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Nr. 162
Donnerstag, den 14. Juli 1927
77. Jahrgang
Der Papierstrom nach Belgien
Der englische Abgeordnete Ponsonby, der der Arbeiterpartei angehört, hat nicht unrecht mit seiner Feststellung, daß der Ton zwischen der Berliner und der Pariser Regierung schärfer geworden sei, als sich das mit der Locarnopolitik vertrage. Ponsonby hätte einige Tage später hinzufügen können, daß auch zwischen Brüssel und Berlin unharmonische Töne laut geworden sind. Die Beschuldigungen des belgischen Kriegs- ministers de Broqueville über deutsche Verstöße gegen die Versailler Bestimmungen, wonach die Reichswehr ihre Angehörigen erst nach 12jähriger Dienstzeit entlassen dürfe, schloffen den Vorwurf einer neuen Verletzung der Entwaffnung in sich, veranlaßten zwar deutsche amtliche Vorstellungen beim belgischen Außenminister Vandervelde, wurden aber — natürlich als lauterste Wahrheit! — von der französischen Presse begierig ausgenommen und gegen eine Beschleunigung der Rheinlandräumung ausgenutzt, die ja jetzt, nach Beendigung der Ostentfestigung, für uns Deutsche brennender denn je ist.
Vandervelde freilich ist ganz anderer Ansicht. Er hat eine Rede vor der Kammer gehalten und ist dabei auf jene deutschen Vorstellungen über die Beschuldigungen seines Kollegen de Broqueville gar nicht eingegangen, obwohl er sich doch sonst breit genug über das Verhältnis Deutschlands zu den West möchten äußerte. Was nützt es denn eigentlich, wenn auch er des längeren über den Fortbestand der Locarnopolitik spricht, im gleichen Atemzüge aber aussührt, daß „die Art der Friedensauffassung, wie sie in den Reden Poincarös und Stresemanns zutage tritt, recht verschieden" sei. Ebenso verschieden ist in seinen Augen auch die Auslegung der vom Deutschen Reich aufgestellten Forderungen, „die von deutscher Seite für unumgänglich notwendig gehalten werden, während sie von Belgien und Frankreich für übertrieben oder wenigstens für verfrüht gehalten werden". Man weiß, um welche deutsche Forderung er dabei her- umgeht wie die Katze um den heißen Brei: es ist eben die Nhe iul and r äumu»g, die allerdings von Deutschland für mit jedem Tage unumgänglich notwendiger gehalten wird.
Genau wie sein Kollege de Broqueville neue Beschuldigungen gegen Deutschland erhebt, so stellt Vandervelde neue Forderungen auf. Es ist der Streit um die Markbestände, die während der Kriegszeit von der deutschen Okkupationsbehörde in Belgien ausgegeben, nach dem Rückzug unserer Truppen von der belgischen Behörde aufgekauft wurden und nun in einem Nominalbetrag von rund sechs Milliarden Mark in den Tresors der belgischen Staatsbank lagern. Um die Jahreswende 1918/19 ist aber eine wüste Spekulation getrieben worden; denn auf die Kunde von der Einlösungsbereitschaft ergoß sich ein breiter Strom deutscher Paptermark aus Nordfrankreich, Holland, ja sogar aus dem deutschen Rheinland nach Belgien. Daß sehr vieles nicht stimmt, hat Vandervelde jetzt selbst zugegeben; denn es sei nicht festzustellen, welche Markbeträge aus Holland nach Belgien eingeführt seien, um die „Schuld Deutschlands" zu vergrößern. Von einer solchen kann aber überhaupt nicht mehr die Rede sein, seit durch den Dawes-Plan sämtliche deutschen Zahlungsverpflichtungen ohne jede Ausnahme festgelegt worden sind, und deswegen ist die Behauptung Vanderveldes, Deutschland habe die Verpflichtung, seinerseits nun diese im belgischen Besitz befindlichen Papiermarkbeträge einzulösen, bereits grundsätzlich anerkannt, nichts anderes als eine Behauptung ä la Broqueville. Und daran wird nichts geändert, wenn er auch diese Behauptung noch so oft aufstellt. Als Fühler ausgestreckt wurden, wonach Belgien gegen Entgelt auf die uns durch die Farce einer „Volksabstimmung" entrissenen Gebiete von E u p e n und M a l m e d y verzichten wollte, scheint man deutscherseits die Andeutung gemacht zu haben, diesen Entgelt in die Form einer teilweise« Einlösung jener Papiermarkbeträge zu kleiden, aber selbstverständlich nie in ganzer Höhe oder gar zum Nennwert.
