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Hersfelder Tageblatt : NIonaNArr8-sugspreis:vurch ölt Post bezvgm1.ro r /lmtlicher Mzeiger für den Kreis Hersfelö ; Zanks Bu^öruckerei in tzersfelö, Mitglied des VVZV. i mit den Beilagen: Leimalschollen / Illustriertes Anterhaltungsblatt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Unterhaltung und Wissen

Belehrung und Kurzweil / WirlschastUche Tagesfragen.

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Nr. 97

Mittwoch, den 27. April 1927

77. Jahrgang

Hr'mmelsbach.

Von sachverständiger Seite wird uns geschrieben:

Die in den letzten Jahren durch mancherlei Vorgänge sehr bekanntgewordene große süddeutsche Holzverwer- tungsfirmaGebr. Himmelsbach G. m. b. H." hat vor Gericht beantragt, die Geschästsaufsicht über ihren Betrieb zu verhängen. Das bedeutet fast keine Über­raschung. Trotzdem stellt es wohl ein Ereignis dar, wie es eigenartiger in den letzten Jahren im deutschen Wirt­schaftsleben kaum vorgekommen ist. Die Firma ist näm­lich Ereignissen erlegen, die man eigentlich letzten Endes alspolitische" bezeichnen muß. Diese Ereignisse knüpften sich an das Geschäftsgebaren der Firma anläßlich des Rhein-Rhurkampfes 1923 und namentlich an die soge­nanntenMicumverträge". Aus Einzelheiten soll hier nicht eingegangen, vielmehr nur gesagt werden, daß man der Firma vorwars, sie habe unter Ausnutzung dieser Verträge mit den Franzosen Raubbau durch Wald­schlachtungen im Rheinland getrieben und dabei ihre ge­schäftlichen Vorteile stark in den Vordergrund gestellt. Die Behauptungen waren um so wirksamer, weil sie aus den Kreisen der Holzindustrie selbst kamen und ein an­gesehenes Fachblatt den Kampf in schärfster Form führte. Die Folgen waren für die Firma ganz außerordentlich schwerwiegende, da mehrere süddeutsche Staaten, übrigens auch Preußen, auf die Arbeit mit der Firma verzichteten, wie andere Behörden und dazu auch noch 80 Prozent ihrer bisherigen Privatkundschast, die ja zum großen Teil ihrerseits wieder von dem Wohl­wollen der Behörden abhängig ist. Die Firma hat alles getan, um den gegen sie erhobenen Beschuldigungen ent- gegenzutreten, und in einer großen Gerichtsverhandlung gelang es ihr, nachzuweisen, daß sie keineswegsilloyal" oderlandesverräterisch" gehandelt habe, daß vielmehr an den Beschuldigungen nichts richtig sei. Sie bezifferte damals den Schaden, der ihr durch den ganzen Feldzug entstanden sei, auf rund 20 Millionen Mark. Bekanntlich hat die Firma auch bei dem LMW mit bet W Zeit vielgenanntenMologa Holzindustrie A.-G. Diele Millionen verloren und selbst, wenn es ihr nun gelingen sollte, einen Schadensersatzprozeß in Höhe von 20 Mil­lionen, den sie gegen den Staat angestrengt hat, ganz oder zum Teil zu gewinnen, so ist es noch unsicher, ob sie sich wird halten können, da allein 26 Millionen Forderungen an sie bestehen.

Die Firma behauptet nun, daß der große Feldzug gegen sie von einer bestimmten Stelle aus begonnen wor­den sei, ebenso wie die darauf folgende Boykottverhün- gung. Sie deutet des ferneren an, daß diese Zentral­stelle im Reichsministerium für die besetzten Gebiete zu suchen sei. Nun erklärt sie aber auch noch, daß gar nicht die Micumverträge der eigentliche Grund zu dem syste­matischen Boykott gewesen seien, sondern die Tempera­mentsausbrüche des einen Generaldirektors in dem ersten Prozeß, den die Firma wegen dieser Anschuldigungen führte und den sie übrigens verlor, weil jenes Fachorgan zwar den Wahrheitsbeweis nicht führen konnte, ihm aber dieWahrnehmung berechtigter Interessen" zugebilligt wurde. In der Berufungsinstanz ist aber dann ein durch­aus gegenteiliges Urteil gefällt worden. Die Firma Hai daher versucht, durch Entschuldigungen für die heftigen Äußerungen ihres Inhabers bei den Behörden den Boy­kott wieder abzuwenden; aber es hat nichts genützt.

