HersMerTageblatt
Hersftlöer Kreisblatt Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfel- mit den Beilagen: Seimalschollen / Illustriertes Anterhaltungsblatt / Nach Feierabend / Herb und Scholle / Anterhaltuna und Wissen
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, Belehrung und Kurzweil / Wirtschafttiche Tagesfragen. __________________
Nr. 109 Mittwoch, den 11. Mai 192t 77? Jahrgang
Landbau und Wirtschaft.
Sehr eifrig debattiert man auf der Wirtschaftskonferenz in Genf und kluge Worte werden genug gewechselt. Ob aber die Taten dem entsprechen werden? Ob man wenigstens zu gemeinsamen Entschließungen kommen wird? Eine ziemliche Einheitlichkeit der Anschauungen hat sich bisher zum mindesten in jenem der drei Ausschüsse gezeigt, der sich mit den landwirtschaftlichen Fragen beschäftigt. Diese werden von ganz besonderer Wichtigkeit, wenn man den Blick nämlich nicht auf den Kreis der europäischen, stark industrialisierten Länder beschränkt, sondern ihn um den ganzen Erdball schweifen läßt. Mit Recht hat darum der französische Sachverständige darauf hingewiefen, daß dieHälfteder Menschheit zur landwirtschaftlichen Bevölkerung gehört und daher am weitgehendstenAbnehmer derJndustrie- erzeugnisse ist. Da taucht denn sofort die Notwendigkeit auf, zu prüfen, ob der Weg der landwirtschaftlichen Erzeugung zum Verbraucher und umgekehrt der Industrie- erzeugnisse auf das sie verbrauchende Land hier ein möglichst kurzer und gerader ist. Das hat man in Genf mit Recht verneint.
Aufgabe des Handels ist es, die Erzeugnisse den örtlichen und sonstigen Bedürfnissen gemäss zu verteilen, und darin liegt seine volkswirtschaftliche Berechtigung. Daß dabei aber nur unbedingt notwendige Zwischenglieder eingeschaltet werden dürfen, alles unnötig Verteuernde jedoch ausgeschaltet bleiben oder — wenn es sich hineingedrängt hat — ausgeschaltet werden muß, hebt der deutsche Minister Hermes als Sachverständiger hervor: „Der Weg vom Produzenten zum Konsumenten landwirtschaftlicher Erzeugnisse muß erleichtert werden."
Das ist eine alte Forderung gerade in Deutschland. Freilich hat es sich im Kriege bei der Zwangswirtschaft gezeigt, daß die soviel beredete direkte Zusammenbringung des Erzeugers und des Verbrauchers nicht ganz so einfach ist, wie man sich das vorstellte. Mag es bestimmte große, vielleicht örtlich und sonstwie geeinte Verbrauchermassen .einMiMer . und. annähernd.Bedürft,isse geben, so wird dieses System, das leicht in einen erstickenden Bureaukratismus ausmündet, doch immer sich ergänzen müssen durch einen volkswirtschaftlich gar nicht zu beseitigenden Handel.
Die Verkürzung des Weges zwischen Erzeugern und Verbrauchern der Agrarerzeugnisse muß aber nicht bloß von der Verbraucherseite her angebahnt werden, sondern auch von der anderen Seite her. Darauf ist in Genf gleichfalls hingewiesen worden. Das ist — besonders in Deutschland — schon in weitgehendem Maße geschehen durch die Schasfung und die Verbreitung des landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens jeder Art, die eigentlich auch erst die Voraussetzung abgab für eine immer bessere Organisierung der Agrarerzeugung. Gleichzeitig aber auch für eine Verkürzung des Weges von zahlreichen Jn- dustrieerzeugnissen zum landwirtschaftlichen Bedarf hinüber. Daß hierfür noch unendlich viel geschehen kann uns geschehen muß, um die Ernährungsdecke des deutschen Volkes zu vergrößern, versteht sich von selbst, nur sind gerade uns ja so zahlreiche Hemmungen und Hindernisse in den Weg gelegt, daß wir nur stolpernd und langsam vorwärtskommen.
Aber auch der Blutkreislauf zwischen Landbau und Industrie, also die Kreditpolitik, muß auf möglichst kurze Bahnen gebracht, damit beschleunigt werden. Wenn das Blut langsam und träge dahinschleicht, dann sterben die Glieder ab, nach den kleinen die großen. Gesundung des Kreislaufes — wir haben es in Deutschland bei der Stabilisierungskrise erlebt — führt aber gleichzeitig auch zur Beseitigung volkswirtschaftlicher Schädlinge, wie sie gerade auf dem Gebiete des Austausches in den Zeiten der Inflation so massenhaft emporgewuchert waren und die Scheidewand zwischen Landbau und Wirtschaft immer höher schichteten. Vieles ist jetzt besser geworden, aber viel bleibt noch zu tun übrig.
