Hersfelöer Tageblatt
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Nr. 285 Wtes Blatt)Sonnabend, den 5. Dezember 1925
Das WichLLgsie.
—_ BlättermsIdungen, nach benen der Reichswehr- mi nist er vr. Geßler amtsmüde sei und demnächst zu- rücktreten werde, sind völlig unberechtigt. Der Reichswehrminister hat bisher noch keine Rücktrittsabsichten geäußert.
— Auf der Genfer Völkerbundrattagung wird ein Plan zur Einberufung einer internationalen Abrüstungskonferenz ausgearbeitet.
— Nach den letzten Meldungen aus Paris wächst die Unzufriedenheit gegen den Finanzminister Loucheur immer mehr, so daß Briand wahrscheinlich sich bald wieder wird stürzen lassen, um ein neues Kabinett ohne Loucheur zu bilden.
Weiterer Abtransport englischer Truppen.
^ Köln. Ein Bataillon des Manchester-Regiments in Stärke von etwa 400 Mann und 20 Offizieren hat Köln in Richtung Königstein verlassen. Zugleich ist ein großer Trans- portzug mit Material und Pferden abgegangen.
Wie von zuständiger englischer Seite versichert wird, werden in nächster Zeit täglich kleinere Trupps verladen werden, die teils nach der neuen englischen Zone überwiesen, teils nach England zurückkehren werden. Am Dienstag wird ein größerer Teil des im Kölner Hauptquartier beschäftigten Büropersonals abtransportiert werden, als deren Bestim- mungsort von englischer Seite ebenfalls teils Wiesbaden, teils London angegeben wird. Die Tranporte der englischen Truppen gehen nach Wiesbaden, Langenfchwalbach, Schierstem, Dotzheim. Idstein, Amöneburg und Bingerbrück.
In Wiesbaden sind die ersten Quartiermacher eingetroffen, um die Vorbereitungen zur Unterbringung der Truppen zu treffen. Zunächst werden die Kasernen mit unverheirateten Leuten belegt werden, und erst später sollen die verheirateten Leute, die in Wohnungen untergebracht werden sollen, nochkommen. Die Bereitstellung dieser Woh- MMen «wu^-ggg6cL&^^ m uffo. „och Hagere Zeit vergehen, bis sie beschafft sind. Der Stadtverwaltung ist bisher noch nicht bekannt, welchen Umfang die Requisitionen der Besatzungsbehörden annehmen werden, jedoch kann festgestellt werden, daß die Engländer bisher überall schonend vor gegangen sind. Alle Anforderungen gehen über die städtischen Aemter, die für eine ^gleichmäßige Verteilung der Kosten sorgen. Die bisher in 'Köln erschienene Zeitschrift der englischen Besatzungsarmee wird wahrscheinlich nach Wiesbaden übersiedeln.
Die Meldung über die bereits erfolgte Auflösung der englischen Rheinflottille wird von dem Wiesbadener Korrespondenten eines Londoner Blattes als unbegründet bezeichnet. Wie der Korrespondent erfahren haben will, bleibe die Flottille in Köln, bis die Räumung beendet fei.
Zusammenarbeit statt Gewaltpolitik.
Strese mann-Aeußerungen in London.
- Paris Dr. (Strefemann hat vor seiner Abreise in einer Unterredung geäußert, die Abmachungen von Locarno seien lebhaft kritisiert worden. Man habe vom juristischen Standpunkt aus darauf hingewiesen, oaß gewisse Artikel verschieden ausgelegt werden könnten und man darin einen Teil der kommenden Schwierigkeiten erblicken wolle. Eine solche Auffassung bedeute eine völlige Berkennung der Bedeutung dieser Abmachungen. Das Bedeutsame sei die Einigung aller Signatarmächte auf eine Zusammenarbeit, die an die Stelle der Gewaltpolitik trete. Die Zeit nach dem Waffenstillstand sei keine Fricdrnszeit gewesen.
Die Besetzung der Ruhr habe die Atmosphäre Europas vergiftet und bem Unterdrücker ebenso geschadet wie dem Unterdrückten. Der Vertrag von Locarno bedeutet einen verheißungsvollen Anfang zur Verständigung. Die Zeit der Gewalt sei zu Ende» die Zeit der Zusammenarbeit habe begon- nen. Die Folgen eines solchen Wechsels kämen nicht nur in Europa, sondern auch in den anderen Ländern zur Auswirkung.
