Einzelbild herunterladen
 

Hersfelöer Tageblatt

»xkvsxä I SctsfcIdCC ^CWbldtt*

Bei Wiederholungen OEch. + Für die.Schrie I f

Fernlprecber Dr ZIZZ Amtlicher Muzeiger für den Kreis Hersfelö

Der Bezugspreis betrOgf durch die Pols bezogen monatlich 1. Mk., ausscbllebl. Bestellgeld, für Bersfeld 1. ®k. bei freier Zustellung, Abholer .80 M. * Druck und Verlag von hudmig Funks Bsebdruskerei in Bersfeld, (DifgBed des VDZV.

Nr. 159

Sensationen.

Auch der verwöhnteste Zeitungsleser kann sich heute nicht beklagen. Es ist, als ob die Natur selber unablässig daraus bedacht wäre, Sensationen und immer wieder Sen­sationen zu liefern, als ob sie es sich dabei in den Kops gesetzt hätte, einen wahren Weltrekord an Abnor­mitäten zu schaffen, erfinderischer, als der kühnste Filmregisseur es zu sein vermöchte. Himmel und Hölle schienen in diesen Tagen ihre unheimlichsten Kräfte ver­einigt zu haben, um die Menschen von heute wieder ein­mal daran zu mahnen, daß die Heimsuchungen von So- dom und Gomorra zwar der biblischen Geschichte ange­hören, aber deswegen doch jederzeit in neuer Gestalt unter uns zu schreckenerregender Wirklichkeit wieder aufleben können.

Katastrophen über Katastrophen, wohin man auch sah und hörte; sie folgten einander, aber sie glichen sich nicht. Hier ein Dutzend Frauen und Kinder, die, vor einem jäh ausgebrochenen Gewitter Schutz suchend, von einer ein­stürzenden Mauer erschlagen werden. Dort jagen Wasser­massen zu Tal, die aller Aufnahmevorkehrungen spotten und in ihrem wilden Lauf Brücken und Häuser und Men­schen mit sich fortreißen. Wieder an anderer Stelle Ex­plosionen in Bergwerken, Explosionen in Fabriken, und um ja auf Abwechslung bedacht zu sein, wird uns am Rhein die grausige Tragikomödie einer Wein­seligkeit vorgeführt, wie man sie in einem kultivierten Lande für ganz und gar unmöglich halten sollte. Daneben Hunderte von Unglücksfällen, von Verstrickungen in menschliche Schuld und Sühne kleineren Ausmaßes, die nachgerade Alltagscharakter anzunehmen drohen, ohne dadurch an Furchtbarkeit in Ursache und Wirkung auch nur das mindeste einzubüßen.

Auch starke Herzen beginnen u wanken angesichts der schier erdrückenden Fülle dieses Elends. Dabei das immer stärker sich verankernde Bewußtsein, daß wir auf abseh­bare Zeit außerstande sein werden, die hauptsächlichste Quelle des sozialen Unheils, das neben den zerstörenden Gewalten der Natur jetzt so schlimme Verwüstungen in unserer Mitte anrichtet, die Erwerbslosigkeit, zu verstopfen., Mehr und mehr werden wir darauf vor- bekörtet, Mr; ver truurme Zustand *><«.

für zwei Millionen Deutsche noch auf Jahre hinaus fort­bestehen wird. Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger als ein Todesurteil für Tausende von Mensche n, die arbeiten wollen und arbeiten können, für die aber die deutsche Hirtschaft in ihrer jämmerlichen Nerkrüppelung durch den Versailler Vertrag und durch alle die unzähligen Kampf- unb Konkurrenzmaßnahmen, die durch ihn eingeleiter wurden, keine Verwendung mehr findet. Ohne zu übertreiben, kann man sagen, daß mit jedem Tage heute neue Schichten des Mittelstandes in das Proletariat versinken und daß ebenso immer wieder Tau­sende von fleißigen Arbeitern zum Feiern verurteilt wer­den, weil die Betriebe, die ihnen so lange Brot und Nah­rung gaben, sich nicht mehr halten können.

