Hersfelöer Tageblatt
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Amtlicher Anzeiger für den Kreis kersfelü i MÄÄÄ »M | mit den Beilagen: Keimalschollen / Illustriertes Anterhaltungsblatt / Nach Feierabend / Herd und Scholle / Anterhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.
Nr. 133 Freitag, Sen 10. Juni 1927
77. Jahrgang
Rußland klagt England an
Folgen des Warschauer Attentats.
Polen lehnt die Verantwortung ab.
Ganz Rußland befindet sich in großer Erregung infolge der Ermordung des russischen Gesandten Wojkow in Warschau. Aus Charkow, Leningrad, Minsk, Swerdlowsk und Kiew werden zahlreiche Protestversammlungen und Kundgebungen gemeldet. In Moskau nahmen an den Demonstrationen mehrere 100 000 Personen teil. Besonders groß waren die Kundgebungen vor dem Gebäude des Außenlommiflariats. Die Worowskistraße, in der sich die polnische Mission befindet, war durch verstärkte Miltz- aufgsbots abgesperrt. Die angenommenen Entschließungen heben hervor, daß die Ermordung Wojkows in engem Zusammenhang mit der sowjetfeindlichen Politik Englands stehe, und weifen daraus hin, daß die polnische Regierung die Verantwortung für den Mord trage. Sie verlangen strenge Bestrafung des Mörders und Aufhebung der Weißgardistischen Organisationen in Polen.
Das gesamte diplomatische Korps in Moskau stattete Besuche im Außenkommissariat ab und sprach der russischen Regierung ihr Beileid aus. Der aus Urlaub weilende deutsche Gesandte Graf Brockdorff sandte ein Beileidstelegramm.
Die Gswjsiregienmg gegen England.
Die Sowjetregierung hat eine Veröffentlichung erlassen, in der sie scharfe Angriffe gegen England erhebt und sagt:
„Die Ermordung Wojkows ist ein Glied in einer ganzen Kette von Ereignissen, die in ihrer Gesamtheit eine immer stärkere Bedrohung des Friedens bedeuten. Diese Bedrohung wird immer greifbarer, ungeachtet der außerordentlichen Bemühungen der Nowietregserung, den Zriedün zu- erhalt,ä. Ber dem frevelhaften Mord an Wojkow, der aus eine ganze Reihe direkter und indirekter Angriffe der englischen Regierung auf Sowjetinstitutionen im Auslande und auf den Abbruch der diplomatischen Beziehungen durch Großbritannien folgte, hält es die Sowjetregierung für notwendig, eine Reihe anderer Tatsachen bekanntzugeben, welche die Arbeit der englischen Regierung und ihrer Organe aus dem russischen Boden kennzeichnen."
Es werden nun eine Menge von Einzelheiten aufgeführt, fo die Verhaftung eines Angestellten des englischen Geheimdienstes bei der Überschreitung der russischen Grenze und seine Geständnisse, daß ihm von der englischen Regierung Instruktionen zur Organisierung von Attentaten usw. erteilt seien, ferner die Vereitelung von Attentaten auf verschiedene hohe Sowjetbeamte, deren Urheber in unmittelbarer Verbindung mit dem Leiter der Konsulatsabteilung der englischen Mission in Moskau gestanden haben sollen. Daraus wird der Schluß gezogen, daß England in allen Fällen die treibende Kraft ist. Auch habe bei dem Morde Wojkows die englische ministerielle Presse den Mörder direkt gerechtfertigt. Ebenso seien Brandstiftungen in Fabriken, Werken und Militärmagazinen Rußlands, ebenfalls durch England angestiftet, aufgedeckt worden. Demnach, sagt die Veröffentlichung weiter, sei es klar, daß die englische Regierung bestrebt sei, die friedliche Arbeit der Völker der Sowjetunion zu stören. Die Sowjetregierung verteidige ihre Position friedlicher Arbeit und Aufbaus.
