yersfelöer Tageblatt
Hersfelöer Kreisblatt"
. Amtlicher Mnzeiger für den Kreis Hersfelö
Nr. 122 Freitag, den 28. Mai 1926 76. Jahrgang
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MrWWche Aotwendigkeiten.
Langsam hat die Zahl der Arbeitslosen abgenommen. Viel zu langsam. Aber immerhin kann man feststellen, daß ihre Zahl gegenüber den Höchstgang um 300 000 zurückgegangen ist. Wir wollen das nicht überschätzen, weil die Landwirtschaft nur noch in beschränktem Maße in der Lage ist, Arbeitskräfte aufzunehmen, wenn auch nach ein paar Monaten die Erntezeit eine stärkere Inanspruchnahme des Arbeitsmarktes herbeiführen wird.
Auf der anderen Seite sind die Meldungen über die Lage des Arbeitsmarktes im Rheinland und in W e st - falen außerordentlich trübe. Die große Betriebskonzentration im Bergbau, die zum englischen Generalstreik geführt hat, ist ja in Deutschland zum großen Derl schon durchgeführt worden. Wir haben freiwillig darauf verzichtet, soviel von unseren Kohlenschätzen her- auszuholen, als uns möglich ist. Aber auf anderen Gebieten der deutschen Industrie erfolgen Stillegungen, Belriebseinschränkungen und damit Vermehrung der Zahl der Arbeitslosen. Es nutzt nichts, darüber sich zu erregn. Wir können nicht deutsche Industriezweige, die nicht in der Lage sind, die Konkurrenz auf dem Weltmarkt auszuhalten, nach englischem Muster durch Staatszuschüsse wettbewerbsfähig machen. In England hat man auf die immer noch streikenden Bergarbeiter ein- zuwirken versucht durch die Ankündigung, Deutschland werde den Kohlenexport durch Prämien unterstützen. Daran ist nicht zu denken, um so weniger, als wir am englischen Beispiel gesehen haben, wohin die Erhaltung einer Industrie durch Zuhilfenahme der öffentlichen Mittel fuhrt.
Betriebskonzentration ist vor allem die Bildung des neuen Rheinmontantrustes. Diese Konzentration wird nicht davor zurückschrecken, unrentabel arbeitende Werke abzustoßen, sie also stillzulegen. Der Regierungspräsident König- Arnsberg hat in einer Delegiertenversammlung des Gewerkvereins deutscher Metallarbeiter darauf hingewiesen, daß in der Stillegungsaktion der Höhepunkt noch nicht erreicht sei. Er glaubt genötigt
zu
großer Werke zu Betriebseinschränkungen schreiten müsse. Es nutzt nichts, wenn man sozialpolitische Bedenken dem-
gegenüber geltend macht. Es nutzt nichts, wenn man an jenen Artikel in der Verfassung erinnert, der jedem Deutschen das Recht auf Arbeit zuspricht. Darüber schreitet die Wirtschaftsentwicklung des Weltmarktes hinweg. Nur mit Mühe ist es ermöglicht worden, den Angestellten jener Werke, die sich zum Rheinmontantrust zusammengeschlossen haben, die Aufkündigung ihrer Stelle für das erste zu ersparen.
Die von einigen Seiten verbreitete Behauptung, daß die Unternehmungen aus klassenkämpferischen Interessen heraus ihre gefährdete Stellung auf Kosten der Arbeiterschaft zu retten versuchen, läßt sich nicht halten. Die deutsche eisenschaffende Industrie ist seit länger als einem Jahre bemüht, vernünftige Verhältnisse auf dem Eisen- und Stahlmarkt zu schaffen, weil die französische Valuta- unterbietung normale wirtschaftliche Beziehungen seit Jahren zerschmettert. Ein internationales Eisenschienen- kartell zu vereinbaren, wie es vor dem Kriege bestand, ist schon gelungen. Und zurzeit finden in Paris zwischen der französischen und der deutschen Eisenindustrie wieder einmal Verhandlungen statt, die zumindest erreichen wollen, daß die deutsche Eisen- und Stahlindustrie nicht mehr genötigt ist, bis zu 50 % ihrer Produktionsmöglichkeit abzudrosseln. Das Ziel dabei ist vor allem, die Eisen- und Stahlbedürfnisse der deutschen Wirtschaft durch die deutsche Produktion zu befriedigen, wozu wir durchaus imstande sind. Selbstverständlich muß das zu einem Preise geschehen, der die Selbstkosten deckt. Aber ebenso selbstverständlich soll das nicht geschehen dadurch, daß man wirtschaftlich unrentabel arbeitende Werke erhält, sondern auch in der Eisen- und Stahlindustrie müssen wir den Weg gehen, den die Kohlenindustrie beschritten hat: Ausschaltung und Stillegung aller jener Betriebe, die infolge erhöhter Selbstkosten die Weltkonkurrenz nicht mitmachen können.
