Hersfelöer Tageblatt
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Nr. 227 Dienstag, den 28. September 1926 76. Jahrgang
Reisfelder Kreisblatt' Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Poincarc und
Der Geist der Annäherung.
PoincarS, der französische Ministerpräsident, machte bei einer Kriegerfestlichkeit Äußerungen, die zum Teil als Antwort auf die vielbesprochene Rede Dr. Stresemanns bei dem Bierabend der deutschen Kolonie in Genf aufgefaßt werden. Dazu wird uns von besonderer Seite geschrieben:
Wir kennen die Melodie noch recht genau, denn oft genug hielt ja PoincarS seine Sonntagsreden, die immer aus denselben Ton gestimmt waren: Deutschland ist der einzig Schuldige an dem, was seit dem August 1914 über Europa hereinbrach; gegen einen verbrecherischen Überfall hat sich die Entente gewehrt und Deutschland solle sich hüten, seine Schuld zu bestreiten.
Innere Nöte zwangen PoincarS, als er wieder zur Macht gekommen war, doch einigermaßen zur Zurückhaltung; erst als die Frage des Rückkaufs von Eupen- M a l m e d y angeschnitten wurde, spürten wir das Wirken des alten Widersachers. Und jetzt hat er wieder eine Sonntagsrede gehalten in jenem Ton, den er 1923 so oft angeschlagen hat. Diesmal bei einem Bankett des Natio- nalverbandes der französischen Kriegsbeschädigten. Die deutsche „Schuld" am Kriege, die „Rechtsverletzung" durch den Einmarsch in Belgien — damit ist es aber dem verantwortlichen Leiter der französischen Politik an Bor- würfen noch nicht genug. Er beschuldigt den früheren deutschen Generalstab, daß dieser den Krieg mit unbarmherziger Grausamkeit zu führen befohlen habe. Auf diese Geschichtsfälschung auch nur mit einer Silbe zu antworten, erübrigt sich wohl jenem Mann gegenüber, der in der Geschichte als einer der Hauptverantwortlichen für den Aus- bruch des Weltkrieges fortlebt, fortlebt auch als der Ver- anlasser deß ^»^1»^ m^r^rwKelangt von uns offeneReue, fordert, daß „das Deutschland von heute offen gewisse Taten des Deutschlands von gestern mißbillige". Gewaltigen Beifall hat sich PoincarS mit diesen Worten herausgelockt, allerdings gewiß nicht den Beifall derer, die für ein Nüherkommen, ein Zusammenarbeiten Deutschlands und Frankreichs eintreten.
Sein Kollege B r i a n d wird allerdings weniger erfreut sein, und es ist fast ein Witz, daß zu der gleichen Stunde, da PoincarS sich und seine Zuhörer mit diesen alten Melodien berauschte, in dem politisch ziemlich nationalistischen Pariser „Matin" Ausführungen des deutschen Außenministers Dr. Stresemann erschienen, in denen die Notwendigkeit jenes Näherkommens und Zusammenarbeitens sehr energisch unterstrichen wird. Ob es unbeabsichtigt ist, daß Dr. Stresemann in diesen Ausführungen immer nur auf das Verständnis, den guten Willen B r i a n d s hinweist, die anderen Mitglieder des französischen Kabinetts unerwähnt läßt? Die wirtschaftlichen Beziehungen, die Frage der französischen Währungsstabilisierung, die finanztechnischen Diskussionen — das alles sind Dinge, die natürlich mit nüchternem Kopf behandelt werden müssen, fernab von jenem Geist, der die Rede PoincarSs erfüllt. Schließlich sind wir doch dabei die Gebenden! Und die Frage Stresemanns, wie sich denn mit einer solchen engen Zusammenarbeit | eine Fortdauer der R h e i n l a n d b e s e tz u n g vertrage, ist durchaus keine „Verletzung der bestehenden Verträge", wie es in der französischen Presse noch allzu oft zu lesen ist und aus PoincarSs Worten herausklingt. „Haß und Leidenschaft sind allmählich verschwunden und haben der Hoffnung auf eine Zusammenarbeit Platz gemacht", glaubt Stresemann feststellen zu können und fügt mit Recht hinzu, daß besonders die deutsche Schwerindustrie der Versöhnungspolitik Briands vollinhaltlich zustimme, durchaus nicht etwa eine fanatische VorkäMpferin eines wilden, säbelrasselnden Chauvinismus sei, wie man in Frankreich wohl noch vielfach glaube.
