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yersfelöer Tageblatt

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heesfel-er Kreisblatt"

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfels

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Nr. 283

Donnerstag, den 3. Dezember

1925

Das Wichtigste.

In London fanden anschließend an die Unter- zeichnungsfeierlichkeiten Besprechungen der deutschen Delegation mit den Delegierten der Alliierten über die Rheinland- und die Luftschiffahrtsfrage statt.

Die deutsch-französischen Wirtschafts­verhandlungen werden am 8. Dezember wieder aus­genommen werden. Frankreich erwartet schwierige Ver­handlungen.

Im Prenzlauer Mordprozeß wurde das Urteil gefällt. FrauHeymann wurde freigesprochen, Mark­graf erhielt wegen Brandstiftung acht Monate Gefängnis.

Polens Wähmngstataflrophe.

Der neue nachrevolutionäve Großstaat Polen hat feine dreizehnte Regierung, nachdem am 13. November die zwölfte, das Grabsky-Kabinett, zurückgetreten war. Der Pole ist zweifellos auch abergläubisch, und deshalb betrachtet er mit Bangen und Furcht seine dreizehnte Regierung. Ohne Frage hat Polen, seit es die Großmachtstellung aus den Händen Frankreichs empfing, Bedeutsames geleistet, d. h. was die Bildung von Regierungen anbettaf; dreizehn Regierungen ist eine ganz stattliche Zahl. Und wenn man dagegen die Ge­samtzahl der bisherigen Ministerernennungen, die sich bis heute auf 235 belauft, stellt, so kann man den Polen eine Tüchtigkeit in ihrer Regierungsbildung zweifellos nicht ab- sprechen.

Unter dem Unglücksstern der dreizehn erlebt Polen einen Wirtschaftsverfall, wie es ihn seit Bestehen nicht durchge­macht hat. In den letzten Monaten hatte die Abwärts­bewegung der polnischen Währung eine vorübergehende Er­holungspause, um nunmehr auf einen derartigen Tiefftand abzugleiten, der alles Bisherige übertrift. In wenigen Tagen hat sich der Zloty um fast 50 Prozent verschlechtert. Dieser Kursverlust steht sogar oLgenüber den E^wer^ ftrophen der deutschen Mark und der österreichischen Krone vereinzelt da. Seit Ende vergangener Woche wurde der Zloty-Kurs um volle achtzig Punkte an den Auslandsbörsen herabgesetzt, was etwa einen Kurssturz von ungefähr zwanzig Prozent des gesamten Kurswertes innerhalb einer Woche bedeutet.

Das polnische Finanzministerium beeilt sich zu behaup­ten, daß innere Gründe für die rasende Abwärtsbewegung der polnischen Währung nicht vorhanden sind, vielmehr ist der Kurssturz, so sagt das Ministerium, lediglich durch dieun­verschämte Spekulation", die auf eine Inflation in Polen hinarbeitet, zurückzuführen. Es klingt reichlich optimistisch, wenn das Finanzministerium heute noch von der bevorstehen­den.Inflation spricht, wo sie doch bereits schon da ist. Vor­sichtigerweise sagt das Ministerium nicht, wer diese Spekula­tion betreibt. Man weiß in Polen sehr gut, daß es der Pole selbst ist, der aus dem Zloty flieht. Mehr und mehr schwindet das Vertrauen in die eigene Währung. Diese Flucht ist um so mehr verständlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß Polen in letzter Zeit schwere Mißerfolge bei der Suche nach Auslandskrediten erlebte. So darf man die Begründung des Finanzministeriums für den Zlotysturz mehr als eine Ver­schleierung und gleichzeitig Entschuldigung ansehen, wenn man bedenkt, daß doch allein das Finanzministerium die Schuld an dem rapiden Währungsverfall trägt. Der Finanz- minister hütet sich, auf die wirtschaftliche und finanzielle Lage Polens einzugehen und sucht mit der Phrase von der un­verschämten Spekulation nach einer Form, um die Schuld von den amtlichen Stellen abzuwälzen. Die peinliche Frage der Auslandskredits Volens umgeht das Finanzministerium und entzieht sich geflissentlich einem Bericht über die Ergebnisse der Kreditgesuche. Freilich, etwas Gutes wäre da nicht zu berichten, denn von irgend einem Erfolg ist keine Rede. Eine Zeitlang rühmte sich ' Polen, eine sichere Aussicht auf eine hundert Millionen Dollaranleihe in Amerika zu haben. Jetzt hört man nichts mehr davon und so darf man wohl anneh- men, daß der polnische Pumpversuch in Amerika gescheitert ist. Wer sollte Polen auch Kredite geben, wo das Land doch kaum irgendwelche Sicherheiten bieten kann; und gerade heute bei der allgemeinen Geldversteifung müssen die Sicher, heiten schon ganz gewaltig sein, wenn ein hochvalutarisches Land sein Geld als Kredit verleiht. Fraglos werden die Bedingungen, die Amerika für diese Anleihe stellte, äußerst hart gewesen sein, aber immerhin hätte doch die Bank Polski, die polnische Staatsbank, einen Lichtblick für die Stabilisie- rungsmöglichkeit gehabt. Nunmehr besitzt sie keine Mittel mehr, um entscheidend in den von Tag zu Tag fortschreiten, den Währungsverfolg hemmend einzugreifen. Hinzukommt, daß die polnischen Staatsschulden aus nahezu zwei Milliarden Zloty angewachsen ist.

