Hersftlöer Tageblatt
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tzersfel-er Kreisblatt
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mit den Beilagen: Heimalschollen / Illustriertes AnlerhaltungSblatt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Anlerballuna und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.
Nr. SS
Donnerstag. Vea 14. April >927
77. Jahrgang
Bemssausbildung.
Wir stehen mitten in einer großen Gesetzgebungsarbeit über das Arbeitsrecht. Tarifwesen und Arbeitszeit, Versicherung gegen Arbeitslosigkeit und Arbeitsgerichte sind nur ein paar Beispiele für die Fülle der Fragen, die hier der gesetzlichen Regelung harrten oder noch harren. Da ist es fast eine Selbstverständlichkeit, daß eine besondere Seite des Arbeitsverhältnisses, nämlich die Berufsausbildung, also Rechte und Pflichten im Lehrlingswesen, eine zusammenfassende rechtliche Festlegung erfahren soll. Die Berufsausbildung steht gerade jetzt wieder bei den Schulentlassungen im Vordergrund des Interesses.
In Gesetzen, Verordnungen und Tarifverträgen zerstreut ist alles, was Berufsausbildung praktischer und theoretischer Art in sich schließt. Der neue Gesetzentwurf, der jetzt in gemeinsamer Arbeit vom Reichs- arbeits- und vom Reichswirtschaftsministerium hergestellt ist und noch in diesem Sommer die parlamentarischen Instanzen beschäftigen soll, schließt aber grundsätzlich alle Arbeiter, Angestellten und Lehrlinge aus, die in der Landwirtschaft beschäftigt sind.
Im zweiten Abschnitt behandelt der Entwurf die Frage, Wtzr berechtigt sein soll, Jugendliche — zwischen 14 und 18 Jahren — zu beschäftigen und beruflich auszu- bilden. Ausgeschlossen davon ist nur, wer die bürgerlichen Ehrenrechte nicht besitzt oder wer die Pflichten gegen die von ihm beschäftigten Jugendlichen gröblich verletzt. Darüber hinaus dürfen Lehrlinge nur in Betrieben beschäftigt werden, die von der gesetzlichen Berufsvertretung, der Reichsregierung oder der obersten Landesbehörde als Lehrbetriebe anerkannt sind; die beiden letzteren können an ordnen, daß Betriebe bestimmter Art oder Berufsgruppen dauernd oder auf Zeit als Lehrbetriebe anzusehen sind. Sehr ausführlich wird der Entwurf hinsichtlich der RechteundPflichten,die aus dem Lehrvertrag entspringen, der grundsätzlich schriftlich abzuschließen ist und der die Höchstdauer der Lehrlingszeit auf vier Jahre fest- , legt, übrigens, dürfen LehrLnae,w;^ 4W Hgrrd- Werksbetrieben beschäftigt werden, deren Leiter die Meisterprüfung abgelegt haben. Das Prüfungswesen überhaupt nimmt nun einen breiten Raum in dem Gesetzentwurf ein. Die gesetzlichen Berufsvertretungen sind es, vor denen die Gesellen(Gehilfen-)prüfung abzulegen ist, die aber nur ein Recht, keine Pflicht bleibt. Der Prüfling soll nachweisen, daß er sich die für die Berufsausübung notwendigen Kenntnisse und die gebräuchlichen Handgriffe und Fertigkeiten angeeignet hat. Seine Ergänzung findet das durch die Meisterprüfungen, die von den Handwerkskammern zu veranstalten sind; der Prüfling muß vorher mindestens drei Jahre als Geselle gearbeitet haben. Bei dieser Prüfung soll übrigens auch starkes Gewicht auf die Kenntnisse in Buchführung, Gewerberecht und Genossenschaftswesen, Sozialversicherung und wirtschaftliche Betriebsführung gelegt werden. Mit der Durchführung des Gesetzes werden besondere Ausschüsse der Berufsvertretungen beauftragt, die praktisch aus Arbeitgebern und Arbeitnehmern zusammengesetzt sind. Grundsätzlich wird nun diesen Berufsvertretungen das Recht eingeräumt, Anordnungen zur Regelung und Förderung der Berufsausbildung Jugendlicher, über den Lehrgang und über das Mindestmaß der zu übermittelnden Kenntnisse zu treffen, des ferneren über die Dauer der Lehrzeit in den einzelnen Berufsgruppen, über den Inhalt des Lehrvertrages usw. Auch ist Vorsorge getroffen, Berufs- oder Fachschulen einzurichten, den Lehrstellenmarkt zu bearbeiten und Lehrlingsrollen zu führen. Eine Zusammenarbeit mit den öffentlichen Berufsberatungsstellen wird angebahnt.