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Agrarkrise und Weltwirtschaftskrise.
Dr. Sering gegen den Dawes-Plan.
In der landwirtschaftlichen Kommission der Welt- Wirtschaftskonferenz in Genf hielt der deutsche Vertretei Geheimrat Dr. Sering eine Rede über die Zusammenhänge der Agrarkrise und der Weltwirtschaftskrise. Ei vetonte hierbei, daß man von einer normalen Preisbildung bei landwirtschaftlichen Produkten weit entfernt sei. Die Ursache der abnormen Preisbildung liege in bei gesunkenen Wettbewerbsfähigkeit und Kaufkraft der europäischen Industriegebiete.
Als Ursache für die gesunkene Kaufkraft gab bei Redner vor allem die Steigerung der unproduktiven Ausgaben für militärische Zwecke und für Erledigung der poli- lischen Schuldenverpflichtungen an. Letzten Endes seien die gesamten europäischen Schuldenverpflichtungen aus Grund der Bestimmungen des Dawes-Planes durch Deutschland zu leisten. In dieser Tatsache Kege die Ursache der Weltagrarkrise und der Weltwirtschaftskrise begründet. Die Weltwirtschaftskonfe- renz verfehle ihr Ziel, wenn nicht die erste Voraussetzung für die Behebung der Weltwirt- schaftskrise gegeben sei, nämlich eine Regelung der politischen Zahlungsverpflichtungen auf einer Grundlage, die für alle Beteiligten dankbar sei. Audernfalls müßten in Europa die Zustände wiederkebren.
Wiedereröffnung
Reichstagsbeginn nach Ostern.
Berlin, 10. Mai.
Die erste Überraschung für das erwartungsvolle Auge beim Eintritt bietet der ansehnliche Blumenstrauß auf dem Präsidentenplatz, der eine freundliche Frühlings- note in das strenge Gefüge des Reichstagssaales bringt. Der Frühling, der sich unter dem Regiment der Eisheiligen heute etwas kühl anläßt, soll hier aber nicht begrüßt werden, sondern der von schwerer Erkrankung genesene Präsident des Hohen Hauses, Herr L ö b e, dessen in angenehmer Erholungsfrische strahlendes Gesicht alsbald hinter dem Blütengebinde auftaucht. Vizepräsident Dr. R i e ß e r spricht unter Beifall von allen Bänken Genugtuung über die Wiederherstellung des Präsidenten aus, Löbe antwortet mit Dankesworten für seine Vertretung und drückt die Hoffnung aus, in der kommenden Arbeitsperiode werde man vielleicht ohne Überstunden und Nachtschichten auskommen. Einige Abgeordnete wiegen dazu zweifelnd die Häupter. Aber allzusehr scheint der Ernst der Stunde noch nicht die Herzen ergriffen zu haben, denn die Mitteilung Löbes, die Staatsanwaltschaft verlange Genehmigung zur Strafverfolgung der Abgeordneten Fürst v. Bismarck und Lange-Heger- wann, löst Heiterkeit von rechts und links aus, als man erfährt, der Enkel des Altreichskanzlers habe unvorschrifts- mäßige Automobilfahrten unternommen und der vielgenannte frühere Zentrumsvertreter, jetzt parteilose Abgeordnete sei zu nachtschlafender Zeit unter Übertretung der Polizeistunde noch beim Becher betroffen worden. Der Geschüftsausschuß wird die Forderungen der strengen Gerichtsbarkeit auf ihre Berechtigung hin prüfen. Der völkische Dr. F r i ck erhebt Protest gegen die polizeiliche Bevormundung der Nationalsozialisten und verlangt sofortige Beratung der Entwürfe-zur Bereiusgefetzgebung. Ein Kommunist wettert gegen die geplante Portoerhöhung und will morgen dazu Stellungnahme. Beide Anträge finden keine Mehrheit. Einige wenig erschütternde Vorlagen erreichen debattelos ihre Genehmigung. Die Bestimmungen über die Einfuhr von Gefrierfleisch rufen noch zwei Redner aus den Plan, selbst der Reichsernährungs- ininifter Schiele erscheint aüf der sonst verwaisten Ministerbank — aber es kommt weiter nichts heraus als eine Verweisung der Materie an den Volkswirtschaftlichen Ausschuß. Dann läßt man es für heute genug sein, die eifrigen Volksboten können zu Skat oder Ferienerinnerungen zurückkehren. So friedlich wie diesmal wird's wohl nicht allzulange bleiben.
wie wir sie in Deutschland im Juflationsjahr 1923 erlebt toben. Die Rückwirkungen einer derartigen Entwickelung auf die ganze Welt würden dann nicht ausbleiben.
