Hersfelöer Tageblatt
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Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger Dr öen Kreis Hersfelö
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mit den Leilogen: Leimotschollen / Illustriertes AnterhaltungSblatt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.
Nr. 61
Montag, den 14. Märr 1927
77. Jahrgang
Mologa.
Von besonderer volkswirtschaftlicher Seite .^ird uns geschrieben:
Was ist Mologa? Eine Aktiengesellsch . zur Verwertung von Holz. Und diese „Mologa, Holzverwer- tungs-A.-G." hat sich mit der Bitte um eine Subvention in Hohe von 20—25 Millionen Mark an das Reich gewandt. Es soll, wie von verschiedenen Seiten behauptet wird, ein befürwortendes Gesuch des Auswärtigen Amtes beim Reichskabinett vorgelegt worden sein und auch der deutsche Botschafter in Moskau soll sich für die Unterstützung der Gesellschaft eingesetzt haben. Von anderer Seite wurden schwere wirtschaftliche Bedenken geltend gemacht. Bei dieser Gelegenheit erinnert man sich wohl noch daran, welche scharfen Auseinandersetzungen entstanden, als das Reich an die Junkers-Werke eine größere Subvention gegeben hat, weil diese Werke bekanntlich im Ausland größere Unternehmungen aufgebaut haben. Die „Mologa" beruht auf einer großen Waldkonzession, die vom Russischen Staate im Jahre 1922 hergegeben worden ist.
Nordwestlich von Moskau liegen die viele Hektar großen Wälder, die von der „Mologa A.-G." ausgebeutet werden sollen. Ursprünglich hatte man nur eine reine Holzausfuhr ins Auge gefaßt, hatte außerdem gehofft, das Holz vor allem für die Herstellung von Zellulose, also für die Papierindustrie, verwerten zu können. Leider ist aber aus diesen großzügigen Plänen so gut wie gar nichts geworden, weil diese Konzession mit Verpflichtungen belastet war, die nicht bloß den Gesamtaufbau des Unternehmens behinderten, sondern auch die Durchführung weitausschauender Pläne unmöglich machten. Zum Beispiel hatte die Gesellschaft die Verpflichtung übernehmen müssen, vorbildliche Arbeiterwohnungen zu bauen, ferner den Bau einer Eisenbahn; zudem stellte es sich heraus, daß das gewonnene Holz auf dem Weltmarkt kaum verwertbar war. Vor allem aber war das Kapital, mit dem die Gesellschaft gegrünoet war, sehr gering; bei der Umstellung auf Gold ergab es sich, daß sie nur über ein Aktienkapital von 300 000 Mark verfügt. Beteiligt daran waren vor allem Stinnes, genauer gesagt die „Gelsenkirchener Bergwerks-A.-G.", die jetzt in der Rhein-Elbe-Union bzw. den Vereinigten Stahlwerken aufgegangen ist, und eine süddeutsche Firma, die in den letzten Jahren schwere Verluste erlitten hat, so daß sie sich fast ganz aus dem russichen Geschäft zurückziehen mußte. Es wirkt erstaunlich, wenn jenen 300 000 Mk. Aktienkapital aus dem Jahre 1925 Gläubiger in einer Höhe von 29 Millionen Mark gegenüberstehen, eine Summe, die sich bis heute noch beträchtlich vermehrt haben mag. Einer der Hauptgläubiger dabei ist nun der Russische Staat. Er hat direkte Vorschüsse gemacht, außerdem hat aber auch die Russische Staatsbank 12 Millionen Reichsmark geliehen, und dieser Kredit in Höhe von zusammen 16 Millionen Reichsmark ist im Laufe dieses Jahres hinfällig. Der russische Volkskommissar für das Konzessionswesen, Jofse, hat denn auch betont, daß die „Mologa" zpr Weiterführung ihres Betriebes nicht bloß neuen Kapitals benötige, sondern auch jenen Kredit abdecken müsse, hat aber verlangt, daß die übrigen Gläubiger, also vor allem die Rhein-Elbe-Union, auf einen Teil ihrer Forderung verzichten müssen oder zum mindesten in Zinsstundungen einwilligen sollen.