Schon belauft sich die Jahressumme unserer Aufwen­dungen für die Erwerbslosen auf 1,2 Milliarden Mark. Wenn jetzt mit planmäßiger Arbeitsbeschaffung von Reichs und Staats wegen begonnen werden foK, so klingt das ja im ersten Augenblick ganz löblich. Ob hier aber wirklich für die Allgemeinheit nützliche Arbeit zu erwarten ist und ob wir lange genug in der Lage fein werden, die gewaltigen Summen, die dazu nötig sind, auch tatsächlich aufzubringen, ist eine Frage, die sich bald genug mit aller Eindringlichkeit in den Vordergrund schieben wird. Die 80-Millionen-Anleihe des neuen Stahltrusts im Ruhr­gebiet ist zwar in fünf Minuten ge- oder sogar über­zeichnet worden, was also die Annahme nahelegen könnte, daß wir im Golde schwimmen, wie man an der Börse gern zu sagen pflegt. Aber wir haben nachgerade gelernt, solchen Erscheinungen nur eine sehr begrenzte Beweiskraft beizulegen. Einem tragfähigen Optimismus werden sie erst dann zur Stütze gereichdn können, wenn der allge­meine Kredit in der deutschen Wirtschaft wieder als gesichert gelten kann, wenn auch der mittlere und der kleinere Kaufmann und Gewerbetreibende Be­triebsmittel zur Verfügung gestellt bekommt, sofern er nur als solide und vertrauenswürdig bekannt ist. Von diesem Zustand der Dinge, wie er vor dem Kriege zu den Selbst­verständlichkeiten unseres wirtschaftlichen Lebens gehörte, sind wir leider nur noch allzu weit entfernt. Es wird, auch ohne neue Wolkenbrüche, noch viel Wasser die deut­schen Flüsse hinunterlaufen, ehe wir wieder in diesem Sinne von uns werden sagen können, daß wir im Gelde schwimmen.

*

Gemütvolle Erdbebenforscher haben uns, gestützt auf die letzten Erschütterungen so ziemlich in allen fünf Weltteilen, in Aussicht gestellt, daß die Erd­rinde sich in den nächsten Tagen etwas erheben werde, was wohl nicht ganz ohne allerhand Unannehm­lichkeiten für die geplagte Menschheit abgehen würde. Dann wären also die vielen Katastrophen, die in den letzten Wochen über uns hinweggegangen sind, nur leichte Vorbereitungen gewesen auf das eine große Ereignis, das uns noch bevorsteht. Seien wir also friedlich und geloben wir, wenn die Wetter- und Erdbebenpropheten dieses eine Mal doch Unrecht behaltenftollten, uns dann wenigstens

^?.J!gS!!!!!!S!^^ .......... - , ... . J ",. -------- i'.yilgFiW^-gpwff

Sonnabend, den 10. Juli 1926 76. Jahrgang

-.^..^.^.^^^^.^^^------- -------- .... . ------- I - .^m=:m... .^^.L..:^^^^...... :- .^.^- - -^=

Reich unö

Km?' Antwortbrief an Preußen.

Die Gründe für Luthers Reichsbahnberufung.

Der Öffentlichkeit wird jetzt der Antwortbrief des Reichskanzlers an den preußischen Ministerpräsidenten Braun übergeben, in dem Reichskanzler Marx die Gründe der Reichsregierung zu der Frage der Besetzung einer Stelle im Verwaltungsrat der Reichsbahn darlegt. In diesem Schreiben betont Reichskanzler Dr. Marx, daß die im Jahre 1924 erfolgte Zusage an Preußen, im Verwal­tungsrat der Deutschen Reichsbahn vertreten zu sein, nach Ansicht der Reichsregierung sich nur auf die Deutsche Reichsbahn vom 12. Februar 1924 bezieht, nicht aber für die erst im August 1924 begründete Deutsche Reichsbahn­gesellschaft Geltung habe. Die Mitglieder der Reichsre- gierung vertreten, wie in dem Brief mitgeteilt wird, ein­stimmig die Meinung, daß eine ausdrückliche und still­schweigende Übertragung dieser Zusage auf die jetzige Reichsbahngesellschaft nicht erfolgt ist und wegen des völlig andersgearteten Aufbaus der Deutschen Reichs­bahngesellschaft nicht erfolgen konnte. Das Schreiben fährt dann fort:

