Hersfelöer Tageblatt
Hersfelöer Kreisblatt'
Amtlicher /lnzeiger für -en Kreis Hersfelö
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Fernlpredier Dr. 8
Nr. 217
Donnerstag, den 16. September 1826
76. Jahrgang
FranzöW-ttalienWe GegeoWe.
Im Jahre 1903 erschien im französischen Sozialisten- klub in Lausanne ein junger italienischer Maurer, der wegen seiner politischen Gesinnung hatte flüchten müssen, vor allem aber, um sich dem Militärdienst zu entziehen. Der Führer der geflüchteten italienischen Sozialisten, Serrat i, verhinderte die Fragen Neugieriger durch den Vorwurf: „Fragt ihn nicht nach all dem Zeug, fragt ihn lieber, ob er Hunger hat." Der Hunger sprach aus den Augen des jungen Maurers — und der ist niemand anders als Mussolini gewesen.
Es mittet fast wie ein Witz der Weltgeschichte an, daß es jetzt nach dem Attentat auf den „Duce" zu ziemlich ernsthaften diplomatischen Auseinandersetzungen zwischen Frankreich und Italien gekommen ist, weil Mussolini verlangt, die Pariser Regierung solle energisch gegen die antifaschistischen Flüchtlinge aus Italien einschreiten, die namentlich im Süden und Südosten Frankreichs ein Asyl gefunden haben. Frankreich hat aber erklärt, nicht einschreiten zu wollen, denn solches Vorgehen würde aufs strikteste einem viele Jahrzehnte lang geübten französischen Gewohnheitsrecht widersprechen. Mussolini wird also nach wie vor damit rechnen müssen, daß sich vor den Toren Italiens seine Gegner sammeln; das Verhältnis freilich zwischen Frankreich und Italien wird durch diese Dinge eine noch weitere Abkühlung erfahren, als es bisher schon geschehen ist.
Bei der Maßlosigkeit, mit der namentlich in der italienischen Zeitungswelt jede Spur des Antifaschismus bekämpft wird, fühlt sich nun wieder Frankreich nicht uner- beblich geärgert durch die wilde Zeitungspolemik, die, sicherlich nicht ohne Genehmigung von oben, gegen die Pariser Regierung entfesselt worden ist. Dabei ist es nicht einmal ein schlechter Witz, wenn der französische Außenminister B r i a n d in seiner Genfer Unterredung mit dem italienischen Staatssekretär G r a n d i erklärte, nur bei Angriffen auf den König von Italien könne eine in Frankreich erscheinende italienische Zeitung verboten werden. Aber dem „Duce" Mussolini ist die Sache so ernst, Daß er sogar seinen Pariser Noisch/,""- zu Poiucarä schickte — allerdings auch ohne jeden Erfolg.
Die Freundschaft zwischen den beiden „lateinischen Schwesternationen" und früheren Waffengefährten ist ja schon lange in die Brüche gegangen, seitdem Mussolini als wirkliches Haupt Italiens eine zielbewußte Machtpolitik im Mittelmeerbecken zu treiben begann und allmählich durch eine ganze Reihe von Bündnissen mit den südost- ruropäischen Staaten der dortigen Vorherrschaft Frankreichs immer gefährlicher wurde. Die Fahrt Mussolinis nach Tripolis beispielsweise war weit mehr als eine Geste, deutete an, daß man den Verlust von Tunis, in dem ja weit mehr Italiener als Franzosen wohnen, immer roch nicht verschmerzt hat. Andererseits spielen auch die großen.Verschiedenheiten zwischen der staatlich-geistigen Struktur beider Völker eine sehr erhebliche Rolle bei diesem Gegensatz: auf der einen Seite ein nationalistischer llutokratismus, ein Selbstherrschertum von des Volkes Gnaden, auf der anderen Seite das „Mutterland der Revo- ution" und der Demokratie. Der dadurch erzeugte instinktive Gegensatz zwischen den beiden Völkern ist so chroff geworden, daß mancher Italiener in jüngster Zeit deutschen Reisenden gegenüber erklärte, man müsse vereint gegen Frankreich marschieren. Die Rücksichtslosigkeit, mit Der Mussolini gegen jeden innerpolitischen Gegner vor- geht, ist es aber gerade in der Hauptsache gewesen, die nicht etwa bloß Sozialdemokraten und Kommunisten außer Landes zu gehen zwang, sondern selbst ein so harmloser Liberaler wie der frühere Ministerpräsident Ritti Darf es nicht wagen, nach Italien zurückzukehren. Es ist natürlich eine gutgespielte Phantastik italienischer Blätter, wenn sie behaupten, die Flüchtlinge vor den Toren Italiens planten etwa einen Einfall, um das faschistische Regime zu stürzen. Viel zu fest schon ist dieses Regime fun- damentiert. Es würde wahrscheinlich selbst ein geglücktes Attentat auf Mussolini überstehen. Was man aber wirklich fürchtet, das ist die allmählich immer stärker und fühlbarer werdende antifaschistische Propaganda in Broschüren, Flugblättern und Zeitungen, die sich von Frankreich her durch unterirdische Kanäle nach Italien ergießt. Diese Kanäle soll nun die französische Regierung verstopfen.
