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Reisfelder Tageblatt

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Hersselöer Kreisblatt'

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Nr. 108

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Montag, den 10. Mai 1926

76. Jahrgang

Die Leiden der Landwirtschaft.

Neichsbankpräsident Dr. Schacht ist bei der Landwirt­schaft nicht gerade sehr beliebt und das hat er auf der Darmstädter Tagung des Deutschen Landwirtschaftsrates auch zu hören bekommen. Es ist immer wieder der Streit um die Kreditpolitik der Reichsbank, die heftige Kritik ausgelöst. Auch die Rede des Reichskanzlers Dr. Luther hatte sich ja im wesentlichen mit der für die Landwirtschaft sobrennenden Frage des langfristigen Realkredites be­schäftigt. Dr. Schacht führte dann aus, daß die Reichs­bank sehr viel für die Landwirtschaft getan habe durch Gewährung eines außerordentlich großen Kredits. Er sagte, daß die Landwirtschaft allein über eine Milliarde an Wechselkrediten erhalten habe gegenüber 1,3 Milliarden an die übrige Wirtschaft. Dabei erhielt er allerdings kaum Beifall. In der Versammlung war man der Ansicht, die Landwirtschaft könne mit der Industrie kreditpolitisch überhaupt nicht verglichen werden. Sei doch der Betrieb der Landwirtschaft auf einen einmaligen Kapital- umschlag im Jahre eingestellt. Die Eigenart des land­wirtschaftlichen Betriebes verlange eben langfristige Kre­dite. Mit Wechselkrediten sei überhaupt nicht gedient.

Immerhin vermochte Dr. Schacht einiges Tröst­liche zu sagen. Er betonte, daß die Reichsbank dieser brennenden Frage des Realkredits größere Aufmerksam­keit zuwenden wolle; sie habe ja schon die Reichspost ver­anlaßt, 100 Millionen für deutsche Kredite zur Verfügung zu stellen, werde mit 80 Millionen gleichfalls diesen Weg beschreiten und außerdem auch die übrigen öffentlichen Geldquellen auf den gleichen Weg verweisen, ihre über­schüssigen Gelder in solchen Realkrediten anzulegen.

Ein weiteres Milderungsmittel für die Not erblickt Dr. S ch a ch t in der D i s k o n t h e r a b s e tz u n g der Reichsbank. Diese Ermäßigung des Zinsfußes gilt ja an und für sich in der Hauptsache für kurzfristige Kredite, doch hofft er, daß sie auch eine Ermäßigung des Zinsfußes für den Realkredit herbeiführen werde. Außerdem sei es ge­lungen, die Kurse der Pfandbriefe dadurch zu steigern, daß man eine Nachfrage nach ihnen hervorrief, so daß der Landwirt wieder etwas für seine Pfandbriefe bekommen könne.

Das klang alles ganz gut. Aber die Landwirtschaft litt schwer darunter, daß ihr durch die Kündigung der Reichsbankkredite zum 1. Dezember die Notwendigkeit auf­erlegt war, ihr Getreide und ihre sonstigen Erzeugnisse, koste es, was es wolle, zu verkaufen, um Geld hereinzu- bringen. Und man war nicht befriedigt, wenn Dr. Schacht erklärte, daß das gekündigte und bezahlte Geld nun nach Anlage sucht. Man bezeichnet das geradezu als ein Bei­spiel dafür, daß kurzfristige Kredite für die Landwirtschaft manchmal gefährlich werden können, obwohl die Reichs­bank nun die neue Ernte gleichfalls auf diese Weise finan­zieren will.Ich gestehe es zu, daß im vorigen Jahre in Dieser Richtung nichts geschehen ist," erklärte Dr. Schacht, wollte aber die Schuld dafür, wenigstens zur Hälfte, den Kreditsuchenden selbst zuschieben, die sich nicht rechtzeitig mit der Frage beschäftigt hätten. In diesem Jahre soll -s nun besser gehen. Dr. Schacht will die Angelegenheit Der Getreidebeleihung zum mindesten in Erwägung ziehen, Denn er gab zu, daß die Landwirtschaft im vergangenen Zähre ihr Getreide zu verlustbringenden Preisen habe weg­geben müssen.