Die Rentabilität der „Mologa" ist aber nach einem Bericht einer Treuhandgesellschaft an eine Unzahl von Voraussetzungen geknüpft, deren Erfüllung keineswegs sicher ist. Infolgedessen ist das Subventionsgesuch auf sehr energischen Widerstand gestoßen, besonders, da das Unternehmen fast nur russische Angestellte und Arbeiter beschäftigt. Vor allem aber wurde auf die Tatsache hingewiesen, daß die große landwirtschaftliche Konzession in Rußland, die die "Krupp-A.G. erworben hat, gleichfalls auf sehr große finanzielle Schwierigkeiten gestoßen ist, daß außerdem ein anderes derartiges Unternehmen, das deutscherseits im Verein mit der Bank für Wolgadeutsche aufgebaut ist, im ersten Jahre seines Bestehens einen Verlust erlitten hat, der die Hälste des Gesamt- aktienkapitals ausmachte. Hier hat man einen energischen Strich unter die ganze Geschichte gemacht und auf die Konzession verzichtet. Bei einem Entgegenkommen gegen die „Mologa" durch die Reichsregierung werden sofort eine ganze Reihe rein deutscher Unternehmungen mit der Klage kommen, daß ihren Kreditgesuchen kein Gehör geschenkt worden ist. Ist doch z. B. auch der Krupp-A.-G. ein Reichskredit verweigert worden, obwohl er für die Rationalisierung eines in Deutschland gelegenen Betriebes verwandt werden sollte. Ob mit einer Rentabilität der „Mologa" in absehbarer Zeit zu rechnen ist, bleibt fraglich. Es wird in Deutschland Stimmen genug geben, die darauf verweisen, daß wir bei uns derartige Millionenbeträge viel besser verwenden können als für den Aufbau einer Gesellschaft im Ausland, die der deutschen Volkswirtschaft kaum von Vorteil ist.
Mandatsniederlegung der deutschen Stadtverordneten in Königshütte.
Königshütte. Die 24 deutschen Stadtverordneten haben ihre Mandate dem Magistrat zur Verfügung gestellt mit der Begründung, daß dieser trotz ihres Einspruchs die Wahl des zweiten Bürgermeisters und des besoldeten Stadtrates vornehmen wolle. Das Rumpfparlament hat beschloßen, diese Wahl trotzdem durchzuführen.
Die Entscheidungen in Genf
Regelung der oberschlefischen Schulfrage.
Der Kampf um das Saargebiet.
Der Völkerbundrat hat am Sonnabend die ober- schlesische Schulfrage erledigt. Es handelt sich dabei, wie aus dem Bericht des kolumbischen Ratsmitgliedes Urrutia hervorgeht, um eine Lösung, die lediglich eine einverständ- liche Regelung für die gegenwärtig umstrittene Frage der Schulzugehörigkeit bringen will und soll. Im Interesse der zurzeit des Unterrichts beraubten Kinder und der durch Zwangsmaßnahmen betroffenen Eltern soll dadurch ein Weg geschaffen werden, um die sofortige Einschulung der Kinder herbeizuführen. Eine schnell funktionierende oberste Entscheidungsstelle soll für alle etwa noch vorliegenden Streitfälle geschaffen werden. Das bereits im wesentlichen bekannte Verfahren läuft darauf hinaus, Kinder mit deutscher wie auch solche mit doppelter Sprache, soweit die Eltern das wünschen und die Möglichkeit zur Verfolgung des Unterricht gegeben ist, Minderheitsschulen zuzuführen. Die letzte Entscheidung liegt beim Präsidenten Calonder, der auf Kosten Polens durch einen schweizerischen Pädagogen bei der Behandlung dieser Frage unterstützt wird. Im Schlußsatz betont der vorn Rat genehmigte Bericht, daß es sich lediglich um eine Sondermaßnahme zur Regelung eines durch das Genfer Abkommen vom 15. Mai 1922 nicht vorgesehenen Falles handelt, daß aber das vorgeschlagene Verfahren „in keiner Weise dahin ausgelegt werden dürfe, als umfasse es eine Abänderung der Bestimmungen dieser Konvention". Auf diese Tatsache wies N-ichsmU.ister Dr. Stresema«« in einer von ihm abgegebenen Erklärung hin.
Alsdann begann der Rat mit der Frage der Einrichtung des Bahnschuhes im Saargebiet.
