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HersfelöerTageblatt

Hersfelöer Kreisblatt"

Mitlicher Mazei-er Dr tau Kreis Hersfett

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Nr. SS Donnerstag^Ln 18. Mär; 1926 76. Jahrgang

Deutschlands Aufnahme vertagt

Das Genfer Fiasko.

Brasiliens Veto.

Die Vollversammlung, die der Völkerbund am Mitt­woch abhielt, brächte den Schluß seiner völlig ergebnis­los verlaufenen diesjährigen Frühjahrstagung. Schon seit den frühen Morgenstunden herrschte in Genf Span­nung und Erregung, die noch durch das mehrmalige Ver­schieben der Sitzungen gesteigert wurden. Die Versamm­lung wurde dann endlich um 10,30 Uhr vom Präsidenten Costa eröffnet. Nach kurzen Formalitäten bestieg sofort der Vertreter Brasiliens, Mello Franco, die Rednertri­büne. Er sah sehr erregt aus und verlas heftig gestikulierend eine Erklärung seiner Regierung, die darin gipfelte, daß Brasilien sein Veto gegen die Auf­nahme Deutschlands in den Völkerbundrat für un­widerruflich erklärt.

Mello Franco versuchte das Veto zu begründen; er wies auf die Bedeutung Amerikas in der Welt und die Bedeutung Brasiliens in Amerika hin. Deshalb gebühre Brasilien unbedingt ein ständiger Platz im Rate. Er be- ries sich aus die bedingungslose Zustimmung seiner Re­gierung zum Beitritt Deutschlands in Bund und Rat, was beides in der Hauptsache vom Völkerbund und nicht von einzelnen Regierungen abhinge. Brasilien stelle, bei aller Hochschätzung des Werkes von Locarno, den Völker­bund noch höher und beharre daher bei seiner Haltung.

Unter eisigem Schweigen der Versammlung verließ er die Tribüne.

Ehamberlamr bittere Enttäuschungen.

Auf die gestenreiche Ausführung des Vertreters Bra­siliens folgte eine in der Form zurückhaltende, aber von sichtbarer innerer Bewegung getragene Erklärung Mw »h<M* 1*.»u*, die dieser mcyr vom Manuskript abliest, sondern offenbar improvisiert. Der englische Außenminister stellt fest, daß der Aufnahmeaus­schuß auf alle Fragen über den deutschen Aufnahmean­trag bejahende Antworten abgegeben und die Annahme des deutschen Aufnahmeantrages einstimmig emp­fohlen hat. Deutschland habe von Anfang an eine natürliche und vernünftige Bedingung an seinen Eintritt geknüpft, die Erlangung eines ständigen Ratsitzes, der ihm mit Rücksicht auf seine große Bedeutung in der Welt un­bedingt zukomme. Er, Chamberlain, empfinde es als Pflicht der Loyalität gegenüber Deutschland, zu erklären, daß die bedauerlichen Mißverständnisse und Schwierigkeiten, die sich seit dem Eintreffen beider Teile in Genf auf beiden Seiten gezeigt hätten, durch das Zusammenwirken aller Beteiligten aus dem Wege ge­räumt worden seien.

Hier wurde Chamberlakn von lebhaftem Bei­fall unterbrochen, der sich zu einem Sturm steigerte, als er den Edelmut von zwei Ratmitgliedern, Schweden und die Tschechoslowakei, pries, die durch ihr Opfer die Beseitigung aller Schwierigkeiten ermöglicht und eine Katastrophe abgewendet hätten,die uns alle betraf". Er spreche für England und sämtliche Dominions, wenn er mit Befriedigung feststelle, daß das Werk von Locarno dadurch gerettet worden sei und die Gefahr vermieden wurde, daß Europa von neuem in zwei Lager gespalten wird. Nicht nur als Berichterstatter der Kommiffion, sondern im Namen Großbritanniens müsse er aber zu­gleich seine bittereEnttäuschung aussprechen, daß trotz dieser erzielten Übereinstimmung aus den Gründen, die in der Versammlung soeben verlesen wurden, die Aus­nahme Deutschlands jetzt nicht vollzogen werden könne. Er schloß mit dem Ausdruck der festen Überzeugung, daß die Vertagung zur Sicherstellung des deutschen Eintritts in den Völkerbund bei der nächsten Session dienen werde.

