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KersMer Tageblatt

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r-i im i. e«m-M,* m.* Amtlicher Anzeiger für den kreis Hersfels

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|.80 Mir. * Druck und Verlag dod hudwig Funk? Buchdruckerei in Bersleld, (DUqiled des VDZP.

Nr. 284

Freitag, den 4. Dezember

1925

Das Wichtigste.

Die Versuche, schon während der Abwesenheit des Reichskanzlers eine neue Regier u.ngsbasis zu schaffen, sind vorläufig eingestellt worden.

Das Kabinett B r : o n d hat nach der Regierungs­erklärung von der Samm ein Vertrauensvotum erhalten.

Das spanisch.. Direktorium ist zurück­getreten. General Primo ee Rivera hat ein Zivilkabinett gebildet.

Acht in die Großstädte OVMrrn!

Von Dr. KoNrad Döring.

Sobald mit Beginn des Winters die ländlichen Arbeiten in der Hauptsache ihr Ende erreichen, taucht vor vielen Land­arbeitern bis zum Frühjahr die bittere Frage des Existenz­kampfes auf. Vielfach tritt an diese meist jugendlichen Ar­beitslosen die Versuchung heran, auf gut Glück in die Groß­städte oder in die Industriegebiete abzuwandern, um dort Arbeit zu suchen. "Namentlich aus Sachsen, Schlesien, Pom­mern, und im Ruhrgebiet erfolgt erfahrungsgemäß ein starker Andrang. Neben den jugendlichen Arbeitern sind es auch häufig HandwerkcrsöhnH die mit Einwilligung ihrer Eltern in die Großstädte gehen, angezogen durch verlockende Erzäh­lungen oder vielversprechende Anzeigen.

Es ist auf das allerdringendste zu warnen, das flache Land oder kleinere und mittlere Provinzstädte zu verlassen, um in der nahegelegenen Großstadt oder gar in Berlin auf die Arbeitsuche zu gehen. Die allerbittersten Enttäuschungen harren hier der Neu,zugezogenen in 95 Prozent aller Fälle. Wer in der jetzigen Zeit auf dem Lande oder in kleineren Städten ohne feste Beschäftigung ist, sollte dort jede Gelegen­heit ergreifen, um sich so lange über Wasser zu halten, bis das Frühjahr wieder ein stärkeres Angebot von Arbeits­gelegenheit mit sich bringt. Man sollte auch die bescheidenste Verdienstmöglichkeit mitnehmen und in keinem Fall den 5&U"-^&&^^ -"0 Bekannte und Anverwandte und Ortskenntnisse davor bewahren, voll­ständig im Elend zu versinken.

Die Lage der Industrie ist augenblicklich allenthalben der­art, daß an eine Aufnahme von Arbeitskräften keinesfalls gedacht werden kann. Fast aus allen Landesteilen kommen Klagen über Arbeitseinschränkung und Berichte über Arbeiter­entlassungen. In Oberschlesien zum Beispiel gibt es Betriebe, die wegen Mangels an Aufträgen bis Ende dieses Jahres vollkommen lahmgelegt werden sollen. Die Lage am Eisen­markt zeigt keinerlei Besserung, nur das Allernotwendigste wird gekauft. Auch im Exporthandel weist dieser Wirtschafts­zweig keine Besserung auf. Die Luxusindustrien versagen ebenfalls vollständig. Sogar die Textilindustrie, deren Er­zeugnisse zu den allerdringendsten Bedarfsartikeln gehören, befindet sich an vielen Orten in einer Lage, die die Einstellung neuer Arbeitskräfte zur Unmöglichkeit macht.

In manchen Bezirken wächst die Zahl der jugendlichen Arbeitslosen zu Armeen an. In Berlin gibt es etwa 80 OQO Erwerbslose, das Landesarbeitsamt der R h e p r o v i n z vermerkt 90 000 Hauptunter- stUtzungs empfänger. In Ostpreußen wird die Zahl der von den öffentlichen Arbeitsnachweisen gezählten A r - bei t s I o s e n auf über 15 000 beziffert. Ende Oktober wurde die Gesamtzahl der amtlich erfaßten, unterstützten Ar­beitslosen in Deutschland auf 3 6 4 0 0 0 festgestellt.