Sie halte es für ihre heilige Pflicht, vor der ganzen Menschheit und in erster Reihe vor den Völkern ihres eigenen Landes die sowjetfeindliche Politik des britischen Kabinetts und seiner Agenten aufzudecken.
An die werktätige Bevölkerung richte die Regierung den Aufruf, die Fabriken, Werke, Niederlagen, Stationen usw. vor ausländischen Spionen, Brandstiftern und Mördern nebst deren monarchistischen und Weißgardistischen Verbündeten zu schützen.
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Ruhige Aniwsrt Polens.
Das polnische Außenministerium hat die Antwort auf die russische Note, die wegen der Ermordung des Gesandten Wojkow an Polen gerichtet worden ist, ans- gearbeitet. Die polnische Note wird sofort durch den polnischen Gesandten in Moskau übergeben werden. Wie die Warschauer Presse erfährt, ist die Note in ruhigem Ton gehalten. Sie weist die Vorwürfe zurück, die in der russischen Note enthalten sind. JuSbesondere wird der Passus widerlegt, in dem die russische Note von einer Verantwortung der polnischen Regierung für den an Wojkow verübten Anschlag spricht.
Die polnische Presse weist ebenfalls die in der russischen Note vorgebrachte Anschuldigung zurück. Das Blatt der Anhänger Marschall Pilfudskis tut das in sehr entschiedenem Ton und spricht von einem Versuch, aus dem Unglück politische Argumente zu schmieden. „Glos Prawdy" betont mit allem Nachdruck, daß sämtliche russischen Vorwürfe auch nicht den Schatten der Berechtigung hätten. Dem Vorwurf, daß die polnische Reqie- rung dre Tätigkeit der Gegenrevolutionäre, der russischen Terroristen nicht gehörig unterbunden habe, begegnet „Kurjer Porannh" mit der Bemerkung, daß die in ganz Europa und auch in Polen lebenden Emigranten ein Ergebnis der Sowietvolitik darttellten.
Im Zusammenhang mit der Ermordung Wojkows wurden in Warschau sechs und in Wilna 24 russische Emigranten verhaftet. In Wilna ist man unter den russischen Emigranten einer monarchistischen Geheim- organisation auf die Spur gekommen. In anderen Ortschaften des Wilnagebietcs wurden bisher 15 Personen verhaftet. Bei den Haussuchungen wurden große Dollarbeträge und monarchistisches Propagandamaterial, das für das Ausland bestimmt war, gefunden.
Die Leiche des ermordeten Wojkow
ist im Audienzsaal der Warschauer Sowjetgesandtschaft aufgebahrt. Ununterbrochen finden Beileidsbesuche in der Gesandtschaft statt. Es erschienen u. a. der polnische Mi.
Der ermordete russische Gesandte Wojkow.
nister des Äußern, Zaleski, und andere Regierungsmitglieder, die Mitglieder des diplomatischen Korps, Ver- treter der Behörden, der Industrie und Personen aus allen Kreisen der Bevölkerung Warschaus. Die Leiche wird am Freitag morgen nach dem Hauptbahnhof gebracht und von dort mit einem Sonderzug nach Moskau über, geführt.
Aus Moskau ist eine Delegation des Außenkommissa- riats mit dem Mitglied des Kollegiums Aralow an der Spitze der Leiche Wojkows entgegengereist.
Der Mörder K o w e r d a war Mitglied einer monarchistischen Geheimorganisation und hat allem Anschein nach in ihrem Auftrage gehandelt. Kowerda hält sein ursprüngliches Geständnis, daß er das Attentat aus ideellen Gründen begangen habe, aufrecht; doch will er keine näheren Angaben über seine ideellen Gründe machen.
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Russische Feststellungen zu dem Gespräch Stresemann—Tschiischerin.