Im Jndustrieausschuß hielt Reichstagsabgeordneter Dr. L a m m e r s, Vorstandsmitglied des Reichsverbands /er Deutschen Industrie, eine groß angelegte und mit nach- billigem, lang andauerndem Beifall aufgenommene Rede, m der er die Forderung aufstellte, daß eine europäische G-neralidee für die hauptsächlichsten wirtschaftlichen bitme, vor allem in bezug auf Rationalisierung und Kar- testierung, geschaffen werde.
Landgemeinden und Finanzausgleich.
Berlins Absage an den Städtetag.
Dem Hauptvorstand des Verbandes der Preußischen Landgemeinden, der in Berlin zusammentrat, berichtete Landrat Dr. Gereke, M.d.R., ausführlich über den Reichsfinanzausgleich und den Finanzausgleich in den Ländern, besonders in Preußen. Dabei wurde ausgeführt, daß im Reichsfinanzausgleich die Wünsche der Landgemeinden zu einem erheblichen Teil Berücksichtigung gefunden hätten. Beim preußischen Finanzausgleich sei den Interessen der Landgemeinden und kleineren Städte keineswegs ausreichend Rechnung getragen worden. Die Unterverteilung der Reichssteueranteile stelle eine starke Begünstigung der großen Städte dar.
Das Reichsrahmengesetz zur Regelung der Realsteuern war ebenfalls Gegenstand lebhafter Erörterung. Landrat Dr. Gereke führte u. a. aus, ein Gesetz über die Vereinheitlichung des Steuerrechtes sei auch vom Standpunkt der Landgemeinden nur zu begrüßen. Die eingehenden Steuerbeträge müßten in erster Linie dem kleinsten Steuergläubiger, also der Gemeinde gutgeschrieben werden, so daß teilweise Stundungen nicht auf Kosten der Gemeinden gingen.
Der Vorstand des in Koblenz tagenden Deutschen und Preußischen Städtetages befaßte sich mit dem Beschluß Berlins, von den weiteren Beratungen des StädtetagLs als Protest dagegen vorläufig fernzubleiben, daß es bei dem Finanzausgleich nach seiner Ansicht stark benachteiligt würde. Die Vorstände halten es, wie in einer Entschließung ausgedrückt wird, für untragbar, daß Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Städtetag und seinem Vorsitzenden, dem Berliner Oberbürgermeister, in der Öffentlichkeit in einer Weise ausgetragen werden, die das Gesamtinte reffe aller Städte schädigen muß. Sie bedauern das Fehlen des Oberbürgermeisters von Berlin in der von ihm einberufenen Sitzung,
des Reichstages
■ Denn schon geht ein Raunen über bevorstehende harte Auseinandersetzungen bei der Frage der Verlängerung des R c p u b l i k s ch u tz g e s e tz e s, die der Lösung harrt, und bei der namentlich über die mögliche oder unmögliche Rückkehr des früheren Kaisers nach Deutschland entschieden werden soll. Da heißt es also Kräfte sammeln. io.
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Sitzungsbericht.
(310. Sitzung.) CB. Berlin, 10. Mai.
Die erste Sitzung nach den Osterferien sieht ein nicht allzu stark besetztes Haus. Vizepräsident Dr. Ricßer richtet begrüßende Worte an den wiedergenesenen Reichstagsprä- sidenten. Er spricht die Hoffnung aus, daß der Präsident in gleicher Weise und in gleicher Unparteilichkeit mit bem guten Humor, über den er verfüge, seine Tätigkeit noch recht lange ausüben möge. (Lebhafter Beifall.)
Reichstagspräsident Löbe dankt für die herzlichen Bc- grützungsworte. Er gibt der Erwartung Ausdruck. daß die bevorstehenden großen Ausgaben des Reichstags ohne Überstunden, ohne Nachtschichten und ohne Beschränkung der sommerlichen Freiheit erledigt werden können.
Ein Antrag des Oberstaatsanwalts in Stendal auf Genehmigung zur Strafverfolgung des Abg F ü r st von Bismarck (Dtn.) wegen Übertretung der Verordnung betr. Kraftfahrzeuge wird dem Geschäftsordnungsausschuß überwiesen, ebenso ein weiterer Antrag auf Genehmigung zur Strafverfolgung des Abg. Lange- Hegermann (parteilos) wegen Übertretung der Polizeistunden
. Vor Eintritt in die Tagesordnung erhebt Abg. Dr. Frick (Nationalsoz.) in einer Erklärung schärfsten Protest gegen die vormärzlichen Methoden, die gegen die Nationalsozialistische Arbeiterpartei angewendet würden. Der Redner beantragt die sofortige Beratung des dem Reichstag vorliegenden Vereinsgesetzes. Gegen die sofortige Behandlung Wird Widerspruch erhoben.