Man muß also gestehen, daß derartige Dinge iw deutschen Wirtschaftsleben bisher wirklich einzig dastehen, und wird abzuwarten haben, was nun eigentlich die ver­schiedenen maßgebenden Stellen des Reiches und der Länder zu diesen Angaben der Firma erklären werden Immer und immer wieder hat sie betont, daß sie dem sicheren Ruin entgegengehe, wenn nicht endlich der Boy­kott aufgehoben werde, aber sie scheint damit zunächst nichts erreicht zu haben, obwohl der Prozeß im Spät­herbst des vergangenen Jahres ihr die Rechtfertigung brächte. Erst in allerletzter Zeit konnte die Firma wieder Reichsaufträge erhalten, aber das Unheil war in seinem Gange nicht mehr zu hemmen, da ihr jedes Betriebs­kapital zu fehlen scheint, die Schulden über die Aktiven hinausgewachsen sind.

Vielleicht läßt sich das Vorkommnis doch noch durch einen Vergleich aus der Welt schaffen, da man der Firma vielleicht unvorsichtiges Handeln in derMologa"-Affäre zur Last legen kann, sie aber hinsichtlich der anderen An­gelegenheiten, durch die sie an den Rand des geschäft­lichen Abgrundes gebracht wurde, durch das Gerichtsurteil gerechtfertigt erscheint.

*

Erklärungen von Regierungssette.

In Berlin machten Vertreter der Reichsregierung und der Länder vor einer Versammlung von Presseleuten Mit­teilungen über die Angelegenheit Himmelsbach. Die Vertreter des Reiches führten aus. sie könnten über Einzel­heiten nicht sprechen, da es weder den Interessen des Reiches dienlich noch den Gepflogenheiten entsprechend sei, in schwebende Prozeßverfahren einzugreifen. Angehörige der preußischen Stellen sagten, daß eine Verletzung der im Londoner Abkommen festgelegten Amnestie oder eine Boykotterklärung gegen die Firma Himmelsbach nicht erfolgt sei. Es sei vielmehr in einem Rundschreiben des Ministeriums für die besetzten Ge­biete der Hinweis erfolgt, daß irgendwelche moralische oder materielle Benachteiligung der Firma Himmelsbach nicht zu-

RuDlanös Kriegsbereitschaft

Das Verieidigungswesen

der Sowjetunion.

Militärische Schulung für die Jugend.

Im Großen Theater in Moskau sprach auf dem All­russischen Sowjetkongreß Kriegskommissar Woroschilow über die Verhältnisse in der Roten Armee und die mili­tärischen Organisationen Sowjetrußlands. Er betonte die Notwendigkeit, einen Bruch mit den Westmächten so lange zu vermeiden, bis die Sowjetstreitkräfte genügend vorbereitet seien. Er und andere Führer betrachteten diesen Konfliktalsunverm eidlich, aber die Zeit für die Austragung fei noch nicht reif. Der Völkerbund sei bankrott. Die gegenwärtige Zeit sei vergleichbar mit der vor dem Weltkriege. Keine Tribunale und keinerlei Abmachungen könnten dem Rüsten Einhalt gebieten, das in allen großen und kleinen Staaten vor sich gehe. Alle, einschließlich der Randstaaten von Finnland bis Rumänien, bereiteten sich zum Krieg gegen die Sowjetunion vor. Die Rote Armee verfüge jetzt über ein ausgezeichnet aus­gebildetes Offizierskorps. Die Sowjets müßten bei dem herrschenden Territorialsystem aber auch für die gesamte Jugend wenigstens eine elementare militärische Schulung durchführen und auch die Frauen als einen der wichtigsten Faktoren eines künftigen Krieges einbeziehen.

In technischerBeziehung stehe Sowjetruß- land hinter den Westmächten zurück. Die wichtigste Rolle spiele die Chemie. In Rußland steht auch die Friedens- ^sMwwwmsiiiimiimimwKMBaaww^^

lässig fei. Rom Auswärtigen Amt fei niemals zu einem Boykott aufgefordert worden. Preußen habe Vergleiche mit SUMM rucksichtrgung gefunden hatten. Dem Staate Bayern schien wegen der Staatsschädigung eine Klage notwendig.