Stürmischen Widerspruch rief Dr. Schacht mit seiner Ankündigung hervor, daß die Reichsbank sich ihre Kredit­nehmer ganz genau darauf ansehen werde, ob der Kredit zur Erhöhung der Produktivität oder nur zur Erhaltung des Besitzes verwandt werden solle. Der Reichsbankpräsident fuhr fort, in landwirtschaftlichen Kreisen werde bei der Kredithereinnahme oft zu wenig dar­an gedacht, daß man eines unschönen Tages den Kredit auch wieder zurückzahlen müsse. Werde also dieser Kredit zur Erhaltung des Besitzes verwandt, wird er also nicht pro- ouktiv angelegt, so bedeutet er nur eine Hinausschiebung Der Katastrophe, aber nicht ihre Verhinderung.

Das Zischen, mit dem von mancher Seite die Aus­führungen Dr. Schachts beantwortet wurden, war nur der Auftakt zu weiteren schweren Anklagen gegen die Reichs­bank. Die Landwirtschaft denkt aber trotzdem nicht daran, wie in einer Entschließung des Landwirtschaftsrates aus­drücklich betont wurde, für sich Extraforderungen aufzu- stellen, sondern in dieser Entschließung wird die Notwen­digkeit der Produktionshebung ausdrücklich mit dem Hinweis darauf begründet, daß eine wirkliche Akti­vierung der deutschen Handelsbilanz nur durch weit­gehendste Ernährung des deutschen Volkes durch die eigene Produktion herbeigeführt werden kann. Daran solle man auch bei dem Abschluß von Handelsver­trägen denken. Vor allem wird natürlich eine Besserung auf dem Gebiete der Kreditpolitik verlangt, daher auch jede Umänderung der Aufwertungsgesetze abgelehnt. Eine «Milderung der untragbar gewordenen Steuerlast sieht die Mutschließung in einer Beschränkung der staatlichen Be- ßtätigungsgebiete und vor allem in der dringend notwen­digen Sparsamkeit der Behörden.

3 Die Landwirtschaft fühlt sich vernachlässigt gegenüber der J n d u st r i e; das kam auf der Darm- städter Tagung oft zum Ausdruck. Man scheute sich in Darmstadt nicht, offen zu sprechen, und redete nicht um die Dinge herum. Trotz der inneren Krise ist Dr. Luther nach Darmstadt gefahren; er hat hier die Schmerzensklagen

Eröffnung derGesolei

Süffeldorser Ausstellung für Sessudhetts- pflege, soziale Fürsorge m-Leibesübungen

Pünktlich begannen am Sonnabend die Feierlichkeiten zur Eröffnung der Großen AusstellungGesolei" mit musi­kalischen Darbietungen, einem Prolog, der Aufführung derMeistersinger" - Ouvertüre und einer Begrüßungs­ansprache des Oberbürgermeisters Dr. L e h r. Die Fest­teilnehmer brachten dann ein Hoch auf Deutschland aus und sangen die erste Strophe des Deutschlandliedes. Nach der Begrüßungsrede des Oberbürgermeisters, der ein Glückwunschtelegramm desReichspräsidentenvon Hindenburg zur Verlesung gebracht hatte, sprach Di­rektor Poensgen herzliche Worte des Willkommens. Der Geschäftsführer der Ausstellung, Geheimrat Professor Dr. Schloßmann, dankte den Vertretern der deutschen Wissenschaft für ihre bereitwillige Mitarbeit. Nun nahm das Wort

preußischer Ministerpräsident Braun:

Die preußische Staatsregierung begrüßt gerade diese Ausstellung um so herzlicher, betonte der Ministerpräsi­dent, als sie der Ansicht ist, daß ein zielbewußtes Wirken zum Besten der Erhaltung und Stärkung der Arbeitskraft, wie es die gesundheitliche und soziale Fürsorge in sich schließen, zu kaum einer Zeit notwendiger war als in den gegenwärtigen Tagen der deutschen Wirtschaftskrise und der allgemeinen Notlage. Vor kurzer Zeit ist auf einer sozialen Tagung des Westens das Wort geprägt worden, daß der Mensch vor die Dividende gesetzt werden müsse. Diese Wortprägung bedeutet eine Kulturforderung, die hier vom industriellen und dichtbevölkerten Westen aus, wo die Wirtschaft wie das Volksleben immer lebhafter pulsten, allüberall in Deutschland gehört werden sollte!

