Hersfelöer Tageblatt
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Franz Funk In BersMi + Ferniprecher Dr. 8. | MMlLW^N MNI^lMk M§ MN RtLlS YLW/Ew Sudtdrudrerei in Bersfeld, ffiitglied des vv^v.
Nr. 2 Montag, den 4. Januar 1926 76. Jahrgang
Die drohende MrlsOastMastrophe
Das Wrtschaftselend nimmt in rasendem Tempo zu. Ganz wider Erwarten ist die Zahl der Erwerbslosen in der Zeit vom 1. bis, 15. Dezember in einem Maße gestiegen, das kaum noch übertroffen werden kann. Man sollte an- nehmen und hatte es allgemein auch gehofft, daß gerade in der Zeit vor Weihnachten die Erwerbslosenziffer nicht so erheblich steigen würde, wie es geschah. Wenn auch das Wirtschaftsleben noch so darniederliegt, so rechnete man immerhin doch damit, daß bei einer erhöhten Geschäftskonjunktur um Weihnachten herum auch eine vermehrte Anforderung von Arbeitskräften eintreten würde. Die Tatsache, daß vom 1. bis 15. Dezember die Zahl der Erwerbslosen um rund 57 Prozent gestiegen ist, zeigt uns, daß unsere Hoffnung auf vermehrte Anspannung von Arbeitskräften enttäuscht wurde. Leider muß der statistischen Feststellung noch hinzu- gefügt werden, daß in den seit dem 15. Dezember vergangenen zwei Wochen die Zahl der Arbeitslosen schon wieder erheblich gestiegen ist. Und wenn wir bedenken, daß die ersten Monate eines Jahres fast meist einen gewissen Stillstand im Wirtschaftsleben mit sich bringen, so müssen wir mit größtem Bedenken auf die kommenden Wochen vorausblicken, in denen das Arbeitslosenelend sich von Tag zu Tag vergrößern wird. Fast jeder Tag bringt uns neue Meldungen von Schließungen großer und kleinerer Betriebe, und lesen wir aufmerksam, so werden uns unter den Unternehmen Namen von bestem Klang auffallen, Namen, die für das deutsche Wirtschaftsleben etwas bedeuteten, Unternehmen, deren Beschäftigungs- grad ein Wertmesser für den Stand der deutschen Wirtschaft war. Gewiß macht in jedem Jahr unsere Wirtschaft eine gewisse Krise durch, aber in diesem Jahre und in dem folgenden deutet sich doch geradezu eine Wirtschastskata. strophe an.
Alle Hoffnung, daß sich das Elend von heute auf morgen bessern wird, müssen wir leider begraben, und wenn es auch nicht richtig ist, daß man den augenblicklichen Stand unserer deutschen Wirtschaft grau in grau malt, so dürfen wir doch auch nj cht mit [^chter Geste Äle Taffach e;.
Die Zahlen der Arbeitslosigkeit müssen und sollen uns zu denken geben. Nichts ist notwendiger, als einen Weg aus dem Elend zu finden und ein Mittel, die drohende Katastrophe abzuwenden. Es ist falsch und zeugt von bedauernswerter Unkenntnis, wenn vielleicht heute dieser und jener darauf hinweist, daß ja die Arbeitslosigkeit in England bedeutend größer fei; denn dort beträgt die Zahl der'Arbeits- lofen ungefähr 1,5 Millionen. Ein Vergleich der Arbeitslosigkeit in England mit der unfertigem Hinkt ganz gewaltig. Erstens dürfte bis zum heutigen Tage die Ziffer der englischen Arbeitslosigkeit in Deutschland bereits erreicht, wenn nicht gar überschritten sein, und zweitens dürfen wir keineswegs unser Land mit England in bezug auf die innere Wirtschafts- stärke auf eine Stufe stellen. Wir dürfen nicht vergessen und sollen es uns jeden Tag von neuem ins Gedächtnis rufen, daß wir einen verlorenen Krieg hinter uns haben und daß unser Wirtschaftskörper aus schweren Wunden blutet. Wir haben eine Inflation hinter uns und haben heute noch nicht ihre Nachwirkungen überwunden. Dazu kommt, daß der Tribut an die ehemaligen Feindbundstaaten von Jahr zu Jahr wächst. Wir haben keine vollen Staatskassen, aus denen wir die Reparationsgelder zahlen können, sondern alles soll erst erarbeitet und die Arbeit erst verkauft werden, und daraus wird sich der Erlös ergeben, den wir als Tribut abzu- liefern haben. Wie aber, so fragen wir uns, sollen wir m Zukunft die riesigen Reparationslasten tragen, wenn unser Wirtschaftskörper zerschlagen ist?