Diese Zahlen sollte sich ein jeder vor Augen halten, dem von irgendeiner Seite der Rat gegeben wird, in die Großstadt oder in ein Industriegebiet abzuwandern. In der Großstadt sind sehr bald die mitgebrachten Spargroschen vertan, ohne daß ein Unterkommen zu finden ist. Wenn dann der letzte Pfennig ausgegeben ist, kommt die bittere Erkenntnis, daß die Wohlfahrtseinrichtungen in den Städten in erster Reihe nur für die Einheimischen sind und deren Not bei weitem noch nicht einmal lindern können. Im günstigsten Falle kommt dann die Rückkehr in die Heimat, wo der Abgewan­derte abgerissen und beschämt wieder Unterschlupf sucht, oder aber der Weg führt in der Großstadt in Nacht und Dunkel.

Die Verhandlungen zur Regierungsumbildung.

Vorläufig ergebnislose Besprechungen.

4- Berlin. Die seit Anfang dieser Woche schwebenden Verhandlungen zwischen den Mittelparteien und den Sozial- demokraten können im Augenblick als abgeschlossen gelten, nachdem sie einen Erfolg nicht gehabt haben. Man will jetzt abwarten, bis der Reichskanzler Dr. Luther aus London zurückgekehrt ist.

Die Initiative zu den interfraktionellen Besprechungen zur Bildung der großen Koalition ging vom Zentrum und von den Demokraten aus. Sowohl die Zentrumsfraktion des Reichstages, als auch die demokratische Fraktion hatten einstimmig Beschlüsse gefaßt, in denen die Bildung eines neuen Reichskabinetts auf der Grundlage der großen Koa­

lition für wünschenswert erachtet wurde. Der Abgeordnete Fehrenbach (Ztr.) lud daher die Vertreter der für die große Koalition in Frage kommenden vier Parteien (Zen­trum, Demokraten, Deutsche Volkspartei und Sozialdemo- kraten) zu einer Besprechung ein, an der aber die Deutsche Volkspartei nicht teilnahm, da, wie sie erklären ließ, ihre Parteiinstanz zu der Frage noch nicht Stellung genommen hätte. Die Sozialdemokraten nahmen die Anregung ent­gegen, konnten aber ebenfalls noch keine bindende Erklärung abgeben. Dann verhandelte der Abgeordnete Fehrenbach mit dem Abgeordneten S ch o l z (Deutsche Volkspartei), der nochmals darauf verwies, daß er zurzeit keinerlei Erklärun­gen abgeben könne, da die Parteiinstanzen noch keine Ent­scheidung getroffen hätten. An dieser Besprechung nahm auch der Abgeordnete Leicht (Bayerische Volkspartei) teil. Der Abgeordnete Fehrenbach hat darauf seine weiteren Be­mühungen zur Bildung der großen Koalition zunächst ein­gestellt'. Die Vertreter des Zentrums und der Demokraten brachten noch einmal zum Ausdruck, daß sie eine Koalition der kleinen Mitte, wie sie von der Deutschen Volkspartei befürwortet wird, nicht mitmachen könnten.

Die deutsch-französischen Serhanörungen in London.

$ Paris. Ein Pariser Blatt befaßt sich mit den deutsch­französischen Verhandlungen in London und sagt: Von be­sonderer Bedeutung sei die Verständigung darüber, daß Deutschland wegen der gegenwärtigen Kabinettskrise seinen Antrag auf Aufnahme in den Völkerbund nicht am 7. De­zember stellen werde, sondern bis zum nächsten März warten werde, worauf eine außerordentliche Völkerbundversamm­lung zur'Aufnahme Deutschlands einberufen werden soll.

Briands Absicht sei, die durch den Locarno-Dertrag ge­schaffene europäische Solidarität zu praktischen Ergebnissen fortzuführen. Der französische Ministerpräsident gehe von der Erwägung aus, daß sämtliche europäischen Nationen auf die Hilfe Amerikas angewiesen seien, England wegen seiner Goldwährung, die bei jeder Zahlung der internationalen Kriegsschuld erschüttert werde, Frankreich wegen seiner Geld­stabilisierung und Deutschland wegen der Kredite, die die

Tatsache sei, daß die Abmachungen von Locarno auf die Vereinigten Staaten einen ausgezeichneten Eindruck gemacht hätten. Man erklärte dort, daß dieser sich nur verstärken werde, sobald Frankreich und Deutschland durch wirtschaft­liche Abmachungen den Willen zu aufrichtiger Zusammen­arbeit und zu beschleunigten Schuldenzahlungen zeigen würden. Wenn die deutsch-französischen Verhandlungen nur die Verringerung der rheinischen Besatzungstruppen zur Folge hättest, so seien sie im Grunde genommen bedeutungs­los.' Beruhten diese Verhandlungen auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit, und trage Deutschland zum Abschluß eines für beide Teile günstigen Handelsvertrages mit der Mobilisierung der Eisenbahnschuldverschreibungen bei, so seien die Verhandlungen für beide Teile ein gutes Geschäft.

