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HersfelöerTageblatt

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Nr. 242 Freilag, den 15. Oktober 1926 76. Jahrgang

Jugend in Gefahr.

In der Berliner Polizeiausstellung befindet sich eine Abteilung derpolitischen Polizei", die außerordentlich interessantes Material über alle Mittel des politischen Kampfes enthält; dieser Kampf wird ja heutzutage nicht nur mit Wort und Bild und Schrift geführt, sondern all­zuoft mitschlagenden" Gründen oder gar mit Schieß- waffen. Man sieht in jener Abteilung also allerhand Waffen im Kampf dieser Art ausgestellt das schlimmste dabei ist aber, daß sie in der Hauptsache Jugendlichen abgenommen sind schwere Stöcke mit Eisenspitzen, Schlagringe nnd Totschläger, Handgranaten und Revolver. Es ist einfach nicht wahr, daß das Männergeschlecht, das im Feuer des Weltkrieges stand, die Scheu vor dem Leben des Mitmenschen verloren hat, die Jugend ist es, der nicht bloß der Knüppel und der Revolver bei derartigen Anlässen sehr lose sitzen. Die Zahl der Vergehen, Ver­brechen, ja gräßlichsten Taten von Jugendlichen steigt in immer drohenderer Weise. In Oranienburg mordet ein Fünfzehnjähriger, der allerdings über feine Jahre hin­aus entwickelt erscheint, in diesen Tagen hemmungslos drei Menschen. Es gelang, ihn in einem Restaurant zu fassen. Allzuviel passieren kann diesem Massenmörder ja nicht, denn die mögliche Höchststrafe von zehn Jahren Ge­fängnis läßt den Fünfundzwanzigjährigen wieder auf seine Mitmenschen los. Er ist ein Fürsorgezögling. Die Gerichtsverhandlung erst wird ergeben, wie es möglich war, daß dieser Knabe zum entsetzlichen Mörder wurde.

Ein Engländer hat einmal während des Krieges ge­sagt, die verheerende Wirkung der Hungerblockade werde sich in Deutschland erst dreißig Jahre nach Friedens­schluß deutlich an der körperlichen Verkrüppelung des dann herangewachsenen Geschlechts zeigen. Wohl kaum mit Recht; aber die seelische Verkrüppelung der Jugend von heute hat ein erschreckend weites Ausmaß erreicht, be­schränkt sich aber durchaus nicht auf die Jugendlichen jener Klassen, .die man als dieunteren" bezeichnet. Was die tssr-s»^

verdienens in den Notzeiten, die hernach kamen und allzu­oft das Familienleben geradezu zersprengten. Falsche Propheten traten auf und verkündeten der Jugend das Recht auf Schrankenlosigkeit, verspotteten alle moralischen und sittlichen Hemmungen die Folgen sind da.

Wir sind stolz, vielleicht allzu stolz auf unsere Jugend­pflege; gewiß, sie ist vorbildlich aber die bange Frage taucht auf, ob wir nicht dabei über dem Körperlichen das Seelische vergessen, vielmehr im Hinblick auf die wach­sende Zahl der jugendlichen Straftaten bis zum kalt­blütigen Mord hinauf alle Veranlassung haben, darüber nachdenklich zu werden, ob wir es wirklich so herrlich weit gebracht haben, wie wir es uns einbilden. Hart ist die Gegenwart, stets wird sie härter werden, erbitterter der Kampf um das Dasein. Da muß der Jugend gerade die seelische Widerstandsfähigkeit eingeflößt werden. Aber wenn die Sechsjährigen zu Straßendemonstrationen mit­genommen werden, wenn die Sechzehnjährigen nur noch von blutigen Boxkämpfen reden, wenn ein großer Ver­brecher als Held hingestellt, wenn unausgesetzt das Inter­esse angefacht wird für Schandtaten wie die eines Schrö­der in.Magdeburg, der sich als Mittelpunkt der Aufmerk­samkeit von Millionen fühlen konnte, dann kann das alles seine Wirkung auf die Jugend nicht verfehlen.

Gräßlich ist die Tat des Fünfzehnjährigen in Oranien­burg; wir Älteren müssen uns aber an die Brust schlagen, weil wir in dem Kampf des Tages gegeneinander den furchtbar ernsten Sinn des Wortes vergessen, daß, wer die Jugend hat, auch die Zukunft besitzt. Dieses Wort schließt die Pslicht in sich, uns um diese Zukunft zu sorgen.

