Hersfelöer Tageblatt
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hersfel-er Kreisblatt'
Franz Funk In
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Amtlicher /inzeiger für den Kreis Hersfelö
Der Bezugspreis beträgt durch die Pols bezogen monatlich L— Mb., ausschlleM. Beltellgeld, für Bersfeld L— Mb. bei freier ZuMuag, Abholer —.80 Mk. * Druck und Verlag eon huaelg Funks 8umar»MrÄ in bersfeld, (Uiiahed des VDZV
Nr. 1S
Dienstag, den 19. Januar 1926
76. Jahrgang
Neues vom Tage.
— Reichskanzler Dr. Luther hat das neue Reichskabinett gebildet und dem Reichspräsidenten darüber Bortrag gehalten.
— Im Auswärtigen Ausschutz des Reichstages war zur Entschließung Rheinbabens ein Zusatzantrag der Deutschnationalen eingebracht worden, der eine Zurückstellung des Antrags auf Eintritt Deutschlands in. den Völkerbund bis zu einer befriedigenden Regelung der Frage der Besatzungsstärke und bis zur Abkürzung der Besetzungsfristen forderte. Der Antrag wurde vom Ausschutz abgelehnt.
— Durch eine Explosion in einem Seifenladen in Berlin wurde die Decke bis zum vierten Stock auf gerissen; 30 Personen wurden unter den Trümmern geborgen, 5 Schwerverletzte sind bereits gestorben.
— In dem Lohn- und Tarifstreit zwischen der Deutschen Reichsbahngesellschaft und dem Einheitsverband der Eisenbahner Deutschlands, der Gewerkschaft deutscher Eisenbahner und dem Allgemeinen Eisenbahnerverband ist der am 29. Dezember 1925 gefällte Schiedsspruch durch Verfügung des Reichsarbeitsministers für verbindlich erklärt worden.
— Im englischen Auswärtigen Amt wird eine Demarche des deutschen Botschafters in der Frage der Stärke der Besatzung»» truppen im Rheinland erwartet.
Der Dawes-Plan.
Durch den Inhalt des Londoner Ultimatums vom Mai 1922 war festgesetzt worden, daß der Betrag der deutschen Reparationszahlungen an die Entente 132 Milliarden Goldmark insgesamt ausmachen soll. Dies Diktat war von der deutschen Regierung angenommen worden. Die Entente überzeugte sich aber selbst davon, daß diese Verpflichtung nicht erfüllt werden konnte, und so kam im August 1924 der Dawes- Plan, ebenfalls in London, zustande, ohne daß indessen das frühere Ultimatum von 132 Milliarden formell abgeändert .wurde. Mnr.Puchstaben nach sollten tou also 1F2.MPlarden aufbringen. Tatsächlich war aber das Diktat doch aufgehoben, denn im Dawes-Plan war festgesetzt worden, daß wir von 1928 ab jährlich 2500 Millionen Mark abliefern sollten, und das bis zur Höhe von 132 Milliarden zu leisten war nicht möglich. Es besteht also das Ultimatum nicht mehr, sondern der darin angegebene Gesamtbetrag ist offengehalten und muß also von neuem bestimmt werden. Das ist die Rechtslage, an der nach der Unterzeichnullg des Locarnopaktes mit seinem „Geist der Versöhnung" nicht mehr gedeutelt werden sollte.
Diesem Gedanken der Annäherung der Nationen kann es nur entsprechen, daß die neue Gesamtsumme der deutschen Schuldenzahlungen so bemessen wird, daß ihre Erleichterung im Zeichen der Möglichkeit steht. Was heißt hier Möglichkeit? Gleich nach dem Friedensvertrage waren von deutscher Seite 100 Milliarden Goldmark geboten, falls uns die völlige Bewegungsfreiheit bewilligt würde. Diese Forderung wurde nicht bewilligt und die Sache zerschlug sich. Auch über das spätere deutsche Angebot von rund 30 Milliarden erfolgte keine Einigung, doch wurden auch von der anderen Seite unverbindliche Vorschläge gemacht. So von London aus von etwa 40 Milliarden. Das war schon vor einigen Jahren zu viel, und heute bei den herrschenden unerfreulichen wirtschaftlichen Verhältnissen ist es erst recht zw viel, weil uns bei einer solchen Schuldenlast die Produktion zu sehr erschwert und die Fähigkeit, die Konkurrenz mit anderen Ländern aufrecht zu halten, genommen wird.
