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Hersfelöer Tageblatt

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Nr. 199

Donnerstag, den 26. August 1926

76. Jahrgang

Tanger.

In den Vordergrund der außenpolitischen Fragen, wonnt sich jetzt die gesamte Weltpresse beschäftigt, hat sich aus einmal die Tangerfrage geschoben. Sie ist ja schon stets ein heißes Eisen gewesen. Man umging eine Entscheidung immer nur dadurch, daß man die Ange­legenheit auf die lange Bank schob. Jetzt scheint es aber keinen Ausweg mehr zu geben, nachdem Spanien seine Vertreter in London, Paris und Nom an­gewiesen hat, bei den dortigen Regierungen auf das nach­drücklichste seine Ansprüche auf Tanger zu fördern. Das wird im geheimen Wohl immer schon geschehen sein. Die Angelegenheit trat jedoch nie so offen zutage, wie es jetzt der Fall ist, wo Spanien die günstige Gelegenheit wahr­nimmt, um zusammen mit seiner Haltung in Genf zu der Rats frage gleichsam zwei Eisen im Feuer zu haben.

Bis 1904 gab es keine eigentliche Tangerfrage, ebenso wie man Marokko unangetastet ließ. Dieses Land wurde erst ein Streitobjekt der Mächte, als Frank­reich mit England jenen Pakt schloß, wodurch England freie Verfügung über Ägypten erhielt, während es dafür seine Uninteressiertheit an Marokko erklärte, auf das Frankreich schon längst sein begehrliches Auge ge­worfen hatte. Jetzt glaubte Frankreich einen Freibrief er­halten zu haben und es konnte, gedeckt durch die englische Politik, endlich seine Karten auf den Tisch legen. Das ergab Verwicklungen mit Deutschland. In Erinnerung aller ist wohl noch die Marokkofahrt des früheren Kaisers, wobei er in Tanger landete, und das plötzliche Erscheinen des deutschen KriegsschiffesPanther" mehrere Jahre nachher vor Agcrdir, das seitdem als der sogenannte Panthersprung" in der Geschichte fortlebt. Vorteil er­wuchs Deutschland nicht bei der Sache. Das bekamen wir auf jener Konferenz von Algeciras zu fühlen, wo uns zum ersten Male die Koalition geschlossen gegen- übertrat, die wir im Weltkriege als Gegner vorfanden. Schon damals war es für alle Sehenden klar, ein wie unzuverlässiger Freund Italien war, der uns, trotz­dem es noch zum Dreibund gehörte, einfach im Stiche ließ. Der Algeciraspakt, der die Aufteilung Marokkos in eine französische nM. eine stzünAche ö^chtc, die eigentliche Geburtsstunde der Tangerfrage. Eng­land war dabei die treibende Kraft, weil es nicht zu­lassen wollte, daß diese wichtige, Gibraltar gegenüberlie­gende Stadt in die Hand einer bestimmten europäischen Nation geriet. Das Abkommen mit Frankreich hinderte England, die Stadt einfach zu annektieren. So erfand man den Ausweg der internationalen Verwaltung.

Für Spanien war diefe internationale Tanger­zone ein Pfahl im Fletsche. Das empfand es besonders während der letzten schweren Kämpfe mit Abd - el- K r i m. Eine Zeitlang schien es, als ob sich Frankreich und Spanien stillschweigend über Tanger einigen wollten, da erschien auf einmal Italien auf dem Platze, das seinen Anteil an der Verwaltung des Gebietes anmel- dete. Diese Komplikation scheint allerdings ' in dem Augenblick aus dem Wege geräumt zu sein, als Spanien seinen Vertrag mit Italien schloß, der doch wohl etwas weiter geht, als beide Teile zugeben wollen. Denn sonst hätte wohl Spanien nicht gewagt, jetzt auf einmal so offen seine Forderungen zu stellen.

Deutschland ist an der eigentlichen Tangerfrage nicht mehr interessiert, nachdem man es nach Kriegs­ende zwang, sich von den Marokkoangelegenheiten über­haupt zurückzuziehen. Die Frage hat jedoch inzwischen für uns insofern eine Bedeutung gewonnen, als sie mit der Ratsfrage zusammengekoppelt ist. Es sieht so aus, als ob Spanien Tanger als Pflaster auf die Wunde verlangt, die ihm geschlagen wird, wenn man seinen An­spruch auf einen ständigen Ratssitz in Gens ablehnt. Das muß geschehen, wenn man das Locarnoabkommen halten will. Der Schlüssel zur Lösung liegt bei England, wo man sich bis jetzt in Schweigen hüllt, wenigstens liegen offizielle Äußerungen nicht vor. Nach feiner früheren Haltung müßte es allerdings gegen den spa­nischen Anspruch sein. Aber es ist möglich, daß es, um, ein Scheitern der ganzen Ratsaktion zu verhindern, doch nachgibt, zumal Gibraltar kaum noch den früheren Wert für England hat. Deutschland hat, wie gesagt, kaum In­teresse, Spanien den Tangerbesitz zu neiden. Im Ge­genteil würden dadurch nur klare Verhältnisse geschaffen werden. Von deutscher Seite muß allerdings darauf gesehen werden, daß diese Frage nicht plötzliche Über­raschungen bringt, die dazu zwingen könnten, die ganze Stellung Deutschlands zum Völkerbundprogramm erneut einer Revision zu unterziehen. Von maßgebender deut­scher Seite ist wiederholt worden, daß wir erst nach Genf gehen, wenn die Ratsfrage in unserem Sinne gelöst ist. Es muß also bis dahin auch in der Tangersrage Klarheit geschaffen sein, da nicht anzunehmen ist, daß Spanien so­wohl in der Ratsfrage wie in der Tangerfrage nach­gibt. Dazu hat es sich nach beiden Richtungen hin zu sehr festgelegt.