Diese Neuregelung der Berufsausbildung ist nicht bloß eine Notwendigkeit, da die Gewerbeordnung hierin noch beträchtliche Lücken aufweist, sondern sie verfolgt vor allem das Ziel, die Zahl und das Können der g e l e r n - t e n Arbeiter zu heben. Der Glaube, die moderne technische Entwicklung mache den Arbeiter immer mehr zur Maschine, verlange von ihm nur ein paar mechanische Handgriffe, ist ein durchaus irriger, weil er nur für einen verhältnismäßig kleinen Teil der Betriebe gilt. Der größte Teil der Erwerbslosen besteht aus un- oder nur angelernten Arbeitern. Aber Deutschlands schneller wirtschaftlicher Fortschritt vor dem Kriege hatte zur Ursache nicht zuletzt das Vorhandensein gelernter Arbeiter und der neue Entwurf will der aus allgemeinen wirtschaftlichen Nöten entsprungenen rückläufigen Bewegung, die einer gründlichen Berufsausbildung entgegenwirkte, nun einen neuen An- und Auftrieb geben.
Dewschland und die Lustrüstung.
Für Entwicklungsfreiheit der Zivilaviatik.
In Genf wurde noch vor Schluß der Abrüstungsverhand- lungen in erster Lesung eine Entscheidung in der Frage zwischen Zivil- und Militärluftschiffahrt herbeigeführt. Angenommen wurde ein rumänisch-amerikanischer Antrag, der zur Erhöhung der Sicherheit eine jährliche Aufstellung aller in einem Staat eingeführten oder dort hergestellten Zivilflugzeuge und Luftschiffe fordert.
Der deutsche Vertreter Graf Bernstorff lehnte in einer Erklärung gegen die Zivilaviatik vor allem den Gedanken ab, daß jedes Zivilflugzeug und jeder Zivilslieger als Reserve an Mannschaft und Material jür die Militäraviatik in Kriegs-
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Der griechische Gesandte über die Veziehnngen zn Deutschland.
E. Canellopoulos, der griechische Gesandte und bevollmächtigte Minister in Berlin, machte einem Mitglied unserer Berliner Schriftleitung die nachstehenden interessanten Ausführungen über die griechische Wirtschaftslage am Anfang des Jahres 1927 und über die Beziehungen Griechenlands zu Deutschland.
„Der Gegenstand, über welchen Sie meine Ansicht hören möchten, ist sehr umfangreich; und es ist nicht möglich, daß ich in einem engen Rahmen Ihnen ein bis ins einzelne gehendes Bild der Wirtschaftslage in Griechenland geben kann. Wenn aber dennoch die gegenwärtige Lage meines Landes eine kurze und knappe Bezeichnung erhalten sollte, dann könnte die gegenwärtige Periode als die der Wiedergesundung bezeichnet werden. Griechenland hat eine wirtschaftliche Krisis hinter sich. Die Heilung kann nicht auf einmal erfolgen. Aber die Ursachen, die die Krisis bewirkt haben, sind erkannt worden, und dies ist das Wesentliche und dies bildet auch schon die Hälfte des Weges nach dem Ziele der völligen Wiedergenesung. Griechenland geht vom Jahre 1926 in das Jahr 1927 über unter dem Zeichen sehr günstiger Aussichten. Wie bekannt, hat Griechenland nach einer Epoche von Kriegen, die elf Jahre gedauert haben, auch eine Zeit innerer Krisis durchgemacht. Die Unbeständigkeit im politischen Leben hat selbstverständlich ungünstig auch auf die wirtschaftliche Lage zurückgewirkt. Und unter der Einwirkung dieses Faktors haben auch der Staatshaushalt, der Handelsetat und der Stand des Geldwertes gestanden. Nachdem lÄrtechenranv jetzt in oasmormale parlamentarische Leben zurückgekehrt ist, ist einer der wichtigsten Gründe, die den obengenannten Mißstand verschuldet haben, beseitigt worden. Dadurch aber, daß die Ursachen des Übels erkannt worden sind, ist auch die Möglichkeit geschaffen, die Mittel für die Wiedergenesung in Anwendung zu bringen. Auch der Stand der Wirtschaftsverträge ist auf eine neue Basis gestellt worden. Griechenland hat die alten Handelsverträge gekündigt und neue geschlossen auf der Grundlage des neuen Zollgesetzes, das unter den Zöllen Maxima und Minima (Höchst- und Niedrigst- grenzen) vorsieht, welche letzteren denjenigen vertraglich mit Griechenland verbundenen Staaten gewährt werden, die unter dem Vorzug der Meistbegünstigung stehen. Solcherart sind in kurzem die Wege, die die Regierung zur
