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Hersfelöer Tageblatt yersfelöer Kreisblatt' Amtlicher Mzriger für den Kreis tzersfelö

Nr. 213 Sonnabend, den 11. September 1826 76. Jahrgang

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Deutschlands Einzug in den Völkerbund

Die historische Sitzung in Gens

Begeisterter Empfang der deutschen Delegation.

Das Bild eines großen Tages beginnt schon auf den Straßen Genfs und in der Umgebung des Reformations­saales sichtbar zu werden, wo sich die Bevölkerung in dichten Mengen staut, um die Auffahrt der Delegationen zu beobachten. Von 10 Uhr ab füllt sich der Saal, an dessen Eingang eine besonders scharfe Zulassungskontrolle ausgeführt wird. Die Pressetribünen aller Rationen sind uberfüllt. Nachdem die Mandatsprüfungskommission die Ordnungsmäßigkeit der Vollmachten der deutschen Dele­gation sestgestellt hat, fordert Präsident Nintschitsch die deutschen Delegierten auf, ihre Plätze einzunehmen. Unim donnerndem, minutenlangem Applaus betreten Dr. Stresemann, von Schubert intb Gaus den Saal, um die erste Bank Links von der Estrade des Präsiidiums ein- zunehmen.

Nintschitsch bezeichnet diesen Vorgang in seiner Be- grüßungsansprache als in doppeltem Sinne bedeutungs­voll und geschichtlich, da er erstens die Universali­tät des P ö l k e r b u n d e s um einen großen Schritt weiterbringt und zweitens die Aufnahme einer weiteren europäischen Großmacht in den Völkerbund eine sichere Gewähr für den Frieden und die Wohlfahrt der Welt be­deutet. In kurzen Worten begrüßt er herzlichst die Ver­treter des Deutschen Reiches als Mitglieder der Versamm­lung und bezeichnet deren Anwesenheit als eine Gewähr für den Erfolg der Bestrebungen des Völkerbundes. Nach der Aufforderung durch den Präsidenten besteigt hierauf

AeichsmiZlister Dr. Stresemann unter neuem langen Beifall, zu dem Chamberlain und Briand das Zeichen geben, die Tribüne. Er erwidert auf die Begrüßungsansprache des Präsidenten der Völker­bundversammlung, Nintschitsch, in deutscher Sprache.

. Dr. Strejemann dankte für die herzliche Begrüßung, die der deutschen Delegation in Genf zuteil wurde, streifte sodann die großen Schwierigkeiten, die in der Vergangen­heit bis zum Eintritt Deutschlands in den Völkerbund zu überwinden waren, und fuhr dann fort:

Deutschland tritt mit dem heutigen Tage in die Mitte von Staaten, mit denen es zum Teil seit langen Jahr­zehnten in ungetrübter Freundschaft verbunden ist, die zum anderen Teil im letzten Weltkrieg gegen Deutschland verbündet waren. Es ist von geschichtlicher Be­deutung, daß Deutschland und diese letzteren Staaten sich jetzt im Völkerbund zu dauernder, friedlicher Zusammenarbeit zusammenfinden. Diese Tatsache zeigt deutlicher, als Worte und Programme es können, daß der Völkerbund berufen sein kann, dem politischen Entwicklungsgang der Menschheit eine neue Richtung zu geben. Gerade in der gegenwärtigen Epoche würde die Kultur der Menschheit auf das schwerste bedroht sein, wenn es nicht gelänge, den einzelnen Völkern die Ge­währ zu verschaffen, in ungestörtem friedlichen Wettbe­werb die ihnen vom Schicksal zugewiesenen Aufgaben zu erfüllen. Die grundstürzenden Ereignisse eines furcht­baren Krieges haben die Menschen zur Besinnung über die den ölkern zugewiesenen Aufgaben gebracht. Wir sehen in vielen Staaten den Niederdruck) wertvollster, für den Staat unentbehrlicher geistiger und wirtschaft­licher Schichten. Wir erleben die Bildung von neuen und das Hinsinken von alten Formen der Wirtschaft. Die alte Weltwirtschaft hatte für ihre Zusammenarbeit keine Satzungen und Programme, aber sie beruhte auf dem ungeschriebenen Gesetz des traditionellen Güteraus­tausches zwischen deu Erdteilen. Ihn wiederherzustellen ist unsere Aufgabe. Wollen wir eine ungestörte welt­wirtschaftliche Entwicklung, dann wird das nicht ge­schehen durch Abschließung der Gebiete voneinander, son­dern durch überbrückung dessen, was bisher die Wirt­schaft der Völker trennte.