Für das alte Unternehmen konnte die Reichsregierung den Ländern, wie es gegenüber Preußen, Bayern, Sachsen, Württemberg und Baden damals geschehen war, die un­beschränkte Zusage hinsichtlich der Ernennung von Ber- waltungsratsmitgliedern geben, da die Gestaltung des Ver- waltungsrats dem freien Ermessen der Reichsre­gierung überlassen war. Sie unterlag also beim Unter­nehmenDeutsche Reichsbahn" auch keinerlei Beschrän­kungen in der Zahl der Mitglieder des Berwaltungsrats. Bei der jetzigen Deutschen Reich^öahngeseAschaft unterliegt die Gestaltung des Berwaltungsrats nicht dem freien Er­messen der Reichsregierung, sondern vielmehr den Bestim- mungen des Reichsbahngesetzes vom 30. August 1924. Nach diesem Gesetz besteht der Berwaltungsrat aus 18 Wit- li IM I»MWW»M»!»«WM«M! > «WiBM HMMW dankbar zu zeigen und die verbleibenden Lasten als das geringere Übel mit mehr Ergebenheit zu tragen, ars rvn jetzt vusü» pflegen. Behält die alte Mutter Erde die Gestalt, die uns seit Jahrtausenden lieb und vertraut geworden ist, dann wollen auch wir unser angestammtes Wesen nicht ver­ändern, sondern fortfahren, auf bessere Zeiten zu hoffen wie wir es fchon seit Jahren getan haben. .....

Der Kamps gegen die Arbeitslosigkeit.

Ein Arbeitsbeschaffungsprogramm der Reichsregierung.

Im Anschluß an das Arbeitsbeschaffungsprogramm, das der Reichsarbeitsminister im Auftrage des Reichs­kabinetts im Reichstage entwickelt hat, haben zwischen den beteiligten Ministerien Beratungen begonnen, die bis jetzt zu folgendem Ergebnis geführt haben:

Das Reich ist bereit, der Reichsbahngesell­schaf t ein Darlehen von 50 Millionen Mark zur Fertig­stellung begonnener Bahnbauten zu gewähren. Die Haupt­verwaltung der Reichsbahn hat sich bereit erklärt, außer den Aufträgen, die sie bereits herausgegeben hat, weitere Aufträge im Gesamtbetrage von 100 Mil­lionen Mark zu vergeben, falls das Reich ihr dabei finanziell behilflich ist. Auch die Reichspost will ihr Auftragsprogramm erweitern. Die Wasser st raßen- bauten, die bereits die Genehmigung des Reichstages erhalten haben, sollen beschleunigt zur Durchführung kom­men; im übrigen ist die Reichsregierung entschlossen, neue Wasserstraßenbauten in Angriff zu nehmen. Auch der Bau von Landarbeiterwohnungen soll verstärkt be­trieben werden; hierfür werden 30 Millionen Mark in diesem Jahre neu in den Haushaltsplan eingesetzt. Eine Belebung der Bautätigkeit soll durch Erleichte­rung der Bedingungen für den Reichskredit für erste Hypo­theken erreicht werden.

Die beschlossenen Maßnahmen haben die Zustimmung des Reichsfinanzministers Dr. Reinhold ge­funden. In einer Besprechung mit den Finanzministern der Länder legte er die Hauptpunkte des vom Reichs- kabinett beschlossenen Programms dar. Besonderen Nach­druck legte er dabei auf eine wirtschaftliche Verwendung der bereitzustellenden Mittel und eine Entlastungdes Arbeitsmarktes in den besonders von Erwerbs­losigkeit heimgesuchten Gebieten. In gleicher Weise ließ sich auf derBundesausschußsiHung derFreien Gewerkschaften in Düsseldorf der

Reichswirtschaftsminister Dr. Curtius über die Wirtschaftslage und über die im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit getroffenen und noch zu treffenden Maßnahmen aus. Die Notstandsarbeiten sollen wenig­stens in dem Umfange gefördert werden, daß die feit längerer Zeit erwerbslosen Personen abwechselnd eineZeitlangBeschäftigungfinden. Um diesem Ziele näherzukommen, will das Reich u. a. die Mittel für die produktive Erwerbslosenfürsorge erhöhen, in der Er­wartung, daß die Länder die gleiche Anstrengung machen. Diese neuen Mittel sollen in erster Linie zu Flußregulie-

Reichsbahn

gliedern, von denen nur 9 von der Reichsregierung, die anderen 9 von dem Treuhänder als dem Vertreter der Gläubiger der Reparationsschuldverschreibungen ernannt werden. Bon den 9 von der Reichsregierung zu besetzenden Stellen können noch dazu beim Übergang von Vorzugs­aktien in fremde Hände vier Stellen dem Ernennungsrecht der Reichsregierung verlorengehen. Wenn nun die ur­sprünglich den fünf genannten Ländern gemachte Zusage auch für die Zusammensetzung des Verwaltungsrats der jetzigen Reichsbahngesellschaft Geltung haben sollte, so würde die Lage entstehen können, daß die Reichsregierung auch nicht eine einzige Stelle des Verwaltungs­rats nach eigenem Ermessen besetzen könnte. Die gekennzeichnete Rechtsauffassung der Reichsregierung ist den Länderregierungen auch bereits bei der Verhand­lung vom 9. Mai 1924 zum Ausdruck gebracht worden.

