Hersfelöer Tageblatt
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Hersfel-er Kreisblatt"
Amtlicher Mzeiger für den Kreis Hersfelö
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Nr. 12
Freitag, den 15. Januar 1926
16. Jahrgang
Neues vom Tage.
— Nach einer Meldung aus Berlin wird Reichspräsident v. Hindenburg die am 28. Februar beginnende Leipziger Früh- sahrsmesse voraussichtlich besuchen.
— Der im Reichsministerium des Innern ausgestellte Entwurf eines allgemeinen Reichsbeamtengesetzes ist dort mit den Vertretern der Landesregierungen durchberaten worden.
— Die Wirtschaftliche Vereinigung konnte einer Aufforderung, in das Kabinett einzutreten, wegen des Gesetzentwurfes über den Preisabbau, gegen den das Handwerk scharfen Widerspruch erhoben hat, keine Folge geben. Die Partei wird sich dem neuen Kabinett gegenüber neutral und abwartend verhalten.
— Die Mitglieder der Vereinigung Berliner Banken und Bankiers haben mit sofortiger Wirkung Zinserwäßigungen beschlossen.
— Die Landesbank A.-G. hat, wie nunmehr bekannt wird, den Antrag auf Geschäftsaufsicht gestellt, der zurzeit gerichtlicher Nachprüfung unterliegt.
— Der neue französische Botschafter in den Vereinigten Staaten, Berenger, ist in New Jork angekommen.
Kredite für die Landwirtschaft.
Die Deutsche Golddiskontbank hat der Rentenbankkrebit- anstalt eine Vereinbarung angeboten, welche dieser die Gewährung eines drei- bis fünfjährigen hypothekarischen Zwischenkredits an die deutsche Landwirtschaft ermöglichen soll. Im Falle der Annahme dieses Angebots wird die Renten- bankkreditanstalt Hypothekarschuldscheiue ausgeben und der Golddiskontbank überlasten, die durch landwirtschaftliche Hypo- theken sichergestellt sind, welche innerhalb des berichtigten
33)^ prozentigen Wehrbeitragswertes liegen. Diese Hypotheken
sollen mit einem Drittel nach drei Jahren, mit einem weiteren ■ „ „ ... .. . - - „ . «
Drittel nach dem vierten Jahre und mit dem letzten Drittel ,
nach dem fünften Jahre zurückgezahlt werden. Dement- «•
sprechend werden die Hypothekarschuldscheine mit je einem Drittel des abzugebenden Betrages drei, vier oder fünf Jahre laufen.
Der jährliche Zinssatz soll für Landwirte 7 Prozent betragen, wdzu lediglich Zuschläge für die notwendigen laufenden Verwaltungskosten treten. Die Auszahlung erfolgt grundsätzlich zum vollen Kapitalbetrage abzüglich der unvermeidlichen einmaligen Ausgaben. Die Rentenbankkreditanstalt wird sich bei der Weiterleitung dieser Kredite in derselben Weise wie es bei ihrer Ausländsanleihe geschehen ist, der Vermittlung der vorhandenen Realkreditinstitute bedienen. Darnach sind die zur Deckung der Schuldscheine bestimmten Hypotheken zugunsten der Realkreditinstitute zu bestellen und von diesen an die Rentenbankkreditanstalt weiterzuverpfänden. Es haften also für die Schuldscheine außer den zn einer Sonderdeckungs- kasse zu vereinigenden hypothekarischen Sicherheiten und dem gesamten freien Vermögen der Rentenbankkreditanstalt als persönliche Schuldner noch die kreditnehmenden Landwirte und die vermittelnden Realkreditinstitute bis zur Höhe des jeweils von ihnen in Anspruch genommenen Betrages.
