HersfWer Tageblatt
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Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Mzeiger für den Kreis hersfelS
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mit öen Beilagen: Heimatschollen / Illustriertes Anterhaltungsblatt / Mach Fereeabenö / Herb und Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.
Nr. 263
Dienstag, öen 9. November 1926
76. Jahrgang
Deutsch-englischer KohlenwetibewerS
Mehr als sechs Monate hat der englische Bergarbeiterstreik gewährt und dem Wirtschaftsleben dieses Landes ganz außerordentlich tiefe Wunden geschlagen. Es ist der größte und längste Streik, den England je gesehen hat; daß er jetzt zu Ende ist, erkennt man vor allen Dingen daran, daß an den deutschen Seeplätzen englische Kohle bereits wieder angeboten wird, lieferbar vier Wochen nach Beendigung des Streiks. Denn der Streik liegt in den letzten Zuckungen. Die Unterstützung von feiten der Ge- werkschaften anderer Länder, vor allem von Rußland her, vermag das bittere Ende nicht aufzuhalten. Bitter — denn die englische Wirtschaft wäre vielleicht für die Zukunft besser gefahren, wenn die Arbeitgeberseite den Streik verloren hätte. Dann hätte die Notwendigkeit, im englischen Bergbau einen rationellen Betrieb einzuführen, die Modernisierung des Bergbetriebes erzwungen; dann hätte sich die Notwendigkeit durchgekämpft, Bergwerke still- z u l e g e n, die nicht rentabel sind und nicht rentabel werden können, wie es in Deutschland geschehen ist. Bitter ist es auch für den englischen Bergarbeiter, nachgeben zu müssen; denn die Forderungen, derentwegen er am 1. Mai in den Streik trat, hat er nicht erkämpsen können. Ebensowohl wie die Herabsetzung der Löhne nicht hat ausgehalten werden können, ist die zweite Forderung der Bergarbeiter, Tarifverträge distriktsweise abzuschließen, nicht erfüllt worden. Auch die dritte Forderung, die verkürzte Arbeitszeit, konnte nicht erzwungen werden.
Für Deutschland war der englische Bergarbeiterstreik ein Geschenk. In einer Zeit, wo der Kohlenabsatz Deutschlands an und für sich schon sehr schwierig war, zudem im Sommer, wo der Binnenmarkt immer schwach ist, hat die Kohlennot es ermöglicht, Millionen von Tonnen deutscher Haldenbestände abzustoßen, sonst nicht mit Vorteil zu bearbeitende Kohlengruben in Betrieb zu erhalten ■■r*wr>t>er toterer tn Betrieb zu setzen, eine Kohlenförderung zu erreichen, die größer ist als in der Vorkriegszeit, Bergarbeiter in einer Zahl zu beschäftigen, daß angeblich Mangel an gelernten Bergarbeitern besteht.
Wenn nun der englische Bergarbeiterstreik vorbei ist, wenn englische Angebote für Kohlen im sog. bestrittenen Gebiet erfolgen, freilich vorläufig noch zu einem Preise, der vorn deutschen Kohlensyndikat weit unterboten werden kann, so zeigt das, daß sich die Dinge in zwei, drei Monaten wieder zurechtziehen werden, d. h. die englische Konkurrenz ihre frühere Stellung wieder einnehmen wird. Leicht werden die Verhältnisse sich nicht ordnen, und es gehört zum deutsch-englischen Wirtschaftsprogramm, das vor kurzem Gegenstand eingehender Besprechungen her vorragender deutscher und englischer Wirtschaftspolitike war, nun Mittel und Wege zu finden, um dem wilden Wettbewerb ein Ende zu bereiten. Ein Kohlenabkommen zwischen den beiden wichtigsten kohlenerzeugenden Ländern Europas liegt in der Luft. Von deutscher Seite sind schon seit längerem entsprechende Anregungen erfolgt, haben aber auf englischer Seite nicht auf Gegenliebe gestoßen. Auch wenn die englischen Bergunternehmungen in diesem sechs Monate währenden Kampfe anscheinend gesiegt haben, so tragen sie doch derartige Wunden, daß sie jetzt wohl geneigter sein werden, sich mit der deutschen Konkurrenz zu einigen. Mit Frankreich haben wir ein verartiges Abkommen, das nur getrübt wird durch die Kohlenlieferung auf Grund der Reparationsverpflichtung. Das neueste Saarabkommen beweist, daß auch auf Dem Gebiete der eisenschaffenden Industrie derartige Übereinkommen möglich sind. Das Ziel ist, sich über die Teilung der Absatzgebiete zu einigen. Deutschland will wieder zu dem kohlenausführenden Lande werden, das es vor dem Kriege war. Damals konnten wir 50 % unserer Produktion in das Ausland verkaufen. Ein großer Teil der damaligen Produktionsgebiete ist uns entrissen worden. Aber immer noch ist neben dem Kali die Kohle Der einzige Rohstoff, den wir im Überfluß haben. Seit Dem Jahre 1922 haben wir wieder mehr an das Ausland ausgeführt als wir an Kohle einführten. Das Ende des englischen Bergarbeiterstreiks wird dazu führen, daß wirtschaftlich schwache deutsche Erzeuger nicht mehr mitkomwen können, vielleicht manche Gruben stillgelegt werden, die bis jetzt noch am Leben erhalten wurden. Aber organisatorisch und betriebstechnisch hat die deutsche Kohlenwirt- schaft Kraft gesogen aus dem Daniederliegen der englischen Kohlenförderung, und diese Kraft kann sie einsetzen bei Der Verständigung mit den Engländern in einer näheren oder ferneren Zukunft.•
Griechenland für die Repnblik.
