Hersfelöer Tageblatt
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Hersfelöer Kreisblatt"
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Nr. 8
Montag, den 11. Januar 1926
76. Jahrgang
Neues vom Tage.
— Der Reichspräsident von Hindenburg hat den Reichskanzler Dr. Luther empfangen.
— Der Reichspräsident hat sich entschieden, die Beschlüsse des Zentrums, der Demokraten und Sozialdemokraten abzuwarten, bevor er eine bestimmte Persönlichkeit mit der Neubildung der Regierung beauftragt.
— Der Reichsbankpräsident hat anläßlich des Jubiläums der Reichsbank dem Reichspräsidenten eine Spende von 200 000 Mark für Linderung der Not in den Hochwassergebieten übersandt.
— Der Polizeipräsident von Berlin hat die Nr. 5 des „Deutschen Tageblattes" vom 7. 1. wegen des darin enthaltenen Artikels „Terror in Moabit" dem Oberreichsanwalt zugeleitet und ihm anheimgegeben, gegen die genannte Zeitung auf Grund des § 8 Ziffer 1 des Republikgesetzes Vorzugehen.
— Der sozialpolitische Ausschuß des Reichswirtschaftsrates erledigte in seiner letzten Sitzung einen Gesetzentwurf für Abänderung des Reichsknappschastsgefetzes.
— Der französische Ministerpräsident Briand hat den amerikanischen Botschafter und den spanischen Botschafter in Paris sowie den französischen Botschafter in London, der gegenwärtig auf Urlaub dort weilt, empfangen.
— Nach einer Meldung aus Tokio versuchte, kurz bevor der Regent nach der jährlichen Parade der Truppen zur Stadt zurück- kehrte, der brasilianische Gesandte die Straße zu überschreiten. Die anwesende Menge wollte ihn daran verhindern. Es entstand eine Schlägerei. Zwei dazwischentretende Polizisten wurden verwundet.
Die Lage an der Börse.
Nach den ersten BörsenfagW d^,.^aüreS zu urteilen, haue es zunächst den Anschein, als wenn im neuen Jahre die Börsenschwäche ihren Fortgang nehmen würde, und es war ein besonders bedenkliches Zeichen, daß wiederum diese Schwäche durch häßliche Börsenmanövet genährt wurde. Die unsinnigsten Gerüchte, für die deutsche Wirtschaftsführer herhalten mußten, führten zu Tiefkursen. Um so plötzlicher wirkte der Umschlag in der neuen Woche, und zwar waren es wieder haltlose Gerüchte, die ihn bewirkten. Sie kamen aber diesmal aus Amerika, und den Eingeweihten war es bald klar, daß es sich bei den amerikanischen Meldungen um Zweckmeldungen handelte, die aber in ihrer Auswirkung auf die Dauer den deutschen Börsen kräftigen Rückhalt zu geben versprechen. Man beabsichtigt augenscheinlich, drüben das Interesse für deutsche Aktien zu wecken. Man sucht den amerikanischen Lesern die größeren deutschen Werte geläufig zu machen, darum behandelt man in der Presse die einzelnen Werke und den im Werden begriffenen Montantrust in ausführlicher und dem tatsächlichen Gang der Dinge vorgreifenden Weise. Es ist auch nicht unbekannt geblieben, daß von Seiten eines großen deutschen Bankinstitutes in den letzten Wochen unter der Hand große Posten deutscher Bank- und Montanaktien aufgetauft und nach Amerika weitergegeben worden sind.
Eine besondere Stimulanz bietet aber die eben bekannt gewordene Gründung einer deutsch-amerikanischen Bank, die den Hauptzweck hat, deutsche Werte aufzunehmen und in Amerika zu vertreiben, nachdem erst vor kurzem ein ähnliches Institut mit amerikanisch-schwedischem Gelde gegründet worden ist, wobei ebenfalls als eine der Aufgaben die.Investierung von Kapitalien in deutschen Werten genannt worden ist. Es scheint also nunmehr das im Werden begriffen zu sein, was man schon längst als eine Hauptnotwendigkeit für eine Besserung der deutschen Börsenverhältnisse erkannt hat, und man darf auch wohl sagen, daß die Reise des Bankdireftors Schacht sicherlich mittelbar dieser Bewegung den Boden geebnet hat.