Die Erklärungen Chamberlains machten sichtlich tiefen Eindruck auf die Versammlung, die seine Ausführungen mit lebhaftem Beifall unterstrich. Briand, Dandurand (Kanada) und andere Delegierte tauschten mit Chamber­lain einen Händedruck.

Eine Geste Briands.

Nach der Übersetzung der Erklärungen Chamberlains bestieg Briand, von starkem Beifall der Versammlung begrüßt, die Rednertribüne und erklärte zunächst, daß er sich den Ausführungen des englischen Außenministers durchaus anschließe, und sprach seinerseits den beiden Ratstaaten Schweden und Tschechoslowakei den Dank für ihre großmütige Haltung aus. Briand warnt vor einer öffentlichen Herabminderung des Völkerbundes, wie er sie an sich als natürliche Folge dieser schmerzlichen Ereignisse voraussehen müsse. Es handle sich eher um eine Ent- Wicklungskrankheit, die dazu anreizen müsse, die Reform­arbeit am Bunde energisch auszunehmen.

Mit großer Bewegung erklärt der französische Pre­mierminister weiter:Ich empfinde es in meiner Eigen­schaft als Vertreter Frankreichs im höchsten Maße als eine G r a u s a m k e i t d e s S ch i ck s a l s, datz die Zusammen­arbeit niit Deutschland, auf die mehr als irgendein anderer

ich mich gefreut habe, mir heute noch versagt ist. Aber wir sind alle, und zwar auf Initiative der deutschen Delegier­ten (starker Beifall) dahin übereingekommen, daß der ehrliche und aufrichtige Friedenspakt, den wir in Locarno geschlossen haben, darunter nicht leiden darf.

Briand fordert zur Reformierung und Veränderung des Völkerbundes auf und preist dann die innere Heiter­keit und den Herzensadel der deutschen Dele­gation, die dazu geführt haben, daß das Werk von Locarno in dieser Krise intakt und unantastbar erhalten blieb. Die Anspielung auf das Verhalten der deutschen Delegierten wird von der Versammlung mit stürmischem Beisall entgegengenommen, der sich noch steigert, als Briand mit der Erklärung schließt, eine Geste des Völker­bundes gegenüber Deutschland sei unerläßlich; sie müsse gewissermaßen eine moralische, vorausgreifende Aufnahme Deutschlands in das Werk des Völkerbundes darstellen. Er verliest dann unter lebhaftestem Beifall folgend- Er­klärung:

Die Versammlung bedauert, datz die bis jetzt aufgetauchten Schwierigkeiten es nicht ermöglichten, das Ziel zu erreichen, für welches Deutschland nach Genf eingeladen worden war. Die Versammlung drückt den Wunsch aus, daß diese Schwierigkeiten bis zur ordentlichen Septembersession der Völkerbundver­sammlung überwunden sein werden, damit dann zu diesem Zeitpunkt die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund vollzogen werden kann."

Kundgebungen des Bedauerns.

Nach Briand sprachen zahlreiche andere Völkerbund­delegierte ihr Bedauern über die Entwicklung der Dinge in Gens aus. Der Vertreter Japans erhob den von der deut­schen Delegation zur Debatte gestellten Vorschlag auf Schaf­fung einer besonderen Studienkommission, die eine Resorm des Völkerbundrates bis zur nächsten Tagung beraten soll, zum Antrag. Der...Würrtcr.^SLL--'-EL

Enttäuschung über das Scheitern dieser so wichtigen Verhandlungen in Genf aus. Der Vertreter der Schweiz, Bundesrat Motta, erklärte, daß es eine lebenswichtige Aus­gabe des Völkerbundes sein würde, die Aufnahme Deutsch­lands bis zur Septembertagung sicherzustellen, da sonst ein Zusammenbruch des Völkerbundes unter dem W u t s ch r e i der Völker erfolgen werde. Der Vertreter Hol­lands gab seiner Befürchtung Ausdruck, daß die Folge des Scheiterns der Aufnahme Deutschlands ein Prestigeverlust des. Völkerbundes sein werde. Nansen vertrat die Meinung, daß für das Scheitern der letzten Verhandlungen nicht der Völkerbund zu tadeln sei, da sein Apparat gar nicht in Be­wegung gesetzt worden sei. Der chinesische Delegierte sprach die Zustimmung Chinas zu der Einsetzung einer Studien­kommission aus, während der Vertreter Rumäniens die Be­reitschaft seines Landes zur Unterstützung aller Arbeiten be­tonte, die der Lösung der Krise dienen sollen. Auch der Ver­treter Dänemarks stimmte für die Einsetzung einer Studien­kommission.

