Reisfelder Tageblatt HersselSer Kreisblatt' Amtlicher /Inniger für den kreis Hersfels
Nr. 27 Dienstag, den ^Februar 1926 ' 76. Jahrgang
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NZuZs vom Tage.
— Der Kompromigantrag der Mittelparteien in der Fürsten- abfiudungsfrage wird voraussichtlich am Mittwoch im Rechts- ausschiis; des Reichstages zur Verhandlung komme».
— Die Kommission zur Vorbereitung der Entwaffnungs- konferenz hat bei dem Generalsekretär des Völkerbundes ein Ver- tagungsgesuch eingereicht.
— Halbamtlich wird aus Paris mitgeteilt, baß der Präsident der Saargebiets-Kommission, Rault, dessen Mandat abgelausen ist, zurücktreten wird. Die Neuernennung wird demnächst durch den Völkerbundsrat erfolgen.
— Wie von unterrichtete Seite mitgeteilt wird, befinden sich in der französischen Strafkolonie Cayenne keine deutschen Gefangenen mehr.
— Wie Hüvas zu wissen glaubt, ist im Verlauf der Besprechung zwischen Ministerpräsident Briand und dem italienischen Finanzminister Graf Volpi von der Regelung der italienischen Schulden bei Frankreich nicht die Rede gewesen.
— Die ungarische Staatsanwaltschaft hat den Angeklagte» der Frankenfälscheraffäre die Anklageschrift überreicht.
— I» Genua versuchten demonstrierende Studenten in das deutsche Konsulat einzudringen. Die Demonstranten wurden durch Militär zurückgetriebem
— Hauptmann Gunning hat auf Aufforderung des englische» Generalkonsuls in Tanger die Stadt verlassen.
— Nach Meldungen aus Peking sind die Kämpfe zwischen den Militärgouverneuren wieder im Gange. Ferner wird gemeldet, daß Wn Pei fu sich mit seinem ehemaligen Gegner Tschang Tso litt verbündet habe.
Ein neues Reichswahtzesetz.
An dem alten J^a^ LM^u-en Reichstag, =*wä$< aus »er einfachen Grundlage der absoluten Mehrheit in euren Wahlkreisen beruhte, ist, so lange es bestand, genug gemäkelt worden. Wenn Abänderungsvorschläge laut wurden, hieß es, daß es vollkommene Wahlgesetze überhaupt nicht gebe, und daß die. Schaffung eines neuen Gesetzes auch Widerspruch hervorrufen würde. Dem alten Wahlgesetz machte man besonders zum Vorwurf, daß es die Minderheiten, die oft beträchtlich waren, unberücksichtigt lasse. Dieser Vorwurf war nicht unberechtigt, und nach dieser Seite hin erfolgte denn nach der Staatsumwälzung die Abänderung. Zugleich wurde die Listenwahl, der Ersatz der einzelnen Wahlkreise durch größere Bezirke, in denen zehn oder mehr Abgeordnete gewählt wurden, eingeführt. Die Schattenseiten der Listenwahl, die in Frankreich schon vor 40 Jahren erkannt worden waren, machten sich auch bei uns bald bemerkbar: Sie bestanden in der Ausschal- tung der engen Fühlungnahme zwischen den Abgeordneten und ihren Wählern und den Folgen davon. Der Wähler, der ein Dutzend Kandidaten in den Reichstag zu entsenden hatte, verlor darin das Interesse für die einzelnen Abgeordneten, zugleich verringerte sich aber auch sein Augenmerk für die großen Fragen des Tages, und bei den Mitgliedern des Reichstages schwand die Verantwortung gegenüber den Wählern. Es hat sich wiederholt gezeigt, was ja auch ganz natürlich ist, daß innerhalb einer Partei die Meinungen auseinandergingen «Nd es zu Zerwürfnissen kam. Wenn die Wähler den Abgeordneten ihre bestimmte Willensäußerung hätten mit aus den Weg geben können, so wäre ein bestimmter Standpunkt klar und einfach' zur Geltung gebracht worden. Es ist auch kein Zweifel, daß im Reichstag selbst der Gang der Geschäfte Wesenluch beschleunigt worden wäre, wenn die Stimme der Wähler vernehmbar an die Pforte des Parlamentes geklopft hätte. Wir sind heute 1 in einem Volksstaat, und in diesem muß dafür gesorgt werden, daß die Menge der Wähler, das Volk, in wirksamster Weise in den Vordergrund tritt, daß es nicht hinter den politischen Gruppen der Listenwahl verschwindet, wie es zurzeit. vW Fall ist. s
