Hersfelöer Tageblatt
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mit den Beilagen: Heimatschollen / Illustriertes - Anterhaltungsblatt / Nach Feierabenb / Herb unö Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.
Nr. 251
Dienstag, den 2. November 1926
76. Jahrgang
Das Zentrum in Erfurt.
Von unparteiischer Seite wird uns zu der großen Zentrumsversammlung in Erfurt geschrieben:
Als einzige von den größeren Parteien hat das Zentrum in diesem Jahre keinen ordentlichen Parteitag ab- gehalten, sondern sich mit der Tagung seines Reichsparteiausschusses begnügt, zu der allerdings sämtliche in der Partei tätigen Persönlichkeiten hinzugezogen waren und die am Sonntag in Erfurt stattfand. Überraschungen größerer Art hat diese Tagung nicht gebracht, schon deswegen nicht, weil der derzeitige Leiter der deutschen Politik ja der Vorsitzende der Zentrumspartei ist, demgemäß ohne weiteres aus die Zustimmung seiner Partei für seine Außen- und Jnnenpoltik rechnen kann.
Das Interesse außerhalb des Zentrums war hier wesentlich darauf gerichtet, welches die innenpolitischen Ausführungen des Reichskanzlers sein würden, zumal wir ja unmittelbar vor dem Zusammentritt des Reichstages und vor neuen innerpolitischen Auseinandersetzungen stehen. Wie würde sich das Zentrum entscheiden? Nach rechts oder nach links? Eine bestimmte Antwort darauf hat Dr. Marx nicht gegeben, wenngleich es nicht zu verkennen ist, daß ihm viel daran gelegen ist, im Reich die Große Koalition herzustellen. Dazu gehört die sozialdemokratische Unterstützung für sein Kabinett. Den Deutschnationalen machte Dr. Marx den Vorwurf, daß ihre Anerkennung des heutigen Staates und der heutigen Staatsverfassung eine lediglich äußere sei, aber von einem inneren Bekenntnis zu ihr sie sich entfernt halte. Ein inneres Bekenntnis betrachtet Dr. Marx aber als wesentliche Voraussetzung zur Arbeit im Staat. Marx glaubt, die Sozialdemokratie habe sich den praktischen Notwendigkeiten längst angepaßt, außerdem billige sie die Außenpolitik des jetzigen Kabinetts. Sollte sich aber auch ein Zusammengehen mit ihr nicht ermöglichen, so scheint Dr. Marx nach seinen Ausführungen auch weiterhin versuchen zu wollen, sich nur auf die bisherige Koalition zu stützen und sich gegebenenfalls die Hilfe von rechts oser VE lints zu goten,wo er sie- -stzn-vrt. ^WMMM^M
Dr. Wirth sprach über die Absichten der von ihm gegründeten Republikanischen Union, die das unbedingte Zusammenarbeiten mit den Parteien links vom Zentrum will. Es gab da eine nicht uninteressante Auseinandersetzung zwischen ihm und dem so anders eingestellten Landtagsabgeordneten von P a p e n, der es für nicht minder notwendig erklärte, die politischen Kräfte der Rechten zu nutzen. Er habe sich niemals gegen eine Zurückweisung der in der Sozialdemokratie zusammengeball- ten Teile der deutschen Arbeiterschaft gewandt. Nur will Der Teil des Zentrums, der hinter Herrn von Papen und seinen Freunden steht, von dem unbedingten Zusammenarbeiten mit der Linken wenig wissen. Doch weicht man hier einer Entscheidung aus, anscheinend auch in zitier anderen Frage, deren Beratung auf der Tagesord- nung stand, das war das Verhältnis zu dem „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold". Man hat sich damit begnügt, eine Entschließung anzunehmen, in der als Ziel bezeichnet wird, daß die Wahrung der Staatsautorität and die Verteidigung der Staatsform lediglich Aufgabe Der Staatsgewalt selbst ist. „Der Staat ist nun einmal im wesentlichen das Volk selbst. Alles, was vom Volke an Forderungen an den Staat erhoben wird, muß auch wieder vom Volk selbst ersetzt und getragen werden," äußerte Marx in seiner großen Rede. Dieser Gedanke kehrt auch in der Schlußentschließung wieder, zu der sich Die Tagung einmütig bekannte.
Ebenso einmütig, wie man in der Frage der Außenpolitik war, fand man einen gemeinsamen Boden auf dem Gebiete der Wirtschaftspolitik, doch begnügte man sich in der Hauptsache damit, die Fragen der deutschen Wirtschaftspolitik zu behandeln. Bemerkenswert war dabei, daß sich die Mittelstands- Interessen sehr stark in den Vordergrund schoben und zu einer langen Debatte sührten. Aber noch stärker beschäftigte man sich mit den Nöten des besetzten Gebietes, wo ja das Zentrum seine stärksten Wurzeln hat. Wenn man auch das Wirken Dr. Bells, des Ministers für die besetzten Gebiete, anerkannte, so fand doch die Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Lage unzweideutigen Ausdruck.
