hersftlSer Tageblatt «:r«xa HeessblöLT Kreisblstt^ Is-SSSS r^w .^. f^n,,.. Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfels [ Budidrudierel in Bersfeld, (Buglied des ?DZV. |
Nr. 299 Dienstag, den 22. Derember 1925
Das Wichiigfie.
— Der russische Außeirlommisiar Tschstscherin hatte am Montag eine Besprechung mit dem Reichsaußenminister Dr. Stresemann über wichtige wirtschaftspoli- tische Fragen.
Die deutscheAV irtschaftskrisis verschärft sich immer mehr. Die ZÄst der Arbeitslosen wächst von Tag zu Tag.
— In Prag fanden große Kundgebungen gegen die Deutschen statt, die man mit allen Mitteln unterdrücken will.
Der Streit um den Großgrundbesitz.
Don Dr. W. Staffehl.
In Deutschland blühen Ackerbau und Viehzucht. Das lernt heute jeder Voltsschüler; ob aber alle Deutschen die richtige Vorstellung damit verbinden, wenn sie diese Tatsache aussprechen, muß bezweifelt werden. Erst im Auslande kann man vergleichen, und die Erinnerung 'an die Heimat mit den stattlichen Viehherden und den wogenden Getreidefeldern läßt erkennen, welch hohen Stand der Entwicklung unsere Landwirtschaft erreicht hat. Der Aufstieg ist das Werk opferbereiter Landwirte in rastloser Zusammenarbeit mit unermüdlichen Männern der Wissenschaft. Durch die Zunahme der Bevölkerung und die Ansammlung von Menschen in Großstädten wurden immer größere Teile der Bevölkerung von der Landwirtschaft losgelöst, die sie früher alle beschäftigte und ernährte.
Heute ist jeder fünfte Einwohner Deutschlands ein Städter, der mit Nahrungsmitteln versorgt sein will. Die Notwendigkeit der Produktionssteigerung ist von unseren Grundbesitzern rechtzeitig erkannt worden. Sie führten planmäßig die Züchtung besserer Viehrassen und wertvollerer Getreide- aöeuJliird^ u^ bei ihre-t Berufsgenofferr -dir- Erkenntnis der Wichtigkeit der künstlichen Düngung. Mit der Zeit erkannten auch die Bauern und Eigentümer den Wert der Sorten- und Rassenauswahl, sie arbeiteten nach den gleichen Zielen ihrer Lehrmeister und nahmen dadurch Anteil an der gewaltigen Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion. Me Kleinbauern hätten weder genügend Land noch Geld gehabt, die kostspieligen Versuche durchzuführen. Auch zukünftig werden die Besitzer größerer Flächen die Schrittmacher in der aufwärtsführenden Bewegung sein. Eine Auflösung der Großbetriebe würde den Untergang der landwirtschaftlichen Forschung bedeuten, welcher zu einer Verringerung der Produktion und zu einer Minderung des Volkswohlstandes führen muß. Die Zerschlagung des Großgrundbesitzes wäre ein wirtschaftlicher Fehler.
Es können trotzdem gewichtige Gründe vorhanden sein, welche zur Aufteilung der großen Güter zwingen. Der im Verhältnis zur Fläche einer Kleinwirtschaft erzeugte und für die Volksernährung bestimmte Ertrag könnte so weit hinter der bäuerlichen Menge zurückbleiben, daß eine Zerlegung in Mittel- und Kleinbetriebe sich als notwendig erweisen wurde. Dann wäre die Aufteilung zu befürworten. Eine Bekämpfung des Großbetriebes aus politischen Gründen ist aber ab- zulehnen. Große Wirtschastsformen zu verwerfen, weil ihre Besitzer eine entgegengesetzte Parteistellung einnehmen, ist unwirtschaftlich gedacht und kein Beweis für die Unzweckmäßig- keit dieser Betriebe. Die Landwirtschaft hat die Aufgabe, das Volk zu ernähren. Um diese Aufgabe zu erfüllen, ist diejenige Betriebsgröße zu wählen, welche bei dem geringsten Aufwand an Arbeit und Kosten den größten Ertrag bringt.
