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Hersfelöer Tageblatt

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Reisfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für öen Kreis Reisfeld

Monatlicher Bezugspreis: durch Sie Post bezogen 1.20 Reichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für siersfelS 1.00 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für Abholer 0.80 Reichs-Mark druck und Verlag von Ludwig Zanks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des VVZV.

mit den Beilagen: Heimatschollen / Illustriertes Anterhaltungsblatt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Unterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.

Nr. 123 «Erstes Blatt)

Sonnabend, den 28. Mai 1927

77. Jahrgang

Russisches Spiel.

Eitelkeiten. Preisend mit viel schönen Reden. Der englische Donnerschlag. Tschitscherins Parade. Ver­lorenes Spiel. Deutschland bleibt fest.

Wenn man recht gezählt hat, waren diesmal nicht weniger als zweitausend Menschen in der Völkerbundstadt am Genfer See zusammengeströmt, um den Verhandlun­gen der Weltwirtschaftskonferenz aus nächster Nähe zu folgen. Die Anziehungskraft dieser internatio­nalen Veranstaltungen hat also immer noch nicht wesent­lich nachgelassen oder man muß annehmen, daß sie für viele Leute nur den Vorwand für die Befriedigung von Eitelkeiten abgab.

Daß dieser Aufwand an Menschen, an Arbeitskräften und an Kosten sich diesmal sonderlich bezahlt gemacht hätte, wird man allerdings schwerlich behaupten können. Mit Ach und Krach ist nur gerade ein völlig negativer Aus­gang der wochenlangen Verhandlungen verhütet worden. Es ist so gekommen, wie man es vorher gesagt hat: die Herren gehen nach vielen schönen Reden, mit denen sie sich gegenseitig unterhalten oder auch nicht unterhalten haben, unter schriftlicher Festlegung von Entschließungen ausein­ander, deren Hauptzweck darin besteht, möglichst nie­mandem wehe zu tun, die aber natürlich an den wirtschaftlichen Gegensätzen in der Welt wie an der Not­wendigkeit, bei ihrer Austragung den eigenen Vorteil nach Kräften zur Geltung zu bringen, nicht das geringste ändern können. Die Russen, die nach vielem Sperren und Zieren schließlich doch auch den Weg nach Genf gefunden hatten, wollten sich dort als ganz umgängliche Leute er­weisen und waren heilfroh, als man ihrem antikapitalisti- schen Standpunkt in einer grundsätzlichen Erklärung eine wenn auch kleine, so doch immerhin ganz höfliche Ver­beugung machte.

*

Da trafen sie die Nachrichten aus der englischen HSMM«8KW ^aWÄ ebensowenig wie die großspurigen Noten, mit denen sie das kommende Unheil noch im letzten Augenblick abzu- wenden suchten. England will nicht mehr länger mit sich Schindluder spielen lassen. Es hat genug und übergenug von den bolschewistischen Teufeleien, die die festen Grundmauern des Britischen Reiches mehr und mehr untergruben und das Mutterland sowohl wie gerade seine wichtigsten Außenposten mit einem Netz von Agenten und Wühlern umzogen, deren unheimliche Tätigkeit die Zentralregierung je länger desto empfindlicher zu spüren bekam. Mit dem Abbruch der Handelsbeziehungen geht der Verzicht auf jeden diplomatischen Verkehr mit der Sowjetrepublik Hand in Hand ^in Zustand, der eigent­lich die Einleitung entsprechender militärischer Maßnahmen zur unmittelbaren Folge haben müßte. Darauf wird, darauf kann aber wohl auch die russische Regierung es vorläufig nicht ankommen lassen. Schon bemüht sich der vielgewandte Herr Tschitscherin, den Schlag in Paris noch nach Möglichkeit zu parieren zulokalisieren", wie man sich im Sommer 1914, beim Herannahen der großen Weltkatastrophe, auf allen Seiten so geflissentlich bemüht zeigte. Und die Entscheidung, vor die sich plötzlich Herr Briand und die Seinen, kaum, daß die schönen Ententereden gelegentlich des Besuches des französischen Staatspräsidenten am englischen Königs­hose verklungen sind, gestellt sehen, werden gewiß erst nach sehr ernster Überlegung aller sich aus ihr möglicherweise ergebenden Folgerungen gefaßt werden. Wären die Russen dem Völkerbünde beigetreten, England hätte jetzt schwerlich so kurzen Prozeß mit ihnen machen können. So aber wird ihnen der Stuhl mit einer Rücksichtslosigkeit vor die Tür gesetzt, die in der Geschichte europäischer Staatenbeziehungen noch niemals erhört worden ist.