Das Echo der Tagung wird wohl das sein, daß sich in der Innenpolitik vermutlich gar nichts ändern wird. Überblickt man aber die Tagungen der drei größten bürgerlichen Parteien, die jetzt im Herbst vor sich gegangen sind, so muß man jetzt zum dritten Male feststellen, daß sich die in allen diesen drei Parteien vorhandenen inneren Widerstünde nach außen hin nach der Richtung hin entwickelt haben, daß die Führer dieser Parteien eine große, fast unbedingte Autorität in die Hände gelegt erhielten.
Entschließung zur Zentrumspolitit.
Unter großem Beifall wurde folgende Entschließung in Ersurt einstimmig angenommen: Die Zentrumspartei braucht nicht erneut zu versichern, daß sie zur Weimarer Verfassung steht und in der Deutschen Republik die Staatsform erblickt, auf deren Grundlage allein die Einheit und Unversehrtheit des Deutschen Reiches und der Wiederaufstieg des deutschen Volkes erreicht werden könne. Deshalb hält sie sich und ihre Angehörigen für verpflichtet, die Deutsche Republik innerlich zu stärken und zu festigen. Das _ unentbehrliche. Kundament
ÄWMto Mnw auf Mssolmi
Revolverschuß eines FvOehn- kW» aus den Duce.
Der Attentäter gelyncht.
Auf Mussolini ist bei der Rückfahrt von der Eröffnung des Kongresses für wissenschaftlichen Fortschritt in Bologna nach dem Bahnhof ein Attentat verübt worden. Ein junger Mann gab am Anfang der Via Jndipen- denza einen R e v o l v e r s ch u tz aus Mussolini ab, der unverletzt blieb. Der Urheber des Anschlags wurde unmittelbar nach dem Schuß von der Menge gelyncht. Mussolini setzte seine Fahrt nach dem Bahnhof fort, von
Mussolini.
wo er nach einer Rede vor den versammelten Offizieren in einem Sonderzug nach Forli erdreiste. Auf dem Bahnhof und während der Reise nach Forli war Mussolini Gegenstand enthusiastischer Sympathiekundgebungen der Bevölkerung.
Das aus Mussolini abgefeuerte Geschoß zerriß das Band des Großkordons des Mauritiusordens und die Uniform in Höhe der Brust, dann durchschlug es den einen Rockärmel des Bürgermeisters von Bologna, der Mussolini begleitete. Mussolini bewahrte seine Ruhe vollkommen, ließ einige Augenblicke sein Auto halten nur setzte dann seinen Weg dem Bahnhof zu fort. Auf dem
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der Deutschen Republik wie eines jeden Staates ist und bleibt christliche Sitte und Ordnung, gesundes Familienleben, Solidarität in Familien, Stand und Volk und strengste soziale Gerechtigkeit. Dieses in Wahrheit konservativen Geistes bedarf auch die Deutsche Republik. Diese und keine materialistisch oder individualistisch eingestellte Republik ist das Ziel des Zentrums. Die Partei erwartet von allen, denen diese Ideale heilig sind, eifriges Mitarbeiten am Aufbau der Deutschen Republik in diesem Geiste,
Für frühere Räumung des Rheinländer.
. Eine französische Stimme.
In einem ziemlich aufsehenerregenden Artikel spricht der bekannte außenpolitische Mitarbeiter des Pariser „Matin" über eine frühere Räumung der in Deutschland noch besetzten Gebiete. In Locarno hätten sieben Mächte durch Schiedsgerichts- und Sicherheitsverträge gegenseitige Garantien geschaffen. Es sei klar, daß die vier Hauptmächte Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Italien die Tragpfeiler dieser Politik seien. Sie müßten normalerweise durch ähnliche Pakte zwischen den Staaten Mitteleuropas, zwischen den baltischen Staaten und zwischen den Balkanstaaten vervollkommnet werden. Über den Verträgen ständen die materiellen Interessen. Diejenigen Frankreichs und Deutschlands legten ihnen gebieterisch nahe, sich zu verständigen, auch wenn die ersten Pläne gescheitert seien. Kali- und Eisenkartelle seien schon erzielt, ein Aluminium- und ein chemisches Kartell seien in Bildung. Andere industrielle Verständigungen würden willkommen geheißen und gäben eine sichere Basis für den tiefen Wunsch der beiden Länder, in Frieden zu leben.
Es sei klar, daß, wenn auf wirtschaftlichem Gebiet die Interessen beider Länder miteinander verbunden seien, wenn sich die Botschafterkonferenz durch die Berichte der Mjlitärkontrollkommission befriedigt erklärt habe, die Frage einer beschleunigten Räumung des Rheinlandes gestellt werden würde. Wenn nicht, dann würde die ganze Locarnopolitik sich selbst verurteilen, weil die, die die Ver
Bahnhofsplatz nahm er noch die Parade eines Matrosenbataillons und zahlreicher Milizoffiziere ab. Der Täter hat unmittelbar, nachdem es ihm gelungen war, die Absperrungskette zu erreichen, den Revolverschuß auf Mussolini abgegeben. Ein Karabiniere und mehrere Faschisten stürzten sich auf den Täter, der dadurch daran verhindert wurde, einen zweiten Schuß abzugeben. In dem Kraftwagen Mussolinis wurde die Kugel gefunden, welche auf ihn abgefeuert worden war. Der Leichnam des Täters wurde zum Polizeipräsidium gebracht.