Die Wiedereinführung der Einzelwahl ist auch »oit a»> schätzbarem Wert für die Volkstümlichkeit her- Abgeordneten, Manches unschöne Schauspiel würde verhütet und die übergroße Zahl der Volksvertreter könnte aus Gründen der Erspar nis vermindert werden. Auf der anderen Seite hindert bie Einzelwahl nicht, daß die Berücksichtigung der Minderheiten in Geltung verbleibt. In übergroßen Wahlkreisen, die für die Berücksichtigung der Minderheiten besonders in Betracht Kimmen, können mehrere Kandidaten aufgestellt werden, so daß allen Parteien ihr Recht zuteil werden kann. Das Hinein» schlüpfen in den Reichstag durch die Hintertür eines besondA«« Minderheitssitzes erübrigt sich.
Natürlich wird es nicht an Protesten fehlen, wenn die Listenwahl abgeschafft werden soll, denn diejenigen Abgeo-rö- !neten, welche nicht auf der vollen politischen Höhe stehen, und denen es an Zeit fehlt, den parlamentarischen Pflichten zu genügen, werden sich in ihren Rechten beeinträchtigt glauben. Aber nicht die vermeintlichen Rechte der Abgeordneten sind entscheidend, sondern es kommt aus die Wohlfahrt des deutschen t Volkes an. Im deutschen Volle geht die Stimmung dahin, sdas alte, gute, unmittelbare Verhältnis der Wähler zu ihren ; Abgeordneten wieder herzustellen. Die Wähler wollen stolz sein ai^ chMi PLÄreter im Reichstage, auch das ist ihr Recht.
Sesreiimgssem in KM.
Der Schwur bot Befreiten.
Am Sonntagabend um die mitternächtliche Stunde hat auf dem gewaltigen Domplatz in Köln die vorgesehene Be- freiungsseier stattgefunden. Schon in den frühen Abendstunden begann der Zustrom der Menschenmenge zum Domplatz. Gegen 11 Uhr waren der Platz und sämtliche Zugangsstraßen mit einer nach Zehntausenden zählenden Menschenmenge besetzt. Der Platz selbst war durch Tausende von elektrischen Lampen festlich beleuchtet. Pünktlich 12 Uhr verkündete die Deutsche Glocke am Rhein mit ehernem Klang der Bevölkerung, daß der lang ersehnte Augenblick, der Tag der Freiheit für Köln und den Niederrhein endlich angebrochen ist. Das Rheinland feierte den Geburtstag seiner wiedererlangten Freiheit mit einer Kundgebung, wie sie gewaltiger und erhebender der Jahrhunderte alte Kölner Dom wohl noch nicht gesehen haben dürfte. Kurz nach 12 Uhr bestieg Oberbürgermeister Dr. Adenauer die auf der Freitrepe des Domes stehende Rednerkanzel und hielt an die atemlos. lauschende Menge folgende Ansprache:
„Die Stunde ist gekommen, die so heiß, so inbrünstig ersehnte, der Tag der Freiheit ist angebrochen. Unsere Herzen fliegen empor zu Gott dem Allmächtigen. Dank sei ihm, der uns gestärkt hat in schwersten Tagen, der uns geführt hat durch Not und Gefahr. Vereint find wir wieder mit unserem Staat, unserem Volke, unserem Vaterland und frei nach sieben Jahren der Trennung und Unfreiheit. Hoffen wir, daß unsere Leidenszeit nicht umsonst gewesen ist, daß nunmehr ein wahrhaft neuer Geist in die Völker Europas einzieht. Die Grundsätze des Rechts und der Moral, die für das Verhalten der einzelnen Menschen zu einander gelten, die jeden Menschen als frei und gleich und gleichberechtigt erklären, mufft» -’.8|A>ife.,A nicht nur in Worten Geltung erhalten für die Gesellschaft der Voller. Auf diesem geheiligten Platze haben die fremden Truppen gestanden. Laßt uns ihm von neuem die Weihe geben. Ein Symbol der deutschen Einheit und Einigkeit ist unser Dom; wie Schwurfinger ragen seine mächtigen Türme empor in den Himmel. Wohlan, heben wir zum Schwur die Hand, und ihr alle im deutschen Lande, die ihr jetzt im Geiste bei uns weilt, schwört mit uns: Wir schwören Einigkeit, Treue dem Volke, Liebe dem Vaterland. Ruft mit mir: Deutschland, geliebtes Vaterland, hoch, hoch, hoch!"