Zunächst trug Scialoja den Bericht der Saarregierung vor, die mit vier gegen eine Stimme folgendes beantragt hat:
1. Einführung einer Eisenbahnlinienkommission von 100 Personen und eines internationalen militärischen Eisenbahnschutzes von 800 Personen, über die die Saar- regierung im Einvernehmen mit den zivilen und militärischen Rheinlandbehörden zu verfügen hat.
2. Zulässigkeit der Berufung der beiden in Forbach und Saargemünd stehenden französischen Bataillone.
3. Hoffnung, daß nach Durchführung dieser Vorschläge die französische Regierung die derzeit im Saargebiet stehenden Truppen abberufen werde.
Der Kanadier Stephens, der noch Präsident der Saarregierung ist, empfahl auch seinerseits die Annahme dieses Vorschlages.
Nach den Ausführungen von Stephens verlas Dr. Stresemann eine sorgfältig formulierte Erklärung, die darin gipfelte, dem Völkerbund verschiedene Zusätze zu den vorliegenden, von Scialoja begründeten und von Stephens erörterten Vorschlägen nahezulegen. Es handelt sich um folgende vier Punkte:
1. Abzug der Truppen zu einem festen in Genf bestimmten Termin.
2. Herabsetzung der Zahl der Bahnschutztruppen auf ein vernünftiges Maß von einigen hundert Mann.
3. Festlegung des internationalen Charakters der zu schaffenden Sonderformation.
4. Festlegung der Bestimmung, daß die Bahnschutztruppen nur unter außerordentlichen Umständen Befugnisse gegenüber der Bevölkerung erhalten.
Der Reichsminister begründete diese Erfordernisse damit, daß die Schaffung einer besonderen Bahnschutztruppe im Versailler Vertrag nicht vorgesehen sei und deshalb gegenüber ihrer Schaffung ein Rechtsvorbehalt zu machen sei. Die deutsche Regierung würde jedoch diese Frage nicht zum Anlaß nehmen, um prinzipielle Grundsätze zum Austrag bringen zu lassen, und sich mit dem Kompromiß abfinden, wenn den vorerwähnten Forderungen Rechnung getragen werden könnte.
Der Reichsminister, der sich gegen jede Vertagung der Frage ausgesprochen hatte, richtete in seinem Exposs, das den deutschen Standpunkt zu den einzelnen Fragen des näheren begründete, an den Völkerbundrat die Bitte, den Bericht und seine Einwände vielleicht im Einvernehmen mit dem Präsidenten der Regierungskommission zu prüfen und festzustellen, ob alle diese Fragen hinreichend geklärt sind, ob nicht vielmehr ein M i tz v e r - hältnis zwischen der vorgesehenen Zahl der Schutztruppe und dem von Scialoja selbst unterstrichenen Bedürfnis nach Erleichterung der Wohnungsfrage bestehe.
Dr. Stresemann wies dann weiter auf die scharfe Unterscheidung hin, die der Versailler Vertrag selbst für besetztes Gebiet, das einer interalliierten Behörde unterstehe, und für das Saargebiet, das dem Völkerbund mit seinen 56 Mitgliedern untersteht, macht: „Der Völkerbund besteht aus Nationen, die nicht nur unsere ehe- uraligen Kriegsgegner umfassen." Er wolle jedoch keinen fixierten Antrag stellen, wie auch der Bericht Scialojas
vas man getan habe, während der Präsident der Rcaie- rungskommlssion lediglich die Prüfung des Vorschlags empfohlen habe. Er schlug deshalb als Diskussionsbasis die obenerwähnten vier Punkte vor, die er diesmal im ^^ßensatz zu seinen übrigen in deutscher Sprache gemachten ^"sfiihrungcn in französischer Sprache formuliert verlas, und schloß mit dem Hinweis darauf, daß er sich auch bei diesem Vorschlag in einer schwierigen Situation befinde und keinen Instruktionen seiner Regierung, sondern nur
cse»' folge, ebenso, wie das in der oberschlefischen Schulfrage geschehen sei.
Denn ihm seien praktische Lösungen wichtiger als theoretische Bedenken, wie er sie im gegenwärtigen Fall gegenüber der Schaffung des Bahnschutzes selbst, für den der Versailler Vertrag keine Rechtsbasis abqibt, zurückgestellt habe. Er appellierte dann an das allseitige Interesse, das für die Schaffung einer Grundlage zu einer einmütigen Erklärung des Rats bestehe. Die Fortsetzung der Verhandlung wurde nach der Übersetzung der Ausführungen des Reichsaußenministers in die englische und französische Sprache unterbrochen.