Die schwere Verstimmung zwischen beiden Staaten kann möglicherweise auch in Genf nicht ganz ohne Folgen bleiben, wie sich schon in der eifrigen Unterstützung des spanischen Vorgehens durch Italien gezeigt hat. Aber es ist doch wohl allzu viel Optimismus, wenn gewisse Kreise in Deutschland nun zu einer Ausnutzung dieses Gegensatzes hindrängen, denn Italien wird sich nie bereit erklären, auch nur dem geringsten deutschen Verlangen nach einer milderen Behandlung Südtirols Folge zu leisten. __________
Rudolf Eucken t«
Der Professor der Philosophie Dr. Rudolf Eucken ist im 81. Lebensjahre in Jena gestorben.
Der Name Rudolf Eucken war auch in Laien- kreisen, die sich sonst wenig mit Philosophie zu beschäftigen pflegen, nicht unbekannt. Zweierlei hatte bewirkt, daß der Philosoph von Jena eine gewisse Volkstümlichkeit erlangte: die außerordentliche Ehrung, die ihm 1908 zuteil wurde, als ihm die Schwedische Akademie den Nobelpreis
Neue Wege der Zollpolitik
Die Tagung des Großhandels
EineRededesReichswirtschaftsministers.
Die Tagung des Zentralverbandes des -Deutschen Großhandels in Düsseldorf, die am Mittwoch eröffnet wurde, hat Reichswirtschaftsminister Dr. Curtius benutzt, um vor den Vertretern des Großhandels ein Bild über die Lage von Handel und Wirtschaft in Deutschland zu geben. Der Minister beschäftigte sich, nachdem er festgestellt hatte, daß die erste Welle der Wirtschaftskrise überwunden ist, eingehend mit dem Dawes-Plan, zu dessen Tilgung ja die Wirtschaft in umfangreichem Maße herangezogen wird. Zu diesem Punkt sagte Dr. Curtius:
Die Diskussion über die Grundlagen des Dawes- Planes und seine Ausführbarkeit sind im Ausland im vollen Gang. Im Inland dagegen entspricht die Beschäftigung mit diesen Fragen keineswegs der überragenden Bedeutung, die sie für das Schicksal der deutschen Wirtschaft und des deutschen Volkes haben. Ich wünschte eine stärkere Beteiligung der maßgebenden Wirtschafts' kreise an rein wirtschaftlichen, leidenschaftslos feststellenden Untersuchungen der tatsächlichen Wirkungen des Dawes-Planes in Richtung auf die deutsche Leistungsfähigkeit einerseits, die Aufnahmewilligkeit des Auslandes für die deutschen Leistungen andererseits und nach vorsichtig abwügender Prüfung der zukünftigen Enl- Wicklungsmöglichkeiten.
