Einzelbild herunterladen
 

Reisfelder Tageblatt

Anzeigenpreis 18r die einspaltige Petitzeile 15 Pfg. die Reklamezeile 50 Pfg. Bei Viederbehingen nadilaü, + Für die Schriftleitung neraniinortilcb Franz Fink in Bersfeld. + Fernsprecher Dr. 8.

Hersfelöer Kreisblatt^

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö

Der Bezugspreis beträgt durch die Post bezöge» monatlich 1. M.» anssdilieM. Bestellgeld, fir oersieic 1. Um. bet freier Zustellung, Abholer .80 M. * Drude und verlas hob budwlg Funk Budhdrudierel in fiersfeld, (Dttgflei des VDZV.

Nr. 18 Freitag, den 22. Januar 1926

76. Jahrgang

Neues vom Tage.

Nach einem ersten Meinungsaustausch zu schließen, werdet die Deutschnationale», wie auch die Sozialdemokraten und bis Wirtschaftliche Vereinigung der neuen Reichsregierung nicht bot vornherein grundsätzliche Opposition machen.

Der Dresdner Stadtrat erklärt, daß nach der Ernennung des Dresdner Bürgermeisters Dr. Külz znm Reichsminister bei Innern zunächst lediglich beabsichtigt ist, ihn von seinen Rats« geschäften zu beurlauben. ,

Die Beratung zwischen den Regierungen von Paris, London und Brüssel über den Schritt der Reichsregierung in bei Frage der Besatzungsstärke ist in vollem Gange. In London wird in den nächsten Tagen ein neuer Schritt des deutsche» Bot« schasters erwartet.

Die belgische Kammer hat dem Locarno-Vertrag zu« gestimmt.

Der belgische Ministerrat hät sich für die Aufrechterhaltung der Goldwährung ausgesprochen.

Jm amerikanischen Senat wurde scharf Stellung gegen den Eintritt Amerikas in den Völkerbund genommen. 1,'H

Tas neue DeMWnd.

In Paris hielt der deutsche Schriftsteller Thomas Mann in der Carnegie-Stiftung für den Internationalen Frieden vor einem geladenen Kreise Intellektueller einen Vortrag über die geistigen Tendenzen des neuen Deutschlands. Pro­fessor Henry Lichtenberger von der Sorbonne stellte Thomas Mann vor als die deutsche Literaturpersönlichkeit, die in sich das alte und das neue Deutschland vereint, das neue nur nach Westen orientierte Deutschland, das geeignet sei, viel für eine aufrichtige und fruchtbare geistige Annäherung zu tun, namentlich aber für ein besseres Verstehen Frankreichs und Deutschlands einzutreten.

Thomas Mann, der feinen Vortrag in deutscher Sprache fülirte..Ad§,. daß ^wahrend des Krieges Deutschland so­wohl wie seine Gegner mit Gedanken gekämpft haben, die auf, die scheinbar widerspruchsvolle FormelKultur und Zivilisation" zurückgeführt werden können. Nach seiner Ansicht gewinne in Deutschland die Demokratie jeden Tag an Gelände. In hohem Gedankenfluge entwickelte Thomas Mann dann, daß Nietzsche der große Prophet des neuen Geistes sei. Er führt die Schuld am Kriege auf rein philo­sophische Meinungsverschiedenheiten zurück und stellt den Grundsatz auf, daß durch den rauhen Kontakt der letzten Jahre die Sehnsucht nach relativer Einigung der Volker untereinander gewachsen sei. Europa als Ganzes stehe und falle, und in diesem Europa müßten Frankreich und Deutsch­land die Säulen der Verständigung werden.

Die Ausführungen Thomas Manns, die einen starken Beifall auslösten, wurden von Professor Lichtenberg ins Französische übertragen. Schließlich wurden an den deutschen Dichter einige Fragen gestellt, die sämtlich in dem Gedanken gipfelten:Will Deutschland sich in den europäischen Gesamt- körper eingliedern und ist das junge Dichtergeschlecht gewillt, für diese Gemeinschaft zu kämpfen und zu streiten? Thomas Mann beantwortete diese Fragen optimistisch, indem er keinen. Zweifel ließ, daß die Entwicklung in Deutschland schließlich von der Entwicklung im gesamten Europa abhängen werde.