Die polnische Wirtschaftslage läßt keine Hoffnung auf feine Besserung zu, durch die irgendwelche Ueberschüsse für die nächste Zeit gewährleistet würden. Aus sich selbst heraus kann Polen seine Währung heute nicht mehr stabilisieren, es bleibt ihm nur der Weg des Auslandskredits offen. Da sich aber aus begreiflichen Gründen bei der völligen politischen und wirtschaftlichen Zerrüttung Polen kein Geldgeber findet, so ist noch nicht vorauszusehen, wie der polnische Währungs. verfall enden soll. Uns Deutschen mag es gleich sein. . Wir schauen auf die polnische Geschichte zurück und stellen wieder

einmal, wie schon so oft fest, daß Polen früher nicht imstande war, ein eigenes Wirtschaftsleben zu führen, und daß es heute dazu ebensowenig imstande ist. Jetzt mögen die Staaten, die diesen neuen Großstaat Polen künstlich nährten und aufzogen, sehen, was aus dem Sprößling werden soll. Vielleicht läßt Frankreich weitere Millionen Franken nach Polen fließen. Doch was sollten diese Franken nutzen, die ja doch selbst Jnslationsftanken sind! Alles in aÜem ge­nommen darf man wohl sagen, daß das Ergebnis der polni­schen Selbständigkeit bei seinem kurzen Bestehen nicht gerade glänzend ist und in Polen ermutigend wirken kann.

Dr. M.

Die Londoner Ministerbesprechungen.

Am 4. Dezember eine Luftfahrtkonferenz in Paris.

^ London. Bei der Ministerbesprechung im Londoner

Auswärtigen Amt hat es sich hauptsächlich um zwei Fragen­komplexe gehandelt: erstens um die R h e i n l a n d f r a g e, zweitens um die Luftschiffahrt. Wegen der letzteren Frage wird am 4. Dezember eine Konferenz auf der Grund­lage vollständiger Gleichberechtigung aller Parteien in Paris beginnen.

Die Pariser Blätter stellen mit Befriedigung fest, daß Dr., Luther und Dr. Stresemann entgegen den Voraussagen der deutschen Presse in der Aussprache mit Briand und den anderen alliierten Ministern mit keinem Wrt auf die Not­wendigkeit neuer Zugeständnisse angespielt hätten. Gegen­stand der Unterredung habe nur der gegenwärtige Stand der deutschen Abrüstung gebildet. Luther und Stresemann hätten die Maßnahmen aufgezählt, die Deutschland nach der Bot- schafternote vom 16. November ergriffen habe, während die alliierten Minister auf bereits bewilligte Zugeständnisse und ihre Durchführung hingewiesen hätten. Sie hätten weiter die Zusicherung gegeben, daß die Räumung Kölns bis Mitte Februar (!) zu Ende geführt ^^. ^ Umarunvieruna der ^wwy-jffl|Wf|f*^af**3^^ mögliche eine beträchtliche Verringerung der Besatzungs- truppen. Weitere Maßnahmen im Geiste des Vertrages von Locarno würden ergänzend folgen.