Die nächsten Auswirkungen an der Börse waren recht kräftige Kurserholungen auf der ganzen Linie unter Führung von Montanwerk, die feit dem ersten Börsentage des Jahres 10 Prozent und mehr gewinnen konnten. Diese Besserung ist um so höher anzuschlagen, als in der derzeitigen Wirtschaftslage sich noch keinerlei Besserung bemerkbar macht. Im Gegenteil, die bekannt gewordenen Arbeitslosenziffern zu Ende des Jahres, das außerordentliche Anwachsen der Geschäftszusammenbrüche lassen die ganze Größe der derzeitigen Wirtschaftskrise ermessen. Hinzu kommt, daß die Optimisten in der Beurteilung der Freigabefrage des deutschen Eigentums in Amerika wieder einmal gründlich enttäuscht worden sind, da nach .den letzten Meldungen eine Erledigung dieser Angelegenheit in den nächsten Monaten noch nicht "zu erwarten ist. Diese Tatsache hat aber nicht einmal vermocht, die Kurse derjenigen Werte, die in erster Linie von der Freigabe profitiert hätten, wesentlich zu drücken. Da sogar seit längerer Zeit wieder so etwas wie Publikumskäufe festzustellen waren, zeigt die Gesamtbörse zurzeit eine Lebhaftigkeit, wie man sie seit Monaten nicht gekannt hat.
Die Entwicklung am Geldmarkt läßt darauf schließen, daß .die Reichsdank gewillt ist, ihr wiederholt gegebenes Versprechen, zu Beginn des neuen Jahres der Frage einer Diskontermäßigung näher zu treten, schon recht bald einzulösen.
Valdivin für den Frieden.
Frömmigkeit, Ernst und Wahrheitsliebe.
In einer Rede vor der Classical Association sagte Premierminister Baldwin, nachdem er auf das alte römische Reich Bezug genommen hatte, u. a.:
Wenn man, wie ich glaube, daß vieles von der Zivilisation und der Kultur der Welt mit dem Leben Westeuropas verbunden ist, dann ist es gut, wenn wir uns erinnern, daß wir Westeuropäer in geschichtlichen Zeiten gemeinsam Mitglieder eines großen Reiches waren und daß wir, wenn auch in verschiedenem Grade, Sprache, Gesetz und Tradition gemeinsam haben. Ein Krieg zwischen Nationen, die ihre ersten Lehren im Bürgerrecht von einer gemeinsamen Mutter erhielten, erscheint mir als brudermörderischer Wahnsinn.
Wir sollen uns vielmehr bestreben, uns selbst und uns gegenseitig zu helfen und diejenigen Eigenschaften des Charakters wieberzuerlangen, die bezeichnend für die Römer waren: Frömmigkeit, Ernst und Wahrheitsliebe. Auf solchen Grundlagen allein kann die Zivilisation aufgebaut werden und auf ihnen allein kann sie sich halten.
Ein Dementi des Kronprinz«».
Keine Verbindung mit dem ungarischen Thronprätendenten.
Ein Berliner Mittagsblatt brächte im Zusammenhang mit der ungarischen Falschgeldaffäre eine Meldung, nach der der ungarische Kronprätendent, Erzherzog Albrecht, Mch in Verbindung mit dem ehemaligen deutschen Kronprinzen und dem Kronprinzen Rupprecht von Bayern gestanden habe.
Auf einer Persönlichen Zusammenkunft der drei Personen soll ein Mummen ytuof^u worden sein, nach dem im Falle einer Thronbesteigung des Herzogs Albrecht Oesterreich zwischen Bayern und Angaru ausaeteilt werden sollte. Wie aus Schloß Oels mitgeteilt wird, ist diese Meldung, soweit sie sich auf den früheren deutschen Kronprinzen bezieht, in allen ihren Teilen frei erfunden. Der ehemalige Kronprinz unterhält und unterhielt keinerlei Verbindungen zwischen ungarischen Prätendentenkreisen.