Zu den in mehreren Blättern ausgetauchten Mitteilungen, der Volkskommissar für Äußeres, Tschitsche- r i n, habe in seiner Unterredung mit dem Außenminister Stresemann sich dahin geäußert, der Warschauer Mord werde keinesfalls zu einer Trübung der Verhältnisse zwischen Polen und der Sowjetunion beitragen, wurde von maßgebender russischer Seite in Berlin bekannt- gegeben, daß der Volkskommissar Tschitscherin keinerlei Äußerungen bezüglich der möglichen Ergebnisse der Untersuchung und der Folgen des Warschauer Mordes getan hat.
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Neue Attentate in Rußland.
Aus Minsk wurde nach Moskau gemeldet, daß zwischen den Stationen Schdanowitschi und Minsk eine Dräsine verunglückte, auf welcher der stellvertretende Beauftragte des weißrussischen Militärbezirks, Opanski, einen der Spionage verdächtigen Offizier des polnischen Geheimdienstes, namens Jani, abtransportierte. Opanski und der Führer der Dräsine wurden getötet, zwei Begleiter Opanskis schwer verwundet.
In später Abendstunde betrat ein Unbekannter den Saal des Geschäftsklubs, in dem eine Sektion des Lenin- grader Diskussionsklubs der Kommunistischen Partei eine Mitgliederversammlung abhielt, und warf eine Bombe. Gleich darauf wurde von einem anderen Unbekannten eine zweite Bombe geworfen. Durch die Explosion wurde der Raum zerstört und 26 Teilnehmer von der Versammlung erheblich verwundet, so daß sie sofort ins Krankenhaus gebracht werden mußten. Die beiden Täter entkamen. __________
36 Punkte.
Am Montag tritt der V ö l k e r b u n d r a t wieder einmal zu einer Tagung in Genf zusammen und er wird sich nicht darüber beklagen können, allzu wenig Beratungsstoff zu haben. Zweifellos wird aber auch jetzt wieder das Schwergewicht der Bespxechunaev gqx nicht
tm Volkerbundrat liegen, sondern in den Zusammen- klinsten der drei Außenminister Chamberlain, Briand und Stresemann. Allerdings haben wir Deutsche auch an mehreren Punkten von den sechsund- drelßlg, die zur Beratung stehen,, ein besonderes Juter- esse, vor allem natürlich daran, was aus der Frage der deutschen Ostentsesti ' ' p -
drängt darauf, daß nach dCtlt L»h|*v* wo fti44/vi viv Kontrolle durch eine Kommission von Ententeoffizieren erfolgen soll, und droht damit, Polen zu veranlassen, daß dieses an der deutschen Ostentfestigung ganz besonders interessierte Land in Genf den Antrag stellt, die berüchtigte Jnvestigationskommission des Völkerbunds an deren Spitze ein französischer General Nebt. für 5
5 aus der Frage der iig-ung werden soll. Paris em Muster von früher her die
fung
ruchtigte Jnvesttgatlonskommission des Völkerbundes, an deren Spitze ein französischer General steht, für die Kontrolle in Bewegung zu setzen. Ob der deutsche Vor- schlag, eine neutrale Macht mit der Prüfung z u b e a u f t r a g e n, durchgehen wird, ist sehr fraglich; außerdem macht Paris die ganze Angelegenhe t zu einem Handelsgeschäft, indem man ein deutsches Nachgeben in dieser Frage durch eine Verminderung der Besatzungsstärke im Rheinland beantworten will. Davon kann natürlich keine Rede sein, weil anläßlich des Abschlusses des Vertrages von Locarno die Besatzungsmächte ausdrücklich zugesagt haben, die Besatzungstruppen auf die Stärke zurückzuführen, die der Stärke der deutschen Garnisonen vor dem Kriege entspricht. Diese einzige Konzession aus dem Jahre 1925 ist aber nicht erfüllt worden, soll jedoch zum zweitenmal von Deutschland erkauft werden. Wir haben das Zutrauen verloren, daß auf der Gegenseite Versprechungen, die man gegeben hat, auch eingelöst werden.