Ueber die Frage der Daseinsberechtigung des Großbetriebes herrscht kaum noch ein Zweifel. Die großen Erträge an Getreide und Kartoffeln können in der großen Wirtschaft nicht verbraucht werden. Der Großgrundbesitzer muß verkaufen. Dagegen werden in den kleineren Wirtschaften infolge der gesteigerten Viehhaltung die Feldfrüchte zum größten Teile verfüttert. Klein- und Mittelbetriebe sind die Fleischliefe- ranten in der Volksernährung. Dem Großbetriebe fehlen die Arbeitskräfte für die Mästung, dem kleinen Landwirt fehlt die Fläche, um große Ernte-mengen abzuführen. Beide De- triebsgrößen sind volkswirtschaftlich wichtig. Nehmen wir als Beispiel ein Gut von 2000 Morgen, das in 20 Mittelbetriebe zu je 50 Morgen aufgeteilt wird. Auf diesem kleinbäuerlichen Hose leben schätzungsweise 4—5 Arbeitskräfte, 2 Pferde, 5 Kühe, 6 Schweine und 20 Hühner. Im gleichen Verhält- «nis müßte das Gut 80—100 Arbeiter beschäftigen und 40 sPferde, 100 Kühe, 120 Schweine und 400 Hühner aufweisen. Je kleiner die Wirtschaften werden, um so größer wird die Zahl an Menschen und Dich, welche darauf ernährt wird. Güter der angegebenen Größe bleiben aber weit hinter den angeführten Zahlen zurück. Eine erhebliche Vermehrung der Kleinbetriebe könnte zur Folge haben, daß ein Ausfall in der Brot- und Kartoffelversorgung und ein Ueberangebot an Fleisch einträte, wodurch unsere Ernührungswirtschaft in
Verwirrung geriete. Versuche einer behördlichen Regelung sind bedenklich. Die Kiegserfahrung liefert genügend Beweise. Jeder Kleinbetrieb verliert bei Mißwachs die Grundlage seiner Viehhaltung, wenn die großen Wirtschaften fehlten, welche mit ihrem verbleibenden Ueberschuß an Futtermitteln helfend eingreifen könnten. Die Reche beachtenswerter Gründe, welche für die Erhaltung des Großbetriebes in der Landwirtschaft sprechen, ist noch bei weitem nicht erschöpft. Die Sicherung unserer Volksernährung ist die erste Forderung. Wir können sie uns erhalten, wenn wir eine gesunde Mischung von Groß- und Kleinbetrieben anstreben.
Im Geiste von Locarno.
Fanatische Deutschen hetze in der Tschechen
^ Prag. Im Anschluß an die tschechisch-nationale Versammlung kam es zu deutsch-feindlichen Demonstrationen in den Straßen Prags. In geschlossenem Zuge begab sich eine große Menschenmenge nach dem Kaffee Continental, einem bekannten Sammelpunkt der Deutschen Prags, und brach in stürmische Rufe gegen die Deutschen und Juden aus. Ausschreitungen ernsterer Natur konnte die Polizei verhindern. Auch anläßlich einer Versammlung der tschechischen Faschisten kam es zu Straßendemoustrationen. Die Redner erklärten, daß die Demokratie in diesem Staate ein Unsinn sei. Retten könne ihn nur d er Faschismus. Das Ab- singen des Deutschlandliedes im tschechischen Parlament sei eine Provokation, die in keinem anderen Staate der Welt geduldet werden würde.
