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Kersfelöer Tageblatt

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M. 195

Sonnabend, den 21. August 1926

76. Jahrgang

Verbrecher-Hochsaison.

Gibt es wirklich Menschen unter uns, die der Meinung sind, daß wir, trotz Erdbeben und Windhosen und Hoch­wasser und Explosionskatastrophen, noch immer nicht ge­nug Elend und Unheil in der Welt haben? Daß man also etwas nachhelfen müsse, das Gegenteil vom bekannten dem Glück nachhelfen", das als eine der vielen Selbst­hilfemethoden internationaler Gauner und Hochstapler be­kannt ist? Auch diese Gilde von Verbrechern ist offenbar irgendwie international organisiert; man weiß von ihnen nicht, ob sie nur aus Lust an ausgemachten Schandtaten ihr niederträchtiges Handwerk treiben, oder ob sie, in die­sem oder jenem Fall wenigstens, aus irgendwelchen an­deren Motiven heraus operieren. Aber muß es nicht un- gemein auffallen, wie jetzt, nachdem vor einigen Wochen erst ein großer Teil der Pulvervorräte für die amerika­nische Marine unter recht geheimnisvollen Umständen in die Luft geflogen ist, ein ähnlicher Vorgang sich plötzlich auch in Ungarn abgespielt hat? In Budapest scheint man schon die Überzeugung gewonnen zu haben, daß es sich hier unzweifelhaft um eine von verbrecherischer Hand verur­sachte Explosion handelt, während in der amerikanischen Bundeshauptstadt vorsichtiges Schweigen über die näheren Umstünde der Katastrophe gewahrt wird.

Und was soll man erst dazu sagen, wenn auf einer der Hauptstrecken des deutschen Eisenbahnnetzes Verbrecher­hände sich ans Werk machen und einen der großen inter­nationalen Verbindungszüge zur Entgleisung brin­gen, so daß Tod und Verderben wieder über ungezählte schuldlose Menschen gebracht wird? Ist hier nichts als Lust an Mord und Zerstörung im Spiel oder war es, nach Wildwestvorbildern, auf Beute abgesehen, die bei weniger entsetzlichem Ausgang des frevelhaften Anschlages mit Hände hoch!" und entsprechendem Revolvernachdruck zu machen gewesen wäre? Eben erst hat ein E i s e n b a h n - d i e b dieser Art, der aus der Strecke PosenBerlin einen weiblichen Fahrgast beraubt hatte und dann das Weite suchen wollte, den Tod auf den Schienen gefunden, ein warnendes Beispiel, über das sich die Schandbuben von «g^MMWfHt wenn wirftj^» öst£.^ aus ein

Verbrechen zurückzuführen ist indessen kaltblütig hin­weggesetzt haben. Man kann sich kaum vorstellen, daß es ihnen nur darum zu tun gewesen sein sollte, sich an den Qualen der nächtlichen Opfer ihres Frevels zu weiden, oder daß sie etwa der Welt in Erinnerung bringen wollten, daß nicht nur der mehr und mehr in Aufnahme kommende Luft- und Autoverkehr, sondern auch noch der uns längst schon zur Alltagsgewohnheit gewordene Eisenbahnverkehr plötzlich als ein verhängnisvolles Wagnis sich erweisen kann. Nein, hier hätten sich wieder einmal Abgründe seelischer Verworfenheit aufgetan, daß man wirklich fast den Glauben an die Menschheit verlieren könnte.