Regelung der Gaarfrage.
800 Mann französischer Bahnschutz.
Im weiteren Verlauf der Verhandlung wurde schließlich der folgende Vorschlag der Regierungskommission des Saargebiets einstimmig angenommen:
Der Rat nimmt Kenntnis von dem Bericht der Regierungskommission vom 18. Februar bezüglich der Frage der Transport- und Tansitfreiheit auf den Eisenbahnen des Saargebiets. Die von der Regierungskommission vorgeschlagene Organisation wird innerhalb einer Höchst- frist von drei Monaten verwirklicht, und infolgedessen wird die im Saargebiet stationierte Truppe innerhalb der gleichen Frist zurückgezogen. Der Bahnausschuß ebenso wie die Bahnschutztruppe werden unter den Befehl der Regierungskommission gestellt und ihr verantwortlich sein. Die Bahnschutztruppe wird ihre Befugnisse gegenüber der Bevölkerung nur bei außergewöhnlichen Umständen ausüben dürfen. Der Bestand von 800 Mann, der für diese Truppe angegeben ist, stellt die Höchstziffer dar. Sollte die Regierungskommission zur Auffassung gelangen, daß eine Verminderung dieser Zahl möglich ist, wird sie die zu diesem Zwecke notwendige Maßnahmen treffen können, ohne sich vorher mit dem Rat in Verbindung zu setzen.
Verlängerte Amtsdauer der Saarregierung.
Der Völkerbund hat ferner in einer nicht öffentlichen Sitzung die Amtsdauer der jetzigen Mitglieder der Saarregierung, mit Ausnahme des Präsidenten Stephens, um ein weiteres Jahr verlängert. Gleichzeitig wurde der derzeitige Präsident Stephens mit der vorläufigen Wetterführung der Präsidentschaft beauftragt. Reichsminister Dr. Stresemann sprach bei dieser Gelegenheit den Wunsch aus, daß eine neutrale Mehrheit der Regierungskommission geschaffen werden möge. Diesen Wunsch hat der Rat zur Kentnis genommen. Schließlich wurde beschlossen, daß künftig kein Mitglied der Saarregierung länger als fünf Jahre amtieren soll.
Diesen Entschließungen gingen längere Reden von Vriand, Scialoja, Vandervelde, Stephens und Chamberlain voraus. Nach einer längeren Rede machte Dr. Stresemann folgende Vorschläge:
1. Festsetzung einer Höchstfrist von drei Monaten für den endgültigen Abzug der französischen Truppen aus dem Saargebiet.
2. Inanspruchnahme der neuen Organisation unter alleiniger Autorität der Regierungskommission und nur in besonderen Fällen.
3. Belastung der Entscheidung über die notwendige Ziffer des Bahnschutzes bei der Regierungskommissiön mit einer Begrenzung auf 800 Mann als Höchstzahl, wobei sich der Völkerbundrat- mit der endgültigen Ziffer, die nach den Darlegungen Stephens innerhalb der Regie- rungskommission im Sinne einer möglichen Herabsetzung um einige hundert Mann gefunden werden dürfte, nicht mehr zu besässen haben wird.
Dr. Stresemann erklärte hierzu, falls diese drei Gesichtspunkte vom Völkerbund anerkannt würden, werde es ihm möglich sein, dem Bericht zuzustimmen. Entscheidend für ihn sei, daß er nicht unter der ersten Präsidentschaft des Vertreters des Deutschen Reiches die erste Abstimmung im Völkerbundrat habe stattfinden lassen wollen.
Der Rat nahm hierauf einstimmig die oben genannten Vorschläge an. Damit war die Tagesordnung erledigt.
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Wie aus Kreisen der deutschen Delegation verlautet, ist in den Verhandlungen der letzten Tage auch die Frage erörtert worden, ob die nächste Tagung des Völkerbundrates, die am 13. Juni beginnt, in Berlin stattfinden solle. Die Entscheidung hierüber dürfte in den Verhandlungen zwischen den Regierungen nicht vor Anfang Mai zu erwarten sein. Eine offizielle Aufforderung ist bisher an die deutsche Regierung noch nicht gerichtet worden, _