Moskau wird die Antwort auf diese Herausforderung natürlich nicht schuldig bleiben. Es w'rd sich aber in der Wahl seiner Kampfmethoden nicht von überlieferten Vor- stellungen der alten, derkapitalistischen" Völker bestim­men lassen, sondern seine eigenen Wege gehen, wobei man schon auf einige Überraschungen gefaßt sein kann. Jeden­falls ist inmitten der weltumfassenden Verständigungs­bemühungen im Genfer Friedenspalast urplötzlich vor unseren Augen wieder einmal ein W i r t s ch a f t s k ri e g entbrannt, dessen unheilschwangere Bedeutung auch dem schlichtesten Menschenverstand nicht erst weiter klargemacht zu werden braucht. Die Russen verstehen es ja nach wie vor ganz' ausgezeichnet, den wahren Zustand ihrer Wirt­schaft vor unberufenen Augen so gut wie völlig verbor­gen zu halten. Trotzdem besteht in einigermaßen urteils­fähigen Kreisen kaum noch ein Zweifel darüber, daß sie ohne baldige Hilfe von außen das Spiel in abseh - barerZeitverloren geben müssen. Sie werden sich gegen England mit Hörnern und Klauen zur Wehr setzen, gerade weil sie wissen, daß dieser Gegner keinen Spaß versteht, wenn er sich erst einmal dazu entschlossen hat, von wiederholten Drohungen und Ankündigungen zu Taten überzugehen.

. Die Franzosen werden ja nun zeigen können, wie diesolidarischen Interessen" und diegemeinsamen Ideale" in der Praxis beschaffen sind, von denen ihr Staatschef soeben in London als den besten Garantien des prtebenS in Europa gesprochen hat. Deutschland ist ln neu bekräftigte Bundesverhältnis nicht einbe-

Es kann sogar den Verdacht nicht ab-

Iciitschlliiid

m Ponton

Der eligW-mMe Amch vollzogen

DeutschlandübernimmtRußlandsVertretung

Nachdem der englischen Regierung mit 357 gegen 111 Stimmen vom Unterhaus die Erlaubnis zum Abbruch der Beziehungen zur Sowjetregierung ausgesprochen worden ist, ist dem russischen Geschäftsträger in London die englische Note überreicht worden, in der England den Ab­bruch der diplomatischen Beziehungen und die Aufhebung des Handelsabkommens ankündigt. Die Note stellt den amtlichen russischen Vertretern eine zehntägige Frist, bis zu ihrer Abreise. Auch England will innerhalb dieser Zeit seine amtlichen Vertreter aus Rußland abberufen.

Bis zur Wiederherstellung der diplomatischen Be­ziehungen zwischen England und Rußland soll Deutschland die russischen Interessen in England vertreten. Der russische Botschafter in Berlin hat zu diesem Zweck im Berliner Auswärtigen Amt vorgesprochen, um den Wunsch seiner Regierung zu übermitteln, daß die Reichsregierung angesichts des Abbruchs der Beziehungen zwischen Groß-

weisen, daß die Herren Chamberlain und Briand sich auf seine Kosten zu neuer Freundschaftsverständigung zu- sammengefunden haben. So mögen sie auch nun unter sich die Entscheidungen vorbereiten und durchführen, mit denen sie i h r e n Frieden in Europa, unbekümmert um die Abmachungen von Locarno und Thoiry, auf neue Grund­lagen stellen wollen. W i r haben unsere Beziehungen zu Rußland nach Maßgabe unserer Interessen und unserer Friedensbedürfnisse geregelt. Es wird wohl unter allen deutschen Parteien volles Einverständnis darüber be­stehen, daß wir an dieser unserer Ordnung der Dinge fest halten müssen, unb-irQ M$ Zerwürfnisse, in die andere Staaten, mit oder ohne eigene Schuld, der russi­schen Regierung gegenüberhineingeschlittert" sind.