*

Die kriminalistische Welle.

In einer Ansprache durch den Rundfunk teilte der Berliner Vizepolizeipräsident Dr. Friedens bürg mit, daß im Jahre 1923, dem Höhepunkt der kriminalisti­schen Welle, in Deutschland fast eine Million Personen wegen Verbrechen und Vergehen gegen die Reichsgesetze verurteilt wurden, gegen kaum 600 000 Personen im Jahre 1912, die dazumal bei einer größeren Bevölkerungszahl abgeurteilt werden mußten. Die Zahl der verurteilten Jugendlichen stieg im gleichen Zeitraum von 55 000 auf 90 000. Die Verhältnisse der Vorkriegszeit können noch längst nicht wieder als erreicht gelten.

Sie Mieter beim Voikswohlsahrtsmimster

Die Verwendung der Hauszins st euer.

Wie von dem Bund Deutscher Mietervereine E. V. (Sitz Dresden) mitgeteilt wird, hatten seine Vertreter eine mehrstündige Unterredung mit Minister Hirt- s i e f e r und den Sachreferenten des Volkswohlfahrts- ministeriums wegen der Htrtsieferschen Neubauvorschläge unter Erhöhung der Hauszinssteuer um 30 % öer Friedensmiete. Die Vertreter der Mieterschast haben eurem erhöhten Wohnungsbau zur Beseitigung von Woh- «ungsnot und Arbeitslosigkeit zugestimmt und aus Wege zur Beschaffung der Mittel Hingelviesen (Verwendung der gesamten Hauszinssteuer für den Neubau; Erhebung der Hauszinssteuer ohne Zwischengewinne für den Hausbesitz, Wertzuwachssteuer usw.) Diesen Vorschlägen gegenüber

Aufgaben de

1,6 Milliarden für soziale ZVeüe

Die Tagung des Deutschen Gewerkschaftsbundes.

Aus der in Nürnberg tagenden Herbstausschußsitzung des Deutschen Gewerkschaftsbundes sprach Neichsarbeits- minister Brauns über die Erfolge der während der letzten Jahre in Deutschland betriebenen Sozialpolitik. Der Minister betonte, daß wir vor g e w a l t i g e n Umwäl­zungen in der Volkswirtschaft und in der Weltwirtschaft stehen. Im Jahre 1925 sind nach Angabe Dr. Brauns' 1,6 Milliarden für soziale Zwecke ausgegeben worden, während der Gesamtetat des Reiches 7,1 Milliarden betrug.

Dr. Brauns kam in seinen weitere» Ausführungen auch auf die Frage der Lohngestaltung zu sprechen und führte hierbei aus: Betrachtet man das Problem der Lohngestaltung in seiner Gesamtheit, so wird man bald erkennen, daß eine schematische Regelung heute weniger denn je angebracht ist. Sie richtet sich ganz nach der Art, in welcher der Betrieb arbeitet. Es gibt also heute keine starre Linie der Lohngestaltung. Sich über die Grundsätze der Lohnpolitik zu verständigen und sie in der Praxis durchzuführen, ist in erster Reihe natürlich Aufgabe der Parteien selbst und muß es bleiben. ALer-

MHMnHERKMKEHSSOfflSMRKWnKBBn verwies der Minister aus die parlamentarische Lage. Die Mietervertreter haben auch gesetzliche Garantien dafür ge­fordert, das; die Hauszinssteuer der öffentlichen Hand für die Wohnwirtschaft erhalten bleibt und auch künftig nicht dem Hausbesitz als weitere unverdiente Rente zufließt. « Sie haben eine ausführliche Denkschrift in Aussicht gestellt.

Im Preußischen Landtag ist zur Frage der Verbilli- . ~U^u .ja^ MnsraW. Ün- gebracht worden:Der Zeitpunkt ist gekommen, wo von den jetzt noch zahlreichen Wohnungsnchenden die Mieten für die zu erbauenden Wohnungen in Anbetracht ihres Ein­kommens nicht mehr bezahlt werden können. Da die Preise für Baustoffe, Löhne usw. aller Voraussicht nach nicht zu senken sind, muß der Zinssatz für auszunehmende Hypotheken, außer der Hauszinssteuerhypothek, ver­ringert werden. Dieses kann geschehen, wenn ein Teil des Aufkommens der Hauszinssteuer dazu verwendet wird, die Zinsen, welche von Geldgebern verlangt werden, so­weit aus der Hauszinssteuer zu ersetzen, daß der Preis der neu hergestellten Wohnungen nicht wesentlich über die 100 % Vorkriegsmiete kommt. Die Staatsregierung wird gefragt, ob sie bereit ist, das Nötige zu veranlassen.