SS

Aber allerdings, wenn man sich von der Zunft der internationalen Verbrecher abwendet, in der Hoffnung, sich von dem Schrecken der Gegenwart beim Anblick des Wirkens der internationalen Diplomatie etwas erholen zu können, so muß man doch auch bald wie­der den Kopf hängen lassen. Es sei natürlich fern von uns, hier etwa zu unpassenden Vergleichen anregen zu wollen. Allein, daß die Arbeiten der Männer, in deren Hand das Schicksal von ganzen Nationen gegeben ist, nur auf das Wohl der Allgemeinheit, auf Wiederherstel­lung von Frieden und Freundschaft unter den Nationen gerichtet sei, kann man ernstlich beim besten Willen nicht behaupten. Da heißt es, daß Deutschland und Belgien braus und dran seien, sich über die Rückgabe von E u p e n und M a l m e d y gegen bestimmte Leistungen finanzieller Art zu verständigen und prompt setzt von Frankreich her ein sehr entschiedener Widerspruch gegen ein solches Ver­söhnungswerk ein, als wäre es nicht mehr und nicht weni­ger als ein Verbrechen, auch nur einen der nebensächliche­ren Steine des Anstoßes Versailler Angedenkens aus dem Wege räumen zu wollen. Und der herannahenden neuen Sitzung des Völkerbundrates muß man nachgerade angesichts der Wetterzeichen, die von allen Seiten wieder gegen Genf Heraufziehen, mit großen Bedenken entgegen­sehen. Wenn nicht alles täuscht, soll der Versuch gemacht werden, was in der Frühjahrssitzung auf direktem Wege nicht durchzusetzen war, diesmal den widerstrebenden Mächten mit Hilfe eines regelrechten Kuhhandels abzu- listen: Her mit dem Ratssitz oder, wenn nicht, dann wenigstens die T a n g e r z o n e f ü r S p a n i e n. Oder aber umgekehrt: Könnt ihr euch nicht für die Freigabe der Tangerzone an Primo de Ribera entschließen, dann bewilligt ihm zum mindesten einen ständigen Ratssitz im Völkerbund, sonst könnte er für nichts stehen in seinem lange genug auf schwerste Geduldprobe gestellten Heimat­land. Sehr wohl fühlt sich dem Anschein nach weder Eng­land noch Frankreich bei diesen drohenden Anzeichen, die Zeit sängt auch bereits an zu drängen, und kleiner wird die Zahl derjenigen, die noch zu hoffen wagen, daß aus den bevorstehenden Ausschußsitzungen irgendein halbwegs ver­nünftiges Aktionsprogramm herauskommen werde. Aber wenn fchon der Eisenbahnweg von Berlin nach Köln den ahnungslosen Reisenden über Katastrophen führt, was kann da den düsteren Gemütes nach Genf aufbrechcnden europäischen Diplomaten unterwegs nicht alles noch zu­stoßen? Unterwegs oder gar hinterher, wenn es gilt, die Früchte ihrer Friedens- und Völkerbundarbeit einiger­maßen heil in die Heimat WrMzubringen! Dr.SY.

Deutschland nach Genf eingeladen

Die StudienkommWon embemfen.

Die Militärkontrolle

Wie halbamtlich mitgeteilt wird, ist der Regierung Freitag durch Vermittlung des Generalsekretärs des Völ­kerbundes telegraphisch die Einberufung der Kommission zum Studium der Reorganisation des Völkerbundrates für den 30. August mitgeteilt worden.

Die Reichsregierung wird voraussichtlich den Bot­schafter H o e s ch wieder nach Genf entsenden, über die Frage, ob Ministerialdirektor Gaus an der Studienkom­mission in Genf teilnehmen oder sich der Regierung in Berlin zur Verfügung halten wird, dürfte erst später eine Entscheidung getroffen werden.

Deutscher Pwisst zur Koutrslifrage.

In der in Genf bereits tagenden Unterkom­mission zur Vorbereitung der Abrüstungs- konferenz wurde der Gemischten Kommission die Schaffung eines unparteiischen Organs zur Entgegen­nahme von Klagen und Beanstandungen empfohlen sowie die Ermächtigung erteilt, in besonderen Fällen eine Unter- suchungskommission einzusetzen.

Die deutsche Delegation gab hierzu die formelle Er­klärung ab, daß eine Kontrolle, wie sie Deutschland aus-

MerWW der EiseibshÄitsstiHhe

Mental oderMMsfM

Hindenburgs Beileid.

Die Zahl der Todesopfer bei der Eisenbahrrkaiastrophe hat sich auf 21 erhöht und man rechnet mit einer noch weiteren Erhöhung, da noch mehrere Schwerverletzte m ernster Lebensgefahr schweben. Reichspräsident v. H i n - denburg, Reichskanzler Dr. Marx, der bayerische Ministerpräsident Dr. Held und Reichsverkehrsmimster Dr. K r o h n e drückten telegraphisch ihr Beileid zu dem furchtbaren Unglück aus.

Dorpmüllers Erklärungen.