Ruhiger Verlauf der Wahlen.
Unter großen Sicherheitsmaßnahmen haben in ganz Griechenland Neuwahlen für die Kammer stattgefun- den. Diese Wahlen stellen einen Versuch des gegenwärtig an der Spitze des Landes stehenden Generals Kondylls dar, das diktatorische Regime des von ihm gestürzten Generals Pangalos zu liquidieren und dem Land wreder eine verfassungsmäßige Regierung zu geben. Der Wahlkampf spielte sich in der Hauptsache zwischen Anhänger»
Krisis in der Erserbsfofenfrage
Die Regierung lehnt die Reichstags- beschlüffe ab.
(229. Sitzung.) CB. Berlin, 8. November.
Die Beratung der Anträge zur Erwerbslose,rfür- ^^e.wird fortgesetzt.. Der Hauptausschuß hat die gegen den Willen der Regierungsparteien im Sozialpolitischen Ausschuß gefaßten Beschlüsse über den unbegrenzten Fortbezug der Unterstützung und die Einbeziehung der Jugendlichen usw. abgelehnt. Der Antrag des Hauptausschusses beschränkt sich aus die von den Regierungsparteien vorgeschlagene Erhöhung der Unterstützungssätze von 10 und 15 % und aus den vollen Zuschuß für das vierte Kind. Die Regierungsparteien haben in einem Antrag den von. Sozialpolitischen Ausschuß abge- lchnten Vorschlag ausgenommen, wonach int Wege einer Krisen- fiirsorge den Ausgesteuerten bis zum 31. März 1927 die Unterstützung weitergezahlt werden soll. Die Lasten der Krisenfür- sorge sollen zu % vom Reich, zu ,z ^on bet Gemeinden getragen werden. Nach einem WeH a Anträge aer Regierungs- -arteien sollen die Gemeinden Mitteln der Erwerbslosen- ürsorge die Beiträge zur Jnv ,en-, Angestellten- und Knapp- chaftsversicherung entrichten, e zur Erhaltung der Anwart- chaften erforderlich sind.
Abg. Giebel (Soz.) trat ih den sozialdemokratischen Antrag ein, wonach der Besitz n Hausrat eines kleinen Eigenheims oder eines ländwir haftlichen, handwerklichen oder gewerblichen Zwergbetriebs nicht zur Verneinung der Bedürftigkeit führen dürfte.
Abg. Nädl (Komm.) beamr. .llständige Aufhebung der Pflichtarbeit und der Bedürfngteusprüfung.
Anträge der Parteien.
Ein Antrag der Regierungsparteien ersucht die Reichs- regteruttg, für die durch die Erhöhung der Unterstützung ent- ftehenbeuJW^nben^ messenen Lauschbetrag zur Verfügung zu stellen.
Avg. Frau Schröder (Soz.) verlangte die Einbeziehung der Jugendlichen in die Erwerbslosenfürsorge.
Die Regierungsparteien ersuchen weiter die Regierung in einem Antrag, die berufliche Ausbildung, Fortbildung und Anpassung der Erwerbslosen, insbesondere der Jugendlichen, mit verstärkten Mitteln zu fördern. Eine Entschließung der Sozialdemokratie verlangt für den Rest des Etatsjahres die Bereitstellung von 1,5 Millionen als Härteausgleich für die besonders belasteten Gemeinden. Damit schloß die Aussprache.