Der Deriagungsbeschluß.

Der Präsident der Völkerbundversammlung stellte daraus fest, daß kein Widerspruch gegen die Vertagung der Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund erhoben werde und daß der Völkerbund damit einstimmig die Vertagung beschlossen habe. Die Versamm­lung nahm darauf einstimmig die von Briand vorgelegte. an Deutschland gerichtete Erklärung an. Während sich dann der Saal rasch zu leeren begann, wurden noch einige Regiesragen geregelt. In seinem kurzen Schlußworte sprach schließlich Präsident Costa unter Hinweis auf die bestehenden Schwierigkeiten nicht nur den im Völkerbünde versammelten Delegationen, sondern auch der Delegation eines großen Landes, für das die Arbeiten dieser Tagung von besonderem Interesse gewesen feien, seinen Dank aus. Er gab sodann der Hoffnung Ausdruck, daß Deutschland bald im Völkerbünde den ihm gebührenden Platz ein- nehmen werde, und erklärte um 1.50 Uhr nachmittags die außerordentliche Tagung des Völkerbundes für ge­schlossen.

Abreise der deutschen DMgaiLon.

Bericht beim Reichspräsidenten.

Die deutsche Delegation hat Genf am Mittwoch abend bereits in einem Sonderzuge verlassen. Der Reichspräsi­dent und die in Berlin gebliebenen Mitglieder des Reichs- kabinetts sind natürlich laufend über die Vorgänge in Genf unterrichtet worden, die mit wachsender Sorge verfolgt wurden. Die deutsche Delegation trifft am Donnerstag abend in Berlin ein. Man erwartet, daß Dr. Luther und Dr. Stresemann dem Reichspräsi­denten dann sofort über die Genfer Vorgänge eingehend Bericht erstatten werden. In Berliner politischen Kreisen wird erklärt, daß die zuständigen Stellen die Haltung der deutschen Delegation einmütig anerkennen und billigen.

Die Nachrichten über den Zusammenbruch der Versuche in Genf zu einer Einigung zu kommen, haben im R e i ch s- tag eine große Bewegung ausgelöst. Jedoch ver­tritt man bei den Regierungsparteien die Ansicht, daß die Genfer Vorgänge keine Regierungskrise in Deutschland heraufbeschwören werden.

Luther für Hen Völkerbund.

Empfang beim Reichskanzler.

Reichskanzler Dr. L u t h e r und Reichsautzcnminister Dr. Stresemann empfingen vor ihrer Abreise die in Genf anwesenden Vertreter der deutschen Presse. Reichs­kanzler Dr. Luther gab einen geschichtlichen überblick über vie Ereignisse, die zu dem Ausnahmegesuch Deutschlands in den Völkerbund geführt haben. Er betonte dabei, datz Locarno zwar noch nicht juristisch, aber doch politisch wirk­sam geworden sei. Die Verpflichtung des Kommuniques oer Locarnomächte, Locarno weiterwirken zu lassen, stellt eine wirkungsvolle Kundgebung dar. Der Reichskanzler verwies dann darauf, datz Deutschland erst nach Absendung des Eintrittstages die Ansprüche anderer Mächte kennen- gelernt habe. Offenbar bätten vorher Bindungen be­standen, die Deutschland unbekannt waren. Das Fest­halten an den Grundprinzipien, mit denen die deutsche Delegation nach Gens kam, sei unumgänglich notwendig gewesen. Dr. Luther kam dann aus die einzelnen Lösungs- versuche zu sprechen und betonte hierbei, datz das Vor­gehen Brasiliens von der Völkerbundversammlung als eine außerordentliche Schädigung empfunden worden sei. Die völlige Einigkeit der Locarnomächte, die Zustimmung der übrigen Länder, ergibt, so schloß Dr. Luther, für Deutschland die Ausgabe, in der Völkerbundrich­tung entschieden weiterzuarbeiten und eine Entwicklung zu fördern, die im weiteren Verlauf Deutsch­land doch noch als Mitglied in den Völkerbund und in den Rat führt.