Da wir für das Jahr 1926 schon 1400 Millionen Mark auf Grund des Dawes-Planes zu zahlen haben und binnen zwei Jahren das jährliche Maximum von 2500 Millionen Mark erreichen werden, ergibt sich die Sachlage von selbst. Wir müssen wissen, was wir im Ganzen aufzubringen haben werden, damit dieser Betrag auf die einzelnen Jahresraten verteilt werden kann. Amerika hat bei anderen Schuldnerstaaten Raten für, die Dauer von rund fünfzig Jahren angenommen und das sollte auch für das Deutsche Reich gelten. Wenn wir eine Pflichtschuld von rund 30 Milliarden voraussetzen, so würde das, auf 50 Jahre verteilt, 600 Millionen Mark für das Jahr bedeuten. Und sollte ein Höchstbetrag von 40 Milliarden herauskommen, so würden wir 800 Millionen jährlich zu zahlen haben. Damit sollte es aber auch genug sein, denn bei der Schutzzollpolitik, die in allen Staaten herrscht und unseren Warenexport, auf den wir angewiesen sind, verringert, ist es nicht abzusehen, wie sich unsere Handelsbilanz stellen wird. Sollten sich unsere Verhältnisse günstiger gestalten, so bleibt es unbenommen, die Dauer der Zahlungsfristen herabzusetzen. Wenn den deutschen Wünschen nach einer praktischen Behandlung unserer Schulden Rechnung i getragen wird, so ist das keine besondere Kulanz gegen Deutsch- ! land, sondern alle unsere Gläubiger nützen sich damit selbst. । Sie erhalten ihr Geld in möglichst kurzen Abständen und in sicheren Beträgen und bekommen zugleich in Deutschland wieder einen zahlungsfähigen Käufer von fremden Fabrikaten. Der große Weltmarkt kaun ohne die deutsche Teilnahme nicht bestehen, und eine gesunde Finanzwirtschaft kann nirgendwo aufkommen, wenn die deutschen Finanzen Acht gesund sind.
Das neue Kabinett.
Eine Regierung der Mitte. \
Nach mehrtägigen schwierigen Verhandlungen ist es dem Reichskanzler Dr. Luther gelungen, das neue Kabinett zu bilden, das nunmehr folgendermaßen aussieht:
Reichskanzler Dr. Luther
Reichsaußenminister Dr. Stresemann (D. Vp.)
Reichsminists" des Innern Dr. Koch (Dem.) Reichswirtschaftsminister Bürger-Köln (Ztr.) Reichsfinanzminister Reinhold (Dem.) Reichsarbeitsminister Brauns (Ztr.) Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft Hepp (D. Vp.)
Reichsjustizminister un) Minister für die besetzten Gebiete Marx (Ztr.)
Reichspostminister Stingl (Bahr. Vp.) Reichswehrminister Getzler (T"m.).
Es ist vorgesehen, daß die erste Sitzung des neuen Kabinettes, in der die Regierungserklärung beraten werden soll, am Dienstag stattfindet. Am Mittwoch Jot die Vorstellung der neuen Regierung im Reichstage erfolgen.
Deuttchlands Zukunft.
Stresemann über die deutsche Außenpolitik,
In einer in München von der Deutschen Volkspartei ver- anstalteten Reichsgründungsfeier sprach Reichsaußenminister Dr. Stresemann über das Thema: „Das Ringen um die Zukunft des Deutschen Reiches". Dr. Stresemann würdigte einleitend die Verdienste Bismarcks um das Zustandekommen der deutschen Einheit und betonte, daß es der größte Sieg der Politik der letzten Jahre gewesen sei, daß diese Einheit von den Gegnern nicht zerstört Werder konnte, wie es „der Sinn von Versailles war. Der Redner fuhr dann fort:
Der Weg, den das einheitliche deutsche Volk zu gehen hat und die Politik, die es zu erfüllen hat, lautet: Nationale Politik. Wir müssen dahin kommen, daß wir als Leitsatz aufstellen, das Nationale verstehe sich für jeden Deutschen von selbst. Einstmals im Schützengraben hat jeder seine Pflicht getan und daß dieser Schützengrabengeist wieder erstehe, wäre einer der wichtigsten Aktivposten, die wir überhaupt für unsere Außenpolitik noch haben. Der Herrgott, der jedem Menschen die Liebe zu seiner Heimat gegeben hat, hat keiner Schicht in Deutschland in Erbpacht gegeben, für sich allein das National- gefühl in Anspruch zu nehmen, daß sie nationaler denke als andere Parteien. Der Wiederaufstieg Deutschlands kann niemals das Werk einer Partei sein, sondern nur das Werk der Zusammenfassung aller Deutschen. Welche Mittel stehen denn überhaupt für unsere Politik zur Verfügung? Die Macht nicht. Wir erleben es jeden Tag, daß wir sie nicht mehr haben.