Fürsorge im Volksstaat muß von dere unbe­dingten Hochachtung vor der Persönlichkeit und Menschen­würde derjenigen, die zu betreuen sind, getragen sesn^ Sozialpolitik im modernen Sinne bedeutet in erster Linie möglichste Schadenverhütung und höchstprozentige Erhaltung der Lebenskraft und Arbeitsfähigkeit! Wie im vergangenen Jahre die Kölner Jahrtausendausstellung der Rheinlande mit ihren unvergleichlichen Schätzen rheinischer Kultur und Geistigkeit großen Schichten der Bevölkerung unseres ganzen Vaterlandes Stunden seelischer Erhebung geboten hat und damit zu einer Volksausstellung werden konnte, so möge auch dieGroße Ausstellung Düsseldorf 1926" zu einer Volksangelegenheit sich gestalten!

Nach dem preußischen Ministerpräsidenten begann

Reichskanzler Dr. Luther

seine Ansprache, aus der hervorzuheben ist: Ein Zufall hat es gefügt, daß ich in der letzten Zeit kurz hinterein­ander zweimal vor der deutschen Öffentlichkeit das Wort zu grundsätzlichen Ausführungen ergriffen habe. Jedes­mal hat es sich um das eine große Ziel des Wiederauf­baues Deutschlands gehandelt. Auf welchem Wege man diesem Ziele auch nachstrebt, immer wird man die drei großen Kräfte nutzbar machen müssen, die uns zur Ver­fügung stehen: die deutsche Arbeit mit Kopf undHand.dieSchätzedesdeutsckenBodens

der Landwirtschaft angehört; hoffen wir nur, daß die Re­gierung nicht nur den Willen, sondern auch die Möglichkeit hat, sie zu lindern. *

Abschluß der Tagung des Landwirlschastsrates.

Bei dem Empfang, den die Darmstädter Stadtverwal­tung dem Deutschen Landwirtschaftsrat gab, hielt zum Abschluß der Tagung Reichskanzler Dr. Luther eine kurze Ansprache, in der er mitteilte, daß er einen Funk- spruch erhalten habe, daß der V e r t r a g m i t S p a n i e n unterzeichnet worden sei. Wenn das zutreffe, habe er die Überzeugung, daß die Landwirtschaft, besonders der Wein­bau, erhebliche Vorteile haben werde.

Regierungskrise und Flaggensrage.

Dr. Luther wieder in Berlin.

Der Reichskanzler ist von der Eröffnung der Düssel­dorferGesolei" wieder in Berlin eingetrossen und har so­fort die Besprechungen über die innere Lage wieder aufge­nommen. Verhandlungen zwischen den Parteiführern und der Regierung fanden unausgesetzt statt. An den Verhand­lungen nahmen teil: die Minister Dr. Stresemann und Dr. Brauns, außerdem von der Deuffchen Volkspartei dre Abgeordneten Dr. Scholz und Brüninghaus, vom Zen­trum die Abgg. v. Guörard und Dr. Stegerwald, von der Bayerischen Volkspartei Abg. Leicht und von der Demo­kratischen Partei Abg. Koch-Weser. Die Verhandlungen wurden fortgesetzt. . , ,,

Die Bemühungen über ein Kompromiß mder An­gelegenheit sollen sich hauptsächlich in der Richtung be­wegen, daß die schwarz-rot-goldene Gösch m der Hande.s- flagge wesentlich vergrößert wird. Verschiedene Vereini­gungen von Ausländsdeutschen sandten Anerkennungs­depeschen' zur Regierungsverordnung. Ein Protest kam

and des deutschen Menschen. Aus dem Leben oes deutschen Menschen umfaßt die Ausstellung, die heute eröffnet wird, den Dreiklang: Gesundheitspflege, Soziale Fürsorge, Leibesübungen. In der öffentlichen Gesund­heitspflege erblicke ich eine der herrlichsten Großtaten menschlichen Geistes. Sicherlich kann man vom Stand­punkt einer nur mit Verstandesgründen rechnenden Politik aus die Frage aufwerfen, oh die Lage Deutschlands nicht leichter wäre, wenn auf deutschem Boden weniger Men­schen zu ernähren wären. Auf solche Fragen gibt es nur eine Antwort, daß jeder deutsche Mensch ein Träger deut­schen Wesens und deutscher Kultur ist und daß wir vor Gott und der Geschichte unsere Aufgabe nur darin erblicken können, dieses deutsche Volk, das als festgefügte Nation mit einheitlichem Lebensziel den Weltkrieg überstanden hat, ungeschmälert und so stark wie möglich einer besseren

Zukunft entgegenzuführen.