Die Zukunft für uns hängt von der Entwicklung unserer Wirtschaft ab. Deswegen gibt es für uns kein ernsteres und wichtigeres Problem als die Verhütung eines völligen Wirt- schaftszusammenbruches. Gegen diese Frage verblassen auch die wichtigsten diplomatischen Fragen, die ganze hohe Politik tritt zurück hinter der Wirtschaftspolitik. Es ist undenkbar, daß die Arbeitslosigkeit weiter in dem bisherigen Maße fort- schreitet. Wir müssen deshalb erwarten, daß die Regierung, welche es auch immer sei, sich in erster Linie mit dem Problem der künftigen Wtrtschaftsgsftaltung beschäftigt. Das Heer der Arbeitslosen verträgt keine Verstärkung mehr, und das Elend derer, die heute ohne Beschäftigung sind, muß gelindert werden. Jeder Tag der Versäumnis ist ein weiterer Schritt zur Katastrophe. Dr. M.
Die Rückwirkungen.
Die Reichsregierung hat bet der Verabschiedung der Locarno-Verträge im Reichstag die nachdrückliche Erklärung abgegeben, daß ihr ganzes Streben daraus gerietet sein werde, die von Deutschland geforderten Rückwirkungen des Sicherheitspaktes auf das besetzte Rhein- land zu erweitern und durch neue Verhandlungen mit den Besatzungsmächten wieder auszurollen. Den ersten Schritt haben der Reichskanzler Dr. Luther und Außenminister Dr. Stresemann anläßlich der Unterzeichnung der Paktverträge in London unternommen, ohne daß je
doch irgend ein positives Resultat erzielt werden konnte. Infolge der frühzeitigen Abreise des französischen Außenministers Vriand wurden die Verhandlungen unterbrochen, sodaß das neu zu bildende Retchskabinett die Aufgabe haben wird, alsbald eine neuerliche Fühlungnahme mit den Regierungen in London, Paris und Brüssel über die Besatzungsfrage herzustellen.
Dieser Tage ging durch die Presse die Meldung, daß bei der gegenwärtig im Gang befindlichen Umgruppierung der Besatzungstruppen bereits das Problem der Verminderung des Truppenstandes und der früheren Räumung des Mainzer Brückenkopfes in den Vordergrund gedrängt worden sei und daß man schon jetzt mit einer Lösung dieser Frage rechnen dürfe. Demgegenüber stellt sich jedoch heraus, wie wenig in Wirklichkeit erreicht worden ist, da man es bet den gegenwärtigen Maßnahmen einzig und allein mit der sogenannten „militärischen Umgruppierung", nicht aber mit der Verminderung der Besatzungstruppen und der Abkürzung der Räumungsfristen zu tun hat. Nach unseren Informationen ist bisher zwischen den alliierten Regierungen und Deutschland iiber diese Fragen noch keine Einigung erzielt worden. Als Dr. Luther und Dr. Stresemann in London die Rheinlandfrage zur Sprache gebracht haben, fanden sie zwar bei dem englischen Außenminister Chamberlain und bet dem belgischen Minister Bander- velde ein freundliches Entgegenkommen, aber es war unmöglich, zu positiven Verhandlungen zu kommen, da die alliierten Mächte unter sich noch nicht in der Lage waren, zu einer Verständigung über das Besetzungsproblem zu gelangen.
Tatsächlich wird der Eindruck erheblicher Meinungsverschiedenheiten zwischen London, Paris und Brüssel noch dadurch verstärkt, daß die Besatzungsmächte bei der Frage dr Umgruppierung der durch die Räumung der Kölner Zone sreigewordenen Truppen auch jetzt noch ernste Unstimmigkeiten unter sich auszutragen haben. England, das seine Truppen bereits auf 8000 Mann reduziert hat, will auf keinerlei weitere Verminderungen seines Kontingents eingehen, während Frankreich sich mit allem Nachdruck auf den Standpunkt stellt, daß die französischen Truppenstärke nicht weniger als 60 000 Mann betragen dürfe. Die Folge davon ist, daß sich bei der Umgrupiperung der Truppen Gegensätze berausge- bildet haben, die einer Lösung d 7 ganzen Besatzungs- nroH^s ernste SchwieAgtüten >„7 n.u. . Ls wär«. vu- her völlig verfehlt, wenn man sich deutscherseits einem gewissen Optimismus hingeben würde. Vielmehr besteht die dringende Notwendigkeit, die Forderung auf Abkürzung der Besatzungsfristen und Verminderung der Truppenstärke in den nächsten Wochen mit großer Entschiedenheit zu erheben und demgemäß eine Einheitsfront aller Parteien im Reichstage herzustellen. Wenn die neue Regierung gebildet sein wird, muß sie sich über diese Frage vor dem Reichstag aussprechen,' denn sie übernimmt bei ihrem Amtsantritt die Aufgabe, die deutsche Außenpolitik in unveränderter Form fortzuführen. Dazu gehört aber in erster Linie die Erweiterung der Rückwirkungen des Sicherheitspaktes auf die besetzten Gebiete, eine Frage, die von dem bisherigen Kabinett Luther-Stresemann nicht mehr gelöst werden konnte und die unter keinen Umständen ad acta gelegt werden darf.