Dann erbrauste das Deutschlandlied über den riesigen Platz, auf dem wohl 20 000 Menschen dichtgedrängt standen. Als das Lied verklungen war, nahm das Wort der preußische
Ministerpräsident Braun.
Die preußische Staatsregierung wird sich immer dankbar und stolz der in der Zeit nationaler Not von der Bevölkerung ihrer westlichen Grenzprovinz bewiesenen mannhaften Treue und beispiellosen Opserwilligkeit erinnern und in dieser Erinnerung, die stets lebendig bleiben soll, ihre besondere Fürsorge und Pflege dem rheinischen Volke angedeihen lassen. Zu solcher Fürsorgebereitschaft rechne ich ganz selbstverständlich auch, daß die preußische Staatsregierung festen Willens ist, den sozialen
und kulturellen Bedürfnissen des Rheinlandes in größtmöglichem Umfange Rechnung zu tragen. Auf diese Weise glaubt sie am ehesten, das ihr vorschwebende Ziel erreichen zu können und die letzten Ueberbleibsel des Mißtrauens im Rheinland aus einer früheren Zeit, die gegen Berlin noch vorhanden sein sollten, restlos zu beseitigen. Zu irgendwelchem Mißtrauen ist ja auch jeder Grund fortgefallen, nachdem durch die Verfassung des neuen Freistaates Preußen die Gesamtheit des Volkes, tote Joseph von Görres, der große Sohn des Rheinlandes, schon vor mehr als hundert Jahren gefordert hat, zum Träger der Staatsgewalt geworden ist. Die Bevölkerung des Rheinlandes stellt ein Fünftel, die Bevölkerung des Rheinlandes zusammen mit der in Wirtschaft, Kultur und Schicksal besonders verwachsenen Bevölkerung Westfalens ein Drittel der Gesamtheit des preußischen Volkes dar. Den politischen Willen und die kulturelle Eigenart, die sozialen und wirtschaftlichen Wünsche dieses Drittels des preußischen Volkes wird keine preußische Staatsregierung jemals vernachlässigen können, zumal es sich um ein Volksdrittel handelt, das ein so entwickeltes Wirtschaftsleben und eine so hoch stehende Volkskultur aufweist, wie sie sich in solcher Gedrängtheit, Fortgeschrittenheit und Mannigfaltigkeit vielleicht an keinem Punkte des Kontinents zum zweiten Male vorfinden. Dies stark zu unterstreichen liegt mir im jetzigen historischen Augenblick vornehmlich am Herzen, wo ein großer Teil des rheinischen Volkes, der seit der Schaffung des republikanischen Preußens unter Besatzung leben mußte, die Freiheit " wiedererlangte. Unsere Freude am heutigen Tage wird freilich noch getrübt durch die schmerzliche Tatsache, daß mehr als vier Millionen Volksgenossen weiterhin unter fremder Besatzung leben müssen. All diesen noch leidenden Brüdern und Schwestern am Rhein, Mosel und Saar gelten in dieser Stunde unsere herzlichen Grüße, unser aufrichtiger Dank und die unbedingte Versicherung, daß wir nichts unversucht lassen Wollen, um ihre Leiden zu lindern und abzukürzen. Daß diese Abkürzung in nicht zu ferner Zeit eintritt, ist unsere zuversichtliche Hoffnung und bestimmte Erwartung. Diese unsere Erwartung stüyt sich, auf den GM..aeaeHMüLL.Wtkeri,« ständigung, von dem Pakt von Locarno getragen, und der im Rahmen der europäischen Völkerfamilie, deren Einzelglieder jetzt gleichberechtigt sein sollen, Verständnis und Entgegenkommen auf allen Seiten zur Voraussetzung hat. ' ,
Reichspräsident und Kanzler an den Sderpräsidenten.
