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Hersfelöer Tageblatt

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Nr. 74

Montag, den 29. Mär; 1026

76. Jahrgang

Ermäßigter Reichsbankdiskont.

Bon finanztechnischer Seite wird uns geschrieben:

Die soeben erfolgte Herabsetzung des Diskont- s a tz e s bei der R e i ch s b a n k von 8 auf 7 % ist äußerlich, eine Überraschung, innerlich nicht. Vor ein paar Wochen erst war offiziell angekündigt worden, die Reichsbank wolle er den Monatsultimo der diesmal ja auch ein Vierteljahrsultimo ist abwarten, ehe sie an die Herab- fetzung herangehen würde. Jetzt aber ließ es sich schon langst sagen, daß die Regulierung der Ultimogeschäste sich auss leichteste bewerkstelligen lassen würde, weil der Geld­markt von einer fast nie dagewesenen Geldflüssig- k.e i t ist. Die Banken waren schon längst soweit gegangen, eigentlich überhaupt keinen festen Normsatz innezuhalten für die Diskontierung von Wechseln, einfach weil sie froh waren, ihr Geld irgendwie anlegen zu können. Gegen Januar waren die Sätze überall um mindestens % her­untergegangen und drängen noch weiter abwärts. Das Festhalten am 8 %igen Diskontsatz hat daher verursacht, daß der Wechselbestand der Reichsbank binnen zweier Mo­nate um 250 Millionen zurückging, weil dort weit höhere Zinsen zu zahlen waren, als der Privatdiskont betrug; dieser ist nämlich in jener Zeit gar von 63/s auf 5 % zurück- gegangen, steht also immer noch 2 % unter dem Reichs­bankdiskont! Allmählich nähert sich nun auch dieser den Diskontsätzen an den ausländischen Plätzen und die Folge ^k ^in, daß die Geldanlage in Deutschland dem Ausland nicht mehr ganz so ertragreich erscheinen wird wie.bisher, wo dieses ausländische Kapital 3 oder 4% Zinsen mehr erhielt als Lei Anlage im eigenen Lande.

Wenigstens soweit es die kurzfristigen Gelder angeht.

die breite Kluft zwischen den Zinssätzen und der Flüssigkeit der Wechselkredite und den Zinssätzen und der Versteifung für langfristige Kredite ist keineswegs überwunden, wenn der Reichsbankpräsident auch glaubt, vaß hier wenigstens etwas günstigere Verhältnisse einge­treten sind. Gewiß ist der Zinssatz für die Anlage in testen Werten nicht mehr ganz so hoch wie srüher, aber das Anlagekapital selbst ist immer urmeMuer schwer k^^suoen, weil kaum ein Anzeichen dafür vorliegt, daß eine Besserung in der Wirtschaftslage eingetreten ist. Ob ruf den Zinsfuß und die Anlagewilligkeit des langfristig unterzubringenden Kapitals aber die Herabsetzung des Reichsbankdiskonts von sehr wesentlichem Einfluß ist, mag man hoffen können, ist aber zur Behebung der Wirtschafts­krise, die nur noch zum Teil Kreditkrise ist, von jedenfalls nicht entscheidendem Einfluß. Denn sie ist eine Ab­satzkrise auf dem inneren Markt. Hier ist eher zu begrüßen, vaß die Golddiskontbank eine leider nur 1-prozentige Er­mäßigung durchgeführt hat, obwohl gerade sie, die doch ruf ausländischer Währung aufgebaut ist, vor allem und in erster Reihe sich den niedrigeren Diskontsätzen im Aus­land anschließen müßte und auf diese Weise den Zinssatz für die langfristigen Kredite, die zu begeben doch ihre Hauptaufgabe ist, erheb sicher herabdrücken könnte.