S«nWunetn des ReMvrMente».
Reichspräsident v. Hindenburg richtete an die deutsche Wehrmacht folgende« Neujahrserlaß:
„An die deutsche Wehrmacht! Der deurschen Wehr- macht entbiete ich zum neuen Jahre meine herzlichen Wünsche. Ich habe im vergangenen Jahre das hohe Maß ihres Könnens mit Freude festgestellt. Ich wünsche ihr, daß sie unter bewährter Führung fortschreiten möge in ihrer Aufgabe, unser Vaterland zu schützen. Der Reichspräsident v. Hindenburg. Der Retchswehrmintster Dr. Geßler."
Auf ein im herzlichsten Ton gehaltenes Glückwunschtelegramm des österreichischen Bundespräsidenten zum Jahreswechsel hat der Reichspräsident wie folgt geantwortet:
Euerer Exzellenz danke ich herzlich für die Wünsche, die Sie in so freundlicher Weise dem deutschen Volke und mir versönlch zum neuen Jahre ausgesprochen haben. In Erinnerung an die treue Kameradschaft, die in schwerer Zeit unsere beiden Länder so eng verbunden hat, "erwidere ich Ihre Wünsche in freundlichster Gesinnung für Oesterreich und sein Staatsoberhaupt. Möge das Jahr 1926 für Ihr Land ein Jahr der Kräftigung und weiteren Aufstieges werden. Reichspräsident v. Hindenburg.
Wuiw Wdjl* zur MwWAMMemz.
Das Bölkerbundssekretariat hat mit der deutschen Regierung iiber die Enffendung deutscher Delegierter zur Weltwirtschaftskonserenz Fühlung genommen. In Berlin erklärt man, daß Deutschland erst in den Völkerbund ausgenommen sein müsse, ehe es sich über die Beschickung der Weltwirtschaftskonferenz und der vorbe- rettenden Kommission schlüssig werden könnte.
5S-Jahrsere§ ber Ns:chsbaM.
Der Glückwunsch des Reichspräsidenten.
-^Anläßlich des 50jährigen Bestehens der Reichsbank hat Reichspräsident von Hindenburg in einem L>chrer- ebn an den Präsidenten des Reichsbankdirektoriums, Dr. Schacht, dem Reichsbankdirektorium und der Reichsbank seine herzlichsten Glückwünsche ausgesprochen. Es heißt darin u. a.: Das letzte Jahrzehnt hat die Reichs- bank vor bin schwersten Aufgaben gestellt. Durch -ihre
Lösung Das die Reichsbank dem Rerche wie dem Getarnten deutschen Volke wertvolle Dienste geleistet, und in der letzten Zeit haben die Wiederherstellung der Goldwährung, ihre Sicherung und Durchsührung, der &eu bedarf der deutschen Industrie ^wd die Wrederanmuv- funa der Beziehungen zum auslandrschen Geldmartt der^Reichsbank und ihrer Leitung neue i^viertge Probleme der Währungs- und Kreörtpolrtrk gebracht, die sie, unbeirrt vom Streit der Meinungm. m mustergültiger Weile gelöst hat. Es möge der Reichsbank vergönnt sein, auch jetzt der schwerbedrängten deutschen VRks- wirtschaft wirksam zu helfen und sie in naher Zukunft auf den Weg der Gesundung und der Wredererimrrung zu ihrer alten Geltung zu begleiten.
Zur Freigabe des GigentuMS in Amerika.
»-»Aus Washington wird gemeldet: -Hier wurde am
Eigentums zusammentrsten werden. Nebereinstim- mends Gesetzentwürfe werden nach Genehungung des Schatzamtes den betben Häusern des Kongresses sofort bei Beginn der Session vergelegt werde«. Man erwartet, daß Präsident Coolidge eine besondere Botschaft er- lassen werde.