Französische ManzlommisM in Berlin.

Unter Führung des Ministerialdirektors Alphand ist eine französische Finanzkommission in Berlin eingetroffen,

um die in Thoiry beschlossenen wirtschaftlichen Verhand­lungen zu beginnen.

preußischer Landtag.

(210. Sitzung.) tt. Berlin, 14. Oktober.

In einer Erklärung außerhalb der Tagesordnung weist der Abg. Graf Garnier (Dtn.) die vom Abg. Franz (Soz.) erhobenen Vorwürfe zurück, daß er während der Abstim- mungswirren in Oberschlesien nur für seine persönliche Sicherheit besorgt gewesen sei. Ein Antrag des Abg. Pieck (Komm.), heute noch den kommunistischen Antrag des Abg. Pieck bung des Demonstrationsverbots für Berlin anläßlich der Verhandlungen über den Hohenzollernvergleich zu beraten, scheitert am Widerspruch sozialdemokratischer und demokra­tischer Abgeordneter.

Das Haus tritt in die Tagesordnung ein und lehnt zu­nächst die Einsprüche fast sämtlicher bet den Verhandlungen über die HohenzolternVorlage ausgeschlossener Kom­munisten gegen den Ausschluß als unbegründet ab. Es folgt die Beratung der vom Hauptausschutz zusammengefatzten

Erwerbslosenanträge.

Der Hauptausschutz empfiehlt u. a. die Annahme von An­trägen. wonach baldmöatichst die aevlante Erwerbslosenver-

Gorialpolitik dings hat auch der Staat die Möglichkeit, hier im Einzel­fall einzugreifen, speziell durch die B e r ü in d l i ch k e i t s- erklärung von Schiedssprüchen. Aber von diesem staatlichen Machtmittel dürfen wir nur mit großer Zurück­haltung Gebrauch machen, wollen wir nicht seinen Nutzen in das Gegenteil verkehren. Würde von der Einrichtung der Berbindlichkeitserklärung zu häufig Gebrauch gemacht, so wäre die Folge die Ertötung des Gefühls der Selbst- verantwortung der Parteien. Die Kraft der Gewerk­schaften würde dadurch geschwächt und auf die Dauer die gause Einrichtung des Schlichtungswesens gefährdet. Zum Schlüsse sagte der Minister: Deutschland kann auf seine Sozialpolitik stolz sein; wir nehmen da eine inter­nationale Führung ein. Die sozialpolitische Ein­stellung steckt dem deutschen Volke in den Knochen. Sozial­politik ist ein Stück deutscher Kultur und muß so gewertet werden.

Vor Dr. Brauns hatte der ehemalige preußische Ministerpräsident Reichstagsabgeordneter Dr. Sieger- Wald über das ThemaWirtschaftskrise und Arbeitnehmerschaft" gesprochen. Stegerwald Wies hierbei auf die Trustbildungen während der letzten Jahre hin, die alle eine riesige Macht darstellen. Der Redner betonte hierbei, daß wir noch weit entfernt von Wirtschafts- und Kulturdemokratie seien.

sicherung verabschiedet werden und die produktive Erwerbs­losenfürsorge in erweiterter Form als Notstandsarbeit von Reich, Staat und Gemeinden in Angiss genommen werden soll. Außerdem wird das Staatsministerium beauftragt, un­verzüglich im Anleihewege weitere 35 Millionen für die pro­duktive Erwerbslosenfürsorge auszubringen und ein ver­stärktes Wohnungsbauprogramm durchzuführen. In der all­gemeinen Aussprache meint

Abg. Rüffer (Dtn.): Wenn es nicht gelingt, die Wirt­schaft wieder gesund zu machen, wird auch der Kampf gegen die Erwerbslosigkeit vergeblich sein.

