicht abgewartet werden, wenn die Lage der angegriffenen Partei unhaltbar und ihre Sicherheit bis zum äußersten bedroht sei.
Am Schluß erklärte er, er dürfe nicht behaupten, daß die Verträge von Locarno einen Krieg unmöglich machten. Doch werde der Ausbruch eines Krieges derart erschwert, daß es kaum möglich sein dürfte, aus irgendwelchen Zwischen- fällen einen Kriegsfall zu machen.
Die Abstimmung über den Vertrag von Locarno ergab eine überwältigende Mehrheit für die Regierung. 375 Stimmen sprachen sich gegenüber 13 Stimmen für die Annahme des Vertrages aus.
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Bekanntmachung der Interalliierten Rheinlandkommission.
Koblenz. Die Interalliierte Rheinlandkommission gibt bekannt:
„In Anbetracht dessen, daß die Abmachungen von Locarno in den besetzten Gebieten eine Atmosphäre der Entspannung und der Annäherung herbeiführen sollen, daß infolgedessen das Besatzungsregiine einer Durchsicht im Geiste gegenseitigen Vertrauens, guten Glaubens und guten Willens unterzogen werden soll, in dem Wunsche, an dem Werke des Friedens ^mischen den Völkern mitzuwirken, hat die Hohe Kommission beschlossen:
Reichskommissar.
Die Alliierten haben ihre Zustimmung zur Ernennung eines neuen Reichskommissars gegeben. Die. Hohe Commission ist bereit, sofort mit ihm in Verbindung zu treten.
Brsatzungsstärke.
Umgruppierung und Festsetzung der alliierten Streit« krüfte in den Besatzungszonen.
Die Stärken der Besatzungstruppen werden fühlbar herabgesetzt, und dadurch wird die Rückgabe eines Teiles der öffentlichen Gebäude an die Behörden und an die Bevölkerung ermöglicht werden.
Delegierte der Hohen Kommission.
Das Delegiertensystem wird mit Wirkung vom 1. Dezember aufgehoben.
Revision der Verordnungen.
Deutsche Gesetzgebung: Eine die Anwendbarkeit der deutschen Gesetze und Verordnungen aufschiebende Prüfung findet nicht mehr statt. Die Hohe Kommission behält sich lediglich das Recht vor, gemäß dem Rheinlandabkommen solche Texte, die den Notwendigkeiten des Unterhalts, der Sicherheit und der Bedürfnisse der Armeen zuwiderlaufen, den Verhältnissen anzupassen oder außer Kraft zu setzen.
Deutsche Verwaltung: Die Kategorien der Beamten, deren Ernennung der Hohen Kommission angezeigt werden muß, werden auf einige Hauptkategorien beschränkt. — Die Bedingungen für die Absetzung der Beamten werden Einschränkungen erfahren und mit Garantien versehen.
Gerichtsbarkeit. \
Gewisse in den Verordnungen vorgesehene Strafen werden herabgesetzt.
Maßnahmen sollen getroffen werden, um gewisse Straf« jachen, die bisher von den Militärbehörden entschieden wurden, grundsätzlich der deutschen Gerichtsbarkeit zu übertragen.
Polizeiwesen.
Die Lieferung gewiß ei periodischer oder statistischer Berichte wird eingeschränkt (Anweisung 2).
Verkehr. Die Regelung des Verkehrs wird noch gewisse Erleichterungen erfahren, insbesondere hinsichtlich der Personalausweise und der Niederlassung in dem besetzten Gebiet. Weiter werden Erleichterungen eintreten hinsichtlich der Verfolgung und Bestrafung leichter Vergehen.
Versammlungen. Die bisher von den Delegierten aus» geübten Verbotsbefugnisse werden aufgehoben.
Das Recht, Versammlungen zu verbieten, ist der Hohen Kommission Vorbehalten,