Der Weg ist ein schwerer und ist für das Einzelschicksal oft genug auch ein schmerzlicher. Aber Deutschland ist in diesen Kampf der Weltkonkurrenz hineingestellt. Es gilt, das Leben der G e s a m t h e i t zu erhalten.
Vereine
beim Reich-prS-benten.
Mittler zwischen der alten und der neuen Heimat.
Reichspräsident von Hindenburg empfing eine größere Abordnung des Plattdeutschen Volkssestvereins und der 82 Plattdütfchen Vereene von Newyork und Umgegend als Vertreter der etwa 600 Mitglieder dieser Vereine, die sich zurzeit auf einer Deutschlandreise befinden. Die Abordnung war von Vorstandsmitgliedern des Plattdütfchen Vereens Bremen und dem Bremer Gesandten in Berlin, Senator Dr. Nebelthau, begleitet.
Der Präsident des Plattdütfchen Vereens Newyork, Herr Klaus Oetjen, richtete an den Reichspräsidenten in plattdeutscher Mundart eine Ansprache, in der er hervor- Lob, daß es in aans Amerika wobl keinen DLUtstken nebe.
Abd-el-Krims Kapitulation
Schloß des Marokkokrieges.
V Abd-el-Krim in französischer Gefangenschaft.
Abd-el-Krim ist in den französischen Linien eingetroffen und sofort nach Dazal weitergeleitet worden. Der Oberbefehlshaber der französischen Marokkotruppen, General Boichut, hat nach einer Agenturmeldung aus Fes Weisung erteilt, Abd-el-Krim, wenn er sich in den französischen Linien einstellt, so zu empfangen, wie man einen besiegten Feind empfängt, der Beweise von militärischen Fähigkeiten gegeben hat. Nach einer Meldung des „Petit Parisien" wird Abd-el-Krim, ehe er sich in sein Exil be- gibt, vielleicht gezwungen sein, sich dem Sultan von Marokko in seiner Hauptstadt Fes zu unterwerfen, dem Sultan, dem Souverän, gegen den er noch mehr als gegen die Franzosen und Spanier die Rebellion im Risgebiet organisiert hat. Dieser Schritt wird Abd-el-Krim bei
der nicht zum Reichspräsidenten und Generalseldmarschall die größte Liebe und Verehrung habe, da sich in ihm die deutsche Kraft und die deutsche Treue verkörpern. Ihre größte Freude sei, dem Kriegs- und Volkshelden von Hindenburg die Hand drücken und ins Auge sehen zu dürfen.
Nachdem die Abordnung dem Reichspräsidenten ein A n d e n k e n überreicht hatte, dankte Hindenburg für die Begrüßung und gedachte mit besonderer Anerkennung der Hilfe der Deutschamerikaner während der Notzeit des deutschen Volkes. Der Reichspräsident sprach die Hoffnung aus, daß der Besuch in Deutschland mit dazu beitragen möge, Mittler zwischen der alten und der neuen Heimat zu sein und die guten Beziehungen zwischen Deutschland und Amerika zu vertiefen und auszubauen.
Lustverkehr Berlin-Paris. "
Die ersten Flüge geglückt.
Die beiden ersten Flugzeuge, die den Verkehr auf der Linie Berlin—Paris eröffnet haben, sind glücklich an ihren Bestimmungsorten eingetroffen. Abends 7 Uhr 5 Minuten | landete das von Paris abgeflogene Flugzeug, ein Far- man-Hochdecker (500 Pferdestärken) unter Führung des Piloten Roubain, in Tempelhof. Wie aus Paris gemeldet wurde, ist das deutsche Flugzeug, ein Junkers- Großflugzeug, das früh 8 Uhr 45 Minuten Berlin verlassen hat, nachmittags um 5 Uhr 5 Minuten mit fünf Passagieren an Bord unter Führung des Piloten Rod- zinka auf dem Flugplatz Le Bourget bei Paris eingetroffen.
