Hersfelöer Tageblatt
Hersfelöer Kreisblatt"
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfels
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Rr. 218
Freitag, den 17. September 1826
76. Jahrgang
Die neuen Ratsmitglieder
Die AsiswahSen in Genf.
Ein Protest Uruguays.
In Genf wurden am Donnerstag die neuen nicht- ktändigen Ratsmitglicder gewählt. Der Wahlakt, der geheim war, bestand im ganzen aus fünf Wahlgän» I e n. Aus dem ersten Wahlgang, in dem die neun nicht- tändigen Ratsmitglieder zur Wahl standen, gingen statt )er zu wühlenden neun nur acht Staaten als gewählt zervor, so daß ein zweiter Wahlgang für den neunten nichtständigen Ratsstaat nötig wurde. Die acht im ersten Wahlgang gewählten Raatsstaaten sind Kolumbien, Polen, -Lhile, Salvador, Belgien, Rumänien, Holland und China. Die absolute Mehrheit, die für die Zuteilung eines nichtständigen Ratssitzes entscheidend war, betrug, da im gangen 49 Stimmen vorhanden waren, 25. Es entfielen rußerdem auf die Tschechoslowakei 23, Persien 20, Por- tugal 16, Finnland 14, Irland 10, Uruguay 9, Dänemark, Diam, Estland und Kanada je 2 Stimmen. Im zweiten Wahlgang wurde die Tschechoslowakei mit 27 von 49 Stimmen als neuntes nichtständiges Ratsmitglied gewählt. Finnland erhielt 11. Portugal 7, Irland 4 Stimmen.
Nach der Wahl der Tschechoslowakei zum neunten nichtständigen Ratsmitglied wurde ein S ch r e i b e n von Uruguay verlesen, das im wesentlichen auf einen Protest gegen das Verfahren hinausläuft, mit welchem die Gruppe der latein-amerikanischen Nationen sich von vornherein auf eine Kandidatenliste aus ihrer Mitte geeinigt und festgelegt hatte. Das Schreiben führt dabei aus, daß es sich in diesem besonderen Fall nicht nur darum gehandelt habe, unter sich in unverbindlichen Vorbesprechungen eine gewisse Übereinstimmung herbeizuführen, sondern, daß man unter Ausnutzung des Einflusses dieser Kontinentalgruppe der übrigen Versammlung diese Kan- gezwungen habe. Als Protest gegen btefe» Verfahren, das zu einer Bildung besonderer Gruppen im Völkerbund führen müsse und überdies im vorliegenden Fall eine ganze Reihe zurzeit nicht oder noch nicht im Völkerbund vertretener latein-amerikanischer Staaten präjudiziere, ziehe Uruguay förmlich seine Kandidatur auf einen Ratssitz zurück.
Im dritten Wahlgange wurde darüber ab- gcstimmt, welche Mächte für eine Dauer von drei I a h r e n in den Rat gewählt werden sollten. Die meisten Stimmen, nämlich je 30, vereinigten sich auf l en, Chile und Rumänien. Im vierten Wahl- gang wurden zu zweijährigen Mitgliedern Kolumbren, Holland und China gewählt, während der Rest der nichtständigen Ratsmitglieder, also Belgien, San Salvador und die Tschechoslowakei, dein Völkerbundritt ein Jahr lang angehören, also schon im nächsten Jahr »rsetzt werden.
Polen Wisherwahibar.
Ein s u nfter Wahlgang erwies sich als notwendig, da Polen, wie es nach dem neuen Ratsstatut zulässig ist. einen Antrag aus Wiederwählbarkert nach Ablauf" seines dreijährigen Mandats gestellt hatte. Diesem Antrag Polens wurde mit 36 von 48 Stimmen enl-
Stiftungen der Aeuischen
ReichSdahnaesellschast.
Beförderungszahlen aus dem August 1926.
