Reisfelder Tageblatt
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tzersfelöer Kreisblatt
: 5p / F * — r * - i 0.80Reichs-Mark.»Druck und Verlag von Ludwig :
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mit den Beilagen: Heimatschollen / Illustriertes Anterhaltungsblatt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Anterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.
Nr. 16
Donnerstag, den 20. Januar 1027
77. Jahrgang
Deutsch türkische Freundschaft
Kemaleddm Pascha über Deutschland
Unterhaltung mit dem türkischen Botschafter in Berlin.
Vor einigen Tagen ist in Angora der Ende Oktober des vorigen Jahres paraphierte deutsch-türkische Handels- und Niederlassungsvertrag unterzeichnet worden. Während der Handelsvertrag auf dem Grundsatz der Meistbegünstigung und der Gleichberechtigung mit den eigenen Staatsangehörigen ausgebaut ist, geht der Niederlassungsvertrag von dem Grundsatz der Gegenseitigkeit aus und behandelt im üblichen Rahmen die Niederlassung, die Berufsausübung, den Erwerb von beweglichem und unbeweglichem Eigentum, Die Anerkennung und die Zulassung von Gesellschaften. Außerdem enthält er besondere Bestimmungen über die Besteuerung und den freien Zutritt zu den Gerichten. Die Vertragsdauer ist auf zwei bzw. drei Jahre bemessen. Nach Ablauf dieser Fristen gelten die Verträge, falls keine Abänderung beschlossen wird, für eine unbestimmte Zeit weiter. Die Kündigungsfrist ist eine halbjährliche.
Schon seit der Eroberung von Konstantinopel und seit der Besitzergreifung in Europa, d. h. seit dem Ende ves 15. Jahrhunderts, stand die Türkei in mannigfachen Beziehungen zu den Nationen des Westens. Nur mit Deutschland sind die Beziehungen und Anknüpfungen, besonders auf wirtschaftlichem Gebiet, erst jüngeren Datums. Das liegt daran, daß die einzelnen deutschen Territorialwirtschaften erst nach der Zollunion und nach der Reichsgründung, also nach dem 18. Januar 1871, den Zusammenschluß zur einheitlichen deutschen Volkswirtschaft fanden. Der hiermit Hand in Hand gehende beschleunigte Prozeß der Industrialisierung gab Deutschland „^j&tJMKAÄ «iM«u e» geraseM zu r weltwirtschaftlichen Betätigung. Das Auge des deutschen Einkäufers und Exporteurs richtete sich sehr bald auf Kleinasien und das an Rohstoffen reiche, für den deutschen Absatz außerordentlich günstige Türkische Reich. Das freundschaftliche Verhältnis zwischen dem deutschen und- dem türkischen Volke wurde durch die gemeinsame Stellung im Weltkriege und die schicksalsschwere Rachkriegsepoche noch vertieft. Darum können wir den mit Beginn dieses Jahres zustande gekommenen Freund- schastsvertrag, um den sich die Regierungen beider Länder aber zwei Jahre hindurch bemüht haben, mit Freude begrüßen.
Der türkische Botschafter in Berlin, Exzellenz K e m a l- eddin Sami Pascha, empfing unseren Berliner Mitarbeiter mit aufrichtiger Genugtuung über das Zustandekommen der paraphierten Vereinbarungen und sagte dabei ungefähr folgendes:
„Der deutsch-türkische Handelsvertrag ist nach der nationalen Befreiung der Türkei das erste Abkommen, welches die Türkische Republik mit einer Großmacht auf der Grundlage völliger Gleichberechtigung und Gegenseitigkeit abgeschlossen hat. Sie missen, mit welchen herzlichen Gefühlen der Freundschaft das türkische dem deutschen Volke gegen- übersteht. Beide Nationen haben heroisch für ihre nationale Freiheit gesümpft. Sie sind schließlich nach mehrjährigem heißen Ringen einer allzu großen feindlichen Übermacht unterlegen. Durch die Friedensverträge sind schließlich beide Völker ungerecht behandelt und durch ungeheure Lasten bedrückt. Was für eine schöne Genugtuung können wir gerade darum bei dem Zustandekommen des deutfch-1 ürkischen Gegenseitigkeitsvertrages empfinden. Er gewährt Deutschland sämtliche Vorteile, die teils aus eigenem Recht, teils auf Grund der Meistbegünstigung anderer Nationen gewährt werden. Auf Grund des Artikels 10 des Internationalen Abkommens zur Vereinfachung von Zollförmlichkeiten ist darüber hinaus dem Deutschen Reiche .von der Türkei die zollfreie Wiederausfuhr von Mustern eingeräumt werden."