Dtutschnationalt uns Sozialdemokraten.

Ihre Haltung gegenüber dem neuen Kabinett.

Im Reichstag haben die Fraktionen, die nicht zur Koa­lition der Mitte gehören, zu dem neuen Kabinett noch keine Stellung genommen,

Es hat aber bereits ein Meinungsaustausch stattgefunden, aus dem hervorzugehen scheint, daß die Deutschnationalen und auch die Sozialdemokraten, sowie die Wirtschaftliche Vereini­gung nicht von vornherein dem neuen Kabinett grundsätzliche Opposition machen werden. Diese Parteien werden erst die Regierungserklärung des Reichskanzlers Dr. Luther am nächsten Dienstag abwarten und dann ihre Stellung festlegen.

Am Dienstag wird sich der Reichstag vertagen, um den Fraktionen Gelegenheit zu geben, sich mit der Regierungs­erklärung zu beschäftigen. Die Kommunisten und Völkischen steifen natürlich dem Kabinett Luther ablehnend gegenüber.

Späte Erkenntnis.

Das Ende der Kriegsgreuelmärchen.

Wie aus New Iork gedrahtet wird, übte der bekannte republikanische Senator Hiram Johnson in feiner großen Senatsrede gegen den Beitritt Amerikas zum Welt­gerichtshof scharfe Kritik an der für diesen Beitritt in Amerika betriebenen Propaganda des Auslandes. Er stellte dabei fest, daß immer deutlicher erkannt werde, wie unwahr die Propaganda im Kriege gewesen sei. Durch das Geständnis des englischen Generals Chateris sei die Geschichte von der deutschen Kadaververwertung als Lüge erwiesen. Auch die Nachrichten über die d e u t s ch e n G r e u e l i n B e l g i e n hätten sich als unwahr herausgestellt.*

Lloyd George und die Arbeiter.

Die Grenzen des Sozialismus.

Nach einer Meldung aus England hielt der frühere eng­lische Ministerpräsident Lloyd George in Carnavon seine lange erwartete Rede über das Verhältnis der Liberalen zur Arbeiter­partei.

Die Gerüchte, daß die Liberalen wieder mit der Arbeiter­partei in der Opposition gegen die konservative Regierung zusammengehen möchten, wies Lloyd George als Spekulation und Klatsch zurück. Die Arbeiterpartei habe im Jahre 1924 bewiesen, daß sie ohne Vorbereitungen und ohne Verständnis an die Macht gekommen sei. In jener Zeit habe allerdings die liberale Partei und er selbst eine falsche Haltung gegenüber der Arbeiterpartei eingenommen. Diese Zeit dürfe nie wieder- kommen.

Die Erfahrung habe bewiesen, daß der Sozialismus nicht über eine gewisse Grenze hinaus wachsen könne. Die Klug­heit gebiete es, daß der Liberalismus sich selbst eine Macht­stellung erwerbe und im nächsten Moment eine starke Ver­tretung sichert. Dazu sei genügend Zeit bis zu den nächsten Wahlen, die in drei oder vier Jahren stattfinden müssen.

Deutschland und Italien.

Der angebliche deutsche Boykort.