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Pessimismus in London und Paris.

Die Londoner Öffentlichkeit zeigt über die Genfer Miß­erfolge tiefe Niedergeschlagenheit und ergeht sich in heiligen ^..Buiin' yeBt« wuium.. DerAnitv Telegraph" stellt fest, daß die Art der Verhandlungen in Genf dem übelsten Spiel alter Diplomatie würdig gewesen sei. Von fast allen Blättern wird die Haltung der deutschen Dele­gierten als durchaus korrekt bezeichnet. Es werden sogar Stimmen laut, die die Befürchtung aussprechen, daß Deutsch­land sein Aufnahmegesuch in den Völkerbund zurückziehen könne.

Auch in Paris ist man über den Abschluß der Völker­bundtagung sehr enttäuscht. Im übrigen weisen die Blätter auf die Unsicherheit hin, ob es möglich sein werde, bis zur Herbsttagung der Völkerbundtagung eine Einigung zu er­zielen. So schreibt unter anderem das »Echo de Paris", daß der Aufschub von sechs Monaten beweise, daß der Völkerbund eine gefährliche Ecke zu passieren habe. Niemand aber wisse, was in der Verhandlungspause geschehen kann.

Gescheitert!

über den Abbruch der G e n f e r Verhandlungen ohne greisbares Resultat wird uns aus unterrichteten Kreise» geschrieben:

An der letzten Klippe ist das Schiff in Genf gescheitert: Brasilien hat an seiner Erklärung festgehalten, als nichtständiges Mitglied des Völkerbundrates g e g e n d i e Zulassung Deutschlands zum Völkerbundrat zu stimmen, weil es selbst einen ständigen Sitz nicht erhalten soll. Der Druck der Mächte, selbst das Zureden eines anderen südamerikanischen Staates haben eine Änderung der brasilianischen Stellungnahme nicht herbeiführen kön­nen und das Resultat von Genf ist ein Trümmerhaufen.

Dienstag abend waren die am Rheinpakt beteiligten Mächte nochmals zusammengetreten, um den Schlußstrich unter das Mühen der anderthalb Wochen zu ziehen. In der offiziellen Erklärung stellten sie fest, daß man im Be­griffe war, zu einer Übereinstimmung zu gelangen, daß man die Hindernisse überwunden glaubte. Bedauerlicher­weise habe man infolge der letzten Schwierigkeit das Ziel nun doch nicht erreichen können. Nicht aber werde dadurch das Friedenswerk berührt,welches sie in Locarno verwirklichten und welches in seinem ganzen Werte und in seiner ganzen Kraft bestehen bleibt". Man werde es auf­rechterhalten und fortentwickeln und bei der nächsten Bundesversammlung hosse man die gegenwärtigen Schwierigkeiten ganz zu überwinden.

Also: Vertagung, Vertagung des Ein­tritts Deutschlands in den Völkerbund. Vertagung aber auch des juristischen Inkrafttretens aller Verträge, die man als das Werk von Locarno bezeichnet. Vertagung damit auch jeder Möglichkeit für Deutschland, im Völkerbund für die auslandsdeutschen Minderheiten etwas zu tun. Und diese Vertagung wird auch für die innerdeutsche Politik von vorläufig noch nicht übersehbaren Folgen sein, sicherlich aber zu heftigen Aus­einandersetzungen führen, Auseinandersetzungen, die übrigens auch England und anderen Ländern nicht erspart bleiben werden. Dort wird man sagen, die Ein- sachheit der Situation sei erst durch die heimlichen Versprechungen eines Briand und Chamberlain getrübt und in die Gefahrenzone hineingeführt worden. In Deutschland wird man fragen, ob diese ganze Situation, die schon vor der Abreise nach Gent unklar