Wie Die Deutsche Reichsbahngesellschaft mttteilt, sind Die Anforderungen an den Güterwagenpark der Reichsbahn weiter gestiegen. Arbeitstäglich betrug die Mehranforderung durchschnittlich 4800 Wagen, das ist eine Zunahme von 3%% gegenüber dem Vormonat. Diese Verkehrssteigerung entfällt in der Hauptsache aus den wegen des englischen Bergarbeiter- ausstandes immer noch lebhaften Kohlenabsatz. vor allem nach dem Auslande, und in geringerem Umfang auf stärkeren Versand von künstlichen Düngemitteln, Kartoffeln, Getreide und Baustoffen. Die werktägliche Kohlenförderung im Ruhrgebiet überstieg mit 396 000 Tonnen die Höchstleistung vor dem Kriege (389 500 To. tm 3al)re 1913) um 1,7 %. Dementsprechend wurden an der Ruhr im August 1926 arbeitstäglich 29 727 Wagen gestellt. Die Abbeförderungen aus Oberschlesien sind hinter den Mengen des Vor- monats zurückgeblieben, weil die Ausfuhr nach den Seehafen um 150 000 Tonnen zurückging.
Der Fischvcrkehr erholte sich. So gingen in Weser- münde und in Bremerhaven 163 000 Zentner ein (im VormonM 109 700 Zentner). Der Versand von Kali stieg hauptsächlich unter dem Einfluß drohender Preissteigerung um mehr al» 50 %. Auch der S t t ck st o f f v e r s a n d gestaltete sich infolge der noch für August gültigen hohen Bezahlungsvergutung reger Der Versand von Baustoffen war wegen oer stärkeren Bautätigkeit lebhafter. Der P e r s one N V e r k e h r gestaltete sich auch tm Berichtsmonat weiter lebhaft. Insgesamt wurden im August 5155 Züge gegen 5374 im Vormonat über Plan gefahren. Im Monat Juli 1926 betrugen die Einnahmen 410 595 000 Mars, die Ausgaben 400 951 000 Mark Nach Deckung Der entstandenen Ausgabeverpfitchtungen verblieb im Juli 1926 erstmalig für das Geschäftsjahr 1926 eine Mehreinnahme, Die jedoch erheblich geringer ist als ,der Uber-
iprowen. Auch Deutschland hat für den Antrag re- stimmt. — Der polnische Gesandte in Berlin, O l s z o w > ski, ist vom polnischen Minister des Äußern nach "enf berufen worden.
Der erneuerte VölkerbundsraL.
Nun herrscht ja bei der Tagung des Rats das sog. „liberum veto", d. h. die Beschlüsse müssen einstimmig gefaßt werden. Das hat feine großen Nachteile — man denke z. B. an das deutsche Bemühen, die Ostgrenzen zu berichtigen oder die Rechte der deutschen Minderheiten im Ausland geltend zu machen u. a. —, hat aber auch große Vorteile für uns, da wir uns unbequeme Beschlüsse verhindern können. Denn wir sind, durch die Erfahrungen der Jahre belehrt, nicht so optimistisch, zu glauben, daß die Machtkämpfe in der Welt an der Türschwelle des Völkerbundrats Haltmachen werden. Gerade infolge der Vermehrung der Ratssitze werden sich leichter Parteiungen, Gruppierungen bilden und dabei ist besonders unerfreulich, daß gerade jene zwei Mächte ausgeschieden sind, mit denen wir in verhältnismäßig guten Beziehungen stehen. Weniger erfreulich ist, daß die Kleine Entente zwei Sitze innehat, zusammen mit Polen also der Südosten und Osten Europas sehr reichlich vertreten ist, während ja von den ehemaligen Mittelmächten nur Deutschland einen Sitz innehat. Bei den gewaltigen Einflußmöglichkeiten, die gerade dem Völkerbund den ehemaligen Mittelmächten gegenüber zustehen — auch Danzig scheint jetzt unter die finanzielle Kontrolle des Völkerbundes gezwungen werden zu sollen —, erwächst dadurch Deutschland eilte große Aufgabe. Unvergessen bleiben die heftigen Anklageworte, die im vergangenen Jahre der ungarische Delegierte im Völkerbund gegen die Art richtete, in der dieser Bund mit Ungarn verfuhr.
JÖW^ ist nun auch äußerlich der Kampf zu Ende, der sich an den deutschen Eintritt knüpfte und der auch in der deutschen Innenpolitik eine so große Rolle gespielt hat. Betrachtungen aach rückwärts gerichtet anzustellen, hat also wirklich keinen Zweck mehr, sondern das Urteil oder die Beurteilung )at sich künftig nur darauf zu beziehen, ob Deutschland m Völkerbund etwas erreicht von den Erwartungen, die :s an seinen Eintritt knüpfte.