Der protektionistische Wettlauf hat, so führte der Minister aus, dem Gedanken der europäischen Zollunion zu neuer, ungeahnter Lebenskraft verholfen und selbst Kreise in seinen Bann gezogen, die ihm bisher skeptisch gcgcnüberstanden. Deutschland wird, wie es geographisch in der Mitte liegt, so auch zwischen diesen beiden Extremen kühl und verständig, unbeirrt von Schlagwor- te« und nur von seinen eigenen AntereNen .geleitet, rechten Weg suchen müssen. Daß dieser Weg von dem überspannten Protektionismus, der den Kampf aller gegen alle bedeutet und an dessen Ende die Zertrümmerung der europäischen Wirtschaft durch den amerikanischen Wirtschaftskotoß steht, daß dieser Weg vom wirtschaftlichen Nationalismus in der Richtung einer umfassenderen Wirtschaftssolidarität der nächst betroffenen Völker hinzuführen hat, darüber kann man wohl kaum ein Zweifel sein, auch dann nicht, wenn man das letzte Ziel, das aus diesem Wege liegt, die e u r o p ä i s ch e Zollunion, als eine Utopie ansieht.
Trotz mancher mißlichen Erfahrungen glaube ich, daß die Befolgung des Meistbegünstigungs
für Literatur verlieh, und ein kleines Büchlein — „Die Träger des deutschen Idealismus" —, das er während des Weltkrieges erscheinen ließ, um dem in seinen Grundfesten erschütterten Deutschland zu zeigen, daß es nicht zu verzagen brauche und daß trotz Not und Tod seine ideellen Werte weiterlebten. Dieses populär geschriebene Buch ist bis weit in die Schützengräben hinein gedrungen und wurde manchem müden Mann, der,an sich und attjper Welt
- Pros. Dr. Eucken. verzweifeln wollte, ein Trostbüchlein, das ihn wieder auf- richtete und mit neuem SebenSmu: erfüllte.
In feiner Philosophie lehnt sich Eucken einigermaßen an den älteren Fichte an. Seine Lehre trügt einen durchaus religiös-sittlichen Charakter und zielt auf eine einheitliche Lebens- und Weltanschauung hin. Seine Hauptwerke sind: „Die Lebensanschauungen der großen Denker", „Der Wahrheitsgehalt der Religion", „Hauptprobleme der Reli- gionsphilosophie der Gegenwart". „Der Sinn und Wert des Lebens", „Mensch und Welt" u. a. Eucken, der aus Ostfriesland stammte, war zuerst als Gymnasiallehrer in Berlin tätig, wurde dann Professor der Philosophie in Basel und wirkte seit 1874 in gleicher Eigenschaft in Jena.
I a y e s am ersten geeignet ist, uns dem Ziele näherzu- bringen. Wir müssen jedenfalls am bisherigen System solange festhalten, bis die fehlenden Handelsverträge ab- geschlossen sind.
Es wird noch eine geraume Zeit dauern, bis wir in der Lage sein werden, wirklich zuverlässig die Ergebnisse unserer bisherigen Handelspolitik zu übersehen. Vor allen Dingen auch ein Urteil darüber zu gewinnen, wie die noch kaum ein Jahr in Kraft befindliche Zolltarifnovelle und das auf dieser Grundlage und auf Grund der letzten Handelsvertragsverhandlungen gewonnene Vertragszollsystem, das noch durch die bevorstehenden und schweben- den Verhandlungen (Polen, Tschechoslowakei, Frankreich) manche Ausgestaltung erfahren wird, sich auswirken. Erst wenn wir über ausreichende und zuverlässige Erfahrungen verfügen werden, werden wir ap das eigentliche große Handelsvertragswerl, an den Aufbau eines langfristigen und lückenlosen Handelsvertragssystems herangehen können, zu dem aber vorher noch in dem neuen Zolltrifein brauchbares Instrument geschaffen werden muß. Das Ziel unserer Handelspolitik wird aber bleiben, Nationalwirtschaft und Weltwirtschaft in Einklang zu bringen und mit der Förderung der ersten gleichzeitig der letzten zu dienen.