Annahme der foziawemokraüschen ErwerbsSosenanträge.
Die kommunistischen Anträge werden gegen die Stimmen der Antragsteller abgelehnt. In namentlicher Abstimmung wurde dann der sozialdemokratische Antrag, der die Unterstützungssätze um 30 %, die Familienzuschläge um 20 % erhöhen will, mit 205 gegen 141 Stimmen bei 8 Enthaltungen angenommen. Dafür stimmten neben den Sozialdemokraten auch die Deutschnationalen, die Kommunisten und die Völkischen. Die Mitteilung des Abstimmungsergebnisses wurde von den Kommunisten mit lauten Beifallsrufen ausgenommen.
Ablehnung durch die Regierung.
Reichsarbeitsminister Dr. Brauns erhob sich und erklärte, die Reichsregiernng habe natürlich zu diesem Beschluß noch keine Stellung nehmen können. Er sei aber von den
des Königsgedankens und Republikanern ab, ging also zu gleicher Zeit auch um die Staatsform.
Die Wahlen sind im ganzen Lande in vollkommener Ordnung und völliger Ruhe verlaufen. Die Wahlbeteiligung war außerordentlich stark. Nach einer amtlichen Mitteilung hat der republikanische Block bei den Wahlen 65 Prozent aller Sitze im Parlament erobert. Die Mehrheit der Wähler hat sich also für die jetzt bestehende republikanische Staatsform ausgesprochen.
Ministerpräsident Koudylis richtete an die Volksmenge eine Ansprache, in der er das griechische Volk zu dem Sieg der Republikaner beglückwünschte. „Da wir wußten," sagte Kondylis, „daß dieser Kampf der endgültige und entscheidende für das Regime sein wird, hatten wir den * Monarchisten jede Möglichkeit gegeben, ihre Agitation frei zu entfalten. Sie haben davon denn auch umfassenden Gebrauch gemacht. Aber jetzt, nachdem vas Volk seinen Urteilsspruch gefällt hat, werden wir in Zukunft nicht mehr erlauben, daß noch jemand die F r a g e d e s R e g i m e w e ch s e l s a u f w i r s t." Kondylis schloß mit den Worten: „Es wird von Ihnen abhängen, ob unser großer Führer Venizelos in das Land zurückgerufen werden soll."
Garihaldis GeMdNUe.
Neuer englisch-französischer Protest.
Die Affäre des von der französischen Polizei in Gewahrsam genommenen faschistischen Spitzels Garibaloi hält die französische Öffentlichkeit weiter in Spannung. Die Pariser Polizei hat Garibaldi mehreren Verhören unterworfen mib ihn dem von ihm für ein Mussolini- Attentat gedungenen Italiener Scivoli gegenübergestellt. Wie der „Petit Parisien" mitteilt, hat Garibaldi eingestanden. 400 000 Lire erhalten zu haben, um als Agent des
anwesenden Regterungsvertretern zn der Erklärung ermächtigt, daß auf Grund der bisher über diesen Gegenstand gepflogenen Verhandlungen wahrscheinlich nicht die Möglichkeit für die Reichsregiernng besteht, diesen Beschluß durchzuführen. (Bewegung und Zwischenrufe bei den Kommunisten.)
Abg. Graf von Westarp (Dtn.) erklärt u. a., die Regierung und die Regierungsparteien seien den Sozialdemokraten immer weiter entgegesigekommen. Sie wollten offenbar mit wechseln-, den Mehrheiten die Vorlage machen. Unter diesen Umständen) hätten die Deutschnationalen durch ihre Abstimmung den Sozialdemokraten Gelegenheit gegeben, zu zeigen, ob sie praktische und parlamentarische Folgerungen aus der Annahme der Anträae. rieben wollten.
Graf Westarp (Dtn.): Meine Partei wird sich bei den übrigen Abstimmungen der Stimme enthalten und in der Schlußabstimmung gegen die ganze Vorlage stimmen.
Abg. Hoch (Soz.) erklärte, seine Freunde hätten lediglich die Erwerbslosen nicht unter der Hinterhältigkeit der deutschnationalen Taktik leiden lassen wollen.
Abg. Stärker (Komm.) hält es für selbstverständlich, daß die Deutschnationalen nun auch die nötigen Mittel bewilligen würden.
Präsident Löbe erklärte, daß es hier gar keine Schlußabstimmung gäbe, denn eS handele sich um gar keinen Gegensatz sondern um unrein Ersuchen an die Regierung, dem diese ganz oder teilweise entsprechen könnte.