Chamberlain widerruft die Kadaverlüge.

Dr. Luther und S t r x semaun im englischen Unterhaus.

^ London. Reichskanzler Dr. Luther und Dr. Stresemann haben das britische Unterhaus besucht und den größten Teil der Debatte von der Loge für ausländische Ehrengäste aus angehört.

Während der Anwesenheit Luthers und Stresemanns fragte Artur H e n d e r s o n im Auftrage MacDonalds den Außenminister Chamberlain, ob er bereit sei, eine Mitteilung über die während des Krieges entstandene Geschichte von der Leichenverwertungsanstalt zu machen. Chamberlain ent- gegnete:

Der Kanzler des Deutschen Reichs hat mich ermächtigt, im Namen der deutschen Regierung zu erkläre«, daß diese Angelegenheit jeglicher Grundlage entbehre. Mein Wunsch ist es, im Namen Seiner Majestät hinzuzufügen, daß ich diese Richtigstellung annehme. Ich hoffe, daß keine wei­teren falschen Gerüchte entstehen mögen."

Diese Erklärung Chamberlains wurde vom Unterhause mit lautem Beifall'ausgenommen.

Dr. Luther und Dr. Stresemann hatten dann noch eine Einladung MacDonalds zum Tee angenommen. Darauf statteten sie dem amerikanischen Botschafter Houghton einen Besuch ab. Der englische Botschafter in Berlin, Lord d'Aber- non, hatte eine Besprechung mit Herrn v. Schubert.

Der Reichskanzler hatte auch eine kurze Aussprache mit B a l d w i n. Pandervelde, Benesch und Scialoja waren in­dessen bei Chamberlain im Auswärtigen Amt. lieber das Ergebnis dieser Aussprache ist bisher nichts gesagt worden. Chamberlain wird nach der Bölkerbundratssitzung einen Er­holungsurlaub von vierwöchentlicher Dauer in Italien ver­bringen, bevor er wieder nach London zurückkehren wird, nachdem er im Sommer nur einige Tage Puhe gehabt hat.

Rußland und der Locarno-Vertrag.

a London. Wie ein Londoner Blatt berichtet, sei in den letzten beiden Tagen in London fely- viel sowohl von Abrüstungen, als auch von Sowjetrußland die

Rede gewesen. Soweit es sich um die Frage der Abrüstung handle, sei eine gemeinsame Politik noch nicht festgelegt war. den. Einige Sbiaten drängten aus finanziellen, oder an­deren Gründen auf Beschleunigung, aber es sei affentunbig, daß die Entwicklung in dieser Richtung nur langsam vor sich gehen könne. Rußland stehe im Vordergründe dieses Problems; denn solange Rußland gut gerüstet sei, könnten andere Nationen eine allgemeine Abrüstung nicht. verant­worten. Es gebe aber andere und zwingendere Gründe für, die erneuten Besprechungen über Sowjetrußland.