Gelegentlich einer anderen Unterredung mit dem diplo- matischen Korrespondenten eines Londoner Blattes betonte der Reichsaußenminister, daß die Zusammenkunft der Staats- minister in London das Ende der Periode bezeichne, oie man Nachkriegszeit nenne. Sie leite ein neues Kapitel ein, das die Historiker, wie er hoffe, nicht mit dem 92a men Krieg bezeichnen würden. Stresemann habe die Einladung Deutschlands in den Völkerbund hervorgehoben, obwohl man noch vor wenigen Jahren Deutschland den Eintritt verweigert habe.
Einem Pariser Pressevertreter in London gab Dr. Stresemann folgende Erklärung ab: Die Unterzeichnung her Abmachungen von Locarno müsse die Garantie für eine neue (Mitwirkung der beteiligten Staaten fein,, wenn sie die Bedeutung haben solle, die Briand ihr mit Recht in seiner Ansprache zugeschrieben habe. Die notwendige Arbeit müsse von allen Staaten unternommen werden, wenn der Geist des Zusammenwirkens auch tatsächlich in den Be- ziehungen der Völker zueinander zum Ausdruck kommen solle, Das sei nicht die liebelt von einigen Wochen ober Monaten, sondern sie müsse die kommende Periode der europäischen Politik beherrschen. Es seien in der Pariser Presse Bedenken
ausgedrückt worden, die Mehrheit des deutschen Volkes werde den Reden des Reichskanzlers und des Reichsaußenministers in London nicht beipflichten. Daß das deutsche Volk nach den Erfahrungen der Nachkriegsjahre ein^m gewissen Skeptizismus huldige, werde niemanden überraschen. Er sei aber überzeugt, daß die Zweifel überwunden werden könnten, wenn diejenigen, die sich dem Werk der Solidarität gewidmet hätten, auch alles aufböten, um sie in Taten umzusetzen.
Geist von Locarno.
❖ Wien. Aus Prag wird gemeldet: Wie die deutschen
Blätter aus Deutsch-Böhmen berichten, wird dort ein neuer
Massenabbau von deutschen Staatsangestellten rücksichtslos durchgeführt. Am 1. 12. wurden in Deutsch-Böhmen 2000 deutsche Postbeamte entlassen, in Rumburg, Warnsdorf und Schlückenau 80 v. H. aller dortigen deutschen Beamten.
Namentlich trifft die Maßnahme alte Beamte, die bereits 30 Jahre und langer ihren Dienst versehen. Als die deutschen Briefträger in Karlsbad von ihrem Rundgang in das Postgebäude zurückgekehrt waren, fanden sie das Ent- lassungsschreiben und zugleich ihre tschechischen Nach- folget vor.
Die kostspielige Rheinlandkommisiion.
$ Paris. Ein französischer Abgeordneter macht auf die Verschwendungssucht des Vorsitzenden der Rheinlandkommis- ston, T i r a r d, aufmerksam. Nach seiner Berechnung dürfte der französische Staat durch den Abbau der Kommission mindestens 15 Millionen Franken ersparen. Tirard hat für die Entlohnung der nach Frankreich heimkehrenden Beamten folgende Bedingungen aufgestellt:
1. Auszahlung eines breimonatlidjen Gehaltes in Goldwährung, vom 1. Januar 1926 ab gerechnet;
2. Bezahlung von 20 Arbeitstagen in Goldmark pro Dienstjahr;
«-»^'Mä auszieht, bezieht er eine besondere Entschädigung.
4. Alle Transportunkosten werden bis zum Bestimmungsort in Frankreich bezahlt. Die nach Frankreich heimkehrenden Personen brauchen sich keiner Zolluntersuchung zu unterziehen.
Vorbereitende Arbeiten für eine internationale Abrüstungskonferenz.