Abg. Esser (Ztr.) bedauerte, daß diese Frage, an der die Ärmsten der Armen aufs stärkste interessiert seien, von rechts und links parteipolitisch ausgenutzt worden sei.
Abg. Gras Westarp (Dtn.) meinte, feine Partei habe mit ihrer Abstimmung den Erfolg gehabt, die verlogene Agitation der Sozialdemokraten zu entlarven.
Präsident Löbe rügte diesen Ausruf.
Abg. v. Guerard (Ztr.) beantragt, die Beratung abzu- brechen. Bei der Abstimmung über diesen SÄntrag, für den die Regierungsparteien stimmten, enthielten sich die Deutschnatio-
Asriagung abgelehnt.
Im Hammelsprung wurde darauf der Antrag bei 52 Enthaltungen mit 140 gegen 140 Stimmen, also mit Stimmengleichheit, unter großer Heiterkeit der Opposition abgelehnt. Bei den weiteren Abstimmungen gelangen mehrere der im Sozialpolitischen Ausschuß gegen die Regierungsparteien beschlossenen Anträge mit den Stimmen der Socialdemokraten, Kommunisten und Völkischen bei Stimmenthaltung der Deutschnationalen zur Annahme. Ein Antrag Leicht (Bayer. Vp.) auf Zurückverweisung der Angelegenheit an den Ausschuß wurde mit 149 gegen 138 Stimmen bei 27 Enthaltungen abgelehnt.
Darauf verließen die meisten Mitglieder der Regierungsparteien den Saal.
Auf Ersuchen des Abg. Dr. Scheffer (Ztr.) stellte bei Präsident fest, daß nur 230 Abgeordnete im Saal seien, das Haus also beschlußunfähig sei. Der Präsident beschloß, bevor die weiteren Abstimmungen zur Erwerbslosenfürsorge erledigt werden konnten, auf zehn Minuten später eine neue Sitzung einzuberufen, auf deren Tagesordnung nicht mehr die Erwerbslosenfürsorge steht.
In der zweiten Sitzung wurden die Verträge mit Finn- land, Lettland, Frankreich und mit der Schweiz ohne Debatte dem Auswärtigen und dem Handelspolitischen Ausschuß über Wiesen. Ein deutschnationaler Antrag über Steuerstundung für die Landwirtschaft ging an den Steuerausschuß.
Nächste Sitzung Dienstag.
bisherigen italienischen Ministers des Innern in Frankreich zu wirken. Wie Garibaldi betonte, sollte er nicht Lockspitzeldienste tun, sondern nur dem italienischen Innenministerium Informationen zugehen lassen.
Garibaldi hat bei seinem Verhör weiter zugegeben, in der Zeit vom 14. bis 18. Oktober in Paris gewesen zu sein und mit höheren italienischen Polizeibeamten eine lange Unterredung gehabt zu haben. In dieser Besprechung wurde beschlossen, daß Scivoli nach Italien fahren sollte, um den italienischen Republikanern Briefe und durchgerissene Postkarten zu übermitteln, die als Erkennungszeichen bei einer gleichzeitig mit der katalonischen separatistischen Bewegung abzuhaltenden Versammlung von Republikanern dienen sollten. Die dann benachrichtigte italienische Polizei hätte mit einem Schlage die führenden Republikaner Italiens, die nach einem bestimmten Punkt zusammengerufen worden seien und sich ohne Argwohn dort hinbegeben Hütten, fest- nehmen lassen können. Schließlich hat Garibaldi eingestanden, mit dem Führer der katalonischen Separatisten, Oberst Maria, zusammengetroffen zu sein. Von der Polizei wurde erklärt, daß man Garibaldi nicht unter Anklage stellen könne, da er sich keines Vergehens gegen das fran-. zösische Strafgesetz schuldig gemacht habe. Dagegen sei es wahrscheinlich, daß er aus Frankreich ausgewiesen werde.
Die französische Presse aller Parteirichtungen äußert sich einmütig entrüstet gegen das Vorgehen des italienischen Innenministeriums. Das „Echo de Paris* verwahrt sich dagegen, daß Italien weiterhin Frankreich für die Attentate gegen Mussolini verantwortlich mache und ruft sarkastisch aus: „Zum Teufel, wir haben doch den Exportartikel Attentäter nicht auf Lager!" Der „Quoti- bien" glaubt zu wissen, daß Frankreich und England eine gemeinsame Pr o test aktiv n in Rom gegen die Ausnahmegesetze Mussolinis unternehmen werden.