Mit der Neuwahl der nichtständigen Ratsmitglieder m Völkerbund ist ein weiterer Akt des diplomatischen Kampfes in Genf beendet. Aus der durcheinanderwogen- >en Handlung ist nun dieses Kompromiß entstanden, das richt bloß die Zahl der nichtständigen Mitglieder des Völkerbundrates um drei vermehrte, sondern auch das siecht der Wiederwählbarkert schuf, d. h. also den Rat sehr wesentlich hinsichtlich seiner Zusammensetzung veränderte. D e u t s ch l a n d hat sich ja urspünglich unbe- singt gegen jede Veränderung gewehrt, aus politischen Gründen sowohl wie aus dem einfachen Bedenken heraus, laß bei einer Vermehrung der Ratsrüitglieder der ganze Mpparat viel zu unbehilflich wird; ist doch jetzt jede Schranke fortgerissen dagegen, daß nicht jederzeit neue Mit- ftieder hineingewählt werden können, wenn sie nur ihren wirklichen und vermeintlichen Anspruch recht hartnäckig verteidigen. ___________
schuß im Juli 1925. Sie dient zum Ausgleich Der in schlechteren Verkehrsmonaten entstehenden Mehrausgaben. Die monatliche Zahlung für den Reparationsschuldverschreibungsdienst wurde geleistet. 1
Die Geuchengefahr in Europa.
Typhus, Cholera, Pest.
Nach den amtlichen Mitteilungen sind in Hannover bisher 37 an Typhus Erkrankte an den Folgen dieser Krankheit gestorben. Der Krankenzugang ist dagegen etwas chwächer. Es sind 1259 Personen in Behandlung, 547
Das verseuchte Hannoversche Wasserwerk Ricklingen.
Nänner, 535 Frauen und 177 Kinder. Über die Ursache »er Typhusepidemie sagt Medizinalrat Freiherr v. Vah- cenholz aus Berlin, der an dem Bericht mitgearbeitet hat, »er vom Wohlfahrtsministerium herausgegeben worden ist, daß die Feststellung, die Erkrankungen seien durch tm Leitungswasser enthaltene Typhuskeime hervorgerufen worden, vollständig einwandfrei durch Beweise bestätigt worden ist.
Paralyphusfälle in Fulda und Umgebung.
Wie amtlich mitgeteilt wird, sind in Fulda und Umgebung einige Fälle von Paratyphus festgestellt worden. Die Erkrankten sind sämtlich in dem Landkrankenhaus in Fulda untergebracht worden.
Der Typhus in Mähren.
In letzter Zeit tritt der Typhus in verschiedenen Orten Mährens in bedrohlichem Umfange auf. Betroffen sind besonders bis Olmützer und die Proßnitzer Gegend.
Choleraepidemie in Litauen.
Nach einer Meldung der „Litauischen Rundschau- aus Schaulen ist in Seduva die Cholera ausgebrochen. 300 Personen find erkrankt.
Pestfälle in Liverpool.
An Berliner amtlichen Stellen sind Nachrichten eingetroffen, wonach in Liverpool zwei Pestfälle vorgekommen sind, von denen einer tödlich verlaufen ist. Die Ansteckung soll von einem im dortigen Hafen beschäftigten Wächter ausgegangen sein. Um einem übergreifen auf deutschen Boden von vornherein zu begegnen, hat der Reichsminister des Innern angeordnet, daß den aus Liverpool kommenden Schiffen verschärfte Aufmerksamkeit zugewendet wird.
Beginn des Schröder-prozesses.
Massenandrang zu Den Verhandlungen.
§ Magdeburg, 16. September.
Mit besonderm Interesse sah man allgemein dem Beginn des Magdeburger Prozesses entgegen, hatte doch die Mordassäre. Helling wochenlang in ganz ungewöhnlichem Maße Die Öffentlichkeit beschäftigt. Man erinnert sich noch des Kompetenzkonflikts zwischen der Berliner und der Magdeburger Kriminalpolizei und dem Untersuchungsrichter. Damals hatte sogar das Reichsjustizministerimn eingreifen müssen. Ebenso erregte Die wochenlange Inhaftierung des Großindustriellen Haas großes Aufsehen, dessen Unschuld sich schließlich herausstellte.