WWW M »MM SWi» ÄSSÄ«^ teien sowie des rumänischen Patriarchen fand em.Kron- rvt statt der den Verzicht des Prinzen Karol auf feine Recht? als Thronfolger un auf seinen Prinzenrang zur Kenntnis nahm. ,
Der diplomatische Korrespondent des „Daily Telegraph" führt den Entschluß des Kronprinzen von Rumänien, auf die Thronfolge zu verzichten, nicht nur am persönliche Gründe zurück, sondern -auch daraus, daß zwischen ihm und der rumänischen Armeebehorde be- deutende Unstimmigkeiten über den Anrauf von Flugzeugen entstanden seien. Der Prinz als Chef des rumänischen Flugwesens habe aus dem Ankauf von Flugzeugen bestanden, die sich nachher als nicht brauchbar erwiesen und der Thronfolger habe sich einer Unierju- SÄb^ endgüiim von der Kammer
angeordnet wurde. Aus diesen UnUtand seies zurück- zuführen, daß der Kronprinz auch glerchzettig auf ieme fe» ■».«"»»« B reff beschlossen hat, den Prinzen
Em
zur Aenderung seiner Meinung zu bewegen, so spricht man sich jedoch von einem solchen Schritt wenig Erfolg.
Das MsffulproSleM.
ver- nur
An-
„Times" veröffentlicht eine offizielle türkische sirbt über das Mossulproblem, worin es heißt dre tui- xicme Regierung würde bereit sein, sich mit dem Besitz der Stadt Mossul ohne den Rest des Wilajets zu begnügen. Die Weigerung Großbritanniens, diesem vernünftigen Vorschlag stattzugeben, nötige die türkische Regierung, den Schluß zu ziehen, daß. Großbritannien ihr Hauptfeind sei. Die türkische Regierung könne es sich leisten, eine günstige Gelegenheit abzuwarten, um sich zu nehmen, was ihr von rechtswegen gehöre. Die Türkei werde nicht kämpfen, wenn es ihren Gegnern passe, sondern werde den geeigneten Zeitpunkt wählen. „Daily Telegraph" zufolge betragen die türkischen Streitkräfte in der Nähe der Jrakgrenze jetzt c>0000
Mann.
Die HGchWKsserkaZssirophe.
___.Seit Freitag langsames Fallen des Wassers.
«^ Das Hochwasser des Mains ist am Donnerstag und Freitag noch weiter gestiegen. Bei Hanau erreichte es einen Stand von 5,72 Metern. In Frankfurt übertrifft das Hochwasser den höchsten Stand von 1924 um 10 Zentimeter. Der Verkehr in den überschwemmten Straßen wird durch einen freiwilligen Bootsdienst versehen. Freitag nachmittag 4 Uhr ist nach amtlicher Mitteilung das Steigen des Hochwassers zum Stillstand gekommen.
Das Wasser des Rheins ist Freitag nachmittag nach einer vorübergehenden Steigung zum Stehen gekommen. In Koblenz fällt das Wasser 1 Ztm. stündlich und ist in der 10. Stunde bereits um 5 Zentimeter ge= fallen. Um 9 Uhr war der Stand 9,23 Meter. Der Kölner Pegel zeigte um 10 Uhr abends den höchsten Wasserstand von 9,68.
Nach den letzten Wasserstandsnachrichten fällt der Oberrhein langsam, die Mosel bei Trier sogar stündlich um 6 Zentimeter. Das Hochwasser erreichte in Koblenz mit 9,30 Meter den höchsten Wasserstand seit 1784, der damals 10,21 Meter betrug.
In Düsseldorf stieg das Wasser von Donnerstag nachmittag 5 Uhr bis Freitag mittag 12 Uhr noch um 60 Ztm. Die ganze Rheinuserstratze ist durch einen Wall von Sandsäcken gesichert worden. Der Kaiser Wilhelm-Park mit dem tiefergelegenen Teil des Ausstellungsgeländes steht unter Wasser. Am ganzen Rhein sind weite Landstrecken völlig von den Fluten überschwemmt. Die Stadt Zons ist zum größten Teil vom Wasser unterspült. In Grimmlingheim stehen 50 Häuser im Wasser. In Neutz hat das Wasser in den neu aufgebauten Damm am Erft-Kanal in der Nähe der Eisenbahnbrücke ein Loch in einer Ausdehnung vmr 25 Metern gerissen.