Zeiten angesehen werden müsse. Der Zivilaviatäk könne nur in solchen Ländern ein gewisser militärischer Wert beigemessen werden, wo sie sich auf Militäraviatik stützen könne. In bezug auf die jährliche Veröffentlichung des Standes der Zivilaviatik sagte Graf Bernstorff, er müsse befürchten, daß dadurch die wirtschaftlichen Interessen eines Landes und die freie Entwicklung der Zivilaviatik bedroht werden. Er müsse seine Stellungnahme zu dem rumänischen Antrag sich solange Vorbehalten, als nicht vollkommene Aufklärung über den militärischen Wert geschaffen sei, der der Zivilaviatik zugesprochen werde, und nicht entsprechend den deutschen Anträgen die wichtigsten militärischen Faktoren, nämlich die ausgebildeten Reserven und das Material im Depot erfaßt seien. Deutschland stimme dagegen nach wie vor den belgischen Borschlägen zu, durch die der Zivilaviatik jeder militärische Wert genommen werde. Es müsse aber die volle Entwicklungsfreiheit der Zivilaviatik ver- langen.
Bei der dann folgenden Beratung über die Einrichtung einer Kontrolle für die Durchführung der Abmachungen erklärte der Vertreter Amerikas, die Vereinigten Staaten könnten keinesfalls die Jurisdiktion des Völkerbundes anerkennen noch überhaupt eine Kontrolle für die Konvention annehmen.
Das neue AmaenwahtreHt in England.
EineheißumkämpfteVorlage.
Das Kabinett Baldwin hat beschlossen, den Frauen das gleiche Wahlrecht wie den Männern durch Gesetze zu geben. Jede Frau, die das 21. Lebensjahr uberschrl^ hat, soll in Zukunft wahlberechtigt sein, wahrend bisher seit 1918 die Frauen erst vom 30. Lebensjahre ab wählen konnten. t ™ ....
Dem politischen Korrespondenten der „Daily Mail zufolge vermehrt sich infolgedessen die Zahl der Wahlberechtigten um 4% bis 5 Millionen grauen. Von diesen sind 2 Millionen über 30 Jahre alt; es war ihnen jedoch bisher durch gewisse einschränkende Bestimmungen der Akte von 1918 das Wahlrecht entzogen. Die Einschränkungen, die jetzt fallen sollen, machten gewisse Vorbehalte betreffend die Dauer des Wohnsitzes, die wirtschaftliche Be- tätigung usw. Der Korrespondent fugt hinzu, daß der Beschluß des Kabinetts erst nach lebhaften Erörterungen und gegen den energischen W i d e r - spruch einer Anzahl Minister und konservativer Parteiführer erfolgt sei.
Erreichung ihres Zieles eingeschlagen hat und durch die auch endgültig der Valutastand des Landes geregelt werden wird.
Was die Handelsbeziehungen Griechenlands zu Deutschland angeht, so kann man sagen, daß sie sich normal entwickeln; aber sie können, wenn man bedenkt, daß die beiden Länder sich auf wirtschaftsproduk- tivem Gebiet ergänzen, einen noch viel größeren Umfang erreichen. Zurzeit werden die deutsch-griechischen Handelsbeziehungen noch durch das am 3. Juli 1924 unterzeichnete Handelsprovisorium, das am 15. Mai 1926 durch einen Zusatzvertrag eine Ergänzung fand, geregelt. Die Verhandlungen über den Abschluß eines endgültigen Handelsabkommens werden gegenwärtig zwischen dem deutschen Gesandten in Athen, Minister Renner, und der griechischen Regierung geführt. Die Verhandlungen sind nur sehr schwierig zum Abschluß zu bringen, weil sowohl von Deutschland als auch von Griechenland Forderungen gestellt werden, die möglichst berücksichtigt werden sollen. Es ist aber gewiß, daß das Zustandekommen eines endgültigen Handelsvertrages zur Erweiterung der Beziehungen beider Länder wesentlich beitragen und sowohl die deutsche als auch die griechische Wirtschaft günstig beeinflussen wird.