Wichtiger aber als alles materielle Geschehen ist das seelischeLebenderNationen. EinestarkeGärung der Gedanken kämpft unter den Völkern der Erde. Die einen vertreten das Prinzip der nationalen Geschlossen­heit und verwerfen die internationale Verständigung, weil sie das national Gewordene nicht durch den allgemeinen Begriff der Menschheit ersetzen wollen. Ich bin der Mei­nung, daß keine Nation, die dem Völkerbund angehört, dadurch ihr nationales Eigenleben irgendwie aufgibt. Der göttliche Baumeister der Erde hat die Menschheit nicht geschaffen als ein gleichförmiges Ganzes. Er gab den Völkern verschiedene Blutströme, er gab ihnen als Heiligtum ihrer Seele ihre Muttersprache, er gab ihnen als Heimat Länder verschiedener Natur. Aber es kann nicht

der Ginn einer göttlichen Weltordnung sein, daß die Menschen ihre nationalen Höchstleistungen gegeneinander kehren und damit die allgemeine Kultur- cntwicklung immer wieder zurückwerfen. Der wird der Menschheit am meisten dienen, der, wurzelnd im eigenen Volke, das ihm seelisch und geistig Gegebene zur höchsten Bedcutuna entwickelt und damit, über die Grenze des

eigenen Volkes hinäuswachsend, der gesamten Menschheit etwas zu geben vermag, wie es die Großen aller Natio- nen getan haben, deren Namen in der Menschheitsge­schichte niedergeschrieben sind. So verbindet sich Nation und Menschheit auf geistigem Gebiet, so kann sie sich auch verbinden in politischem Streben, wenn der Wille da ist, in diesem Sinne der Gesamtentwicklung zu dienen. Die politische Auswirkung dieser Gedanken liegt in einer inneren Verpflichtung der Staaten zu gemeinsamem, friedlichem Zusammenwirken. Diese innere Verpflich­tung zu friedlichem Zusammenwirken besteht auch für die großen moralischen Menschheitsfragen. Kein anderes Gesetz darf für sie gelten als das Gesetz der Gerechtigkeit. Das Zusammenarbeiten der Nationen im Völkerbünde muß und wird dazu führen, auch auf diese moralischen Fragen im Völkerleben die gleiche Antwort zu geben. Denn

das sicherste Fundament für den Frieden ist eine Politik, die getragen wird von gegenseitigem Ver­stehen und gegenseitiger Achtung der Völker. Deutsch- t land hat sich schon vor seinem Eintritt in den Völkerbund bemüht, im Sinne friedlichen Zusammenwirkens zu ar­beiten, davon zeugt die deutsche Initiative, die zu dem Pakt von Locarno führte. Davon zeugen die jetzt nahezu mit allen Nachbarstaaten abgeschlossenen deutschen Schiedsverträge. Die deutsche Regierung ist entschlossen, diese Politik mit aller Entschiedenheit weiter zu verfolgen.

Sie kann mit Genugtuung feststellen, daß diese Ge­danken anfangs in Deutschland heftig umkämpft sich allmählich immer mehr das deutsche Volksbewußtsein erobert haben, so daß die deutsche Regierung auch für die überwältigende Mehrheit des deutschen Volkes spricht, wenn sie erklärt, daß sie sich an den Aufgaben des Völker­bundes mit voller Hingebung beteiligen wird. (Lebhafter Beifall.) ,

Dr. Stresemann kam sodann auf die wichtigsten Ar­beiten zu sprechen, die der Völkerbund erledigen müsse, und nannte hierbei das Streben nach einer internatio­nalen Rechtsordnung und die Abrüstungsfrage. Er gab hierbei dem Wunsche Ausdruck, daß es gelingen möge, einer allgemeinen Abrüstung in praktischer Ar­beit näherzukommen. Deutschland wünscht, so sagte Dr. Stresemann weiter, mit allen Nationen, die im Völker­bünde und in seinem Rate vertreten sind, auf der Grund­lage gegenseitigen Vertrauens zusammenzuarbeiten.