Vielleicht kann man jetzt überhaupt der Reichsbank schon den Vorwurf übertriebener Vorsicht und Zurück­haltung machen, die sie ja zu ihrem eigenen Schaden be­treibt. Dr. Schacht hat zugeben müssen, daß von einer Führung der Diskontpolitik auf dem deutschen Geldmarkt durch die Reichsbank keinerlei Rede sein kann. Eine über­triebene Anspannung aber kommt auch in der Form der Notendeckung zum Ausdruck. Obwohl der Notenumlauf wie immer gegen Vierteljahrsende gestiegen ist, ist die Notendeckung durch effektives Gold um über 4 % auf 57,6 % gestiegen. Das Reichsbankgesetz vom 31. August 1924 schreibt nun aber nur eine Notendeckung von 40 %, davon % in Gold, den Rest in deckungsfähigen Devisen, vor. Statt dessen ist nun nicht bloß die doppelte Golddecke da, sondern über jene 57,6 % gibt es noch 10 % Deckungs­devisen, so daß die deutschen Noten jetzt mit nicht weniger als 77 %, d. h. mit über gedeckt sind. Das sind 20 % mehr als am gleichen Tage des Vorjahres, wo wir mitten in der Stabilisierungsarbert standen, ist mehr, als es jemals der Fall gewesen ist, und bedeutet einen Hemm­schuh. Die Reichsbank wird zu schwerfällig. Das er­leichtert nicht gerade die vielleicht überflüssigen Be­mühungen des Reichsbankkommissars und des General­agenten der Reparationskommission, der Neichsbank die Führung in einem ganz straff konzentrierten deutschen Kreditwesen in die Hand zu drücken.

Man ist schon jetzt, und zwar mit Wirkung vom 27. März, zur Diskontherabsetzung geschritten, offenbar in der Besorgnis, daß im Ausweis der Reichsbank vom 31. März der Rückgang im Wechselportefeuille ein noch viel erheblicherer sein würde als bisher, und man deswegen noch schnell so viel als möglich hereinholen wollte. Aber die Banken diskontieren doch nicht bloß zu geringeren Kosten, sondern auch zu leichteren Bedingungen. Hier aber sind der Reichsbank wohlerwogene Grenzen gesetzt, 'oie nicht überschritten werden dürfen. Schließlich schadet es auch nicht so viel, wenn der Vielgestaltigkeit der Wirt- schaft, also auch der Vielgestaltigkeit ihrer kreditpolitischen sAnsprüche, auf- der anderen Seite eine große Verschieden- chrtigkeit in der Form der Kreditbefriedigung entspricht.

Mona" März" erhöht ^ ^ 9tpriImktc «m 10% gegen den gerrenn.^EE ist das gesamte Kabinett Bratianu zurück-

Ramehs Besuch

Der österreichische -nudeslanzler in Verlin.

Hohe Auszeichnung für den Reichspräsidenten.

Der Bundeskanzler der Republik Österreich, Dr. R a m e k, ist am Sonnabend zu einem Besuch Leim Reichs­präsidenten von Hindenburg und bei der Reichsregierung in Berlin eingetroffen. Der Besuch ist eine Erwiderung der Staatsvisite, die seinerzeit Reichskanzler Dr. Marx in Wien abgestattet hat. Neben diesem Höflichkeitsakt gilt, die Anwesenheit Rameks in Berlin wirtschaftlichen Zwecken wie auch einer unverbindlichen Aussprache über die politische Lage Österreichs, da der in Begleitung Dr. Rameks in Berlin eingetroffene Sektionsches Dr. Schüller die Vorberatungen zu einem neuen deutsch­österreichischen Handelsvertrag aufnehmen soll. Bundeskanzler Dr. Ramek wurde bei seiner Ankunft in Berlin vom Reichsaußenminister Dr. Stresemann aufs herzlichste begrüßt. Zu seinem Empfang hatten sich außerdem zahlreiche Mitglieder des Auswärtigen Amtes sowie der österreichische Gesandte in Berlin Dr. Frank mit den ersten Mitgliedern der öster­reichischen Gesandtschaft eingefunden. Nach kurzen Be­grüßungsworten und gegenseitiger Vorstellung der ein­zelnen Herren begaben sich Dr. Ramek und General­sekretär Dr. Peter nach der österreichischen Gesandtschaft, wo sie Wohnung nahmen. Mittags wurde Dr. Ramek vom Reichspräsidenten empfangen, wobei der Bundeskanzler dem Reichspräsidenten das goldene EhrenzeichenderÖsterreichischen Republik überreichte. Auickll.iL Land guu der Reichspräsident zu Ehren des Bundeskanzlers ein Frühstück, an dem außer der Begleitung des Bundeskanzlers und der Umgebung des Reichspräsidenten der Apostolische Nuntius, der öster­reichische Gesandte, Reichstagspräsident Löbe, Reichs­kanzler Dr. Luther, Dr. Stresemann sowie andere poli­tische Persönlichkeiten teilnahmen.