Gsneral v. Giem T.

Der erste Generalquartiermeister im Weltkrieg.

In seiner Villa in Lehnin i. d. Mark ist der erste Generalquartiermeister im Weltkrieg, General der Ar­tillerie Exzellenz Dr. von Stein, im 73. Lebensjahr gestorben. Der Tod ist infolge eines alten Herzleidens eingetreten. Als Herr von Stein morgens nicht zu ge­wohnter Stunde zum Frühstück erschien, wurde die von

General v, Steinh

innen verriegelte Tür zum Schlafzimmer gewaltsam ge­öffnet. Man fand ihn im Bett friedlich ent­schlummert vor.

Hermann von Stein ist als Sohn eines Pastors im Jahre 1854 im Harz geboren worden. Seine militärische Laufbahn begann mit 19 Jahren bei einem Feldartillerie­regiment. Bekannt ist er in seiner Eigenschaft als General­quartiermeister geworden, als er zu Beginn des Welt­krieges die S i e g e s d e p e s ch e n der deutschen Armeen, die durch ihre klassische Stilisierung auffielen, unterzeichnete. Im Jahre 1916 wurde er als Nachfolger Falkenhayns Kriegsminister. In dieser Stellung blieb er bis kurz vor dem Zusammenbruch im Oktober 1918. In seinem WerkErlebnisse und Betrachtungen" setzt er sich mit der deutschen Politik und Kriegführung auseinander. Der Verstorbene erfreute sich wegen feines aufrechten und wahrhaften Charakters allgemeiner Wertschätzung.

Wilde Spetulation gefährdet die Währung

Eine Mahnrede des Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht.

Anläßlich der Einweihung einer Reichsbankfiliale in Stralsund hielt Dr. Schacht eine beachtenswerte Rede, in der er sich gegen die Angriffe verteidigte, er habe die Spekulanten an demschwarzen Freitag" (13. Mai 1927) absichtlich schädigen wollen. Die unerhört hohen Kredite, die die Spekulation in Anspruch genommen habe, bezifferten sich auf 1300 Millionen Mark und stammten zum Teil aus dem Ausland. Infolgedessen habe das Deutsche Reich eine sich ständig vergrößernde D e Vi­sen s ch u l d besessen, bei einer Fortsetzung dieser Politik

britannien und Rußland die deutsche Botschaft in London mit der Wahrnehmung der russischen Interessen in Eng­land beauftragen möge. Die Reichsregierung hat diesem Wunsche auch entsprochen.

Der russische Kommissar für Auswärtige Politik, Tschitscherin, hat Paris verlassen und ist wieder in r a n k f u r t a. M. eingetroffen, wo er sich von neuem in ärztliche Behandlung begeben hat und die vor mehreren Monaten begonnene Kur fortsetzen wird. Von feiten des behandelnden Arztes wird völlige Ruhe zur Schonung und Wiederherstellung seiner Gesundheit für absolut notwendig erachtet.

Russische Mobilmachung?

Reuter meldet aus Tokio: Mehrere japanische Blätter bringen Telegramme aus Charbin (Mandschurei), wonach Befehle zur raschen Mobilmachung der Sowjettruppen er­gangen seien. Die mobilgemachten Truppen würden hauptsächlich nach der Grenze im äußersten Osten und nach Kronstadt gesandt werden. Die Maßnahme wird als VorspirlvonFeindseligkeiten zwischen Groß­britannien und Sowjetrußland angesehen.

wäre die deutsche Währung schließlich in Gefahr gekommen. Diesem Schauspiel habe er nicht ruhig zuschen können und daher sei die Einschränkung der Börfenkredite (Reportgelder genannt) eine volkswirtschaft­liche Notwendigkeit gewesen.