Ein deutsch-französisches Zusammengehen muß eben sich lediglich gründen auf klare, vernunftgemäße Überlegungen. Trotz allem aber werden wir uns das Recht nicht nehmen lassen, mit aller notwendiger Schärfe den Geist des „Hasses und der Leidenschaft" eines PoincarS abzulehnen.
Katastrophe oder Opfer.
PoincarS über Frankreichs Finanzlage.
PoincarS hat sich nach Beendigung seiner Rede vor den französischen Kriegsbeschädigten in St. Germain nach Bar-le-Duc begeben, um vor dem dortigen Generalrat feines Heimatsdepartements zu sprechen. Er ging hierbei zunächst auf die innerpolitische und besonders auf die finanzielle Lage ein. PoincarS führte u. a. aus: Als er die Regierung übernommen habe, seien die politische und finanzielle Lage i n ä u ß e r st e r G e f a h r gewesen. Angesichts dieser Gefahr habe es sich darum gehandelt, ein Kabinett der nationalen Einigung unter Zurückstellung aller persönlichen Interessen zu bilden. Er habe die Bildung dieses Kabinetts nicht ablehnen dürfen, sich aber auch keinen Illusionen darüber hingegeben, daß er sich bewußt der Unvovularität ausietze. Un-
Streiemann
Popularität sei aber unter derartigen Verhältnissen in den meisten Fällen schädlich. Es habe sich nur darum gehandelt, zu wählen zwischen einer bevorstehenden Katastrophe oder einer Periode strenger Opfer. Die Regierung habe die Wahl getroffen.
PoincarS ging dann im einzelnen auf die bisher getroffenen inneren Maßnahmen ein, wobei er etwa sagte, das Schatzamt sei in einer katastrophalen Lage gewesen, als er die Regierung übernommen habe, zum Teil auch deshalb, weil Deutschland mehrere Jahre seine Reparationszahlungen verzögert habe. Seit dem 10. August sei eine Änderung in der Lage eingetreten und die Erneuerung der Schatzbonds sei gegenwärtig stärker als die Zahl der Anträge aus Rückzahlung, aber das Vertrauen, das darin zum Ausdruck komme, bleibe trügerisch und man nlüsfe die Rückkehr einer Welle des Mißtrauens voraussehen. Deshalb habe man sich entschlossen, eine allmähliche Amortisierung der Bonds vorzubereiten und zu diesem Zweck die autonome Amortisierungskasse geschaffen. Alle diese Finanzsanierungsmaßnahmen seien unerläßlich und dringlich gewesen, aber konnten für sich allein nicht das Ergebnis haben, den Währungsschwankungen ein Ende zu bereiten, die wohl Handel und Industrie eine vorübergehende Scheinblüte gewähren, aber im übrigen alle Arbeit auf lange Sicht und die Ersparnisse und den privaten wie öffentlichen Kredit zugrunde richten.
Die Regierung habe deshalb die gebieterische Pflicht gehabt, die Wiederherstellung einer gesunden Währung zu suchen. Es sei augenblicklich unmöglich, alle die Maßnahmen im voraus anzukündigen, die in Frage kommen, ohne auf den Geldmärkten die gefährlichste Spekulation zu begünstigen. Der Endersolg hänge auch von einer Besserung in dem Ausgleich der internationalen Verpflichtungen Frankreichs ab.
eine nicht immer lehr wohlwollende Aufmerksamkeit und bisweilen habe Frankreich die Ansicht haben müssen, daß man von gewisser Seite den Versuch gemacht habe, indiskrete Blicke aus die Er- sparungen im französischen Budget und auf den Charakter der Ausgaben Frankreichs zu werfen.
PoincarS habe nicht nötig, zu sagen, daß Frankreich nach einem Kriege, den es nicht provoziert habe, und nach einem Siege, den es teuer bezahlt habe, dies für eine Verletzung der französischen Würde und der französischen Souveränität betrachten würde. Frankreich sei und werde Herr seiner selbst sein und bleiben. Aber das Gesicht seiner auswärtigen Schuld wie das seiner inneren Schuld zwinge Frankreich, in seinen Finanzen brutale Maßnahmen einzuschlagen. PoincarS kommt im Anschluß daran auf die auswärtigen Schulden Frankreichs zu sprechen und sagt, Frankreich habe sich niemals geweigert, zu bezahlen. Für die Zukunft sei Frankreich nicht weniger entschlossen als bisher, loyal im Sinne seiner Möglichkeit und in den Grenzen seiner Transfermöglichkeit sich seiner Verpflichtungen zu entledigen. Man dürfe nicht nachlassen, zu arbeiten, zu produzieren und zu exportieren. Das seien drei Hauptbedingungen für Frankreichs wirtschaftliche und finanzielle Wiedergeburt.