Das Lustverkehrsablommen zwischen dem Deut- ghen Reiche und.der Tschechoslowakei wird in allen drei esungen angenommen. Der Gesetzentwurf über die Abänderung der internationalen Meterkonvention wird in allen drei Lesungen angenommen, desgleichen das Abkommen zwischen dem Deutschen Reiche, Belgien, Frankreich unb Italien über die gegenseitige Anerkennung der Beschutzzeichen für Hand- feuerwaffen. Es folgt dann die Beratung des Berichts bei Ausschusses für Handelspolitik über Entschließungen betr. das Verbot der Verwendung von Gefrierfleisch zur Wurstfabrikation usw. Auf Antrag des Abg. Schlack (Ztr.) wird die Entschließung an den Volkswirtschaftlichen Ausschutz zu. rückverwiesen.
Das Haus vertagt sich auf Mittwoch. Ein kommunistischer Antrag, in der Mittwochsitzung die Frage der Portoerhöhung zu behandeln, wird abgelehnt.
die Gelegenheit zur Aussprache mit ihm und zur Verständigung hätte geben können. Der Städtetag hält es, wie in der Entschließung zum Schluß betont wird, nach wie vor für seine Pflicht, Einzelinteressen aller feiner Mitglieder dem höheren Interesse der Gesamtheit einzuordnen.
preußischer Landtag.
(282. Sitzung.) tt. Berlin, 10. Mai.
Das Haus setzt die Aussprache zum Handelsetat fort. Abg. Falk (Dem.) erklärt, in Genf, bei der Weltwirt- schastskonserenz, werde über uns und unsere Zukunft verhandelt. Auf dem Wege der europäischen Wirtschaftsbefrie- dung werden wir fortschreiten müßen. In seiner jetzigen Form könne das Dawes-Abkommen nicht bestehenbleiben, wenn wir wieder zu einer Wirtschaftskonsolidierung kommen wollen.
Abg. Mohrbotter (Wirtsch. Vgg.) bezeichnet die Konzernbildungen als eine große Gefahr besonders für den Mittelstand. Beim Abschluß von Handelsverträgen sei zu beachten, daß die eigene Produktion ohne Belastung der Konsumenten wirklich Nutzen von den Verträgen habe. Abg. Wiegershaus
S fordert eine gesunde Nationalwirtschaft an Stelle einer irtschaft. Nur das Großunternehmertum genieße die Gunst des Staates. Das Warenhaus erfasse Handel und Handwerk. Als der Redner heftige Angriffe gegen das internationale Großkapital und die Judenwirtschaft richtet, erhebt sich im Hause ein großer Lärm, in dem die weiteren Ausführungen des Redners untergehen.
Die Aussprache wird unterbrochen und das Haus nimmt die Abstimmungen zum B e r g e t a t vor. Angenommen wird der Ausschußantrag, der die baldige Verabschiedung eines besonderen Bergarbeiterschutz- sowie des Arbeitszeitgesetzes fordert. Ferner soll ein Reichsberggesetz vorgelegt, die Zahlung von Revierprämien verboten und die bergbauliche Arbeitszeit gesetzlich aus sieben Stunden unter Tage und acht Stunden über Tage festgesetzt werden. Der Haushalt wird auch im übrigen nach den Ausschußanträgen bewilligt. Angenommen wird auch u. a. der deutschnationale Enlschlie- tzungsantrag, wonach den Bergwerksverwaltungen zur Errichtung von Werkwohnungen Hauszinssteuermittel zur Verfügung zu stellen sind.
Damit sind die Abstimmungen zur zweiten Lesung des Bergetats beendet und der Etat in zweiter Lesung er- Icbigt.
In namentlicher Abstimmung findet mit 203 gegen 136 Stimmen der Antrag des Geschäftsordnungsausschutzes Annahme, der die Genehmigung zur Strafverfolgung des Abg. Grube (Komm.) wegen Beleidigung des Reichs Präsidenten in einer von Grube verantwortlich gezeichneten Zeitschrift erteilt. - In der fortgesetzten Aussprache zum Handelsetat wendet sich Abg. Frau Hanna (Soz.) gegen die vom Reichsarbeitsministerium beabsichtigte Beseitigung der Krisenfürsorge und Kürzung der Unterstutzungsdauer der ^‘^IbT^^ (Dtn.) warnt vor übertriebenem