Der Generaldirektor der Reichsbahn, Dorpmüller, der persönlich an der Leiferder Unglückstelle weilte, hat gleich nach seinem Eintreffen Vertretern der Greife seine Ein- |

Zerschmetterte Waggons bei Leiferte

drücke übermittelt. Er sowohl wie die Staatsanwalt­schaft und ein Vertreter des Reichsverkehrsministers, der gleichfalls an der Unglücksstätte weilte, sind übereinstim­mend zu der Überzeugung gekommen, daß hier ein ver­brecherischer Anschlag vorliegt. Reparaturen sind an der Strecke seit einigen Monaten überhaupt nicht nötig ge­wesen. Zur Aufklärung der Ursache sind folgende Fest­stellungen wesentlich: Die Schiene auf der rechten Seite, d. h. von Berlin aus nach Hannover hin, ist losgelöst und hat sich in die Nähe der anderen Schiene hingeschoben. Die Laschenschrauben, durch die die Schienenstöße mitein­ander verbunden werden, sind herausgenommen und lie­gen unbeschädigt neben den Schienen. Wäre das Unglück die Folge eines schlechten Oberbaues, so müßten die Schrauben verbogen und gebrochen fein. Etwa zehn Meter von der Unglücksstätte entfernt, im Walde, sind zwei Schraubensteckschlüssel gefunden worden. Diese sind einen

erlegt worden ist, der Würde und Souveränität eines Staates widerspricht, und daß sie nur von einem Staate angenommen werden konnte, der einer Welt von Feinden erlag. * .

Das Programm für Genf.

Nach Londoner ziemlich zuverlässigen Nachrichten ist das Programm für die kommende Völkerbundsitzung nun­mehr den Mitgliederstaaten des Völkerbundes bekanntge- geben. Der Rat wird am 2. September und die Völker­bundversammlung am 6. September zusammentreten. Am 2. September wird auch das Finanzkomitee des Völker­bundes, das über die bulgarische Flüchtlingsanleihe zu entscheiden habe, zusammentreten. Man hoffe, daß die am 30. August zusammentretende Kommission über die Zu­sammensetzung des Völkerbundrates zu einem endgül­tigen Bericht kommen wird. Die Sitzung wird wegen der erneuten Kandidatur Deutschlands bemerkenswert sein. Man glaubt, daß keinerlei Hindernisse für Deutsch­lands Wahl in den Völkerbund und den Rat im Wege stehen, aber die Furcht, daß Spanien sich vom Völkerbund zurückziehen werde, wenn es nicht gleichzeitig mit Deutsch­land einen ständigen Ratssitz erhalte, ist immer noch nicht zerstreut, ....... -

balben Meter große Schlüssel in T-Form, die am Ende - ine Schraubenmutter zum Lösen der Stellschraube haben. Ferner wurde gesunden ein gewöhnlicher Maschen- schraubLnschlüjset und em alter Hemmschuh, wie er ge- wöhnlich zum Rangieren benutzt wird, der, festgeklemmt, allein einen Zug zur Entgleisung bringen kann.

Vermutungen.

Die Strecke wird in der Nacht innerhalb 50 Minuten von vier Zügen befahren, und zwar von dem Luxuszug D. 12 um 1,13 Minuten, dem Schlafwagenzug D. 16 um 1,36 Minuten, dem holländischen Zug D. 174 um 1,52 Minuten und dem D. 8 um 2,03 Minuten. Letzterer ist der Unglückszug gewesen. Es sei möglich, daß während dieser ganzen Zeit von den Verbrechern an den Schienen ge­arbeitet worden ist, daß sich bei den drei vorangehenden Zügen das Attentat als wirkungslos erwies und dann die Schiene heraufgebogen worden ist, so daß den letzten

Zug das Unglück traf. Die Gegend liegt völlig einsam in einem Waldstreifen von drei his vier Kilometer Tiefe, Die Nacht war völlig dunkel.

Beweggrün-e ungeklärt.

Die Motive zu der Tat der Eisenbahnfrevler erschei­nen noch recht ungeklärt. Die Reichsbahnverwaltung nimmt an, daß mehrere Mann in Frage kommen, wofür besonders der Umstand spricht, daß an der Unglücksstelle mehrere Stücke Werkzeug von einer Sorte gefunden wur­den. Es müßten demnach also zwei Mann ein Interesse daran gehabt haben, den Zug zum Entgleisen zu bringen.' Der tiefere Beweggrund für diese Absicht könnte eigentlich nur ein beabsichtigter Raub sein. ' j

Da aber auch nicht der geringste Anhaltspunkt dafür vorhanden ist, daß Raub geplant War, so erscheintdieMut-