Der deutsche Mensch hat die Prüfungen und Nöte der Kriegszeit und Nachkriegszeit überstanden. Er wird seinen Weg nach oben fortsetzen, dessen Ziel nur die Wiederge­winnung eines wirklich freien Vaterlandes fein kann. Nur ein solches sreies Deutschland wird über den eigenen Nutzen hinaus seine großen kulturellen und schaffenden Kräfte mit voller Wirksamkeit in den Dienst der Mensch­heit stellen können. Mit einer Kulturtat, tote es die Aus­stellung ist, verwirklicht Deutschland in besonders ergreifen­der Weife das Wort des großen deutschen Geschichts- schreibers Leopold von Ranke: Das Größte, was dem Menschen begegnen kann, ist es wohl, in der eigenen Sache die allgemeine zu verteidigen. Im Zeichen dieses Wortes eröffne ich die Düsseldorfer Ausstellung für Gesundheits­pflege, foziale Fürsorge und Leibesübungen und gebe ihr den Wunsch der Reichsregierung auf den Weg, daß sie dem deutschen Vaterland und Volk von reichem Nutzen sein möge. ........... ................._,

Nach der Eröffnung derGesolei".

_JfalX&Xff ^ Hz nnd Hirtsiefer.

Auf dem Festessen zu Ehren der Gäste derGesolei" begrüßte Oberbürgermeister Dr. L e h r - Düsseldorf die Gäste. Nach einer kurzen Rede von Dr. Ernst Pöns - g e n ergriff dann Reichsinnenminister Dr. K ü l z das Wort und führte u. a. aus: Dieser Ausstellung wünschen wir von ganzem Herzen, daß Tausende und Abertausende aus Deutschland und aus dem Auslande kommen mögen, tiefe Belehrung und Anregung zu empfangen und sagen zu müssen, daß sich das deutsche Volk niemals wird unter­kriegen lassen, und daß man das Wollen und Können eines Volkes, wie des deutschen, aus der Menschheitsentwicklung nicht ausschalten kann.

Darauf sprach der preußische Wohlfahrtsminister Hirtsiefer. Wir danken der Stadt Düsseldorf dafür, daß sie in der gegenwärtigen Zeit, wo die Not an sehr viele Türen pocht, durch ihre Ausstellung gezeigt hat, wie mit verhältnismäßig geringen Mitteln Gesundheitspflege und foziale Fürsorge und Leibesübungen betrieben werden müssen. Wir danken ihr, daß sie auf diese Weise Aufklärung in die breiten Massen unserer Bevölkerung hineinbringt.

Die Ausstellungsleitung derGesolei" hat an den ReichspräsidentenvonHindenburgeinherz­liches Danktelegramm gerichtet.

dagegen von den deutschen republikanischen Verbänden Argentiniens. Der demokratische Führer und frühere Reichsminister Koch, wie der Präsident des Reichsbanners und Oberpräsident H ö r s i n g äußerten sich bei einer Ver­sammlung in Nürnberg scharf gegen die Flaggenverord- nung.

Parteitag der Konservativen Datei.

Beschlüsse zur politischen Lage.

In Berlin fand der Parteitag der deutschen Konser­vativen Partei statt. Reichstagsabgeordneter E v e r l i n g erstattete einen Bericht über die politische Lage und stellte als Merkmale konservativer Gesinnung das Bekenntnis zum Legitimismus, zum staatlichen Organismus und zum Patriotismus auf. Im Kampfe um die Enteignung stände Demokratie gegen Recht. Professor Dr. R ö t h e hielt den Schlußvortrag überNationale, monarchische und konser­vative Gesinnung". Die Weimarer Verfassung habe längst abgewirtschaftet. Die Deutschnationalen müßten weit über Preußen hinausgreifen und auch nationalgesinnte Katholiken an sich heranziehen. Die Konservative Partei sei im Gegensatz zu den Deutschnationalen preußisch, pro­testantisch und aristokratisch. Der Parteitag nahm ein­stimmig eine Entschließung an, in der den ange­stammten Fürstenhäusern, insbesondere den Hohenzollern, aufs neue unerbrüchliche Treue gelobt und der Plan Der Fürstenenteignung verurteilt wird. Der Parteitag stehe der deutschen auswärtigen Politik mit Mißtrauen gegenüber und warne erneut eindringlich vor dem Eintritt in den Völkerbund.

Der Generalstreik in England.

VermittlungdesPrinzenvonWales.

Von einem Nachlassen der Streikbewegung war zum Wochenende noch keine Rede. Der Erlaß der Regierung