Es wird
Fürsorge getroffen, daß die Kredite nur solchen ufließen, die die Gewähr einer rationellen und
Wirtschaften zuflie
intensiven Bewirtschaftung bieten. Durch diesen Zwischenkredit soll verhindert werden, daß die langfristigen Realkredit suchende Landwirtschaft unter dem Drucke ihrer hohen schwebenden Verbindlichkeiten in ihrer Gesamtheit gleichzeitig auf den Kapitalmarkt drückt und dadurch zu Zinssätzen gezwungen wird, die auf die Dauer nicht tragbar sind. Die deutschen Realkreditinstitute haben in den beiden letzten Jahren über 500 Millionen Mark dem landwirtschaftlichen Realkredit zuführen können. Aehnlich der fortschreitenden Entwicklung ist auch in Zukunft zu erwarten, daß die Abwicklung der -gewährten Zwischenkrediie einmal aus den durch die Kreditgewährung erzielten landwirtschaftlichen Mehrerträgen, dann aber auch aus dem fortschreitenden Wiederaufbau des deutschen Realkredites erfolgen kann. Die Deutsche Golddiskontbank ist aus währungspolitischen Gründen an der produktiven Entwicklung der Landwirtschaft interessiert. Um die Placierung der Hypothekarschuldscheine der Rentenbankkreditanstalt zu ermöglichen, wird die Golddiskontbank, abgesehen von den ihr schon jetzt aus eigenen und fremden Mitteln zur Verfügung stehenden Beträgen, die Vollzahlung ihres bisher mit 6,6 Millionen Pfund eingezahlten, nominell 10 Millionen Pfund betragenden Kapitals vornehmen.
Die Lage in Schern.
Die Gefahren für das Wirtschaftsleben.
In der Sitzung des Staatshaushaltsausschusses im Bayerischen Landtag betonte der Sozialminister Oswald, bei Ministerrat habe gestern weitgehende Beschlüsse über die Inangriffnahme von Notstandsarbeiten gefaßt, darunter über den restlichen Ausbau der mittleren Jsar, ein Projekt, das in seinem Umfang allein 29 Millionen Mark beansprucht.
Die bayerische Regierung habe schon immer den Standpunkt vertreten, daß das Arbeitslosenversicherungsgesetz möglichst bald zum Abschluß gebracht werden soll. Hinsichtlich der Unterstützungssätze könne die bayerische Regierung von sich aus nichts unternehmen. Das sei Sache des Reiches.'Der Minister wies dann auf die Gefahren für das Wirtschaftsleben in Süddeutschland hin, die sich aus der Zentralisierung der öffentlichen Gelder in Berlin ergeben, und erklärte, die Gefahr, daß die süddeutsche Industrie der Konkurrenz der norddeutschen erliege, werde immer größer.
Ausschußvorsitzender Abgeordneter Speck erklärte, daß wegen der Zentralisierung der Gelder in Berlin und der ungenügenden Berücksichtigung der bayerischen Betriebe bei der Vergebung von Reichsaufträgen wiederholt Vorstellungen in Berlin erhoben wurden, jedoch nur mit sehr geringem Erfolg. Im Laufe der Sitzung wurde von der Regierung mitgeteilt, daß bei den landwirtschaftlichen Notstandsarbeiten zurzeit über 12 000 Arbeiter beschäftigt sind und daß beabsichtigt ist, noch eine größere Reihe von Unternehmungen in Angriff zu yeh- men, die insgesamt zwei Millionen Tagschichten fordern. In der Abstimmung wurden Anträge angenommen, die sich für die alsbaldige Schaffung einer gesetzlichen Arbeitslosenversicherung, die Abänderung des jetzt vorliegenden Entwurfs und eine beschleunigte Beschaffung von Arbeitsgelegenheit durch das Reich und die Länder aussprechen.
Die Rhemlandbeschmg.
Große Enttäuschung.
Die Berliner Presse wendet sich scharf gegen den vom „Daily Telegraph" gemeldeten Beschluß des Unterausschusses der Botschafterkonferenz, nach dem in der besetzten zweiten und dritten Rheinlandzone 75 000 Mann, darunter 60 000 Mann französische Truppen verbleiben sollen.
Die Blätter erklären übereinstimmend, daß diese Nachricht,
wenn sie sich bestätigen sollte, in Deutschland lebhaste Enttäuschung und Empörung hcrvorrufen müßte, und erinnern an die in Locarno den deutschen Delegierten gegebene Zusicherung,
nähernd auf die deutsche Friedensgarnisonstärke, d. h. auf etwa 45 000 Mann herabgesetzt werden solle. Bei Belastung von 75 000 Mann im Rheinland könnte von einer Erfüllung der gegebenen Zusage absolut keine Rede mehr sein.
_ Man spricht daher die Erwartung aus, daß die Botschafter- konferenz daran festhalten wird, daß die Deutschland gegebene Zusage erfüllt wird. Nach der „Germania" würde die Bestätigung des Beschlusses des Unterausschusses durch die Bot-t schafterkonferenz für das deutsche Volk und insbesondere für das besetzte Gebiet eine sehr schwere Enttäuschung bedeuten. Die Botschafterkonferenz muß sich, so schreibt das Blatt, darüber klar werden, daß der Friedensgedanke von Locarno so zunichte wird.
Sie Regmmssbiirllng durch Met.