Wie ferner aus München gemeldet wird, ist die Nachricht von dem gemeinsamen Komplott des upgarischen Erzherzogs Albrecht, des früheren deutschen Kronprinzen und des bayerischen Kronprinzen, soweit sie sich auf den Kronprinzen Rupprecht von Bayern bezieht, ebenfalls vollständig fre^ erfun^ und beruht von A—Z auf Urwahrheu.
Die Lage in Griechenland.
Zur Vertagung der Wahlen.
Der griechische Außenminister Rufus erklärte dem Korrespondenten des „Temps" in Athen, er werde nicht demissionieren. Er sei in die Regierung Pangalos eingetreten, weil er geglaubt habe, daß seine Anwesenheit nützlich sein könne, um im Lande die nötige Atmosphäre der Entspannung für die Wahlen herzustellen. Vor einigen Monaten habe sich die innere Lage gebessert. Da sei plötzlich von drei Parteiführern des ehemaligen Parlaments eine Agitation ausgegangen, die die Atmosphäre vollkommen umgewandelt habe. Die Regierung habe sich darauf entschlossen, die Wahlen zu vertagen. Der Minister erklärte weiter:
Ich werde darauf bestehe»», mit der Regierung eine neue Grundlage vorzubereiten, die in der kürzesten Frist die Rückkehr des Landes zur normalen politischen Lage durch Wahlen möglich »nacht. Pangalos ist entschlossen, die durch die Vertagung der Wahlen gewonnene Zeit auszufüllen, um sofort solche radikalen verwaltungstechnischen und wirtschaftlichen Reformen durchzuführen, wie mau sie eben unmöglich mit einer parlamentarischen Regierung hätte durchführen können.
Griechenland muß in kurzer Zeit die Flüchtlinge unter- bringen, die für es eine neue Quelle unberechenbarer Reichtümer sein werden, während es für den Augenblick unter den ungeheuren Ausgaben leidet, die erforderlich sind, um ihr Ziel zu erreichen. Die Regierung wird sparsam sein und einige Ministerien beseitigen, um das Budget auszugleichen. An einem derartigen Werk mitzuarbeien, scheint mir viel patriotischer, als gewisse politische Formeln anzunehmen, die nur dann Wert Haben, wenn für das Vaterland der normale Verlauf seiner Existenz gesichert ist.
Fortschreitende Räumung Kölns-
Das englische Oberkommando verläßt die Stadt.
Der englische Oberkommandierende wird schon in den nächsten Tagen Köln verlassen und nach Wiesbaden übersiedeln. Das britische Hauptquartier folgt am 18. und 19. Januar und wird am 20. Januar in Wiesbaden seinen Dienst aufnehmen.
Der Abzug der Engländer aus Köln und der norotichen Rheinlandzone geht weiter in kleinen Trupps vor sich. Auch das Büro des General-Zahlmeisters ist zum Teil nach Wies- baben verlegt worden. In Köln ist von diesem Dienstzweig nur eine kleine Abteilung zurückgeblieben, um die noch hier verbleibenden Truppen bis zu ihrem Abzug zu versorgen. Der Abzug ist bisher im großen und ganzen programmäßig verlaufen. ' Die Engländer haben sich bemüht, die festgesetzten Räumungsdaten inne zu halten. Ob jedoch der Abzug bis zum Monatsschluß beendet sein wird, ist keineswegs sicher.
Die Räumungsdaten waren von den Engländern von vornherein davon abhängig gemacht worden, daß die neuen Quartiere rechtzeitig zur Verfügung stehen würden. Nun haben sich in Bingen und auch in Wiesbaden in dieser Beziehung Schwierigkeiten ergeben, die vielleicht eine kurze Verzögerung im Gefolge haben werden. Jedenfalls rechnet man in Köln damit, daß die Befreiungsfeier, die in Gegenwart des Reichspräsidenten in der ersten Februarhälfte vor sich gehen sollte, erst gegen Ende des Monats stattfinden kann. .
Die Luftfahrtsverhandlungen.
Das Ueberflugsrecht über das linke Rheinufer.