Ferner verwahrte sich Dr. Schacht gM§n den Vor- wurf, er habe dem ausländischen Markt mll^besonders dem Reparationsagenten das Trugbild VP dW deutschen Wohlstände zerstören wollen; die au-Mchlschen Finanz­minister wüßten ganz a. ..^a, daß die deutsche Wirtschaft und das deutsche Vcck schwer zu kämpfen haben. Bei feinem Vorgehen habe, es sich lediglich darum gehandelt, Deutschland vor einer neuen Inflation zu schützen.

Deutscher Glaube an deutsche Zukunft.

Eine Rede Dr. Stresemanns in Stuttgart.

Anläßlich der Festsitzung des Deutschen Auslands­instituts in Stuttgart, das in diesem Jahre auf ein zehn- jähriges Bestehen zurückblicken kann, hielt der Reichs­außenminister Dr. S t r e s e m a n n eine Ansprache, in der er hervorhob, daß wir heute in unserem Volke ein schweres Ringen nach Aufstieg sehen. Wir haben durch den Krieg verloren, was wohl das beste im alten Deutschland war und was das neue Deutschland sich hoffentlich wieder schaffen werde: jene gesunde Mittelschicht, die selber auf­steigen konnte. In schwerem Kampfe ringe Deutschland um die Wiedergewinnung seiner Geltung unter den Völkern. Man habe versucht, uns moralisch als weniger wertvoll hinzustellen als andere Völker, aber das Hoch­strebende in uns stehe keinem andern Volk auf diesem Erdenrund nach. Wir hätten leider, als wir in der Welt groß waren, nur wenig für das Deutschtum draußen getan, hätten in die Kolonien, die wir besaßen, nicht Geld genug hineingesteckt, um sie zu entwickeln. Aus diesen Fehlern der Vergangenheit müßten wir lernen und durch Kultur­politik das gutzumachen suchen, was wir damals versäumt haben. Es dürfe für die Ausländsdeutschen fürderhin nicht Parteien, sondern, bei aller Gegensätzlichkeit der An­schauungen, nur ein Deutschland geben. Alle müßten sich bekennen zu dem großen, mächtigen Kulturvolk deutschen Wesens, deutschen Kämpfens und deutschen Glaubens, vor allem deutschen Glaubens an deutsche Zukunft. Die Rede des Ministers wurde mit stür- mischem Beifall aufgenommen.

Masaryk wiedergewählt.

Mit 274 von 432 gültigen Stimmen.

Dr. Thomas Garrigue Masaryk ist, wie nach den letzten Meldungen aus Prag nicht anders zu erwarten war, bei der Präsidentenwahl in der Tschechoslowakei schon in» ersten Wahlgang von neuem für sieben Jahre zum Prastdenten des Tschechoslowakischen Staates gewählt worden. An der Wahl nahmen 434 Abgeordnete und Senatoren teil; es wurden aber nur 432 gültige Stimmen abgegeben. 104 Stimmzettel waren leer, 54 Stimmzettel lauteten auf den Namen des kommunistischen Senators einzigen Gegenkandidaten Masaryks. Masaryk erhielt 274 Stimmen, 21 über die erforderliche Dreisünstel-

Nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses begab sich Ministerpräsident Svehla im Automobil auf den Hradschm, die historische Präger Burg, zur Einholung des wicdergewahlten Präsidenten, der dann, während 21 Ka­nonenschüsse der Bevölkerung die vollzogene Wahl ver­kündeten und auf dem Parlamentsgebäude die Standarte des Präsidenten gehißt wurde, unter stürmischem Beifall den Eid auf die Verfassung leistete.

Masaryk ist somit zum zweitenmal oder, wenn man will, zum drittenmal Präsident der Tschechoslowakischen Republik geworden. Das erstemal hatte ihm im November 1918, nach dem Zusammenbruch der Mittelmächte, der Präger Revolutionskonvent der Tschechen und Slowaken die Präsidentenwürde übertragen. Die ersteoffizielle Präsidentenwahl erfolgte jedoch erst am 27. Mai 1920, also genau vor sieben Jghreg, Damals standen die Deutschen