Die Unterhaltung ist, wie eine offiziöse Note mitteilt, über diesen allgemeinen Meinungsaustausch nicht hinaus­gegangen. Die deutschen Vertreter hätten zum Schluß er­klärt, daß sie in kürzester Zeit die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund beantragen würden. Die Sonderbericht­erstatter melden ergänzend, Stresemann habe am Schluß der Unterredung erklärt, es seien keine strittigen Punkte zur Sprache gekommen, die sich direkt auf den Locarno-Vertrag bezögen. ' Briand habe ausdrücklich versprochen, daß Frank- ; reich bereit sei, aus den Abmachungen alle Konsequenzen zu ziehen, die gegen den Krieg und für den Frieden seien.

s Die deutsche Delegation stellte sich bei den Besprechungen i mit den Delegierten der Alliierten auf den Standpunkt, daß sie der öffentlichen Meinung in Deutschland irgendwelche Erleichterungen mit Bezug auf die Besetzungsperiode der zweiten und dritten Zone mit nach Hause bringen müßte. Die Alliierten schienen jedoch auf.dem Standpunkt zu stehen, daß auch sie eine öffentliche Meinung zu berücksichtigen haben und daß ein Teil dieser öffentlichen Meinung noch immer nicht so weit sei, auf strategische Garantien, wie sie durch die Besetzung gewährleistet sind, zu verzichten. Nament­lich scheinen Frankreichs östliche Verbündete zu befürchten, daß eine zu frühe Räumung des Rheinlandes durch die Franzosen ihreSicherheit" gefährden könnte. Jedenfalls ist den Deutschen diskret zu verstehen gegeben, daß Diskussionen über diese Fragen in diesem Augenblick ver­früht (!) wären, um es milde auszudrücken. Die Frage der allgemeinen Entwaffnung und die Saarfragen sind nicht einmal berührt worden. Dagegen sollen, wie verlautet, Luther und Stresemann einige Versicherungen erhalten haben, daß jede Anstrengung gemacht werden wird, um die R ü u m u n g Kölns zu beschleunigen, damit Deutschland so schnell wie möglich in den VAkerVund Hin- einkäme.

Ueber das (Ergebnis der Rheinlandbesprechungen ver­lautet bisher noch nichts. Es ist anzunehmen, daß sich beim Abendessen im Lancasterhouse, wo die Delegierten wieder zu­sammentreffen, weitere Gelegenheit zur'Fortsetzung der Unterhaltung bietet. Der Empfang im.Buckingham-Palast ist einfach und würdig verlaufen. Der König' ist aus nahe­liegenden Gründen kaum in die Erscheinung getreten, doch sind ihm alle Delegierten vorgestellt worden. ' Er hat sich mit jedem einzelnen kurz unterhalten. Beim Empfang herrschte absolute Einfachheit, auch in der Kleidung, da die ganze Audienz einen durchaus privaten Charakter trug. Aft dem Empfang im Buckingham-Palast und an den Besprechungen im Auswärtigen Amt haben nur die Hauptdelegierten kil- genommen.

Locarno - Weihnachtsgeschenke.

Die Aera der Brüderlichkeit.

Der italienische Vertreter Scialoja gab zunächst im Namen Italiens der Dankbarkeit seines Landes gegenüber dem König von England Ausdruck und erklärte alsdann:

Mussolini hat, da er zur Zeit verschiedene Ministerien persön- lrch verwaltet, nicht, wie er es gewünscht hat, nach London kommen können, um den Vertrag von Locarno zu unter­zeichnen. Das Bedauern des Ministerpräsidenten ist um so größer, als er besonderes Interesse daran hatte, die Tatsache hervorzuheben, daß er die Verträge ebenso wie die anderen Vertreter als dazu bestimmt betrachte, die Grundlage neuer Beziehungen zwischen den Staaten Europas zu bilden, Be­ziehungen, die von einem weitherzigen Geiste der Ver­söhnung und des gegenseitigen Vertrauens beseelt sind. Ich kann mich den Worten Chamberlains voll anschließen und nur erklären, daß Italien stolz darauf ist, an diesem großen Werk des Friedens beteiligt zu sein und seine desinteressierte Garantte zu gewähren mit dem alleinigen Zweck, die Verwirklichung der Eröffnung einer Aera der sehen ^^i^eii Zwischen den Völkern geschaffen zu

Die Garantte des Friedens.