Es gibt aber zwei andere Mittel: Das eine ist der ideelle nationale Wille, das zweite ist die Stellung eines Volkes innerhalb der großen weltwirtschaftlichen Strömungen, die Macht, die es indirest dadurch hat, daß sein Niedergang den Niedergang der anderen in sich schließt, daß sie mit interessiert sind an unserem Schicksal. Nur mit diesen beiden Mitteln kann heute Außenpolitik gemacht werden. Die nationale Idee schließt aber auch die Notwendigkeit in sich, zum Frieden zu kommen zwischen den beiden Begriffen altes und neues Deutschland. Die Not der Gegenwart sollte uns doch dazu helfen, die Synthese zu suchen zwischen dem alten und dem neuen Deutschland. Daß das möglich ist, beweist Hindenburg, der sich als Vertreter des alten Systems an die Spitze des neuen Reiches gestellt hat. Die aktive Politik ist nach außen gestützt auf bie wirtschaftlichen Momente. Die Umkehr in die Welt der letzten Jahre ist die Erkenntnis, daß die durch den Versailler Vertrag und die andern Abkommen erfolgte Umstellung auch den sogenannten Siegerstaaten so schwere wirtschaftliche Verluste beigebracht hat, daß sie sich fragten, ob es nicht besser sei, Deutschland leben zu lassen. Das Auftauchen dieser Frage ist die einzige Möglichkeit, die die deutsche Außenpolitik hat, um wieder als Großmacht zur Geltung zu kommen. Deshalb ist es nur richtig, die Fäden zu ergreifen, die uns mit der Weltwirtschaft verbinden und uns zu bemühen, für wirtschaftliche Konzessionen ein Stück politischer Freiheit zu erreichen. Es liegt mir fern, ein Urteil nach so kurzer Zeit darüber abzugeben, ob die Dawes- und Locarno-Verträge auf die Dauer in ihrrr Wirkung für uns von Nutzen oder von Schaden sind. Gerade in unserer Gegenwart gilt das Wort, daß alles fließt.
Sie RhemlandbesaHmg.
Eine englische Stimme.
Die Entscheidung der Botschafterkonferenz, eine Garnison von 60 000 französischen Soldaten im Rheinland nach der Räumung der Kölner Zone zu belassen, ist, so sagt die „Satur- dai Review" ein ernster Fehler der Nichtbeachtung deutscher öffentlicher Meinungen.
Man habe Deutschland erwarten lassen, daß auf Grund der Ergebnisse von Locarno die Besatzungsarmee um ein Drittel herabgesetzt werden würde. Man gewinne den Eindruck, daß die gesamten Locarno-Konzessionen nun illusorisch wären. Niemand wisse im übrigen, weshalb die Botschafterkonferenz. überhaupt noch fortbestehe, da es ja bekannnt sei, daß alle ihre Entscheidungen wenig förderlich seien.
Wenn die Botschafterkonferenz nicht beseitigt werden könne, solle man sie wenigstens nicht mehr in Paris zufammen- treten lassen; denn der Gesundheitszustand Lord Crewes (des englischen Botschafters) fei so schwankend, daß er nicht immer in der Lage sei, den englischen Standpunkt mit der Festigkeit zu verteidigen, die ein jüngerer Mann aufbringen wurde, ,
Volksentscheid.
feine Forderung der Sozialdemokraten. )
' Wie der „Vorwärts" mitteilt, hat der Parteivorstand der S. P. D. beschlossen, dem am Dienstag zusammentretenden Parteiausschuß vorzuschlagen, die organisatorische Vorbereitung für einen Volksentscheid über die Fürstenabfindung zu treffen. Der Beschluß des Parteivorstandes sei unter dem Eindruck der Tatsache gefaßt, daß nach der bisherigen Entwicklung der Dinge wenig Aussicht bestehe, t in Reichstag eine dem Rechtsempfinden des Volkes einigermaßen enr- sprechende Lösung zu erzielen.