Das Symbol des deuischen Volkes.

Ein österreichischer Gruß an Hindenburg.

Zum zweiten Jahrestage der Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten schreiben dieWiener Neuesten Nachrichten": Niemandem zu Liebe, niemandem zu Leide, nur in dem unentwegten Sinne, das durchzuführen, was er als seine Pflicht erkennt, was dem W o h l e des deutschen Volkes dient, das ist der Wahlspruch und der Wahrspruch seines Handelns gewesen in den zwei Jahren seiner Präsidentschaft. Darum hat er auch seine ehemaligen Gegner gewonnen, soweit sie nicht bösen Sinnes sind. Vergangenheit und Gegenwart verknüpfen sich in ihm, aber er war uns auch Weiser für die Zukunft. In harten schweren Tagen war er das Symbol des deutschen Volkes. An dem Tage, da es sich zum zweitenmal jährt, daß er auch äußerlich der Reprä­sentant Deutschlands ist, wünscht die überwältigende Mehrheit unseres Volkes, daß er es noch lange bleiben möge.

Der Vorstand des Oldenburger Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, der mit demStahlhelm" die Ver­anstaltung eines Fackelzuges aus Anlaß des Besuches Hindenburgs in Oldenburg beschlossen hat, ist jetzt zu der Auffassung gekommen, daß die Art und der Umfang der Begrüßung sowie die dadurch entstehenden Kosten ein Ausmaß erfahren würden, die mit der Notlage weitester Bevölkerungskreise nicht in Einklang zu bringen seien. Aus diesen Erwägungen heraus wurde in einer Ver­sammlung der Beschluß des Vorstandes aufgehoben. Gleichzeitig wurde beschlossen, die Beteiligung an den Empfangsfeierlichkeiten abzulehnen.

Gas und Gift im Kriege.

Ein deutscher Antrag angenommen.

Der Vorbereitende Ausschuß für die Abrüstungs­konferenz in Gens hat als letzten Punkt seiner Tages­ordnung die Frage des chemischen Krieges behandelt, zu der ein von Belgien, Polen, Jugoslawien, Rumänien und von der Tschechoslowakei unterzeichneter Antrag vorliegt, durch den die Anwendung von Giftgasen und ähnlichen chemischen Produkten sowie die Verwendung von allen bakteriologischen Hilfsmitteln in Kriegszeit verboten und außerdem die Ein- und Ausfuhr und die Herstellung von chemischen Substanzen zu Kriegszwecken untersagt wird. Auf Antrag des Vertreters der Vereinigten Staaten, die sich vor einiger Zeit gegen ein generelles Verbot des chemischen Krieges ausgesprochen haben, wurde die Be­ratung dieses Antrages auf die zweite Lesung vertagt.

Graf Bernstorff erinnerte daran, daß Deutschland bereits seit Jahren, so u. a. auf der Waffenhandels­konferenz im Jahre 1925, erklärt habe, daß es für das voll­ständige Verbot dieser Kriegsart sei. Zu dem von Belgien, Polen, Rumänien und der Tschechoslowakei gestellten An­trag brächte Graf Bernstorff einen Zusatzantrag ein, wo­nach nicht nur die Verwendung von Gasen und Giftmitteln

chemie erst in den Anfängen. Ihre Aufgabe sei es, die Verteidigung gegen einen chemischen Angriffskrieg zu organisieren. Es müßten Gegengase bereitge- ste l l t werden, nicht nur für den Soldaten, sondern auch für jeden Arbeiter, der mit der Front in Berührung komme. Dafür zollte der Kriegsminister aber höchstes Lob dem russischen Flugwesen. Er stellte die ständige Vermehrung der Luftflotte fest. Die russischen Konstrukteure seien den europäischen wie den ameri­kanischen gleichwertig. Die Kriegsmarine der Sowjets sei eine mächtige Waffe, zwar nicht vergleichbar derjenigen Englands, aber mehr als genug für die Nach- barn in der Ostsee und im Schwarzen Meer. Ein schwie­riger Punkt sei die Mobilisierung der indu - striellen Reserven, die Friedensindustrie im nötigen Moment auf den g umzustellen. Der Per­sonalbestand der Ingenieure und Arbeiter sei gesichert. Die materielle Ausrüstung müsse erreicht werden. Größere 'Schwierigkeiten bereite die Transportfrage, die schon im Frieden alle Anspannung der Arbeiter erfordere. Woro­schilow schloß unter donnerndem Beifall mit Lenins Worten:Seid auf der Wacht, ihr seid von Feinden umgebenl"

