HersMerTageblatt
Hersfelöer Kreisblatt Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfel- mit den Beilagen: Heimatschollen / Illustriertes Anlerhaltungsblatl / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Anterhaltung und Wissen Belehrung und Kurrweil / Wirtschaftliche TageSfragen.
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Nr. 128
Freitag, den 3. Juni 1927
77. Jahrgang
Bleibe im Lande...
Auswanderung, Landflucht und Siedelung.
Die Meldung, daß Kanada bis auf weiteres Auswanderer nicht mehr hereinläßt, weil infolge der großen Nässe in der dortigen Landwirtschaft eine bedeutende Verminderung der Beschäftigungsmöglichkeiten einge- treten sei, trifft zwar vor allem die Kreise der ländlichen Auswanderer, darüber hinaus aber wird die Gefahr einer Mißernte in Kanada und ihre Rückwirkung auch auf das dortige allgemeine wirtschaftliche Leben nicht ausbleiben. Kanada ist ja gerade immer als das Dorado für unsere Auswanderer aus den Kreisen der Landwirtschaft bezeichnet worden, hat übrigens immer Gewicht darauf gelegt, in der Landwirtschaft erfahrene Kräfte aus Europa an sich heranzuziehen. Leider stellen in Deutschland gerade die Agrarprovinzen, namentlich die Grenzmark, Schleswig-Holstein und Hannover, die meisten Auswanderungslustigen und stehen darin weit über dem ' preußischen Durchschnitt von 78 auf je 100 000 Einwohner. Brandenburg hingegen stellt auf 100 000 Einwohner nur 56 Auswanderer und selbst Berlin bleibt immer noch hinter dem Reichsdurchschnitt zurück. Weitaus die niedrigste Zahl hat Oberschlesien.
Erfreulicherweise ist gegenüber dem Jahre 1923, als in Deutschland die Inflation herrschte und der Besitz eines Dollars oder eines Pfund Sterlings fast wie ein Traum erschien, die Auswanderung sehr erheblich zurückgegangen; damals wanderten noch über 115 000 Personen aus, während rund 77 000 Deutsche im Jahre 1926 die Heimat verließen. Davon gingen 65 000 nach Übersee und von ihnen nahmen die Vereinigten Staaten mehr als 80 Prozent, . also rund 50 000 Auswanderer auf. Die Auswanderung nach Kanada ist nicht sehr erheblich, steht immer noch zurück gegen die nach Brasilien und Argentinien, wo deutsche Landwirte und Facharbeiter immer noch gute Aussichten haben. Wer freilich ohne einige finanzielle Mittel dorthin kommt. wird es wohl schwerer haben, im Auslande sein Leben zu fristen, als in der Heimat, die er verlassen lM. Nur mrt gewaltigem steife, ,^ unbedingte Gesundheit unterstützen muß, und auf einer wenn auch schmalen finanziellen Grundlage stshend ist ein Vorwärtskommen möglich. Immerhin ist die Auswan» derung, wenn sie 1926 auch erheblich zurückgegangen ist, doch noch über dreimal so groß als im letzten Vor- ^'^Besonders bedenklich daran ist aber die A b w a n derung v o n L a n d w i r t e n. Und diese bedenkliche Erscheinung wird noch ernster, wenn man erwägt, daß das Landvolk für die Lebenskraft unseres Gesamtvolkes von entscheidender Bedeutung ist. Nur ein paar Zahlen: für die 15 Jahre von 1910 bis 1925 ergibt sich für das Land ein durchschnittlicher Geburtenüberschuß von mindestens 15 % für die Städte aber nur ein solcher von 4 und in Berlin ergab sich in dieser Zeit sogar eine natürliche Abnahme der Bevölkerung in Höhe von 1,3 %. Und in den Großstädten ist seitdem jener Hundertsatz noch gefallen, in Berlin die natürliche Abnahme gestiegen. In jenen 15 Jahren sind mindestens drei Millionen Menschen vom Lande in die Städte gewandert unb das bedeutet dort eine B l u t a u ff r i sch n n g , die bevölkerungspolitisch von entscheidender Bedeutung ist.
So ist es um jeden Bauern, um jeden Landarbeiter schade, der das Land verläßt, gleichgültig, ob er in die Städte abwandert oder gar ins Ausland geht, wo er doch — bei dem Mangel an einer deutschen Kolonie — nur zum Kulturdünger wird. Namentlich die 60 000, die nach Amerika auswandern, sind spätestens in der dritten Generation d e m d e u t s ch e n V o l k s t u m v e r o r e n.