Dr. Stresemann bedauerte weiter die Haltung Bra­siliens und Spaniens in Gens und schloß seine Ausfüh­rungen: Erst durch die Universalität wird der Bund vor jeder Gefahr geschützt, feine politische Kraft zu anderen Diensten als zu reinen Friedensdiensten einzusetzen. Nur auf der Grundlage einer Gemeinschaft, die alle Staaten ohne Unterschied in voller Gleichberechtigung umspannt, können Hilfsbereitschaft und Gerechtigkeit die wahren Leitsterne des Menfchenschicksals werden. Nur auf dieser Grundlage läßt sich der Grundsatz der Freiheit aufbauen, um den jedes Volk ringt wie jedes Menschenwesen. Deutschland ist entschlossen, sich in seiner Politik auf den Boden dieser erhabenen Ziele zu stellen. Für alle hier versammelten Völker gilt das Wort eines großen Den­kers, daß wir Menschen uns zu dem Geschlecht bekennen, das aus dem Dunkel ins Helle strebt. Möge die Arbeit des Völkerbundes sich auf der Grundlage der großen Be­griffe Friede, Freiheit und Einigkeit voll­ziehen, dann werden wir dem von uns allen erstrebten Ziele näherkommen. Daran freudig mitzuarbeiten, ist Deutschlands fester Wille.

Die Rede des Reichsministers des Äußern Dr. Strese­mann wurde mit warmer, stellenweise klingender Stimme vorgetragen. Sie wirkte, obwohl manche Zuhörer mit der deutschen Sprache nicht vertraut waren, unmittelbar auf die Empfindungen der Versammlung, die an einer ganzen Reihe von Stellen in spontanen Beifall ausbrach. Dieser Beifall steigerte sich zum Schluß zu lauten und nachhaltigen Kundgebungen.

,/& ist aus mit dem Knsg!"

Briauds Begrüßungsrede.

Der Beifall ging in eine verstärkte Ovation über, als nunmehr B r i a n d die Rednertribüne betrat und zu­nächst seine Freude darüber aussprach, daß es ihm von der Versammlung vergönnt worden sei, gleich nach dem so würdigen Vertreter Deutschlands die Tribüne des Völkerbundes zu besteigen, um unmittelbar nach dem Ein­tritt der deutschen Vertreter an sie ein Wort der Be­grüßung zu richten und sie des herzlichen und aufrichtigen Wunsches Frankreichs zu versichern, mit Deutschland ge­meinsam im Geiste der Opferwilligkeit für das gemein­same Ziel zusammenzuarbeiten. Er hoffe, man habe ver­standen, daß das Erscheinen des französischen Vertreters auf der Tribüne in diesem Augenblick gleich nach den beredten und erhebenden Worten, die man gehört habe, ein Umstand von nicht nebensächlicher $ebeutnng_ffi.

Dann wandte sich Briand mit temperamentvoller Geste gegen die Spötter und gegen die Vcrklcincrer des Völkerbundes. Ohne den Völkerbund, so fuhr er fort.

wäre ein solcher Tag nicht möglich gewesen, ein Tag, wo die Völker, die in dem furchtbarsten aller Kriege sich ge- genüberstanden, ihren gemeinsamen Willen zur Zusam­menarbeit am Friedenswerk kundgeben. Welche Hoffnun­gen für die Völker und für die Mütter. Der heutige Tag bedeutet: Es ist aus mit dem Krieg! Von nun an wird der Richter die internationalen Konflikte regeln, wie er die privaten regelt.

Fort mit den Kanonen! Nun ist der Friede da. Deutschland und Frankreich haben bewiesen, daß sie Hel­dentaten verrichten können. Sie sind sich in dieser Hin­sicht ebenbürtig, nun sollen sie sich im Friedenswerk ver­einigen. Unsere Völker werden durch den Verzicht auf gewisse egoistische Wünsche nur größer werden; sie sollen auftauchenden Problemen mit Geduld ggenübertreten und alle Vorkommnisse im Geiste der Versöhnung und der Schiedsgerichtsbarkeit auslegen. Diesen Geist des Völ­kerbundes müssen wir mit unserem ganzen Herzen ver­teidigen! Mit uns der Friede! Die schönen Worte, mit denen Deutschland und Frankreich sich gegenseitig ihrer Mitarbeit versichert haben, dürfen nicht die letzten sein. Anknüpfend an die Worte des Reichsministers Dr. Strese­mann gab dann auch Briand der festen Hoffnung Aus­druck, daß man Brasilien und Spanien wieder als Mit­arbeiter im Völkerbund begrüßen werde. Damit schloß Brfaud unter allgemeinem Beifall und Händeschütteln seine improvisierte und an vielen Stellen ihn und die Versammlung hinreißende Rede.