Nach der Rede des Reichswirtschaftsministers sprachen am Vormittag noch Staatssekrtär Dr. Popitz über die Steuerreform, der Stellvertretende Präsident des Reichsverbandes der Deutschen Industrie, Frowein, über das Verhältnis der Industrie zum Großhandel, das geschüfts- führende Präsidialmitglied des Deutschen Großhandels, Keinath, M. d. R., über neue Aufgaben des Großhandels und schließlich Exzellenz Riedl, ehemaliger österreichischer Gesandter in Berlin, über das Thema Handelspolitik und Handelsverträge.
Gegen die Gvziatisierung.
Die in Essen tagende Zentralausschußsitzung des Deutschen Großhandels beschäftigte sich eingehend mit der Frage der „sogenannten kalten oder stillen Soziali- sierung". Mit diesem Begriff wurden die Versuche bezeichnet, die auf ein Eindringen des Staates oder der Kommunen in die Privatwirtschaft abzielen. Als Mittel zur Bekämpfung der „kalten" Soziali- sierung wurde eine genaue Abgrenzung der Aufgaben von Staats- und Kommunalverwaltungen auf privatwirtschaftlichem und öffentlich-rechtlichem Gebiete sowie die Beseitigung jeder Steuerbefreiung für Betriebe der öffentlichen Hand gefordert.
Sie englische presse bei Dr. Stresemann.
Besetzungs- und Kolonialfragen.
Reichsaußenminister Dr. Stresemann hat aus Anlaß des Austausches und der Niederlegung der Ratifikalions- arkunden die in Genf anwesenden Vertreter der englischen Presse empfangen. Die Londoner Zeitungen geben über diesen Empfang lange Berichte wieder, aus denen man näheres über Ausführungen und Pläne Dr. Stresemanns erfährt. Der Genfer Berichterstatter der „M o r n i n g P o st" schreibt, Stresemann habe klar erkennen lassen, daß Deutschland eine neue Verteilung von Mandaten oder die Wiedererstattung einiger seiner Kolonien erwarte. Der Berichterstatter erwähnt jedoch ebenso wie die übrigen, Stresemann habe hinzugefügt, wann und ob eine Grundlage für ein Vorbringen der kolonialen Ansprüche vorliegen werde, fei von künftigen Entwickelungen abhängig.
Der Genfer Korrespondent des „Daily Chroniele" stellt Stresemanns Erklärungen über den Eisenpakt in den Vordergrund seines Berichtes, der in dem Blatt an erster Stelle veröffentlicht wird. Dem Korrespondenten zufolge besteht in Völkerbundkreisen die weitverbreitete Hoffnung, daß die Frage des besetzten Gebietes bald durch allseitige Übereinstimmung geregelt werden wird. In deutschen Delegationskreisen wird, so sagt der Korrespondent, die Hoffnung ausgedrückt, daß die englische Ansicht in dieser Frage bald die Oberhand haben werde, nämlich die Ansicht, daßLocarnoundÄesetzungunvereinbar sind und daß, wenn irgendeine Logik in Locarno enthalten ist, dies bedeuten müsse, daß die Grenzen der in Betracht kommenden Länder jetzt so gesichert sind, daß Besatzungs- streitkräfte vollkommen unnötig sind.
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Die Vollversammlung des Völkerbundes beschäftigt sich noch immer mit der Beratung der Frage der Ratsreform. Sie nahm am Mittwoch den Bericht des Bundesrats Motta über die Beratungen der juristischen Kommission betreffend die Frage einer Wahlordnung f ü r d i o Miiglieder im Völkerbundrat, Festlegung der Dauer der Mitgliedschaft beim Völkerbundrat und die Frage der Wiederwählbarkeit der Ratsmitglieder entgegen. Bundesrat Motta führte unter anderem aus: Die Kommission hat den Entwurf der Studienkommission für eine Reor- ganisation des Völkerbundrates ihren Arbeiten zugrunde gelegt und alle in jenem Entwurf enthaltenen Grundsätze auch in die nunmebr neue Vorlage ausgenommen. Es