Der Brief betont weiter, daß der sächsische und der baye­rische Vertreter im Verwaltungsrat nicht aus eigenem Recht dieser beiden Länder, sondern nach vorhergehender Verständigung zwischen der Reichsregierung und Sachsen und Bayern in den Verwaltungsrat entsandt worden sind. Das Schreiben kommt sodann auf die Verhandlungen zwischen Preußen und dem Reich über die Persönlichkeit des neuen Verwaltungsratsmitgliedes zu sprechen und hebt hervor, daß die Reichsregierung Wert darauf gelegt hat, bei Besetzung der freien Stelle weniger auf fachmännische, eisenbahntechnische Kenntnis, als vielmehr aus s o z i a l e n und wirtschaftlichen Weitblick zu sehen. Zu­sammenfassend schließt der Reichskanzler, daß die Reichs­regierung bei ihrem Vorgehen Rechtsansprüche Preußens nicht verletzt und daß sie ihr for­males Ernennungsrecht erst ausgeübt hat, nachdem Preußen endgültig abgelehnt hatte, eine Persönlichkeit vorzuschlagen, deren Stellung im öffentlichen Leben und in der Wirtschaft die erforderliche Gewähr für die Ver­tretung der unabweisbaren staatspolitischen Belange hat.

rungen, Meliorationen, Talsperren und Wässerkraftan­lagen verwandt werden. Auch der Straßenbau soll Be- «ruÄMguna finden, besonders, wo es sich darum handelt, ein umfafferrbes NMoverkehrLstraßennetz zu ftpanetL -Sete Minister erwähnte schließlich noch einen ZwischeNkredit von 200 Millionen Markfürden Kleinwoh­nung s b a u und sprach die Hoffnung aus, daß der Bau­markt durch diesen Kredit Anregung erfahren werde.

Der ArlauS Her Reichsregierung.

Ferien in den Ministerien.

über den Urlaub der Mitglieder der Reichsregieruna wird mitgeteilt: Der Reichspräsident beabsichtigt etwa Mitte August auf einige Wochen nach Oberbayern zu gehen, wo er in völliger Zurückgezogenheit auf einem Landgut feine Ferien verbringen will. Reichskanzlei Marx, der in diesen Tagen eine dienstliche Rheinreise unternimmt, wird Anfang des nächsten Monats seinen Urlaub antreten, während der Reichsaußenminister Stre- s e m a n n jetzt schon in die Ferien geht. Reichsinnen­minister K ü l z muß noch einige kurze Dienstreisen unter­nehmen, ehe er, frühestens Ende des Monats, an Urlaub denken kann. Der Reichsfinanzminister R e i n h o l d, der erst kürzlich von einem dreiwöchigen Krankheitsurlaub zurückgekehrt ist, will ebenso wie der Reichspostministei S t i n g l erst im Lause des Monats August verreisen. Der Ernährungsminister H a s l i n d e wird die Rückkehr des zurzeit beurlaubten Staatssekretärs Hoffmann ab­warten, ehe er selbst Urlaub nimmt.

psliiische Rundschau.

Oeutsches Mich.

Neue Beschlüsse des Reichsrates.

In der .letzten Sitzung des Reichsrajes wurde eine große Anzahl von Vorlagen zur Kenntnis genommen. Der Einspruch Preußens wegen Verletzung der ver- fastungsmäßigen Rechte des Reichsrates anläßlich der flaggenverordnung wurde durch die vomReichs- mnenminister Dr. K ü l z abgegebene Erklärung für er­ledigt erklärt. Dr. Külz hatte im Ausschuß erklärt, es Uege der Reichsregierung fern, die verfassungsmäßigen Rechte des Reichstages zu schmälern. Er sei dafür, daß der Reichsrat zu allen wichtigen Beratungen über das Verhältnis des Reiches und der Länder und bei allen wichtigen innen- und außenpolitischen Fragen hinzuge­zogen werde. Zum Schluß stimmte der Reichsrat einer Vorlage über die Prägung neuer Silbermün- z e n zu. Es sollen 30 Millionen Mark in Einmark- und 20 Millionen Mark in Zweimarkstücken geprägt werden.

Vor der Aufklärung eines politischen Mordes.

Der Mord, dem der linkssozialistische bayerische Land- tagsabgeornete G a r e i s im Juni 1921 zum Opfer fiel, scheint jetzt feiner Aufklärung entgegenzugehen. Im Ok­tober 1920 fand man das Dienitmädcken Maria Sand-