Auf die Frage, welche Weiterungen der türkische Botschafter über die Regelung der deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen hinaus durch den Vertrag in der Folge der künftigen Beziehungen sieht, gibt Kemaleddin Samt Pascha der Hoffnung Ausdruck, daß nun auch die Kapitalbeteiligung deutscher Firmen in der Türkei gefördert wird. Die aufstrebende türkische Volkswirtschaft brauche zur vollkommenen Ausnutzung der ihr zugrunde liegenden Landesschätze Kapital. England, Amerika oder Frankreich geben dasselbe nur gegen politische Konzessionen. Die Aufrechterhaltung und Sicherung der erkämpften nationalen Freiheit ist aber das größte und höchste Ziel der Türkischen Republik. Dieses Ziel werde die Türkei niemals aufgeben. Der Botschafter fuhr fort:
„Der Grund dafür, daß wir mit dem Deutschen Reiche als erster Großmacht nach Wiedererlangung unserer Souveränität zum Abschluß eines Gegenseitigkeitsvertrages kamen, ist nicht zuletzt darin zu suchen, daß Deutschland nur rein wirtschaftlich an der Türkei interessiert ist und für seine Kapitalinvestitionen keine politischen Pfänder fordert. Außer der Geltendmachung ihres hervorragenden Organisationstalentes und ihrer kaufmännischen Begabung haben es die Deutschen verstanden, das Land in friedlicher Arbeit mit dem Vertrauen auf ihre ehrlichen Absichten z« durchdringen."
Der internationale Handel der Türkei liegt zurzeit noch in sehr hohem Maße in den Händen fremdländischer Aufkäufer und die tiirkischen Erzeugnisse finden ihren Weg nach Deutschland darum erst über den fremden Zwischenhändler. Die türkische Regierung weiß, daß eine große Erleichterung und Belebung des Handels durch Beseitigung des Zwischenhandels herbeigeführt würde, die die dem türkischen Volke unliebsamen Elemente vom Güteraustausch mit dem Auslande ausschließt. Darum haben es sich die führenden Männer der Türkischen Republik zum vornehmsten Ziel der nationalen Wirtschaftspolitik gemacht, den Handel rein türkischen Händen zu übertragen. Der Erreichung dieses Zieles diente u. a. auch die im Sommer vorigen Jahres alle bedeutenden europäischen Häfen besuchende „Schwimmende Messe". Es ist zu erwarten, daß der deutsch-türkische Handelsvertrag an seinem Teil ebenfalls zur Verwirklichung dieses Zieles beiträgt; denn die deutsche Volkswirtschaft kann natürlich kein Interesse daran haben, mit dem zu erwartenden erhöhten wirtschaftlichen Austausch von Rohprodukten und Jndustrieerzeugnissen fremde Zwischenhändler zu bereichern.
Der deutsch-türkische Gegenseitigkeitsvertrag bedarf noch der Zustimmung der gesetzgebenden Körperschaften und tritt einen Monat nach Austausch der Ratifikationsurkunden, der in Berlin stattfinden wird, in Kraft.
H. R. Fr.
Das neue Wappen der Türkei.