Ein neutrales Kabinett der Mitte. Eintritt der Führer der Mittelparteien. Forderungen des Zentrnms und der Demokraten.
«* Die Vermutung, daß es Dr. Luther gelingen werde, schon Donnerstag sein Kabinett zusammenzubringen, dürste sich nicht bestätigen. Wie die Besprechungen des Kanzlers mit den Fraktionsvertretern ergeben haben, sind noch manche Schwierigkeiten sowohl personeller
als auch sachlicher Art zu beseitigen. Die Regierungserklärung vor dem Plenum des Reichstages wird aller t am Mittwoch nächster
erklärung vor dem Plenum i Wahrscheinlichkeit nach erst
Woche abgegeben werden.
In den Verhandlungen Dr. Luthers mit den Fraktionsvertretern wurde die Frage viel erörtert, was unter einer neutralen Regierung zu verstehen sei, wie sie Dr. Luther in Uebereinstimmung mit dem Reichspräsidenten erstrebt. Das Zentrum und die Demokraten brachten Dr. Luther zum Ausdruck, es müßten bestimmte Garantien geschaffen werden, daß ein derartig neutrales Kabinett unter Umständen nicht doch noch nach rechts abgleiten könnte. Der Kanzler wies demgegenüber darauf hin, daß die Personalfragen, die ja für die genannten Einwendungen des Zentrums und
der Demokraten ausschlaggebend seien, so geklärt werden könnten, daß eine Garantie für die Einhaltung einer neutralen Politik des Kabinetts Luther gegeben sei. Der Kanzler hat daher im Gegensatz zum Januar 1924 die parlamentarische Bindung der Parteien seines Kabinetts verlangt. Die Deutsche Volkspartei, die Bayerische Volkspartet, das Zentrum und die Demokraten erklärten sich dann auch bereit, die verlangte parlamentarische Bindung einzugehen, die ihren Ausdruck darin finden soll, daß die Führer der Mittelparteien in das
Kabinett eintreten.
Wenn auch das Zentrum wie die Demokraten ihre prinzipielle Zustimmung zur Mitarbeit an einem zweiten Kabinett Luther bereits zum Ausdruck gebracht haben, so steht doch die offizielle Stellungnahme der Fraktionen noch aus. Die Fraktionen, die an dem neuen Kabinett Luther mitarbeiten werden, werden sich zunächst über ihre endgültige Stellungnahme schlinsig werden. Finanzpolitische Forderungen des Zentrums und der Demokraten werden Gegenstand schwieriger Verhandlungen bilden.
Eine Fühlungnahme Dr. Luthers mit den Deutsch- rmtionalen und den SozialSenrokrate« wird am Freitag erfolgen, da von ihrer Haltung die Entscheidung bet der Abstimmung über eine, Billigungsformel oder ein Vertrauensvotum abhängt. Man hat zwar schon im Reichstag davon gesprochen, daß man sich prinzipiell mit der Ablehnung eines Mißtrauensvotums begnügen könnte. Sollte aber eine Billigungsformel eingebracht werden, so würden etwa 190 Abgeordnete der Mitte dafür stimmen, während 60 Abgeordnete der Völkischen und der Kommunisten sie ablehnen würden. Unentschieden ist die Haltung der Deutschnationalen und der Sozialdemokraten, die sich zunächst in überwiegender Mehrheit der Stimme enthalten werden, um das Kabinett Luther regierungsfähig zu machen.
Die Wirtschaftliche Vereinigung konnte bet ihrem Empfang beim Reichskanzler seiner Aufforderung, in das Kabinett einzutreten, besonders wegen des Gesetzes über den Preisabbau und nach dem scharfen Wr- dersprnch des Handwerks gegen dieses Gesetz keine Folge geben. Die Partei wird sich höchstens dem neuen Kabinett gegenüber neutral und abwartend verhalten und sich ihre Entscheidungen von Fall zu Fall vorbehalten.
In der „Tagt. Rdfch." wird unterstrichen, daß die Bezeichnung „neutrale Regierung der Mitte" nicht etwa die Bildung eines überparteilichen Kabinetts bedeute. Die Deutsche Volkspartei stehe jedenfalls, wie das Blatt zu wissen glaubt, auf dem Standpunkt, daß nur ein par- lamentarisch fest fundiertes Kabinett in Betracht kommt. Die Parteien, mit deren Führer Dr. Luther die Verhandlungen ausgenommen hat, müßten sich bereit erklä- ren, auch die volle Verantwortung für das Kabinett zu übernehmen. Der Gedanke eines Beamtenkabinetts wird mit Entschiedenheit abgelehnt.