Darum ist die viel zu langsam vorwartsgehende Siedlung, die Schaffung von Stellen für die jüngeren Bauernsöhne und für Landarbeiter, eine nicht ernst genug zu nehmende Aufgabe. Leider wird aber darüber mehr geredet als darin getan. Nicht etwa, daß es an Land fehlt, aber leider reizt die Stadt, vielfach auch das Ausland noch immer viel zu sehr zur Ab- und Auswanderung Freilich bedeutet die Zahl der Hunderttausende von Arbeitslosen in den Städten doch eine gewisse Warnung gegen leichtfertige Abwanderung dorthin, bedeutet auch die von uns obenerwähnte Meldung eine Mahnung, nicht ins Blaue hinein nach Übersee zu gehen Die 1200 Deutschen, die durchschnittlich jedes Jahr nach Kanada ab- qewandert sind, unterlagen dabei einer sehr eifrig getriebenen Auswanderungspropaganda; ob ihr Schicksal jetzt aber gesichert ist, dürste sehr zweifelhaft fern. Im Interesse unseres Volkstums sollte daher weniger von Siedlung gesprochen als möglichst viel dafür getan werden.
Auswertungsansprüche au-
Leben-versicherungen.
RentenzahlungenundVorschußleistungen
Im Reichsaufsichtsamt für Privatversicherung hat eine Besprechung mit den für die Lebensversicherungsgesellschaften ernannten Treuhändern stattgefunden. Als einmütige Auffassung der Versammlung wurde festge- stellt, daß Zahlungen auf laufende Renten, wie sie sich aus einer vorsichtig geschätzten Aufwertungsquote bei den einzelnen Gesellschaften ergeben, allgemein wieder ausgenommen werden sollen, und daß Anträgen auf V o r s ch u ß l e i st u n g e n für fällige Ansprüche bei derKapitalversickeruna ebenfalls grundsätzlich
Surfte »elfMMMtii
Lordwefideiüschlaod von Windhosen heimgesucht.
Zahlreiche Tote und Verletzte.
Eine Unwetterkatastrophe, wie man sie sonst nur in Afrika gewohnt ist, hat sich plötzlich in Nordwestdeutsch- land ereignet und hat der Stadt Lingen sowie mehreren umliegenden Dörfern schweren Schaden gebracht und das Leben vieler Menschen gekostet. Besonders wurde das nördliche Emsgebiet von dem Wirbelsturm heimgesucht. In Lingen selbst werden drei Tote und 25 Verletzte beklagt. Dreihundert Häuser sind allein in dieser Stadt durch den Sturm beschädigt worden. Ein auf der Strafte
Wirkungen des WirbelsturmS in Skr Nähe von Reustetkln?
stehendes Auto wurde zehn Meter weit in das Schau- enster eines Geschäftshauses geschleudert. Die ganze Katastrophe spielte sich innerhalb zweier Minuten ab. Dreistöckige Häuser wurden einfach umgelegt: die Balken flogen nach Berichten von Augenzeugen durch die Gewalt des Sturmes wie Streichhölzer durch die Luft. Riesige alte Bäume liegen entwurzelt über den Chausseen. Der Sturm war mit einem furchtbaren, ohrenbetäubenden Getöse verbunden.
Ähnliche Szenen wie in Lingen spielten sich auch in Scheptsdorf und Esche ab. Dort sollen sämtliche achtzehn Bauernhöfe vom Erdboden verschwunden sein. In den Bauernschaften Auen und H o l t h a u s bei Kloppenburg sind ferner 38 Häuser zerstört worden. Die ganze Gegend bis nach Bremen hin hat einen solchen Orkan seit Jahrzehnten nicht erlebt. In Delmenhorst waren die Eishagelstücke fast so groß wie Taubeneier und zerstörten die ganze Ernte. Während des Sturmes wurde es vorübergehend vollkommen finster, die Wolken boten in ihren wirbelnden Bewegungen ein unheimliches Bild.
entsprochen werden soll. Ob dies bei der einzelnen Gesellschaft durch Barzahlung, durch Hingabe von Mobili- sierungspfandbriefen oder durch eine dem Berechtigten zu erteilende Bescheinigung des Treuhänders über die voraussichtliche Höhe des Aufwertungsanspruchs geschehen kann, wird sich nach den Verhältnissen der einzelnen Gesellschaften, insbesondere der für diese bestehenden Möglichkeit, selbst liquide Mittel zu beschaffen, sowie auch nach der Zusammensetzung und dem Umfange des Aufwertungsstocks richten müssen.
Gegen die Herausgabe von Bescheinigungen in der Form eigentlicher Jnhaberpapiere wurden erhebliche praktische und rechtliche Bedenken geltend gemacht, dagegen wurden die erwähnten nachrichtlichen Bescheinigungen nach schon gesammelten Erfahrungen als brauchbare Unterlagen für die Kreditgewährung bei« Privatpersonen und öffentlichen oder privaten Geldinstituten bezeichnet. Nach dem Gesamtergebnis der Aussprache kann erwartet werden, daß bei fällig gewordenen Aufwertungsansprüchen den Anträgen der Versicherten auf einem der genannten Wege entsprochen werden kann.
Chamherlain Über den Konflikt mit Aegypten.
Hoffnung auf V e r st ä n d i g u n g.