Nach der Rede des Kriegskommissars überbrachte die Mannschaft des KreuzersA u r o r a", dessen Einfahrt in die Newa und Bombardement des Peters­burger Winterpalais im Oktober 1917 erfolgte und die bolfchewistische Revolution entschied, ein Modell des Kreuzers, das vor dem Präsidium aufgestellt wurde. Der Kommandant derAurora" sprach unter ungeheurem Jubel das Treuegelöbnis der Flotte ans.

tm kriege, ,onvern icgon Die 'tzorverenung zu einem solchen Kriege untersagt werden soll. Der Zusatzantrag Berrtstorffs wurde mit dem anderen Antrag von der Kommission angenommen. Es wurde jedoch sogleich einem weiteren Antrag zugestimmt, der im Schlußbericht die aus­drückliche Feststellung fordert, daß die Regierungen durch die erste Lesung in keiner Weise gebunden seien.

Tariferhöhungen bei der Reichsbahn?

Besprechungen über eine Tarifreform.

Im Januar 1927 fand die 145. laufende Tagung der Ständigen Tarifkommission der Reichsbahn statt. Hier­bei wurde eine Denkschrift der Eisenbahndirektionen über eine etwaige Gütertarifreform besprochen. Da die Fragen einer allgemeinen Tarifreform noch nicht restlos geklärt waren, wurde beschlossen, einen Unterausschuß einzusetzen, der aus Vertretern von Reichsbahndirektionen wie auch aus Mitgliedern des Verkehrsausschusses bei der Stän­digen Tarifkommission besteht. Dieser Unterausschuß ist beauftragt, über die dringlichsten Wünsche der Ver­kehrsinteressenten Klarheit zu schaffen.

Die nächste Sitzung dieses Unterausschusses findet Ende dieser Woche statt. Ob und wieweit eine Tarif­erhöhung nötig wird, läßt sich zurzeit noch nicht über­sehen. Darüber wird auch in diefer Sitzung kein Beschluß gefaßt. Jedenfalls muß die Frage geprüft werden, wie etwaige Frachterleichterungen auf der anderen Seite ge­deckt werden können.

AmerikasFreundschaft zu China".

Eoolidge spricht über auswärtige Politik.

Auf einer Prefseveranstaltung hielt Präsident Coolidge eine Rede über die auswärtige Politik Amerikas. Nach den Ausführungen des Präsidenten hat diese Politik der Vereinigten Staaten die Freundschaft und das Wohl­wollen allen Völkern gegenüber zum Grundprinzip. Die im Auslande lebenden Amerikaner haben das Recht auf Schutz des Aufenthaltsstaates, nötigenfalls aber auch auf den Schutz der amerikanischen Regierung. Dies sei auch d,e Ursache für die Meinungsverschiedenhei­ten mit Mexiko, die jedoch demnächst beigelegt wer­den würden, nachdem Mexiko versichert hat, daß es nicht dre Absicht habe, amerikanisches Eigentum entschädigungs­los zu konfiszieren. Präsident Coolidge betonte weiter, daß der amerikanischen Regierung imperialistische Ziele völlig fernlägen. Dies gelte auch China gegenüber. Amerikas Freundschaft zu China sei sprichwörtlich. Es hoffe, daß die Bestrebungen für Freiheit, Einigkeit und nationalen Geist sowie für eine starke republikanische Re- gieruug dort in Erfüllung gehen.

Die Entwicklung des letzten Jahrzehnts hat Amerika, so sagte Präsident Coolidge am Schluß, in eine ganz neue Stellung zu der übrigen Welt gebracht. Dies wird uns nicht hindern, stets die hohen Ideale der tra­ditionellen Politik Amerikas hochzuhalten, für Gerechtig­keit einzutreten und zugleich auch den Völkern, die um eine Besserung ihrer Lage und für ein größeres Maß von Freiheit kämpfen, Geduld und Ermunterung zu erweisen. Um diese großen Aufgaben durchführen zu können, bedarf ös der ständigen Hilfe und Opfer eines einige« Amerika.