Die deutsche Kolslitfenmg an Frankreich.

Verständigung mit den französischen Hütten.

Bisher ist der gesamte von der französischen Hütten­industrie benötigte Koks von der französischen Regierung

Ausblicke auf Genf.

Lebhafter diplomatischer Verkehr.

Wie aus dem Auslande aus angeblich gutunterrich- teter Quelle verlautete, sollte der juristische Sachverständige der deutschen Reichsregierung, Ministerialdirektor Dr. Gaus, vor der Bölkerbundtagung in Genf zu einer Konferenz mit dem Rechtsberater des englischen Aus­wärtigen Amtes, Sir Cecil Hurst, und seinem französi­schen Kollegen, dem Direktor in dem Pariser Außenmi- nistcrium, Fromageot, zusammenkommen. Zweck der Besprechung sollte es sein, in einer Art Vorkonferenz eine Grundlage zu finden, die bei der Genfer Tagung drohende neue Schwierigkeiten ausschließen soll. Als Ort der Vorkonferenz könnte Deutschland, vielleicht Berlin oder auch Holland oder ein Schweizer Ort in Frage kom- men. Eine amtliche deutsche Bestätigung dieser Meldung liegt bisher nicht vor, doch soll ein lebhafter diplomatischer Gedankenaustausch in dieser Richtung im Gange sein. Allerdings wird in Berlin diese Zusammenkunft ange- zweifelt.

Schweden wird auf der Septembertagnng im Völker- bundral durch den ehemaligen Außenminister Huben vertreten sein. Huben spielte bekanntlich auf der letzten Tagung durch sein Eintreten für Deutschland eine be­deutende Rolle. Die österreichische Delegation besteht aus Botschafter a. D. Graf Mensdorff, Gesandten beim Völkerbund Pflügl, Gesandten in Bern Baron Di- pauli. Die Schweiz delegiert" Bundesrat Motta, Stände- rat Bolli, Nationalrat Gaudard.

Amerikanische AüflnngsanköndigMgen.

Kurz vor der Genfer Tagung und offenbar mit Be­ziehung auf diese wird aus W ashington gemeldet, der Vorsitzende des Flottenausschusses des Repräsentan­tenhauses, der Republikaner Butter, habe erklärt, das Versagen der europäischen Mächte bei der Zustimmung zu einer wirklichen isntiuaji^ bereite ihm Unruhe.

Amerika würde dadurch gezwirngen, in naher Zu­kunft aus Gründen der Vorsicht ein verstärktes Flotten- Programm anzunehmen. Amerika kenne die Lage der

als Zwangslieserung angefordert worden. Diese Zwangs- liefcrungen haben eine Minderung erfahren, die durch die Höhe der beim Generalagenten verfügbaren Gelder ge­geben war. Wegen des diese Lieferungen überschreitenden Bedarfs ist eine private Verständigung mit der franzö­sischen Hüttenindustrie für die nächsten fünf Monate er­folgt. Sie bezieht sich sowohl auf Koks wie auf Kokskohle, weil in beiden Sorten die von Frankreich angeforderten Reparationsmengen den bestehenden Bedürfnissen nicht genügten. Die Verständigung sieht für die freie Lieferung von Koks eine Preisstaffel vor.

GenaM Chapsah

der an Stelle Barthons zum französischen Delegierten in der Reparationskommission ernannt wurde. Bei einer Sitzung der Kommission in Paris richtete der italienische Delegierte Marquis Salvago Raggi an Barthou Worte

des Abschieds und bewillkommnete den neuen franzö­sischen Delegierten Chapfal. Auf Vorschlag des englischen Delegierten Lord Manesburgh wurde der französische Delegierte Ehapsal einstimmig dazu bestimmt, den Vorsitz bei den Arbeiten der Reparationskommission zu fühlen

in Mta eib Irmkreitz

Rüstungen der übrigen Weltmächte. Wenn die einzelnen Rationen ihre Rüstungen nicht weiter herabsetzen, könnte Amerika nur eins tun, nämlich weitere Schiffe bauen, so­weit dies das Washingtoner Programm erlaube. Wört­lich faßte Butler seine Erklärungen in die Parole zu­sammen: Entweder weitere Herabsetzung der Rüstungen durch gegenseitige Abmachungen oder Ausbau un­serer Rüstungen.^

Weiter sagte Butler, seine Stellung zwinge ihn, Eu­ropa stärkstens zu beachten, er sehe aber dabei nur, daß alle Bewegungen für die Abrüstung fehlschlügen.