In der Vorkriegszeit beherrschte die d e u t s ch e A u s- f u h r den griechischen Markt. Und wenn sich auch während des Weltkrieges die Lage gänzlich veränderte, so zeigt ein Blick auf die Handelsstatistiken der Nachkriegszeit in überraschender Weise, wie schnell und in wie hohem Maße sich in den letzten Jahren die deutsch-griechischen Handelsbeziehungen wieder ständig verbessert haben. Griechenland sührt an erster Stelle nach Deutschland Tabak aus, an zweiter Stelle steht für den deutschen Import aus Griechenland Süßwein; dann folgen Korinthen und Rosinen. Griechenland seinerseits bezieht von Deutschland insbesondere bearbeitete Metalle (Halbfertigfabrikate), - &-^M>Mf(^i>w», Zoiiungspaprcr,- Sod« mtb chr»rftche-Stvh» produkte.
Der deutsche Handel hat in Griechenland bereits wieder festen Fuß gefaßt und die Griechische Handelskammer für Deutschland hat als wertvolle Hilfe dazu beigetragen, daß er von Tag zu Tag größer zu werden verspricht. Der durch sie vermittelte Schiedsgerichtsvertrag wird den Handel beider Völker in der Folgezeit noch günstigst beeinflussen. Die Hauptsache jedoch wird der per- sönliche Unternehmungsgeist bleiben. Es ist notwendig, daß die Handelswelt Deutschlands mit der griechischen Handelswelt näher bekannt wird. Eine Gelegenheit bietet sich dazu in der Internationalen Messe zu Saloniki. Es wäre zu wünschen, daß sich auch die deutsche Produktion, für die Griechenland einen sehr günstigen Aufnahmeboden bietet, an dieser Messe in breitem Umfang beteiligt."
Kantons Antwort uns die Fünfmä-tenole.
Die Durchsicht der beschlagnahmten Papiere.
Der Minister des Äußeren der Kantonregierung, Tschen, wird die Forderungen der fünf Protokollmächte aus Anlaß der Borfälle von Nanking in vier Einzelnoten beantworte«. Die Mächte, deren Kriegsschiffe Nanking beschossen haben, werden eine Antwort erhalten, in welcher die Frage der Gewalttätigkeiten der nationalistischen Truppe« umgangen und den Möchten der Vorwurf gemacht wird, daß sie durch das Bombardement ohne jeden Grund Menschen getötet und die Häuser der Zivilbevölkerung zerstört haben. Italien und Frankreich sollen Noten erhalten, in denen die Zahlung von Schadensersatz zugesichert wird. Auch die Note an Japan soll persönlich gehalten sein, um zu versuchen, Japan von England und den Vereinigten Staaten zu trennen.
Die nordchinesischen Polizeibehörden geben bekannt, daß die genaue Prüfung der kürzlich bei der Durchsuchung der Nebengebäude der Sowjetbotschaft beschlagnahmten Schriftstücke eine Anzahl von Tagen in Anspruch nehmen wird. Dies ist, wie erklärt wird, zum Teil darauf zurück- zuführen, daß eine große Anzahl von Papieren zwar sichergestellt wurde, aber in der Hauptsache kaumleser- lich ist, weil die Sowjetbeamten sie in Petroleum getaucht hatten, um sie zu verbrennen.
Tornadokaiastrophe iu Texas.
200 Tote.
Texas ist von einem schweren Tornado heimgesucht worden. Bisher wurden 200 Tote und zahlreiche B e r w u n d e t e gemeldet. Die Ortschaft Rock Springs ist völlrg zerstört; nur drei Häuser blieben unbeschädigt. Der Tornado kam vom Süden her, wo er gleichfalls Tod und Zeströrung verbreitete. Ein Hilfszug des Roten Kreuzes ist unterwegs. Die Bergung der Toten und Verwundeten macht außerordentliche Schwierigkeiten, die sie meistens unter den Trümmern begraben sind.
Die Verbindung mit der Außenwett ist unterbrochen. Unter den Überlebenden herrscht eine furchtbare Panik. Aus Fort Clark ist Kavallerie zur ersten Hilfe abgerückt.