- London. Die Rede, die der polnische Ministerpräsi- dent, Graf Skrzynski, vor der Vertragsunterzeichnung Hielt, hatte folgenden Wortlaut:Ich schätze mich glücklich, in London zu sein, um im Namen des Präsidenten der pol­nischen Republik die Unterschrift Polens unter die Arbittage­verträge zwischen Polen und Deutschland zu setzen. Diese Unterschrift bindet die künftig: Politik meines Landes in einer Weise, welche dem Geschick Polens, das bemüht ist, die Unverletzlichkett seines Gebietes im Frieden zu bewahren, am besten angepaßt i; Wir sehen in dem in Locarno abge­schlossenen und in, London unterzeichneten Abkommen eine Einheit eines juristischen Systems, eine wirkungs- und machtvolle Garantie des Friedens in Europa. Wir hoffen, daß die unterzeichneten Abkommen sowohl dem Buchstaben als dem Geiste nach leben werden."

Ruhe und Glück für Europa.

Hierauf ergriff der tschechoslowakische Außenminister B e n e s ch das Wort. Er erklärte, daß er sichden edlen ^rtepJtesuSWe&s^»«^ Briands". vnsMlE eine lange Epoche des Friedens sinterten werden Ich bin der britischen Regierung aufs tiefste dankbar für die große Rolle, die sie vor und während der Verhandlungen von Lo­carno gespielt hat. Ich vertraue darauf, daß dieser Frieden Europa Ruhe und Glück bringen wird."

Abrüstung der Herzen und Hände.

Der belgische Außenminister Vandervelde gab vor allem seinem Bedauern Ausdruck, daß die Trauer im englk schen Königshause einen Schatten auf die Zeremonien der Unterzeichnung werfe, die eine festliche Gelegenheit sein sollte füreines, der glücklichsten Ereignisse, nämlich die Feier des Friedens und der Versöhnung". Vandervelde schloß mit den Worten:Möge mit diesem Tage eine neue Aera im Leben der Völker beginnen, mögen die Völker, die die Heimsuchungen des Krieges erdulden mußten, zusammen- wirken im Geiste gegenseitigen Vertrauens und durch A b - rüftung der Herzen den Weg vorbereiten für die Abrüstung der Hände!"

Dievereinigten Staaten von Europa".

Ein Phantom des tschechischen Außen- Ministers.

ch Paris. Der tschechische Außenminister Dr. Benesch bespricht in einem Pariser Blatt die Möglichkeit einer Grün­dung der vereinigten Staaten von Europa. Benesch stellt fest, daß es verfrüht wäre, diese Frage auf die Tagesordnung der einzelnen Staaten zu setzen, doch glaubt er, beobachten zu können, daß die gesamte europäische Politik auf die Gründung dieser Staaten Hinauslaufe, und zwar aus folgenden Gründen:Die europäischen Staaten haben zahl­reiche politische und wirtschaftliche gemeinsame Interessen, die sich aus ihrer ethnographischen £age ergeben. Diese Inter­essen werden in der Folge noch immer mehr zutage treten, sobald die Interessengemeinschaft der Völker Amerikas einer­seits und der Völker Asiens andererseits verstärkt zum Aus­druck lammen; durch den Krieg ist fast allgemein eine Emp- findung entstanden, die der V e r s ö h n u n a, der Gerech - t i g k e'i t und dem Z u s a m m enschluß günstig ist." Der Völkerbund sei nur der Ausdruck dieser Bestrebungen.

Hier Erleichterung, dort Belastung.

Frankfurt. Der Abmarsch der französischen Delegier­ten aus Koblenz hat begonnen. Der Bezirksdelegierte, General Wimpfen, und der Kreisdelegierte für Koblenz- Stadt haben bei den deutschen Behörden bereits ihre W- schiedsbesuche gemacht und den Betrieb eingestellt. Das gleiche trifft auch zu für die Delegierten in Koblenz-Land und St. Goar. Aus Ah rweiler,Eochem, Kreuz- nach, Manen, Neuwied und Simmern liegen noch keine Mitteilungen über den Abbau vor, jedoch nimmt man a- daß auch dort die Delegierten den Betrieb ein« gestellt ben. Zur Abwicklung der Geschäfte werden vor- aussich' d) die meisten Büros noch bis gegen Ende Dezmnber bestehen.

Die Kreisdelegation in Wiesbad en hat der Stadt­verwaltung mitgeteilt, daß sie ihre amtliche Tätigkeit ein«