Die deutschen Luftfahrtsachverständigen werden zu Beginn der Woche neue Verhandlungen mit den alliierten Vertretern haben. Für Montag ist eine Sitzung mit dem Sachverständigenausschuß der Botschafterkonferenz festgesetzt. In der Botschafterkonferenz wird über die Abänderung der Londoner ^Begriffsbestimmungen verhandelt werden. Besondere Schwierigkeiten macht zum Teil noch immer die Frage der Größenverhältnisse. Am Dienstag treten die deutschen Luftfahrtsachverständigen mit den französischen Sachverständigen und den Vertretern des Quai d'Orsay zu einer neuen Sitzung zusammen. Auf französischer Seite besteht bekanntlich der Wunsch, die Flugverkehrslinie Pari s—W arsch a u über Berlin zu legen. Deutschtand beansprucht im Austausch dafür das Ueberflugsrecht über das linke Rheinufer. Me französischen Militärbehörden verhalten sich aus Gründen der Sicherheit immer noch ablehnend. Die Verhandlungen sind in diesem Punkt ins Stocken geraten. Der englische Vertreter bemüht sich, vermittelnd aufzu- treten und scheint auch mit dem Hinweis darauf, daß nach der Unterzeichnung des Locarno-Vertrags und den damit verbundenen Rückwirkungen auf das Rheinlandregime angebliche militärische Gründe nicht so sehr entscheidend seien, auf die französischen Vertreter Eindruck gemacht zu haben.
Amerikanische privatlredite.
Eine Erklärung des Schatzamtes in Washington.
Das amerikanische Schatzamt gibt offiziell folgendes bekannt:
Schatzsekretär Mellon hatte bei seiner Besprechung mit dem Reparationsagenten Gilbert auch die Frage berührt, ob die bisherige Politik einer Förderung der privaten Kreditgewährung an Deuts ch land für produktive Zwecke auch fernerhin befolgt werden solle. Die Frage sei zustimme n d beantwortet worden. Es wird jedenfalls von feiten der Regierung nichts unternommen werden, um die Kreditgewährung an Deutschland zu erschweren. Dje Erklärung hat besondere Bedeutung im Hinblick auf bisher 'noch immer nicht einmütig interpretierte Tragweite der Priorität der deutschen Reparationen vor allen sonstigen und insbesondere privaten Schuldverpflichtungen. - — "
Mitte Lagesschao.
«-■ Der „Kaiser-Film". Durch deutsche und ausländische Zeitungen ist kürzlich die Nachricht gegangen, daß in Doorn von einer ausländischen Filmgesellschaft Aufnahmen gemacht wurden, deren Vorführung insbesondere in englischen Lichtspieltheatern starkem Widerspruch begegnete. Wie der „Kreuzzeitung" aus Doorn geschrieben wird, handelt es sich hierbei um Filmaufnahmen eines Haager Photographen, der schon früher Aufnahmen in Doorn gemacht hatte. Der Film war nur für den engsten Familienkreis in Doorn bestimmt. Entgegen der Abrede hat ihn der Photograph in die Öffentlichkeit gebracht.
^ Zentrumsantrag zur Linderung der Hochwasserschäden. Die Zentrumsfraktion des Preußischen Landtags hat einen Urantrag eingebracht, in dem das Staatsministerium ersucht wird, aus Anlaß der ungeheuren Hochwasserschäden in den verschiedenen Flußgebieten und Landesteilen sofort ausreichende Staatsmittel zur Verfügung zu stellen, um die augenblickliche dringende Not der betroffenen Bewohner zu lindern und genügende Sicherheitsmaßnahmen zur Verhütung ähnlicher Katastrophen zu treffen.
Aufhebung des deutsch-schweizerischen Paßvisums. Nach einer Meldung der Baseler Blätter sind die Verhandlungen zwischen Deutschland und der Schweiz über die Aufhebung des beiderseitigen Paßvisums zu einem Abschluß gelangt. Bei den Verhandlungen ist der schweizerische Standpunkt durchgedrungen, wonach für Stellensuchende nach wie vor der Visumzwang bestehen bleibt. Die Aufhebung soll am 20. Jan. in Kraft treten.