Im Englischen Unterhause gab der Staatssekretär des Auswärtigen, Chamberlain, eine Erklärung über den englisch-ägyptischen Konflikt ab. Es sei, sagte er, schon seit längerer Zeit das Ziel gewisser Politiker Ägyptens, die derzeitige Kopfstärke des Heeres zu vergrößern und es in eine politische Masse zu verwandeln, die einer politischen Partei, nämlich der Wafd-Partei, zur Verfügung stände. Durch derartige Pläne würden die Interessen der britischen Regierung unmittelbar berührt werden, denn zu Englands lebenswichtigen Interessen gehört die Verteidigung des Suezkanals, und zu seinen Verpflichtungen gehöre der Schutz der Ausländer in
Aber auch in anderen Gegenden Deutschlands tam eS nach der langen Schwüle zu Nuwetterkatastrophen. So werden aus Friedland in Mecklenburg schwere Gewitter gemeldet, die die Getreide- und Obsternte fast völlig vernichtet haben. Drei Fclda rbeitcrinnen wur- - erschlagen. In StraSburg
« der Uckeruiark wurde ebenfalls eine Frau vom Blitz ge-
Sturmverheerungen in Hottand.
. Aoch schlimmer als in den heimgesuchten deutschen ^ Tornado in der benachbarten holländischen Gegend. Hier wurden die Städte Reede und Haacksbergen von einer ungeheuren Windhose fast völlig zerstört. . Der Schaden wird,auf 25 bis 30 Millionen
wmoen oezisserl. sm; ver Eisenvaynstrecke von Reede nach Haacksbergen wurden Eisenbahnwaggons durch die Gewalt des Orkans aus den Schienen geworfen. Sämt- lkche Telephon- und Telegraphenverbindungen im östlichen Geldernland sind unterbrochen worden, so daß die Rettungsmannschaften teilweise erst verspätet gerade an den Orten eintreffen konnten, die am meisten in Mitleiden- schaft gezogen worden sind.
In ganz Holland und Belgien sind zahlreiche Unfälle durch bte Unwetterkatastrophe eingetreten; die Zahl der Toten und Verletzten ist hier noch nicht genau be- kanut, soll aber außerordentlich ho ch sein.
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Es handelte sich bei dem Unwetter nach den ersten Berichten der Wetterstationen um zwei Windhosen, von denen namentlich die zweite eine Breite von 500 Meter hatte. Sie zog sich dann in östlicher Richtung über Nordwestdeutschland hin. Die Länge der Windhose wird mehrere hundert Meter gewesen sein, ihre Geschwindigkeit war so groß, daß sich die Menschen bei ihrem Herannahen nirgends mehr in die Keller retten tonnten.
Agvpten. Es könne daher nicht zugelassen werden, daß die Aufgabe Englands durch die Anwesenheit einer bewaffneten Macht, die unter Umständen eine feindselige Haltung einnehmen könnte. erschwert werde. Die Entsendung von Kriegsschiffen habe England deshalb beschlossen, weil es angenommen habe, daß ihre Anwesenheit auf die aufrührerischen Elemente in Ägypten eine hemmende Wirkung ausüben werde.
Aus einem an die „Times" gerichteten Bericht auS Kairo erfährt man, daß die ägyptische Presse das ägyptische Kabinett auffordere, alle britischen Forderungen abzu- lehnen, da Großbritannien kein Recht zur Einmischung habe. Es beständen aber trotzdem Anzeichen, daß ein Teil der Kammer, wenn auch nicht der bedingungslosen Annahme der englischen Rote, so doch dem Angebot eines Kompromisses zuzuneigen beginne.
Truppenverstärkungm für China.
Besorgnisse der Pekinger Diplomaten.
In diplomatischen Kreisen Pekings ist man wegen der Niederlage der Nordtruppen um die Sicherheit der Stadt außerordentlich besorgt. Dieser Besorgnis hat auch der englische Botschafter in Paris, Lord Crewe, in einer Unterredung mit Briand Ausdruck gegeben. In englischen Regierungskreisen scheint die Absicht zu bestehen, an die Großmächte heranzutreten, um neue Truppen nach China zur Gewährleistung der Sicherheit ihrer Staatsangehörigen zu entsenden. England hat bereits das zweite britische Flugzeuggeschwader, bestehend aus 18 Flugzeugen mit 30 Offizieren und 200 Mannschaften, nach Schanghai gesandt, während Amerika etwa 2000 Marinesoldaten nach Tientsin kommandiert hat.
Nach einer Meldung der Havasagentur aus Pekmg soll der Rückzug der Nordtruppen jetzt in voller Ordnung vor sich gehen. Es ist möglich, daß infolge des Rückzuges der Mukdenarmee ein gewisser Stillstand in den Operationen eintreten wird, da die Südtruppen ein Gebiet besetzen hätten, dgZ etwa hglh s- Wß ist.wie Frankreich,
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