Zu dem angeblichen Boykott gegen italienische Produkte schreibt die offiziöseAgenzia Volta", sie könne auf Grund von Zahlen, die sie an zuständiger Stelle erhalten habe, mitteilen, daß der italienische Export nach Deutschland weit davon entfernt sei, abzunehmen. Er steigere sich im Gegen­teil immer mehr. Die letzten Zahlen über die ersten neun Monate des Jahres 1925 zeigten, daß Italien für 1,5 Milliar­den Lire nach Deutschland exportiert habe, während in der­selben Periode des Jahres 1924 die Ausfuhrsumme nur eine Milliarde betragen habe und 1923 sogar nur eine halbe Milliarde. Zudem sei Deutschland das einzige Land, wozu die italienische Handelsbilanz in einem aktiven Ver­hältnis stehe. Während nämlich Italien von den anderen große». Lärche rw-wpu .mehr. riväüL^x als, anssübre, halft Ich die Handelsbilanz mit Deutschland, wenn man von erwa 30 Millionen Lire absehe, im Gleichgewicht. Man könne also durchaus nicht behaupten, daß die italienische Ausfuhr nach Deutschland irgendwie behindert werde.

Das Urteil im Rotgardtsten-prozeß.

Die beiden Angeklagten freigesprochen.

In dem Prozeß gegen den Leutnant a. D. Pölzing und ehemaligen Vizewachtmeister Prüfert, die beschuldigt wurden, in den Münchener .Räteunruhen 12 Arbeiter in P erlach erschossen zu haben, hatte der Staatsanwalt die Anklage auf Mord fallen lassen und Totschlag angenommen.

Das Gericht sprach beide Angeklagten frei, die Kosten des Verfahrens fallen der Staatskasse zur Last.

In der Begründung zu dem freisprechenden Urteil wird ausgeführt, daß wegen der Erschießung des Ludwig die Hauptverhandlung nicht den genügenden Beweis erbracht habe, daß die Erschießung auf Kommando Pölzings vor­genommen Wurde. Es habe sich auch nicht feststellen lassen, daß Prüsert den Erschietzungsbefehl für rechtswidrig gehalten habe. Er sei daher freizusprechen. Zum Fall Pölzing sei das Gerichk auf Grund der Beweisaufnahme zu der Ueberzeugung gelangt, daß Pölzing den Befehl zur Erschießung der zwölf Perlacher gegeben habe. Die Erschießung sei nach dem Er­gebnis der Hauptverhandlung tatsächlich nicht gerechtfertigt gewesen. Auch nicht nach dem Schießerlaß Noskes. Aus der anderen Seite lasse sich die Behauptung Pölzings, er habe das Recht zur Erschießung gehabt, nicht mit einer zur Verurtei­lung ausreichenden Sicherheit widerlegen. Pölzing fei des­halb ebenfalls freizusprechen.

Zu der Urteilsbegründung hatte sich eine große Menschen­menge eingefunden. Ein starkes Polizeiaufgebot mußte ein­greifen, um die Ordnung herzustellen.

VMKe TageMau.

«-»Volksentscheid über die Fürstenabfindung. Der Bundes­vorstand des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes hat nach einer Mitteilung desVorwärts" beschlossen, die Sozial- demokratifche und Kommunistische Partei zu einer gemein­samen Sitzung zu laden, die voraussichtlich noch in dieser Woche stattfinden soll. In der Sitzung will der Bundes­vorstand zwischen den beiden Parteien vermitteln, um dem Volksentscheid über die entschädigungslose Enteignung der früher regierenden Fürsten eine einheitliche Grundlage zu geben.

-« Ein neuer deutscher Räumungsschritt in London. Nach einer Meldung aus London verlautet in diplomatischen Kreisen, daß die Beratungen zwischen der englischen, französischen und belgischen Regierung über die an Deutschland zu gebende Antwort in der Frage der Besatzungstruppen in vollem Gange seien. Außerdem erwartet man in den nächsten Tagen einen neuen Schritt der deutschen Regierung in London.

«-» Thomas bei den Gewerkschaften. Der Direktor des internationalen Arbeitsamtes, AlberN Thomas, wurde von dem Deutschen Gewerkschaftsbund empfangen. Die Aussprache diente der Fühlungnahme mit den christlichen Gewerkschaften im Deutschen Reiche. Es wurden alle Fragen, die die christ­lichen Gewerkschaften und das Internationale Arbeitsamt berühren, eingehend erörtert. Besonders wurde auch die Frage der Vertretung der christlichen Gewerkschaften auf den inter­nationalen Arbeitskonferenzen besprochen.