Das große Interesse, das die Öffentlichkeit an dem Mordprozeß Schröder nimmt, äußert sich darin, daß schon mehrere Stunden vor Beginn der Verhandlung große Menschenmassen vor dem Gerichtsgebäude warteten. Ein starkes Aufgebot uniformierter Schutzpolizei hat dauernd zu tun, um die Ordnung aufrechtzuerhalten.
Vor der Anklagebank war eine Staffelet mit einer Tafel angebracht, auf der der Plan des Mordhauses in Groß-Rott- mersleben mit der Einrichtung der einzelnen Zimmer ausgezeichnet war. Auf dem Gerichtstisch lagen der Chauffeuranzug Schröders, den seine Schwester vom Blut gereinigt hatte, ein Paket mit dem durchschossenen Schädel sowie mit Knochenteilen des Opfers, deren verkohlte Stellen Zeugnis dafür ablegen, daß Schröder zuerst versucht hat, die Leiche seines Opfers zu verbrennen. Geladen sind 31 Zeugen und drei Sachverständige. An einem besonderen Tisch haben Vertreter des preußischen Innenministeriums und des Justizministeriums Platz genommen. Kurz vor Beginn der Sitzung wurde der Angeklagte Schröder von einem Gefängnisbeamten und einem Schutzpolizisten gefesselt in den Anklageraum geführt. Der Angeklagte ist auffallend klein und schmächtig. Als Zeugin ist auch seine Braut, Hilde Götze, anwesend. Auf Anordnung des Landgerichtsdirektors Löwenthal wurden dem Angeklagten während der Verhandlung die Handfesseln gelöst. Der Vorsitzende wandte sich dann in längeren Ausführungen an die Geschworenen, in denen er die Eigenart dieses Falles hervor- hob, der die Öffentlichkeit in außergewöhnlicher Weise beschäftigt habe. Nach dem üblichen Zeugenaufrus begann dann das
Verhör des Angeklagten.
Vors.: Sind Sie vorbestraft? Angekl.: Jawohl, wegen fahrlässiger Tötung mit drei Monaten Gefängnis und wegen unbefugten Waffenbesitzes. Beide Strafen sind jedoch vorläufig ausgesetzt. Vors.: Ihnen wird zur Last gelegt, einen Menschen, den Buchhalter Helling, getötet und dann beraubt zu haben. Ferner sind Sie des Betruges und der Verleitung zum Meineid an der Hildegard Götze beschuldigt. Wie ist Ihr Leben bisher verlausen? Angekl.: Ich bin in Groß-Rottmersleben geboren und habe die Dorfschule bis zum Jahre 1917 besucht. Dann bin ich zu einem Schmiedemeister in die Lehre gekommen. 1920 bin ich dann zum Militär gegangen. Dieser Beruf erschien mir sehr interessant und ich meldete mich bei den Magdeburger Pionieren, wo ich auch angenommen wurde. Vors.: Weshalb haben Sie denn den Soldatenrock wieder ausgezogen? Angekl.: Weil ich im Oktober 1923 meine Braut, Hildegard Götze, keNnenlernte, und weil ich als Soldat doch nicht gut heiraten konnte. Vors.: Sagen Sie einmal, Angeklagter, weshalb ist Ihnen beim Militär ein solch schlechtes Zeugnis ausgestellt worden? Angekl.: Ich bin mit Arrest bestraft worden, weil in unserer Kompagnie so viel getrunken wurde. Deshalb kam ich einigemal zu spät. Vors.: Sie sollen vor allen Dingen durch Ihre Großmannssucht sich unbeliebt gemacht haben; denn Sie wollten mehr erscheinen als Sie waren. Angekl.: Das möchte rch bestreiten. Ein Grund, die Reichswehr zu verlassen, war für mich auch der, daß ich die Handelsschule in Magdeburg besuchen wollte, um in einen bürgerlichen Beruf zu kommen. Schröder schilderte dann weiter, wie er
aus Fahrlässigkeit seine Mutter erschossen habe. Eines Tages sei ein Freund zu ihm gekommen, der mit «hm, der Mutter und der Hildegard Götze am Tisch saß und dabei seinen Revolver auf den Tisch legte. Allerdings hatte er.die Patrone aus dem Lauf herausgenommen und nur