^ Genf. Das Ratskomitee des Völkerbundes, das den Auftrag erhielt, den gesamten Komplex der Abrüstungsfrage zu prüfen, ist unter Vorsitz von Paul B o n c o u r zu- fammenaetrsten. Das Komitee besteht aus zehn Mitgliedern der dem Rate angehörenden Staaten. An der Sitzung nahmen Belgien, Großbritannien, Spanien, Uruguay, Schweden, Japan, Italien, Brasilien und die Tschechoslowakei teil. Berichterstatter ist der Werner tschechische Gesandte V e - v e r k a. ,
Das Ratskomitee begann mit einem Gedankenaustausch über den Namen, die Zusammensetzung und die Arbeitsmethode der neu zu ernennenden Kommission an Stelle der alten Verbindungskommission. Aufgabe der neuen Kommission wird es sein, die vorbereitenden Arbeiten für die Einberufung einer internationalen Abrüstungskonferenz in Angriff zu nehmen. Der Plan des Völkerbundes, eine allgemeine Abrüstungskonferenz einzuberufen, konnte im Laufe der ersten Jahre feines Bestehens oqn ihm nicht verwirklicht werden. Die Vollversammlung, in der die kleineren Staaten das Uebergewicht haben, hat es an ernsten Versuchen in dieser Beziehung nicht fehlen lassen. Sie scheiterten stets an bem Widerstände des Rates, in dem die Großmächte die aus- schlaggebende Rolle spielen. Ob der Abschluß des Locarno- Vertrages nun eine Aenderung in der Stellungnahme der Großmächte herbeiführen wird, läßt sich zurzeit nicht übersehen. Die bisherigen Aufgaben des Völkerbundes, die einen mehr militärischen Charakter trugen, haben in der Abrüstungsfrage versagt. Ob eine neue Kommission mit neuem Namen mehr erreichen kann, sei dahingestellt. Man darf vielleicht hoffen, daß England und Frankreich durch ihre Versprechungen von Locarno gebunden sind und das deutsche Volk auf Grund des Versailler Friedens das Recht hat, die Mrüstung auch der anderen zu fordern. Sollte sich das Gerücht bewahrheiten, daß England die Frage des Unterseebootkrieges einer Genfer Abrüstungskonferenz unterbreiten will, so dürfte dieses einen guten Anfang bedeuten.
Die Danziger Fragen vor dem Völkerbund.
£ Genf. Die beiden Danziger Fragen, die auf der Tagesordnung der Völkerbemdratstagung stehen, werden beide in geheimer Sitzung behandü.
' Die erste verlangt eine Entscheidung des Rates, ob die Unterbringung von 88 Mann des polnischen Militärs auf der Westerplatte zum angeblichen Schutze des polnischen Mu- nitionslagers die Einrichtung einer militärischen oder Marinebasis bedeutet. Wenn man in Betracht zieht, daß bereits eine polnische Kriegsflotte von 15 Schiffen mit 6 0 0 M a n n polnischer Besatzung ständig im D a nai - ger Hafen liegt, so kann man die Befürchtung der Danziger Bevölkerung nur allzu gut verstehen.
Die Neuernennung des Danziger Völkerbundkommissars wird für Danzig von besonderer Bedeutung sein. Doch darf die Hoffnung nicht aufgegeben werden, daß der Rat den Wünschen Danzigs entgegenkommen und eine Persönlichkeit für einen so wichtigen Posten ernennen wird, die auch in Danzig Vertrauen genießt. Die Kandidatur des Direktors der juristischen Abteilung des Völkerbundes, des Holländers van Hamel, ist bei ihrem ersten Auftreten in Danzig abgelehnt worden. Noch allzu frisch im Gedächtnis ist van Ha- mels deutschfeindliche Tätigkeit in Amsterdamer Blättern während des Krieges. Auch fein persönliches Leben hat ihn in unangenehme Konflikte mit der Genfer Polizei gebracht, die nur dank feiner offiziellen Stellung im Völkerbund ohne Konsequenzen für ihn geblieben sind. In den letzten Tagen ist nun die Kandidatur des Holländers Dr. 3 immer • Mann aufgetaucht, der seine Stellung als Generalkommissar des Völkerbundes in Oesterreich demnächst aufgibt. Zimmermann hat sich in Oesterreich allgemeiner Wertschätzung er-> freut. Man dürfte ihn daher in Danzig nicht ungern als hohen Kommissar sehen.
Bevorstehender jugoslawischer Ueberfall auf Kärnten?
“£ Wen. In Körnten herrscht seit einigen Wochen unter der deutschen Bevölkerung große Erregung wegen der Alarm- nachrichten, die über einen bevorstehenden Bandeneinfall flovenischer Organisationen verbreitet sind. Den Nachrichten zufolge ist der Zweck der Agitation, die Mstimmung, in welcher sich die Kärntner in großer Majorität für das Verbleiben bei Oesterreich entschieden hatten, durch Gewalt auf- zuheben und den Anschluß Kärntens an den jugoslawischen Staat mit Waffen zu erzwingen.