Bei dem vom türkischen Unterrichtsministerium ausgeschriebenen Wettbewerb für einen Entwurf des neuen tür- kisch?,! J&a&e&S («MiXUJS^^fe .MM--MM Sein Entwurf zeigt auf einem roten Schild den weißen Halbmond mit dem Stern, darunter den aus der Legende des Oghus
Khan stammenden Wolf, der auf einer Lanze schreitet. Der Schild ist links von einer Ährengarbe, rechts von einem Eichenblattgeflecht umrahmt. Die Spitze des Schildes ruht auf einer Plakette mit den Anfangsbuchstaben der Worte „Türkische Republik", während aus der eingebuchteten oberen Kante des Schildes eine Fackel auflodert, die das Vertrauen des türkischen Volkes auf seine Zukunft versinnbildlichen soll.
Die deutsche Reichswehr.
Eine Rede Dr. Stresemanns.
Bei einer Reichsgründungsfeier des Reichsklubs der Deutschen Volkspartei hielt der Parteivorsitzende, Reichs- außenminister Dr. Stresemann, eine Rede, in der er auf die Frage der Reichswehr zu sprechen kam. Seine Äußerungen sind um so bedeutsamer angesichts des innenpolitischen Kampfes um das Heer. Dr. Stresemann sagte u. a.:
Unser Gruß an diesem Tage gilt der Reichswehr und der Reichsmarine. Man hat den Weltkrieg im Namen der Demokratie gegen uns geführt und das Beste wahrer Vaterlandsdemokratie zerstört: das deutsche Volksheer, die alte Armee. An ihre Stelle trat die Reichswehr. Dank ihr für entsagungsvolle, aufopfernde Arbeit! An die Parteien die Mahnung: Hände weg von der deutschen Reichswehr. (Stürmische Zustimmung!) Die Reichswehr wird um so volkstümlicher sein, je mehr sie alle Teile des deutschen Volkes umfaßt. Wir wollen keine rechte und keine linke, sondern eine deutsche Reichswehr. (Stürmischer Beifall!)
Weiter betonte Dr. Stresemann, daß sich das Nationale durchsetzen werde, je weniger es mit dem Gedanken des Reaktionären verbunden sei. Die Bedeutung einer Partei liege nicht in ihrer Größe, sondern im Wert ihrer
Persönlichkeiten und in ihrem Geiste. Sie liege vor allem in dem Grade ihres Verantwortungsbewußtseins. Mag die Partei leiden, wenn das nur dem Vaterlande nützt! Hindenburg ist ein hohes Vorbild der Verbindung vom alten zum neuen Staat. National sein, heißt nicht, sich an Phrasen berauschen, sondern nüchterne Tagesarbeit leisten.
Nr. Marx beim Reichspräsidenten.
Vor der Entscheidung.
Reichspräsident von Hindenburg hat am Mittwoch den geschäftsführenden Reichskanzler Dr. Marx empfangen, Der ihm einen überblick über den jetzigen Stand der von ihm geführten Verhandlungen zur Bildung einer neuen Reichsregierung gab.
Vor Beginn der Reichstagssitzung fiiü> fast sämtliche Fraktionen des Reichstages zusammengetreten, um zur Lage Stellung zu nehmen. In den Fraktionssitzungen der Sozialdemokraten und der Deutschen Volkspartei erstatteten die Vorsitzenden, die Abgeordneten Müller- Franken von den Sozialdemokraten und Dr. Scholz von der Deutschen Volkspartei, ausführlich Bericht. Die sozial- demokratifche Reichstagsfraktion faßte nach längerer Beratung folgenden Beschluß:
Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion hat keine grundsätzlichen Bedenken, eine Regierung der Mitte zu unterstützen. Die endgültige Entscheidung der Fraktion kann aber erst erfolgen, wenn das Programm und die Zusammensetzung der Regierung bekannt sein werden.
In der Sitzung der Zentrumsfraktion wurden Beschlüsse nicht gefaßt. Dagegen hat der Vorstand der Zentrumspartei eine Mitteilung veröffentlichen lassen, die besagt, daß das Zentrum mit besonderem Nachdruck die tH^engeir ^itttjto MGmrdekomme» eitw Regierung der Mitte fortsetzt. Alle gegenteiligen Ausstreuungen seien durchsichtige Tendenzmeldungen.