Trotz des polizeilichen Verbots bildeten die tschechischen Faschisten nach der Versammlung einen Demonstrationszug und marschierten .^ateJ^^tfdrt^^ auf Dänische, und Juden, bei denen kein Tscheche etwas kaufen dürfe, vor das Deutsche Haus. Eine doppelte Polizeikette wurde von der erregten Menge zweimal überrannt. Erst kurz vor dem Deutschen Haus gelang es, den Zug anzuhalten. Nachdem mehrere Hetzlieder gegen die Deutschen gesungen worden waren, zerstreute sich die Menge. Dann wurde von den Faschisten die Parole ausgegeben, vor das Parlament zu ziehen, um gegen die milde Handhabung der Geschäftsordnung des Parlaments durch den derzeitigen Präsidenten zu demonstrieren.
Die Slowaken haben offenbar durch ihre sehr scharfe Obstruktion im Parlament bereits einen vollen Erfolg errungen. Die Tschechen sind bereit, mit ihnen über eine Einigung'zu verhandeln. Im Zusammenhang damit steht eine Aeußerung eines Führers der Slowaken, in der es heißt, es fei besser, Ministerpräsident Shvehla verhandelt mit uns, als mit den Deuffchen. Der Staat sei tschecho-slowakisch, in ihm sollen die Tschechen und Slowaken regieren. Me Abgeordneten der slowakischen Partei meinten es redlich mit der tschechischen Republik. Tschechen und Slowaken müßten dem Staat einen rein slawischen Charakter geben. „Ich bin überzeugt, daß den Deutschen bald die Lust vergehen wird, im Präger Parlament „Deutschland, Deutschland über alles" zu singen.
Das zunehmende Wirischaftselen-.
Warnung vor Zuzug nach Westfalen.
❖ Münster. Der Oberpräsident von Westfalen teilt der Telegraphen-Union mit: Die schlechte Wirtschaftslage hat im Westen des Reiches ein besonders starkes Ansteigen der Erwerbslosigkeit und damit eine immer größer werdende Not zur Folge. Am 15. Dezember waren allein in Westfalen rund 122 000 Arbeitnehmer vorhanden, die die Erwerbslosen- fürsorge in Anspruch nahmen. Dem Arbeitsmnrkt-Wochen- bericht des Landesarbeitsamtes Westfalen und Lippe ist zu entnehmen, daß im Monat Novenrber auf je eine offene Stelle durchschnittlich 15 Arbeitsuchende tarnen.
An einzelnen Plätzen liegen die Verhältnisse noch erheblich schlimmer. Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß die Lage sich noch weiter verschlechtern und es noch schwieriger werden wird, in diesen Teilen des Reiches Arbeit zu finden. Schon jetzt find viele der Zugereisten auf die Erwerbslosenfürsorge angewiesen, da alle Hoffnungen, Arbeit zu bekommen, sich als trügerisch erwiesen haben. Die Not der Zugereisten ist deshalb doppelt groß, weil sie mich noch mit Wohnungsschwierigketten zu kämpfen haben. Wer aus dem Osten oder aus anderen Teilen des Reiches trotz dieser Warnung zuwandert, muß auch ganz allein, so bitter und
traurig es ist, die Folgen seines leichtfertigen Handelns tragen.
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Wie der Hannoversche Landesdienst erfährt, hat sich die Arbeitslage im Bereich des Landesarbeitsamtes Niederfachfen in der vergangenen Woche erheblich verschlechtert. Die Zahl der Arbeitsuchenden stieg um rund 9000, die der Unterstützungsempfänger um 10 000. Die Verschlechterung erstreckt sich auf fast alle Berufe. Me Zahl der Haupt- unterstützungsempfänger stieg von 3 9 5 7 0 auf 4 9 419.
Das pommerfche Landesarbeits- und Berufsanrt schreibt:
Das Tempo des Ansteigens der Arbeitslüsenziffern hat sich zwar etwas verlangsamt, doch beträgt die Zunahme der Gesamtzahl der gemeldeten Arbeitslosen Pommerns gegenüber dem Stand der Vorwoche immer noch rund 4 900 Personen. Den Hauptteil an der neuerlichen Belastung trügen die Gruppe der Ungelernten mit 830, des Baugewerbes mit 770 des Verkehrs mit 520, des Metallgewerbes mit 490, der Land- und Forstwirtschaft mit 470, Industrie der Steine und Erden mit 230 und des Bekleidungsgewerbes mit 220 Personen Zu- gang. Gesamtzahl der Arbeitsuchenden Pommerns in der Mitte der Derichtswoche rund 36 000, davon rund 28 000 Hauptunterstützungsempfänger.