^ Ein neuer Befehlshaber des Wehrkreises III. Mit dem dem 31. Januar scheidet der Generalleutnant von Horn, Kom­mandeur der 3. Division und Befehlshaber des Wehrkreises III aus dem Heeresdienst aus. An seine Stelle tritt der Chef des Truppenamtes, Generalmajor Hasse, der durch den bisherigen Inspekteur der Nachrichtentruppen, Generalmajor Wetzell, ersetzt wird.

«-» Der Fall des Einreisevisums. Am vorigen Mittwoch ist im Verkehr zwischen Deutschland und der Schweiz der Visumzwana gefallen. Die deutsch-schweizerische Presse feiert in ihrer Mehrheit Dieses forlscyrnitiche Ereigniy, wobei dir Neue Züricher Zeitung" Arbeitssuchende nochmals davor warnt, nicht' ohne die erforderliche Bewilligung in die Schweiz zu kommen.

«-» Deutschland auf der Abrüstungsvorkonferenz. Es ver­lautet, daß zu denVerhandlungen derAbrüstungsvorkonferenz des Völkerbundes das Mitglied der demokratischen Reichstags­fraktion Graf Bernstorff, der frühere deutsche Botschafter in Washington, entsandt werden soll.

*- Der KreuzerBerlin" in Argentinien. Der deutsche KreuzerBerlin" ist am 16. Januar in Mardel-Plata ein­getroffen. Der Kommandant wurde vom Präsidenten der Republik, Dr. Alvacar, empfangen, der später in Begleitung des Marinemisters einen Besuch an Bord des Kreuzers machte, wobei er besonders herzliche Worte für Deutschland, für die in Argentinien ansässigen Deutschen sowie für den KreuzerBerlin" selbst fand.

** Graf Teleki über Ungarn in Vergangenheit und Gegen­wart. Der frühere ungarische Ministerpräsident Graf Teleki hielt im Ungarischen Institut in Berlin einen Vortrag über Ungarns weltpolitische und weltwirtschaftliche Lage. Teleki leistete mit seinem Vortrag einer 1% Jahr zurückliegenden Einladung der Deutschen Geographischen Gesellschaft Folge. Ungarn, so führte er aus, habe durch den Krieg nicht nur zahlenmäßig am meisten verloren, sondern es sei durch die Kriegsverluste auch vor die Notwendigkeit einer vollkommen wirtschaftlichen Reorganisation gestellt worden, da die Voraus­setzungen für den früher reinen Agrarstaat vielfach verloren gegangen seien. Eine Etappe der Gesundung, die Wieder­herstellung des Staatshaushalts, sei erreicht, allerdings auf Kosten der Allgemeinwirtschaft.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 21. Januar. Die dritte Lesung des Haushaltsplanes.

wird fortgesetzt. Beim Reichsjustizministerium wird ein Antrag des Sparausschusses angenommen, wonach beim Reichspatentamt nicht 10 Millionen, sondern 13 Millionen an Gebühren heraus­geholt werden sollen.

Der Haushalt des Reichspostministeriums wird ohne Aus­sprache angenommen, ebenso der des allgemeinen Pensionsfonds. Dabei werden die Unterstützungen der ehemaligen Angehörigen der Wehrmacht und deren Hinterbliebenen von 2 Millionen auf 3,5 Millionen Mark erhöht.

Beim Reichsarbeitsministerium fordert Abg. Rädel (Komm.) eine Erhöhung der Unfall- und Invalidenrenten.

Abg. Simon-Franken (Soz.) protestiert gegen die Herab­setzung der Löhne.

Eingenommen wird ein Antrag Ersing (Ztr.), für Zwecke der Ausbildung von Personen, die zur Vertretung der Arbeitnehmer berufen werden können, 500 000 Mark auszusetzen. Ferner gelangte ein Antrag Stücklen (Soz.) zur Annahme, zur, Ausbildung von Arbeitsnachweisbeamten und Berufsberatern 10 000 Mark zu ge­währen.