In Berlin rechnet man schon damit, daß auch eine zweite Frage, an der wir Deutsche besonders interesstiert sind, sticht zur Verhandlung kommen wird. Das ist die große Denkschrift, die deutscherseits dem Völkerbund über die zahllosen Verletzungen des Memel- statuts durch Litauen überreicht worden ist. Bekannt- lid) hat dieses.Landchen gegen eine Verhandlung über diese Denkschrift protestiert, weil es angeblich nicht in der Lage sei, das notwendige Gegenmaterial seinerseits zusammenzubringen. Nach den Erfahrungen, die Deutschland bisher in Genf gemacht hat, werden wir damit rechnen müssen, daß diesem Proteste Litauens seitens des Völkerbundrates nachgegeben wird.
Aber das Schwergewicht liegt doch wieder außerhalb der offiziellen Besprechungen, und da gibt es Fragen genug, die von den drei Außenministern erörtert werden können. Freilich fragt es sich, ob diese Erörterungen überhaupt stattfinden werden. Mit kaltem Hohn hat man es in Paris abgelehnt, die Frage der Rheinlandräumung oder auch nur die Frage einer Verminderung der Besatzungstruppen zum Gegenstand solcher Beratungen in Genf zu machen; die Zeit dazu sei noch nicht gekommen. Gewiß hat sich das Schwergewicht der europäischen Politik jetzt vom Rhein nach der Weichsel ver, legt und Polen ist nur allzu gern bereit, das Spiel Frankreichs zu treiben. Unser deutscher Vertreter in Genf hat nicht das geringste Interesse daran, sich der Politik Frankreichs zu unterwerfen, die deutlich darauf abzielt, für eine Rheinlandräumung nicht bloß Konzessionen in Form der Erhaltung einer irgendwie gearteten Kontrolle in jenem Gebiete zu erzielen, fondexy die Frage der Räumung grundsätzlich zu verknüpfen mit einem O st l o c a r n o, also der Erhaltung des Zustandes, wie ihn der Versailler Vertrag an unserer Ostgtenze herbeigeführt hat.
Der „Temps" hat vor einigen Tagen geschrieben, es müsse im Hinblick auf die Teilnahme der Deutschnationalen an der Reichsregiernng verhindert werden, daß Dr. Stresemann mit einem Erfolg in der Tasche aus Genf zurückkehre. Die französische Zeitung ist im Irrtum; die Politik, die der deutsche Außenminister verfolgt, die Forderungen, die er erhebt, sind nicht parteipolitisch einseitig, sondern sind Allgemeingut des ganzen Deutschland.
Die Abfindung des Hauses Württemberg.
Vertrag mit der Württembergischen Regierung.
Die Württembergische Regierung hat zur endgültigen Abfindung des Hauses Württemberg mit dem Generalfeldmarschall Herzog Albrecht von Württemberg einen Vertrag abgeschlossen, der dem herzoglichen Hause aus dem im Gewahrsam des Staates befindlichen Privateigentum des herzoglichen Hauses und aus solchem Privateigentum, das dem Staate übertragen wurde, eine Rente von jährlich 123 5 00 Mark festsetzt. Die Rente bezieht sich einmal auf die sogenannte Kunstkammer, deren Wert zur Hälfte mit 11- Millionen Mark anerkannt wurde, sodann auf die dem Krongut überwiesenen Gegenstände, deren Wert ebenfalls zur Hälfte mit 1% Millionen Mark Anerkennung fand. Diese drei Millionen Mark sind die Grundlagen des Abkommens.
Ein Teil der Kronjuwelen, Silber und andere Gegenstände im Werte von 530 000 Mark wurden a n das herzogliche Haus zurückgegeben. Aus dem Rest von 2 470 000 Mark werden ihm 5 Prozent Rente mit 123 500 Mark gewährt. Gleichzeitig wurde die Rente der früheren Königin von 36 000 auf 70 000 Mark erhöht. Ansprüche des herzoglichen Hauses in bezug auf die frühere Zivilliste wurden von der Regierung nicht anerkannt.
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