Vorläufig keine Wirtschaftskonferenz des Völkerbundes?
£ Paris. Ein Pariser Blatt bringt eine Meldung, wonach der Völkerbundrat vorläufig dem Gedanken einer Einberufung einer Wirtschaftskonferenz nicht nähertreten werde. Von der Bildung eines Ausschusses, der Vorarbeiten in Angriff nehmen soll, wird dementsprechend abgesehen werden. Als Grund für diesen Beschluß wird angegeben, daß verschiedene Länder, insbesondere Deutschland, nicht Ahre Adficyt 'erkennen ließSchfich in diesem Ausschuß vertreten zu lassen. Der Ausschuß sollte aus den Mitgliedern des Völkerbundrates, den Delegierten des Internationalen Arbeitsamtes und den Sachverständigen der Finanz- und Wirtschaftskommission zusammengesetzt werden. Die Frage der Einberufung der Konferenz wird erst im März oder April nächsten Jahres Gegenstand einer neuen Prüfung sein.
Das „nachgiebige" Frankreich.
Zum deutsch-französischen Wirtschafts- prvtokoll.
£ Paris. Zu dem in Paris unterzeichneten französischdeutschen Wirtschaftsprotokoll schreibt die Pariser Presse, daß auf dem Wege der Verständigung ein bedeutsamer Fortschritt gemacht worden wäre. Man sei indessen zu der Feststellung gezwungen, daß auch diesmal Frankreich sich zu Konzessionen hinreißen ließ (?) und hoffentlich werde Deutschland seinerseits den Beweis erbringen, daß die Politik der Entspannung fortan für die Wirtschaftsbeziehungen der beiden Länder dauerhaften Erfolg haben werde.
Aus dem Sowjetparadies.
-£ Moskau. Der Generalsekretär der kommunistischen Partei und Vorsitzende des Zentralvollzugsausschusses der Sowjetunion, Stalin, führte in einer Rede auf dem Moskauer Parteitag aus:
• Me Wirtschaftspolitik der Sowjetmacht erstrebt die Stärkung der Sowjetunion als selbständiger, wirtschaftlicher Einheit. Im vergangenen Wirtschaftsjahr war der Außenhandel mit 144 Millionen passiv, im nächsten Jahr soll unbedingt ein Aktivsaldo von mindestens 100 Millionen erreicht werden. Die landwirtschaftliche Produktion habe 71 Prozent der Produktion von 1913 ergeben im Werte von 9 Milliarden Rubel, berechnet auf Grund der Borkriegspreise, die Produktion der Industrie 71 Prozent im Werte von 5 Milliarden. Die Industrie wird im laufenden Jahre 95 Prozent des Vorkriegsstandes erreichen. Der Reingewinn der ft a a 11 i dj d*n Industrie betrug im vergangenen Jahre 315 Millionen, der des Handels 22, der der Banken 46 Millionen. Davon wurden an die Staatskasse 201 Millionen abgeführt. Die zahlenmäßige Stärke der Arbeiterklasse betrug 7 Millionen gegen 5% Millionen im Jahre 1924, die Zahl der Arbeitslosen 715 000 gegen 765 000 im vorigen Jahre, gleichzeitig besteht aber eine unbefriedigte 9iad)frage der Industrie nach 430 000 qualifizierten Arbeitern.
Auf dein Verständnis für diesen Prozeß beruht die heutige B a u e r n p o l i t i k der Partei, nämlich Zugeständnisse hinsichtlich der Landpachtung, Einstellung von Land- arbeiten:, Aufhebung aller Uebrerefie des Kriegskommunismus in den Dörfern, weitgehende materielle Hilfe für die ärmere Bauernschaft, Politik der Schaffung eines festen