Österreichs Frieöenspsliiik.

Das Selbstbestimmungsrecht des deutschen Volkes.

Bei der Beratung des Vergleichs- und Schiedsge­richtsvertrags zwischen Österreich und der Tschechoslowakei im Österreichischen Bundesrat erklärte Berichterstatter Dr. Hugelmann, das allgemeine Ziel der österreichischen Politik sei, mit allen Nachbarstaaten, insbesondere mit den Nachfolgestaaten, in friedlicher Nachbar­schaft zu leben. Der Schiedsgerichtsvertrag könne aber nicht den Sinn haben, daß er als Verzicht auf das.unver-

Das abgelehnie Hauszinssteuergeseh.

Eine Verlautbarung der preußischen Regierung.

Die Ablehnung der Hauszinssteuer im Preußischen Landtag veranlaßte die preußische Staatsregierung, so­fort zu einer Sitzung zusammenzutreten, um die durch die ihr zugefügte Abstimmungsniederlage entstandene par­lamentarische Lage zu beraten.

Von amtlicher preußischer Seite wird eine Mit­teilung veröffentlicht, die als das Ergebnis der Beratun­gen des preußischen Kabinetts anzusprechen sein dürfte und in der erklärt wird, daß die Ablehnung der Haus­zinssteuer im Landtage nicht aus sachlichen Gründen er­folgt sei. Jede Regierung müsse eine entsprechende Vor­lage schon zur Durchführung der reichsgesetzlichen Bestim­mungen bringen. Die Ablehnung stelle die Einführung der Verbesserungen vorläufig in Frage, die das Hauszins­steuergesetz bringen sollte, dessen Ertrag auf 900 Mil­lionen Mark veranschlagt war, die für Wohnungsbauten und charitative Zwecke Verwendung finden sollten. Sie sei außerdem nur durch eine Zufallsmehrheit herbeige- führt worden. Eine gesetzliche Lücke entstehe nicht, da ein Zwischengesetz, dessen Geltung nicht beschränkt sei, in der vorigen Woche vom Landtag verabschiedet sei. Die Re­gierung werde einen Weg finden, um bis zum 1. Juli eine dem Reichsrecht entsprechende Lösung herbeizuführen. Bei dieser Lage," so schließt die Erklärung,würde die Regierung ihre Pflicht gegenüber dem Lande ver­letzen, wenn sie zurücktreten und eine Krise her­aufbeschwören wollte, um so mehr, als der Landtag erst kürzlich der Regierung das Vertrauen quittiert hat."

Das Reichskahmeii zu Fehreubachs Toö.

Dr. Luthers Gedenkrede.

Sonnabend vereinigten sich die Mitglieder des Reichskabinetts zu einer kurzen Gedenkfeier für den ver­storbenen Reichskanzler a. D. Fehrenbach. Reichskanzler Dr. Luther widmete dem Dahingeschiedenen eine tief­empfundene Gedenkrede, bei der er u. a. sagte:Wir be­trauern nicht nur den Verlust eines gütigen Menschen, eines opferbereiten und pflichtbewußten Patrioten, eines

bei Bindenburg sehrbare Selbstbestimmungsrecht des deut­schen Volkes aufzusassen sei. Wir können, sagte der Redner, derartige Verträge mit allen Nachfolgestaaten mit um so größerer Beruhigung abschließen in einer Zeit, in der das vertrauensvolle Und über alle Formeln solcher Verträge weit hinausgehende Verhältnis zwischen Österreich und dem Deutschen Reich außer Zweifel steht, was in der Reise des Bundeskanzlers nach Berlin einen weichin sichtbaren Ausdruck findet.

Dr. Ramek über semen Besuch.

Die Beziehungen zu Deutschland.

In mehrfachen Gesprächen mit Journalisten erklärte Der in Berlin weilende österreichische Bundeskanzler Dr. Ramek u. a.:

Ich möchte hervorheben, daß verschiedene Meldun­gen, die zu wiederholten Malen, manchmal in besonderer Schärfe, wiedergegeben wurden und die der österreichischen Außenpolitik Ziele zuschrieben, die eine Entfremdung zum Deutschen Reiche zur Folge gehabt hätten, unrichtig sind. Die Republik Österreich ist durch die besonderen Ver­hältnisse ihres Entstehens, durch die Notwendigkeiten ihres inneren und wirtschaftlichen Aufbaues darauf angewiesen, mit allen Nachbarstaaten gute und freundschaftliche Be­ziehungen zu unterhalten; darüber hinaus ist es aber wohl selbstverständlich, daß die Beziehungen zum Deut­schen Reiche infolge der Gleichheit des Volkes, infolge der engen kulturellen und geistigen Beziehungen besonders herzlich sein müssen. Ich kann mit Genugtuung feststellen, daß wir bei den maßgebenden Faktoren des Deutschen Reiches immer viel Verständnis für diese unsere Auf- sassungen gefunden haben. Es ist natürlich-.unmöglich, -Diese %uffttffung=fojvrt in weitgehende Taten umzusetzen.

Das Netz der bereits bestehenden Verträge, gewisse, zum Teil wohl schon abgelaufene Bestimmungen der.Friedens­verträge lassen nur ein schrittweises Vorgehen zu. Mit besonderem Nachdruck möchte ich betonen, daß das enge Freundschaftsverhältnis zwischen Österreich und Deutsch­land durch diesenBesuch nur eine neue Stärkung erfahren konnte."

Zu Ehren des österreichischen Bundeskanzlers Dr. Ramek fand in der Berliner Staatsoper eine festliche Auf­führung der OperFidelio" statt. Mit Reichsminister Dr. Stresemann waren mehrere Mitglieder des Reichskabinetts erschienen. In der österreichischen Gesandt­schaft fand ein Bierabend statt, zu welchem sich Reichs­außenminister Dr. Stresemann, Reichswehrminister Dr. Geßler und die Minister Stingl und Curtius eingefunden hatten, sowie vom Diplomatischen Korps die Gesandten der Tschechoslowakei, Südslawiens, Polens, Ungarns, Ru­mäniens und der Schweiz. ........ hervorragenden Parlamentariers und politischen Führers; er war für uns noch mehr: ein selbstloser, gütiger Freund. Er war der erste Kanzler des Deutschen Reiches, der mit den ehemaligen Gegnern zu persönlichen Verhandlungen kam. Seine ganze Kraft, sein reines und edles Wollen hat er eingesetzt für das deutsche Volk und das deutsche Vaterland damals wie stets vorher und nachher bis zu seinem Ende."

Deutscher Reichstag.

(188. Sitzung.) OB. Berlin, 27. März.

In der Rachtsitzung des Reichstages auf Sonnabend ent­wickelte sich noch eine längere Aussprache beim Justizetat, die sich besonders durch Angriffe der Linken gegen den Magde­burger Landgerichtsdirektor Beversdorff kennzeichnete und durch Kritik der geringen Bestrafung einer Magdeburger Zeitung, welche dem Reichsaußenminister Landesverrat vor- geworfen hatte. Reühsjüstizminister Marr erwiderte, der erwähnte Zeitungsartikel sei allerdings ein Schulbeisviel da­für, wie man versteckt Verleumdungen aussprechen konnte, indem man jage, im Auslande bestände eine solche Meinung. L.ann wurde der Etat bewilligt, ebenso alle weiteren bis auf ^en LaushM des Ernährungsministers.

x^^lsdent Löbe richtete bei der Eröffnung der Sitzung sie Abgeordneten die Mahnung, nicht vorzeitig den ReickMag zu verlassen. Er hätte verdächtig viele Abgeordnete A^etaschen gesehen. (Heiterkeit.) Die dritte Lesung des Etats wurde beim

Haushalt des Reichsernährungsministeriums fortgesetzt. Damit war der Antrag der Regierungsparteien verbunden, der aus den Mitteln der Reichsgetreidestelle an

unter Mitaussicht der Reichsregierung stehendes berufs- standifches Organ einen Kredit von 30 Millionen gewähren Wut, um durch geeignete Maßnahmen den Schwankungen des ständischen Roggenpreises entgegenzuwirken.

Abg. Frau Sender (Soz.) wandte sich gegen den Anttag, der ein Privatmonopol schaffen soll, während der Abg. Blum (Ztr.) dafür eintrat.

Reichsernährungsminister Dr. Haslinde wies darauf hm, daß schon seit längerer Zeit die Pläne beraten worden Wien, die jetzt in der Vorlage der Regierungsparteien zu­sammengefaßt seien.

Abg. Hörnte (Komm.) meinte, auch hier wolle man wieder ausschließlich den Großagrariern ein. Geschenk machen. Nach