Sir George Föster-Kanada, der mit der Delegation Kanadas direkt unter der Rednertribüne sitzt, zog ein blauseidenes Taschentuch und schwang es unter allge­meinem Beifall mit dreifachem Hip-Hip-Hurra, die Etikette des Völkerbundes auf diese Weise spontan durch­brechend.

In einem Schlußwort hob Präsident Nintschitsch den erhebenden EindruÄ bcw-ior, ^er. die ErttörunLerr Deutschlands und Frankreichs gemacht hätten, und Cham- berlam beantragte unter Zustimmung der Versammlung, daß die beiden Reden wörtlich im amtlichen Mitteilungs­blatt des Völkerbundes veröffentlicht werden.

Freunde und Feinde.

In diesen Tagen sind es zwölf Jahre her, daß sich, kaum daß das gewaltige Völkerringen in Mitteleuropa begonnen hatte, in der ersten SchlachtanderMarne nach Ansicht militärischer Sachverständiger eigentlich schon Sieg und Niederlage des ganzen Weltkrieges ent­schieden hatte. Die deutschen Heere waren gezwungen worden oder hatten sich verleiten lassen, haltzumachen und ihren Vormarsch auf das Herz der französischen Re­publik zu unterbrechen, damit aber schon wenigstens war das die Überzeugung zum Beispiel des ehemaligen deutschen Kronprinzen auf einen wirklichen Endsieg Verzicht geleistet.

Nicht gerade zum Gedächtnis an diese schicksalsschwere Wendung, aber doch eben in zeitlichem Zusammenhang mit diesen herzbedrückenden Erinnerungen ist das Deutsche Reich durch seine Vertreter in Genf am 10. September in den Völkerbund eingetreten. Sicherlich nicht unbeschwert durch das Bewußtsein, dadurch Mit­glied einer Friedensorganisation geworden zu sein, deren Entstehung mit dem schlimmsten Vertrag der ganzen Weltgeschichte zusammenfüllt; auf der anderen Seite aber doch-wohl auch mit dem stolzen Gefühl, nach jahrelangen schweren Kämpfen nun wenigstens unter annehmbaren Bedingungen ein Ziel erreicht zu haben, von dem aus sich jetzt wirksamer als bisher an der Wiederbefreiung des deutschen Volkes werde weiterarbeiten lassen. Der deutsche Einzug in den Völkerbund hat sich, fast könnte man sagen, Seite an Seite mit Herrn Briand voll­zogen, dem Hauptvertreter desjenigen Landes, gegen das wir vor zwölf Jahren, von mehreren Seiten auf Tod und Leben angegriffen, das ganze Ungestüm unseres kriegerischen Vorgehens richten mußten. Die völkerver- söhnende Bedeutung dieser Tatsache kann auch von den hartnäckigsten Gegnern des Genfer Friedenspalastes nicht geleugnet werden. Streiten kann man nur noch über die Möglichkeit, auf den nun eingeschlagenen Wegen auch wirklich zu dauernden und zu allseitig befriedigenden Friedenszuständen zu gelangen. Aber, nachdem nun auch wir diese Schwelle überschritten haben, kann der Streit über die Vergangenheit und damit ein gut Teil des Zwistes, der bisher den inneren Frieden nicht zustande kommen ließ, endlich als abgeschlossen gelten; jetzt muß unsere ganze Sorge der Zukunft gehören; wir haben die Aufgabe, sie im Völkerbund und mit dem Völkerbund den deutschen Lebensnotwendigkeiten anzupassen. Lorbeeren, auf denen wir in Genf etwa schon ausruhen könnten, sind noch nicht in unserem Besitz. Sie winken erst in weiter Ferne.

*

Die Aufnahmefeierlichkeiten, unter denen sich unser Eintritt in den Bund der Nationen vollzogen hat, werden schwerlich lange nachhallen in dieser raschlebigen Zeit. Aber wir werden doch vielleicht bald wieder mehr Freunde in unserer Nähe sehen als in den letzten