Angriffe gegen die preußische Regierung.
Nachklänge zu den Haussuchungen.
In der Bürgerschaftssitzung der Freien und Hansestadt Lübeck wurde ein sozialdemokratischer Mißtrauensantrag gegen Bürgermeister Dr. Neumann, der vom Amtlichen Preußischen Pressedienst als Reichskanzler nach einem Putsch genannt wurde, mit einfacher Mehrheit, und zwar mit 43 gegen 33 Stimmen, angenommen. Für den Antrag stimmten die Demokraten (mit einer Ausnahme) sowie die Sozialdemokraten und die Kommunisten. Nach der Lübecker Verfassung ist eine nochmalige Abstimmung erforderlich, die bei einfacher Stimmenmehrheit endgültig die Annahme des Antrages ergibt. Bürgermeister Dr. Neumann gab in der Sitzung eine Erklärung ab, daß er trotz seiner Einstellung nach rechts nur eine Politik der Sammlung aller Parteien befolge und alle Putschpläne stets auf das energischste abgelehnt habe. Wie in der Bürgerschaftssitzung weiter mitgeteilt wurde, ist der lübeckische Gesandte in Berlin im Auftrag des Senates bei der preußischen Regierung vorstellig geworden, weil die Veröffentlichung der Anschuldigungen gegen Bürgermeister Dr. Neumann ohne vorherige Benachrichtigung des Lübeckischen Senats erfolgt sei. Der preußische Ministerpräsident habe daraufhin erklärt, estueihmleid, den Senat in Lübeck Übergängen zu haben. Die Unterlassung der Benachrichtigung habe sich aus der Eile ergeben. In Zukunft werde aber eine vorhergehende Verständigung mit dem Lübeckischen Senat nicht versäumt werden.
, In der Sitzung des rheinischen landwirtschaftlichen Genossenschaftstages in Köln ging der Präsident der Landwirtschaftskammer Bonn, Freiherr von Lüninck, auf die jüngst auch bei ihm vorgenommenen ergebnislos verlaufenen Haussuchungen näher ein. Freiherr von Lüninck erklärte jede Behauptung über irgendeine Beteiligung seinerseits an irgendwelchen Putsch- oder Umsturzbestrebungen als auf frecher, lügnerischer und verleumderischer Grundlage stehend. Er verlange, daß man entweder die Verdächtigungen beweist oder wenigstens den Mund hält. Geschehe dies nicht, so treffe der Vorwurf der Lüge und der Verleumdung in aller Schwere die preußische StsatsreZierung.
feinem Hochmut gewiß nicht leichtfallen. Es steht noch nicht fest, welchen Wohnsitz man dem geschlagenen Emir anweisen wird.
In Madrid und Paris herrscht Siegesjubel. Die Pariser Presse begrüßt mit tiefer Genugtuung in großen Lettern und ausführlichen Kommentaren die Kapitulation Abd-el-Krims. Allgemein wird anerkannt, daß mit der Unterwerfung desjenigen Mannes, der sich vor kurzem noch den Titel „Sultan von Algier" beigelegt habe, der Krieg im Rif zu Ende sei. Ohne den führenden Kops seien die Rifleute nur noch eine „Staubwolke wilder Stämme". Darüber hinaus wird aber die große moralische Bedeutung der Kapitulation Abd-el-Krims für das französische Prestige in Nordafrika und in der gesamten muselmanischen Welt kräftig unterstrichen.
Die Lage in Spanisch-Marokko ist noch ungeklärt, da einige Stämme noch den Widerstand fortsetzen wollen. Es ist daher leicht möglich, daß die Kämpfe in dieser Zone fortgeführt werden. ,„ ..........................
Die Schuldsrage Keim Münchener Aliglück.
Trauergottesdienst für die Opfer.