Ob die Regierung der Mitte zustande kommen wird, wird also nunmehr von den Beschlüssen der Deutschen Volkspartei abhängen. Wie es heißt, hat Dr. Scholz für seine Person dem Reichskanzler gegenüber nochmals seine Bedenken wiederholt, die er gegen die Bildung einer Regierung der Mitte bereits früher geäußert hat.
In parlamentarischen Kreisen wird davon gesprochen, daß, falls Dr. Marx die Bildung einer Regierung der Mitte nicht gelingen sollte, ein Kabinett der Persönlichkeiten oder der Fachminister gebildet werden soll. Desgleichen wird lebhaft über eine Auflösung des Reichstages debattiert.
Reichswehrminister Dr. G e ß l e r soll aus den Reihen der Demokratischen Partei und des Zentrums z a h l - reicheZuschriften erhalten haben, die ihn dazu bewegen möchten, auf eine nochmalige Kandidatur als Reichswehrminister zu verzichten. Man will damit dem Kabinett der Mitte die Unterstützung der Sozialdemokraten sichern, die aus keinen Fall Dr. Geßler länger an der Spitze des Reichswehrministeriums sehey wollen. Welche Stellung Dr. Geßler zu diesen Vorschlägen einnimmt, ist bisher unbekannt.
Deutscher Reichstag.
(254. Sitzung.) OB. Berlin, 19. Januar.
Präsident Lobe gedachte zu Beginn der ersten Sitzung nach den Ferien des Ablebens des Abg. Zubeil (Soz.), der dem Reichstage 33 Jahre angehörte. Sein Nachfolger ist der Abg. Hernig (Soz.) Vor Eintritt in die Tagesordnung erhob Abg. Stöcker (Komm.) Einspruch gegen die Verschleppung der Regierungskrise. Man solle dem Spiel ein Ende machen und diesen Reichstag auflösen. Der Redner legte einen Antrag vor, wonach der Reichstag seine Auflösung verlangt.
Abg. Leicht (Bayer. Vp.) widersprach der sofortigen Behandlung und damit war der Antrag für heute erledigt.
Der Gesetzentwurf über die Regelung des Arbeiterver- kehrs an der deutsch-saarländischen Grenze wurde ohne Aussprache in allen drei Lesungen angenommen. Gegen die sofortige Behandlung der kommunistischen Anträge zur Erwerbslosenfrage wurde vom Abg. Andre (Ztr.) Widerspruch erhoben. Es folgte dann die erste Beratung des Gesetzentwurfes über die
Reichswohnungszählung im Jahre 1927 und die Feststellung der Zahl der Wohnungsuchenden. Die Wohnungszählung soll in allen Gemeinden mit mehr als 2000 Einwohnern erfolgen. Die Landesbehörden können bestimmen, daß die Zählung auch auf kleinere Gemeinden erstreckt wird oder daß sie in Gemeinden mit weniger als 5000 Einwohnern unterbleibt.
Abg. Dr. Frick (Völk.) fordert eine Statistik über die ost- jüdische Einwanderung seit 1914, die zur Wohnungsnot erheblich beigetragen habe. Auf Antrag des Abg. Dr. Steiniger (Dtn.) wurde die Vorlage dem Wohnungsausschutz überwiesen.
Es folgte die erste Beratung des Gesetzentwurfs zur Änderung der Gewerbeordnung über die Zulassung zum eb- ammenberuf. Danach können u. a. die Länder insoefon« dere die Niederlassungsfreiheit der Hebammen einschränken. Abg. Frau Arendsee (Komm.) befürchtete, daß darunter die ausreichende Versorgung von Stadt und Land mit Hebammen gefährdet wird. Aus Antrag des Abg. Esser (Ztr.) wurde die Vorlage dem Sozialpolitschen Ausschuß überwiesen.
Damit war die Tagesordnung erschöpft und der Wichs- tag vertagte sich auf Donnerstag. <— •