Eine Aede Painlevss.
Die militärische Erziehung in Frankreich.
In Anwesenheit des Präsidenten der französischen Republik und des Kriegsministers Painlevs hat der Verband der Gesellschaft zur körperlichen Ertüchtigung und Vorbereitung auf den Militärdienst anläßlich des 50jährigen Bestehens der Topographischen Gesellschaft eine Veranstaltung abgehalten, her der eine Anzahl Mm'stcr, Marschälle und eine Reche ausländischer Militärattaches zugegen waren.
Kriegsminister Hai: (eve hielt eine Rede, in der er u. a. erklärte, es sei notwendig, die Bürger für die Pflicht, die sie der Gesamtheit schuldig seien, heranzubilden und bei ihnen die militärische Technik zu entwickeln, wenn man eine starke Nation wünsche. Trotz der friedlichen Epoche müsse man erwähnen, daß entgegen den Gefühlen, die in Frankreich herrschten, bei anderen Völkern unheilvolle Kräfte am Werke feien. Daher müsse Frankreich wachen, um niemanden glauben zu machen, daß es im Begriffe sei, sich selbst aufzugeben. - .
politische Tagesschau.
■^ Die deutsch-französischen Wirtschaftsverhandlungen. In den Pariser Blättern wurde zu den d-utsch-französischen Wirtschaftsverhandlungen gemeldet, daß die deutschen Unterhändler^ im Prinzip die Einfuhr französischer landwirtschaftlicher Produkte nach Deutschland gegen die Gewährung der Einfuhr von Hopfen, Kampfer usw. aus Deutschland nach Frankreich zugestanden hätten. Diese Meldung entspricht nicht den Tatsachen. Die Einfuhr französischer landwirtschaftlicher Produkte ist zwar mit der französischen Delegation im Rahmen der Zolltarifverhandlungen besprochen worden, doch ist es bisher noch zu keiner prinzipiellen Entscheidung gekommen. Es wurden zwei Unterausschüsse gebildet. Der eine beschäftigt sich mit der Ausarbeitung der Tarifsätze, der zweite wird die Abfassung des Vertragstextes in Angriff nehmen.
*® Ein neuer Rechtfertigungsversuch Poincares. Poin- caro hielt auf einer Versammlung der ehemaligen Ruhrkämpfer eine politische Rede, in der er die Ruhrokkupation zu rechtfertigen versuchte. Er widersprach der Behauptung, daß Frankreich 1923 eine Abenteuerpolitik unternommen habe und zählte dann die einzelnen „Verfehlungen" Deutschlands auf, die zur Besetzung des Ruhrgebietes geführt hätten. Als größte Schuld rechnet er es Deutschland an, daß es im Jahre 1923 , trotz der Nichterfüllung seiner Verpflichtungen ein zweijähriges Moratorium erbitten wollte. (!) Poincars bedauerte zum Schluß, daß die französischen Truppen so vorschnell zurückgezogen worden seien.
^ Italiens Standpunkt in der Kolonialfrage. Die Sonderkommission, die mit der Prüfung des Locarno-Abkom- mcns beauftragt ist, hat ihren Bericht in der Abgeordnetenkammer eingebracht. Die Kommission spricht darin die Ansicht aus, daß Deutschland keine positiven Zusicherungen in der Frage der kolonialen Mandate erhalten dürfe, die ihm vielleicht anvertraut würden. Es sei nicht angängig, bestimmte Verpflichtungen dieser Art gegenüber einem besiegten Lande zu übernehmen, bevor nicht die gerechten Ansprüche eines Siegerstaates wie Italien befriedigt seien.
^ Die Tschechei und der Vatikan. Das Blatt des tschechischen Außenministers Benesch, „Cesko Slovo", schreibt zur Frage der Entsendung eines päpstlichen Nuntius nach Prag, die diesjährigen Bußfeierlichkeiten würden infolge des gleichzeitigen Sokolkongresses einen noch umfangreicheren Charakter annehmen als im Vorjahre, welche die Abreise des Nuntius zur Folge hatten. Die Regierung werde sich der Teilnahme an den Bußfeierlichkeiten nicht entziehen können.