Dsr ISÄrige Mimiaier.
Nach langwierigen Forschungen ist es der Polizei gelungen, die Persönlichkeit des Attentäters festzustellen. Es handelt sich um den 15jährigen Antemo Zaneboni, der der Sohn eines bekannten Typographen in Bologna ist. Nach den amtlichen Erhebungen weist die Leiche des Attentäters zahlreiche tiefe Dolchstiche und Spuren von Erdrosselung auf. Die rasche Identifizierung des Attentäters ist einem Zufall zu verdanken. Der Vater Antemo Zanebonis hatte dem Fünfzehnjährigen nur bis 5 Uhr abends erlaubt, auszugehen. Das lange Ausbleiben des Knaben beunruhigte die Familienangehörigen, die ihn am Sonntag bei seinen Freunden und den Orten, wo er sich sonst aufzuhalten pflegte, zu suchen begannen. Da alle Nachforschungen umsonst waren, begab sich der Vater auf die Polizei, wo er die Leiche seines Sohnes erkannte. Bei Mussolini sind zahlreiche Glückwünsche, darunter auch einer der Königsfamilie und des deutschen Botschafters, anläßlich der Errettung aus Todesgefahr eingegangen.
Das neue Kaschistsnahzeichen.
In ganz Italien ist der Tag der
Marsches der Faschisten auf Rom und damit der Einführung des faschisti
schen Regiments feierlich begangen worden. In zahlreichen Reden hat Mussolini die Verdienste des FaschiS- nus um Italien gefeiert und bei der Dieser Tage stattgefundenen Ein- weihung einer Eisenbahn ton Reggio Emilia nach dem Po betonte der Duce besonders, daß das faschistische Regime dank seiner greifbaren Leistungen in die Geschichte übergehen werde. Die Faschisten haben sich am vierten Gedenktage ihrer Revolution ein neues Abzeichen zugelegt, das das altrömische Lik- torenbündel (ein Rutenbündel mit Dem Beil) darstellt, an dessen Außenseite das Bildnis ihres Führers Mussolini der Außenwelt gezeigt wird.
träge unterzeichnet hätten, den Beweis lieferten, daß sie ihre Wirksamkeit selbst in den ersten Jahren ihres Bestehens anzweifelten.
LandtagsivMen in Sachsen.
Ruhiger Verlauf der Wahl.
In Sachsen haben am Sonntag die Neuwahlen zum Landtag stattgefunden, die im großen und ganzen ruhig verlausen sind. Nach dem von der Sächsischen Staatskanzlei ermittelten amtlichen Wahlergebnis wurden im ganzen 2 357 699 gültige Stimmen abgegeben. Von den einzelnen Parteien Haben erhalten die Alte Sozialdemokratische Partei Sachsens 98 026, Deutschnationale 341 065, Deutsche Volkspartei 292 079, Sozialdemokratische Partei 758 142, Kommunisten 342 112, Demokraten 111 351, Wirtschaftspartei 237 462, Völkischsoziale Arbeitsgemeinschaft 10 382, Zentrum 24 059, Nationalsozialistische Arbeiterpartei (Hitler) 37 736, Reichspartei für Volksrecht und Aufwertung 98 258, Reichsverband der Haus- und Grundbesitzervereine 7027 Stimmen.
Die Mandate verteilen sich wie folgt: Alte Sozialistische Partei Sachsens 4, Deutschnationale 14, Deutsche Bolkspartei 12, S. P. D. 31, Kommunisten 14, Demokraten 5, Wirtschaftspartei 10, Nationalsozialistische Arbeiterpartei 2, Aufwertungspartei 4. Im bisherigen Landtag, der 1922 gewählt wurde, waren die Parteien folgendermaßen vertreten: 19 Deutschnationale, 19 Deutsche Volksparteiler, 8 Demokraten, 40 Sozialdemo- kraten und 10 Kommunisten. Sozialdemokraten und Kommunisten hatten also eine Stimme über die absolute Mehrheit, die bei 96 Stimmen 49 beträgt
Auch bei der letzten Wahl haben die sozialistischen Parteien mit zusammen 49 Stimmen den bürgerlichen Parteien gegenüber, die 47 Stimmen erhielten, die absolute Mehrheit erhalten. Es ist aber sehr fraglich, ob diese Mehrheit praktisch in Erscheinung treten wird, da sich nicht nur Sozialisten und Kommunisten feindlich gegenüber- ^e§en, sondern auch die Sozialdemokraten untereinander