Abg. Schulz-Breslau (Komm.) polemisiert gegen die Ar­beitsdienst. (Zuruf bei den Deutschnation. Präsident Bar- tels ruft einen deutschnationalen Abgeordneten zur Ordnung.) Der Redner wirft den anderen Parteien Heuchelei in der Er­werbslosenfrage vor.

Abg. Wende (Soz.) betont, daß nur durch die Beschaffung von Arbeit den Erwerbslosen wirklich geholfen werden könne und meint, die Deutschnationalen sollten wirklich einmal ehr­lich sein und zugeben, daß die jetzige schwere Wirtschaftskrise ihre Ursachen nicht in dem Friedensvertrag von Versailles, son­dern in dem verlorenen Kriege finde.

Abg. Hartleib (Soz.) entwickelt das Programm der Sozial- demokraten für die Behebung der Erwerbslosigkeit und be­zeichnet die Arbeitslosigkeit als Folge des kapitalistischen Systems. Er fordert Verkürzung der Arbeitszeit und Stär­kung der Gewerkschaften sowie Steigerung des Solidaritäts­gefühls der Arbeiter.

Abg. Hoff (Dem.) erklärt die Zustimmung seiner Fraktion zu den Ausschußbeschlüssen und bezeichnet die deutschnationale Behauptung als richtig, daß die drückende Steuerpolitik für die Wirtschaftskrise mit verantwortlich sei.

Nachdem Abg. Schubert (Komm.) noch gefordert hatte, daß die Gewerkschaften auf dem Wege des Klassenkampfes sort- schreiten und so wieder zu wirklichen Arbeiterorganisationen werden sollten, wurde die Besprechung geschlossen und das Hans stimmte den Anträgen des Hauptausschusses mit großer Mehrheit zu. Es folgt die Weiterbesprechung

der Justizvorgänge in Magdeburg.

Abg. Müller-Franken (Wirtsch. Ver.) wandte sich gegen die immer wiederkehrende Behauptung von der parteipoli­tischen Einstellung des Richtertums und verurteilte das Vor­gehen Hörsings in Magdeburg.

Abg. Körner (Völk.) betont, die Flucht von Staatsbeamten in die Öffentlichkeit, wie sie im Magdeburger Fall erfolgt sei, bedeute keine Beruhigung, sondern eine Beunruhigung der Öffentlichkeit.

Staatssekretär Fritze teilt mit, daß die Staatsanwaltschaft nach dem Prozeß gemachten neuen Angaben nachgegangen sei. Bisher hätten diese Ermittlungen aber noch keinen Erfolg ge­zeitigt. Der Staatssekretär bezeichnet es als sehr schmerzlich, daß dem Justizministerium die Hände gebunden waren, in den Kompetenzkonflikt einzugreifen, weil der Untersuchungsrichter materiell im Unrecht war.

Abg. Dr. Bohner (Dem.) fragt, wie die Verwirrung mög­lich gewesen sei, insbesondere, wer die schon lange vorher zu­sammengetragenen Bausteine in dem Lügenbau dem Mörder in die Hand gespielt habe. Auch die Erklärungen des Ministe­riums durchdringen dieses Geheimnis nicht.

Die Anträge zu den Magdeburger Vorgängen sowie ein kommunistischer Antrag zu Erleichterungen für politische Ge­fangene in Kottbus werden dem Rechtsausschutz überwiesen. Es folgt die Besprechung des kommunistischen Antrags auf Einstellung der Renovierungsarbetten an der Berliner Siegcs- allee. Abg. Bartels-Krefeld (Komm.) begründet den Antrag, der darüber hinaus den Abbruch der Siegesallee als Not­standsarbeiten fordert. Abg. Meyer (Soz.) wendet sich gegen die Verwendung von Staatsgeldern in wirtschaftlich schwerer Zeit für Renovierungsarbeiten in der Stegesallee. Abg. Winkler (Dtn.) protestiert unter Zustimmung seiner Fraktions- frcunde gegen die Ausführungen des Abg. Barteis.

Das Haus vertagt sich darauf aus Freitag.

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Stürmischer Auftritt in der Wandelhalle des Preußischen Landtages.

Heute kam es in den Wandelgängen des Preußischen Landtages zu stürmischen Auftritten. Eine Deputation von Erwerbslosen, bei der sich vier Frauen befanden, kam von einer Wilmersdorfer Erwerbslosenversammlung in den Landtag und