Ein französisches Zugendheer.

Der Leiter der Abteilung für körperliche Ertüchti­gung im französischen Kriegsministerium, General Echard, veröffentlicht die Grundzüge eines geplanten Gesetzes, dessen Ziel es ist, durch militärische Fugender- ziehung die Militärmacht Frankreichs zu stärken.

Der Artikel 1 dieses Gesetzes lautet wörtlich: Be­reits in der Schule soll die militärische Erziehung als Unterrichtsfach eingeführt werden. Auch nach Vollen- dung der Schule bleibt sie obligatorisch. Zwei Jahre lang vor Eintritt in die Armee wird so jeder Mann im Zivil- rock zum Soldaten gemacht. Sogar die Ausbildung für die Spezialwaffen (Maschinengewehre, Mechaniker, Feuer- werker usw.) soll schon vor der Dienstzeit geschehen.

Mindecheitenkongreß.

Am Mittwoch wurde in Genf der zweite Kongreß der nationalen Minderheiten durch den Präsidenten des Stän- digen Komitees, Dr. Wilfan (flovenischer Abgeordneter im italienischen Parlament) eröffnet. Aus dem Kongreß sind 38 nationale Minderheitengruppen aus 19 Staaten vertreten. Das Programm des Kongresses umfaßt fol- gende Punkte: Garantie der freien Entwicklung der natto« nalen Kultur, Erhaltung der Muttersprache, Zusicherung der wirtschaftlichen Gleichstellung innerhalb des bürger­lichen Rechts, Gleichheit mit Bezug auf das Wahlrecht i und dessen Ausübung, Mittel zur Regelung von Konslil- teu zwischen Regurunpsu mrd-nmrooraterf-MtudeMsftLU, Die Bedeutung des Kongresses erhellt aus der Tat­sache, daß allein in Europa 50 Millionen Menschen zu einer nationalen Minderbeit gehören.

Die griechische AevolutLon. U.

Verschickung des Generals Pangalos.

Admiral Konduriotis ist nunmehr in Athen eingetroffen und hat die Präsidentschaft der Republik übernommen.

Bei den Verhandlungen, die General Kondylis mit den Parteiführern führte, wurde grundsätzlich die Bildung eines Koalitionskabinetts beschlossen. Auch die Frage der Befugnisse des Präsidenten der Republik ist bereits gründ-. sätzlich geregelt worden.

Zur Verschickung von Pangalos nach Ägina gibt die Agence d'Athönes folgende Meldung aus: Um den Kund- gedungen der Bevölkerung ein Ende zu machen, wurde der frühere Diktator Pangalos nach der Insel Agina übergeführt, wo er bis zu dem gegen ihn einzuleftcnden Prozeß gefangengehalten wird. Obwohl der Zeitpunkt seines Abtransportes geheimgehalten worden war, hatte sich eine erregte Volksmenge vor dem Militärhospital, wo Pangalos vorläufig in Haft gehalten wurde, angesammelt und versuchte ihn zu lynchen. Es gelang der Polizei nur mit "Mühe, die Menge zurückzuhalten. ,

Trotzkiveurlaubi".

Großreinemachen in Rußland.

Wie gemeldet wird, ist Trotzki, der Vorsitzende des Hauptkonzessiousausschusses in Moskau, plötzlichbe­urlaubt" worden. Damit ist der letzte bekannte Führer 1 der Opposition gegen den Stalin-Kurs vorläufig kalt- gestellt. Bekanntlich sollte er vor einigen Jahren auf Be­treiben von Sinowjew und Kamenew aus der bolsche­wistischen Partei ausgeschlossen werden. Seine große Pöpularität ließ das aber als inopportun erscheinen.

Er wird auch diesmal schwerlich endgültig erledigt sein. Im Zusammenhang mit dem Großreinemachen in Rußland stehen Änderungen in der Führung und Ver­waltung der Roten Armee und der Roten Flotte. Der bisherige Führer der letzteren, Soff, wurde durch den bisherigen stellvertretenden Kommandeur der Luftflotte, Mukliewitsch, ersetzt. Sergei Kamew wurde Leitetz der Oberverwaltung der Armee. '

daldwm und der VergarSeiterausstand.-

Notstandsverordnung in England.

Am Mittwoch trat im Schloß Balmoral, wo sich der König augenblicklich befindet, ein Kronrat zusammen, um eine Notstandsproklamation und eine weitere Proklamation zu veröffentlichen, die das Parlament