Zu dem Eisenbahnunglück am Ostbahnhos in München teilte die Polizeidirektion u. a. mit:
Die Schuldsrage konnte nach den bisherigen polizeilichen Ermittlungen nicht geklärt werden. Der Lokomotivführer Aubele destreitet jede Nachlässigkeit und bekundet, daß ihm die Signale der Blockstation in Berg am Laim freie Fahrt zeigten. Aubele wurde aus Anordnung der Staatsanwaltschaft München I vorläufig festgenommen und dem Amtsgericht München überwiesen. Bei seiner weiteren Vernehmung gab Aubele an, nachdem der Zug 814 das Signal Berg am Laim passiert hatte, habe er (Aubele) und auch der Heizer des Zuges das Vorsignal Müurbeu-Qst aus iliL^tTO^ des Zuges, der mit einer Geschwindigkeit von etwa 50 Kilometer fuhr, angezogen. Plötzlich sei das Vorsignal auf freie Fahrt übergegangen. Er sah, als er weiterfsih , plötzlich in einer Entfernung von etwa 40 Metern die oberen Lichter des Zuges 820. Er (Aubele) zog, die Gefahr erkennend, die Notbremse und wollte rückwärtsfahren, doch war es bereits zu spät, um das Unglück zu verhüten. Der Heizer des Zuges 814, Reservelokomotivführer Schrödl, bestätigt die Angaben Aubeles in vollem Umfange.
Die Besprechungen, die unter dem Vorsitz des Bürgermeisters Scharnagl nach der Trauersitzung des Stadtrates im Rathaus zwischen Vertretern der Stadtgemeinde und der Polizeidirektion stattfanden, führten zu dem Ergebnis, daß von der Veranstaltung einer großen Trauerfeier im Ostfriedhof abgesehen wird. Dagegen werden am Freitag zwei offizielle feierliche Trauergottesdienste gehalten. Die Beerdigung der Opfer des Eisenbahnunglücks erfolgt ausnahmslos in Familiengräbern, da ein gemeinsames Grab von den Angehörigen nicht gewünscht wurde. An jeder Beisetzungsfeierlichkeit nehmen in offizieller Eigenschaft zwei Mitglieder des Stadtrates teil.
Das ArieÜ gegen die Krankfalscher.
Je vier Jahre Zuchthaus für Windischgrätz und Radossy.
Unter ungeheurer Spannung wurde in Budapest das Urteil im Frankfälscherprozeß gesprochen. Die Hauptangeklagten, Prinz Windischgrätz und Ra - dossy, erhielten jevierJahreZuchthaus,zeh« Millionen Geld st rase und dreiJahreAmts- Verlust. Vier Monate und zwei Wochen Untersuchungshaft werden aus die Strafe angerechnet.
Die Leiter des Kartographischen Instituts, General Ha j t s und K u r tz, erhielten je "ein Jahr Kerker; viereinhalb Monate Untersuchungshaft werden auch hier auf die Strafe in Anrechnung gebracht. G e r ö, der £>udpt= Mitarbeiter des Instituts, erhielt zwei Jahre Kerker, zwei Millionen Geldstrafe und ebenfalls drei Jahre Amtsver- luft. Der Privatsekretär des Prinzen, R a d a, erhielt ein Jahr sechs Monate Kerker, Schwarz und Andor sieben bezw. acht Monate Kerker. Die übrigen Beamten des Kartographischen Instituts erhielten Gefängnisstrafen von sechs bis zu zwei Monaten. Aufsehen erregte, daß B a r o ß, der Präsident des Nationalverbandes, und Joseph Szörtsey, der Direktor dieses Verbandes, freigesprochen wurden, besonders bei Baroß, den der Staatsanwalt in seiner Anklagerede als schwerer zu Verurteilenden qualifiziert hatte als die übrigen Mitangeklagten. In der Begründung des Urteils wird jedoch darauf hingewiesen, daß Baroß dem Prinzen von seinem Vorhaben stets abgeraten habe und dann erst Schritte unternahm, um die Angelegenheit zu einer Einigung zu bringen.
In politischen Kreisen wird das Urteil als streng und. gerecht bezeichnet. Man ist der Überzeugung, daß das Urteil seinen günstigen Eindruck im Ausland nicht verfehlen wird. Auch in offiziellen Kreisen bezeichnet man das Urteil als befriedigend.
——i-rÄr—