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Frankreichs „Nobleffe".
PoincarS fuhr fort: „Keine Nation ist dem Frieden mehr zugetan als Frankreich. Keine hat sicherlich weniger den Krieg gesucht oder gewünscht als Frankreich und die Französische Republik hat alles Menschenmögliche getan, um ihn zu verhindern. Keine Nation ist schmerzlicher mitgenommen worden, als Frankreich. Keine Nation hat so wie Frankreich das traurige Vorrecht, einige seiner reichsten Provinzen in ein Schlachtfeld sämtlicher mobilisierter Völker verwandelt zu sehen. Keine Nation hat nach Unterzeichnung der Friedensverträge sich so intensiv bemüht, diese Verträge innezuhalten und aus die Beachtung ihrer Bestimmungen durch andere zu achten. Keine Nation hat mit mehr Initiative und mit größerer Begeisterung am Werk des Friedens mitgearbeitet. Frankreich fordert nur die Sicherheit für seine endgültig wiederhergestellten Kredite und die regelmäßige Zahlung der versprochenen Reparationen. Frankreich hat es niemals abgelehnt, m i t Deutschland über Fragen zu sprechen, die beide Länder interessieren können. Frankreich hat gegenüber seinen früheren Gegnern niemals eine Politik der Ranküne oder des Hasses zu betreiben versucht. Es ist immer bereit, Schritte zur Annäherung zu versuchen, vorausgesetzt, daß diese sich mit den früher abgeschlossenen Verträgen und Frankreichs Allianzen in Übereinstimmung bringen lassen, daß diese nicht dazu führen, die Verantwortlichkeit der kaiserlichen Regierung am Kriege in Zweifel zu ziehen, und daß sie ferner durch die vorliegenden und entscheidenden Beweise der materiellen und moralischen E n t w a f f- n u n g Deutschlands gerechtfertigt sind. Es schulder dieses seinem Ruf, der Noblesse und der Generosität. ES schuldet dies dem so schwer durch einen vierjährigen Krieg gestörten Europa, es schuldet dies sämtlichen Völkern der Welt, die Frankreich verpflichten, alles zu tun, was in seiner Macht steht, um der verstörten Menschheit eine weniger dunkle Zukunft, als die Vergangenheit war, zu
bringen. Es wird diese Pflicht niemals versäumen, aber niemand wird erstaunt sein darüber, daß angesichts der Ungewißheit von morgen Frankreich weder seine kontrakt- lichen Rechte opfern noch in seiner Wachsamkeit nachlassen wolle. ____________ Abrüstungsverhandlungen in Genf.
Amerika will nicht verzögern.
Der Vorbereitende Ausschuß für die Abrüstungskonferenz, in dem Deutschland wieder durch den Grafen Bernstorff vertreten ist, hat feine kurze Zwischen- tagung Montag abgeschlossen. Aus Vorschlag des Redaktionskomitees beschloß er die Wiederaufnahme des von G i b s o n gestellten Antrages mit der Maßgabe, daß das Ergebnis der bisherigen Arbeiten des Unterausschusses in einem Schlußbericht niedergelegt wird. Dieser Bericht soll möglichst informierend gehalten sein.
G i b s o n erklärte sich einverstanden. Er wies in diesem Zusammenhang die in verschiedenen Kreisen erhobenen Kritiken zurück, wonach die amerikanische Auslegung auf eine Verzögerung, statt auf eine Erleichterung der Vorarbeiten für die Abrüstungskonferenz Hinauslaufe, um dann übrigens noch einmal den bekannten Vorschlag des Präsidenten C o o l i d g e zu erwähnen, der unter anderem für die Abrüstung zu Lande den Abschluß von regionalen Verträgen, für die Abrüstung zur See die Ausdehnung des Washingtoner Abkommens auf die in dieses nicht eingeschlossenen Schiffskategorien empfiehlt.
DeuischZaNds außenpolitische Ziele.
Eine Rede des Reichsinnenministers.