Aus Anlaß der Räumung der ersten Zone des besetzten Rheinlandes wurden von feiten des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers nachstehende Telegramme an den Ober- Präsidenten Fuchs in Koblenz gerichtet:
„Heute um Mitternacht wird für die erste Zone des befreiten Reinlandes die Stunde der Befreiung schlagen. Ich bitte Sie, aus diesem Anlaß der Bevölkerung der besetzten Teile der Ihrer Obhut anvertrauten Provinz meine aufrichtigsten Wünsche und besten Grüße zu entbieten und ihr sowie den Behörden den Dank des Vaterlandes für ihr treues Ausharren in der nunmehr hinter ihr liegenden schweren Zeit auszusprechen. Neue große Aufgaben stehen bevor. Ich hoffe, daß die Behörden in engem Zusammenwirken mit allen Kreisen der werktätigen Bevölkerung die wiedererlangte Handlungssreiheit dazu benutzen, um nach Möglichkeit die Schäden zu heilen und an dem Wiederaufbau der Heimat zu arbeiten. Daß auch dem übrigen besetzten Gebiete bald der Tag der Freiheit kommen möge, ist aller Deuffchen sehnlichster Wunsch. v. Hindenburg, Reichspräsident."
„Heute, wo es endlich gelungen ist, die Bestimmungen des Versailler Vertrags über die Räumung der ersten Rheinlandzone zu verwirklichen, richten sich die Gedanken der Reichsregierung vor allem auf die noch andauernde Not der zweitens und dritten Zone. Ich weiß mich in meinem Empfinden eins mit den Bewohnern der befreiten ersten Zone, wenn ich gerade in dieser Stunde bestätige, daß die Reichs- regierung weiterhin ihre ganze Kraft daran setzen wird, für die Reichsteile, die noch unter fremder Besatzung bleiben, die Last zu erleichtern und die Dauer der Besatzung zu vermindern. Den Bewohnern der ersten Zone aber, die nun am Ende des. Leidensweges stehen, den sie aufrechten Hauptes um ganz Deutschlands willen gegangen sind, dankt die Reichsregierung von ganzem' Herzen für ihre vaterländische Treue. Reichskanzler Dr. Luther."
Staatsgedanke und deutsch« Zukunft.
Stresemann an die akademische Jugend.
In der Technischen Hochschule in Dresden sprach Reichsaußenminister Dr. Stresemann über das Thema: „Akademische Jugend, Staatsgedank und deutsche Zukunft." Er betonte, neben dem parteipolitischen Leben und Treiben spiegelten sich die Kräfte einer Nation in der Verantwortung derjenigen wider, die in der Lage seien, geistige Fähigkeiten zu erringen. Die studentische Jugend sei in der alten Zeit Trägerin See Reichsgefühle gewesen, als sie sich im Ausland zu LanM- Mannschaften zusammenfand und den Begriff deutscher Studew» tenschaft vertrat. In den Freiheitskriegen wie im WeLkrieg gab sie dieser Bewegung ihre Färbung. _^_Sä