Die „Times" zur RegiernugsneubilSung.
te»Sur bevorstehenden Neubildung der Reichsregierung glauben die „Times" sagen zu können, daß darunter die Durchführung der in Locarno eingeleiteten 2lu= tzenpolitik nicht leiden werde. Die Sozialdemokraten seien glücklicherweise bereit, diese Politik zu unter« stützen, und auch die Deutschnationalen würden tn ihrer Obstruktion nicht soweit gehen, daß sie katastrophale Folge. haben könnte. Nachdem Lord d'Abernon nach ^erpn zurückgekehrt sei, sei anzunehmen, daß bald mit dem Eintritt Deutschlands in den Bötkerbuno ein endgültiger Schritt getan sein werde.
Die Verhandlungen Luthers.
^Berlin, (B. 3.) Dr. Luther verhandelte Donnerstag vormittag der „B. Z." zufolge mit den beiden Zentrumsführern Dr. Marx und Fehrenbach. Bei den Besprechungen sollen nicht nur die prinzipiellen Fragen, sondern auch die persönlichen Voraussetzungen für die Beteiligung des Zentrums an der Regierungsbildung erörtert werden. Obwohl eine Entscheidung '-'r die Besetzung des Justizministeriums im Augenbl noch nicht vorliegt, hätt es das Blatt für sicher, daß das Juftizmi- Nisterittm und das Ministerium der besetzten Gebiete Dr. Marx angeboten wird. Reichsminister a. D. Koch erklärte dem „Berl. Tagebl.". es komme für ihn em Eintritt in das Kabinett nicht in Frage.
«^ Berlin. (VDZ.) Dr. Luther fand sich Donnerstag mittag im Reichstagsgebäude ein, um die Besprechungen mit den Parteiführern fortzusetzen. Um 12 Uhr erschien zunächst Abg. Fehrenbach (3tr.) allein. Nach einer Viertelstunde wurde Abg. Koch (Dem.) zu der Besprechung zugezogen. Der Abg. Leicht (Bayer. Vpt.) wurde darauf aufgefordert, ebenfalls an der Besprechung teilzunehmen. Der Abgeordnete war aber noch nicht im Hause anwesend. Um 2 Uhr mittags war die Besprechung beendet.
. VAKervunMiche Tonart.
r^Zu der Angelegenyeit der Besetzung der Sekreta- riatSPeUeu im Bölkerbundssekretariat nimmt die offiziöse „Teutsche diplomatisch-politische Korrespondenz" Stellung und verweist insbesondere auf einen Aufsatz des „Journal de Geneve" vom 3. Januar, worin es heißt der Völkerbund habe kein Interesse daran, sein Sekretariat von Kreaturen der Wilhelmstraße bevölkern zu lasten. Gerade die Tatsache, daß das „Journal" als halbamtliches Sprachorgan des Völkerbundes benutz! wird, zwingt zu einer entschiedene« Zurückwer- jung dieser Aeußerung, weil hierdurch der Eindruck erweckt wird, als habe der Generalsekretär des Völkerbundes diesen Standpunkt eingenommen. Da öte schließlich«: Besetzung der Stellen im Völkerbundssekre- tariat im Einvernehmen mit der Reichsregierung erfolgt. richten sich solche Quertreibereien, bei denen man nicht weiß, von welcher Persönlichkeit oder Jnteresten- tengruppe sie ausgehen, ebenso sehr gegen das Völkerbundssekretariat wie gegen Deutschland.
' Der Gesundheitszustand des deutschen BÄkss.
Dem Reichstag ist eine Denkschrift über, Sie gesund- heittichen Verhältnisse des deutschen Volkes mden Jahren 1923 und 1924 zugegangen. Darm wird festgestellt. daß nach den Zeiten der Hungerblockade im Jayre 1921 eine leichte Besserung in der Volksgesundheit. emtrat daß aber die Jnflationsjahre 1922 und 1923 einen er= heblichen Rückschlag brachten. Erst von der Ende 1928 erzielten Stabilisierung der Wahrung konnte eme günstige Wirkung auf den Gesundhettszustand des Volkes erhofft werden. Wirkliche Fortschritte zeigten sich erst 1924. An Sterbefällen wurden rm Jahre 1922 m dev deutschen Großstädten 219 680 gezahlt. Im Jahre 192b 210 724 und im Jahre 1924 194 340 Die für 1924 ermittelte Sterbeziffer meist die niedrigste Sterblichkeit