Auf dem außerordentlichen Parteitag der Deutsch-demokratischen Partei in Sachsen hielt Reichsinnenminister Dr.^ Külz einen programmatischen Vortrag, in dem er sich zunächst über die außenpolitische Lage verbreitete. Dr. Külz verteidigte die nach der Kriegszeit betriebene Außenpolitik, die Deutschland jetzt nach Genf geführt habe. Bisher seien wir in der Hauptsache die Gebenden gewesen. Deutschland habe jetzt emeiK-ia xJ c^z auf Gegenleistung. Vbt- kerbundeintritt, Locarnoverträge und Dawes-Abkommen verkörpern als Ganzes gewürdigt die Voraussetzungen, unter denen nach Artikel 431 des Versailler Vertrages ein Rechtsanspruch auf vorzeitige Räumung des besetzten Gebietes gegeben fei. Die deutsche Außenpolitik habe deswegen klare und von niemanden bestreitbare Ziele vor sich.' Mit der vom Völkerbund garantierten Hoheitsleistung seiner Mitgliederstaaten vertragen sich die Funktionen der Interalliierten Kontrollkommission ebensowenig, wie sich die fernere Besetzung des deutschen Landes mit der Unverletz- lichkeit des Gebietes der Völkerbundstaaten verträgt. Ausgleich und Verständigung würden unvollkommen sein, wenn nicht auch an der Saar politisch und wirtschaftlich normale Zustände erreicht werden könnten und wenn Deutschland nicht bei der ersten sich bietenden Gelegenheit in den Kreis der Mächte zugelassen würde, die an der kolonialen Erschließung der Welt beteiligt sind. Mit dem Eintritt Deutschlands in den Völkerbund sei die erste Etappe der Befreiungspolitik erreicht.
Die innerewirtschaftlicheEntwtcklung bereite nach wie vor ernste Sorgen. Anzeichen der Besserung seien vorhanden, aber noch bedinge die Unterhaltung unseres Erwerbslosenheeres einen Millionenaufwand. Der Minister erinnerte an die Maßnahmen des Reichsfinanzministers und an das große Arbeitsbeschaffungsprogramm der Reichsregierung sowie an den bevorstehenden endgültigen Finanzausgleich zwischen Reich, Ländern und Gemeinden. Die innere politische Entwicklung zeige eine erfreuliche Konsolidierung. Die Reichsregierung werde fortfahren, diele innere Fühlung des deutschen Volkes mit dem Staate zu befestigen. Das Ziel sei Sammlung aller, die Positive Arbeit am Staat aus der Grundlage des heutigen Staates leisten wollen. Es sei zu begrüßen, daß sich, wie die Rede Silverbergs und ihre Aufnahme zeigten, auch in den Kreisen des Unternehmertums die Erkenntnis immer mehr durchsetze, daß eine befriedigende innerpolitische Situation nur erreicht werden könne, wenn die in der Sozialdemokratie zu- sammengeschlossenen Massen der arbeitenden Bevölkerung in verantwortlicher Staatsbejahung erhalten würden.
Die Michsvereinheitlichung.
Auf der Tagung des Republikanischen Reichsbundes spielte die Frage der Reichsvereinheitlichung eine besondere Rolle. Der ehemalige preußische Minister Heine wies darauf hin, daß es im Jahre 1919 in der Reichsregierung Bestrebungen gegeben habe, Preußen zu zerstückeln. Preußen habe sich aber dagegen gewandt. Bei der inneren Verwaltung wäre seinerzeit eine Vereinheitlichung vielleicht möglich gewesen. Aber dann hätte es sofort das Geschrei gegeben, das Reich werde verpreußt. Die Folge wäre die Abspkttterung Bayerns und die Herstellung der Mainlinie gewesen. Das habe unter allen Umständen vermieden werden müssen. — Reichskanzler a. D. Dr. Wirth führte dann aus, die Republikaner, die zum einheitlichen Reiche streben, müßten jetzt darauf achten, daß der Finanzausgleich im Laufe der Zeit nicht eine Gestalt bekomme, durch die die Idee der Einheit zugrunde gehe. Andererseits müßte vom Standpunkt der Vereinheitlichung des Reiches aus die Politik auch immer wieder dahin führen, daß im Rahmen der Einheit das eigene Leben bei einzelnen Länder gewahrt werde. — Oberbürgermeister Luppe betonte, daß die Reichsvereinheitlichung sehr aktuell sei. Ein großer Teil der kleineren Gemeinden käme finanziell in diesem Jahre vielleicht gerade noch so aus. Im nächsten Jahre aber werde ihre Lebensmöglichkeit ein Ende haben. — ScnatspräsidcM Dr. Großmann forderte den Übergang der Justiz aus das Reich und Schaffung einer volkstümlichen und verfassungsmäßigen Rechtspflege. In seinem Schlußwort gab Oberbürgermeister Luppe der Meinung Ausdruck, daß ihm das große Problem der Reichsvereinheitlichung noch nicht reif genug dafür erscheine, um das Fazit der Tagung in einer Resolution zu ziehen. Der Republikanische Reichsbund werde die erforderliche weitere Durcharbeitung des Problems in einzusetzenden Ausschüssen übernehmen.