Zur Durchführung des Einmarsches ist angeblich der Verein „O r j u n a" ausersehen, welcher militärisch organisiert ist und dessen Mitglieder in der letzten Zeit mit Waffen und Munition ausgerüstet wurden. Es verlautet, daß die „O r j u n a" den bewaffneten Ueberfall auf Körnten in nächster Zeit plane.
Von einer jugoslawischen offiziellen Kreisen nahestehen-
Die Nachrichten aber einen Vandenüberfall sind auch uns bekannt, da sie ja bereits vor drei bis vier Wochen in den österreichischen Provinzzeitungen wiederholt auftauchten. Natürlich sind alle diese Nachrichten nicht tragisch zu nehmen und bedeuten nichts anderes als einen Kleinkrieg der Grenz- publizisten. Die „Orjuna", von der in diesen Meldungen die Rede ist, ist eine Organisation, die ähnliche Ziele verfolgt wie die faschistische Organisation Italiens. Sie ist ein hyper- nationaler Verein, mit dem aber die Regierung nichts gemein hat. Sie steht ihm im Gegenteil nicht besonders gut gesinnt gegenüber. Die Nachrichten über einen bevorstehenden Bandeneinfall sind schon deshalb nicht ernst zu nehmen, weil ein solcher technisch gar nicht durchführbar wäre. An unserer Grenze steht eine entsprechende Anzahl von Militär, die einem Versuch, die jugoslawische Grenze zu übertreten, mit Energie entgegentreten würde, wenn bewaffnete Formationen einen solchen Versuch wagen sollten.
Umgestaltung des Kabinetts Briand?
^ Paris. Die französischen Finanzgesetze, die von der Finanzkommission des Senates mit 18 gegen drei Stimmen unverändert angenommen wurden, dürften höchstwahrscheinlich in derselben Form vom Senate ratifiziert werden.
In unterrichteten Kreisen wird der Vermutung Aus- druck gegeben, daß die Stellung L o u ch e u r s trotz der persönlichen Rechtfertigungserklärung, die der Finanzminister gegen Angriffe des ÄbgeordnetenEastagnet abgab, schwer e t f chiittert ist. Die Voreingenommenheit gegen Loucheur beruht vor allem auf sentimentalen Erwägungen, und der gegen ihn erhobene Porwurf, daß er während des Krie- ges maßlose Gewinne erzielt habe, wurde durch seine Erwiderung nicht entkräftet. Die Behauptung des Finanzministers, daß er sämtliche Aktien veräußert habe, wird von einem Finanzblatte energisch bestritten. Man hält es für möglich,daß sich Briand bereits in kurzer Zeit wird stürzen lassen, worauf er mit der Neubildung des Kabinetts beauftragt würde und die Finanzen entweder dem illbaeordneten P i e t r i oder bem Senator Marfal anbieten würde. Auf diese Weise würde er es dahin bringen, daß sein umgestalte- tes Kabinett eine größere Mehrheit erhält. Es wird behauptet, daß diese Entwickelung im Einverständnis mit dem Präsidenten der Republik bereits vorbereitet wird.
Sowjetpropaganda unter deutschen Bauern.
❖ München. Sowsetrußland scheint nun auch feine Propaganda auf den deutschen Bauer ausdehnen und sich dazu der radikalen Elemente, wie des baperifclwn Bauernbundführers Gandorfer, der 1918 mit Kurt Eisner zusammen in München Revolution gemacht hat, und der feit einiger Zeit in seiner Partei als Wortführer des extremen Flügels stark hervorttitt, bedienen zu wollen. Die kommunistische „Neue Zeitung" schlägt wenigstens allen Ernstes den bayerischen Bauern vor. im Frühjahr eine Bauernabordnung nach Rußland zu schicken. Die landwirtschaftlichen Organisationen Rußlands und der internationale Bauernrat würden mit Freuden einen Mann wie Gandorfer und andere bayerische Bauern als ihre Gäste begrüßen. Gandorfer stehe heute am Sck;eidewege. Er werde hoffentlich „kühn den Weg vollenden, den er begonnen".