Tschitscherins Besuch der westlichen Hauptstädte hätte eine Bedeutung, die immer klarer werde. Es habe den An­schein, als ob Deutschland auf Grund des Rapallovertrages früher mit Sowjetrutzland Abmachungen über eine gemein­same Politik gegen den Völkerbund und gegenüber Polen getroffen habe. Vor der Abreise der deutschen Minister nach Locarno habe Tschitscherin sich hieran rasch erinnert. Der Preis, den er für eine unvollständige Freilassung Deutsch­lands herausg«cholt habe, sei die Annahme eines ungünstigen Handelsvertrages durch Deutschland, Kredite bis zu einer Höhe von 100 Millionen Goldniark für den Kauf von deut­schen Waren und das sei das wichtigste eine Art Rück- verstcherungsvertrag, der Deutschland verpflichte, nicht, ein gegen Rußland gerichtetes Bündnis zu schließen, no chsonst einer rußlandfeindlichen Koalition beizutreten. Diese deutsch­russischen Abreden hätten auf die französischen oder britischen Delegierten in Locarno keinen besonderen Eindruck gemacht; denn es sei die Versicherung gegeben worden, daß die in Locarno getroffenen Abmachungen sich nicht gegen Rußkrnd richten könnten. Im Gegenteil habe man die Hoffnung aus­gesprochen, daß Sowjetrußland Deutschland in den Völker­bund folgen werde. Tschitscherins Anwesenheit in Frank­reich habe große Bedeutung gehabt. Es sei sestgestellt wor­den, daß seine Haltung gegen den Völkerbund nicht halb so ablehnend sei, wie man es aus seinen öffentlichen Aeuße­rungen erwartet hätte. Man habe ihm gesagt, daß Rußland noch gewisse Bedingungen erfüllen müsse, bevor irgendeine wirkliche Annäherung möglich sei.

Nur geringe Einschränkung der Besatzungstruppen.

ch Brüssel. Wie aus Brüssel gemeldet wird, erklärte «teSSjPejlä^ V-änd^M-oSA^^ folgendes;

Die deutschen Delegierten haben die dringende Hoffnung ausgedrückt, daß die militärische Besetzung des Rheinlandes nach der Räumung Kölns vermindert werde. Nach einem bisher aufgestellten Plan werde die Gesamtzahl der Truppen beträchtlich herabgesetzt; in den nicht geräumten Gebieten jedoch werde die Truppenzahl nur geringe Einschränkung erfahren.

Bekanntlich hatte die Besatzungsbehörde vergangene Woche neue Wohnungsforderungen an die Stadt Suren gestellt, gegen die Verwaltung und Stadtrat einmütig prote­stierten. Trotzdem hat die' französische Einguartierungs- kommission jetzt die Forderung an die Stab' erwaltung ge­richtet, von den 120 angeforderten Wohnungen 69 Wohnun­gen mit über 300 Wohnräumen innerhalb 48 Stunden be­reit zu halten. Die Stadtverwaltung hält ihren Einspruch gegen die Wohnungsanforderung aufrecht.

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Aufhebung der Interalliierten Kontrollkommission in München.

München. Die Interalliierte Kontrollkommission in München wird am 31. Dezember als selbständige Stelle auf­gelöst werden. Die Geschäftsräume der Kommission sind zu diesem Termin gekündigt. Vom 1. Januar ab verbleiben nur noch zwei Offiziere, und zwar ein französischer und ein italienischer, in München, die der Kontrollkommission in Berlin unterstellt sind.

Ssrtrauensvoium für Briand.

Die Regierungserklärung vor ber Kammer.

$. Paris. Briand ist aus London bereits wieder in Paris eingetroffen und hat sofort vor der Kammer die Re­gierungserklärung abgegeben.

Die Erklärung begann mit der Feststellung, daß die Fi­nanzlage des Landes 'ernst, aber nicht verzweifelt sei, und daß es des allgemeinen Vertrauens und der Zusammenarbeit sämtlicher Parteien bedürfe, um die Sanierung der Finanzen herbeizuführen. Im Hinblick auf die interalliierten Schulden hieß es: Die Sanierung unserer Finanzen kann erst end­gültig durch geführt werden, sobald eine loyale Verständigung mit den Gläubigerstaaten herbeigeführt ist. Wir werden die interalliierten Schuldenverhandlungen beharrlich fortführen in der Ueberzeugung, daß unsere Alliierten und Freunde unserer Lage und der Notwendigkeit Rechnung tragen, an ber Sanierung mitz»arbeiten, damit die Erfüllung unserer Verpflichtungen möglich wird.

Briand wurde eine langanhaltende Ovation darge- brocht, als er auf den

Vertrag von Locarno

zu sprechen kam, wobei er ausführte:Frankreich hat so­eben eine Handlung internationaler Solidarität vollzogen, die eine bedeutsame Etappe seiner allgemeinen Friedens­politik darstellt. Der Pakt von Locarno wurde in London unterzeichnet. Wir zweifeln nicht daran, daß das gesamte französische Parlament diesem internationalen Akt seiner Re­gierung vollauf beipflichten wird. In demselben Fried«W