' Unser Gesandter in Brüssel hat infolge der bisherigen Erfolglosigkeit des ersten Schrittes neue Vorstellungen wegen der Behauptungen Broquevilles erhoben; er könnte bei nächster Gelegenheit auch gleich jene Irrtümer des belgischen Außenministers in allgemein-politischer wie in finanzieller Hinsicht berichtigen.
Deutsche Kriegsschiffe in Danzig.
Begrüßung durch den Präsidenten Sahm.
Anläßlich der Anwesenheit des deutschen Linienschiffes „Heffen" und des Torpedobootes „T. 190" in Danzig ver- anstaltete der Danziger Senat im Rathaus zu Ehren der Marineoffiziere ein Festmahl, bei dem der Senatspräsident Dr. Sahm eine Begrüßungsrede hielt, in der er der Reichsregierung den Dank Danzigs für die Entsendung der Schiffe aussprach und Danzigs Deutschtum betonte. Nachdem Dr. Sahm dann auf Danzigs uralte Beziehungen zur deutschen Kriegs- und Handelsmarine hingewiesen hatte, schloß er mit den Worten:
„Wunderbare Weisen tönen herüber zu uns aus glorreicher Vergangenheit und sie vereinen sich mit den freudigen Empfindungen, die diese Festtage bei uns in Danzig auslösen, zu einem mächtigen Akkord, der aus- klingt in die Worte: Herzlich willkommen, ihr lieben Gäste aus dem Deutschen Reiche, im deutschen Danzig. Im Namen der Regierung der Freien Stadt Danzig erklingt mein Hoch: das Deutsche Reich und sein Präsident
Abimme« mit Paris md Warschau?
Günstige Verhandlungen
mit Frankreich und Polen.
HandelsvertragundNiederlassungsrecht.
Deutschland steht im Begriff, sowohl mit Frankreich als auch mit Polen wichtige Verträge abzuschließen. Bei den Verhandlungen mit Frankreich handelt es sich um ein vorläufiges Wirtschaftsabkommen auf mindestens ein Jahr. In dieser Zeit soll dann in aller Ruhe über einen endgültigen Handelsvertrag zwischen Frankreich und Deutschland beraten werden, bei dem auch der neue französische Zolltarif berücksichtigt werden wird. Wie es heißt, hat die französische Regierung auf den Gebieten, die bisher heiß umstritten waren, im großen und ganzen die Berechtigung des deutschen Standpunktes anerkannt. Allerdings hat auch die deutsche Delegation Zugeständnisse an Frankreich machen müssen. Wie das „Petit Journal" zu melden weiß, hat bei den Verhandlungen die Forderung Deutschlands nach Zulassung deutscher Konsuln in Elsaß- Lothringen und Marokko eine Rolle gespielt.
v. Hindenburg, das Sinnbild deutscher Einigkeit, der hochverdiente Ehrenbürger der Stadt Danzig, hoch, hoch, hoch!"
Der Kommandant der „Hessen", Kapitän zur See Junkermann, dankte für die außerordentlich herzliche Begrüßungsrede. Eine mehrtausendköpfige Menge begrüßte die deutschen Gäste, als sie das Rathaus ver- ließen, mit enthusiastischen Hochrufen.
Der Beisetzung des Prinzen Friedrich Sigismund wohnten u. a. Reichspräsident von Hindenburg und Feld- marschall von Mackensen bei. Unser Bilo zeigt die beiden
Heerführer bei der Beerdigung. Rechts neben dem Reichspräsidenten steht dessen Sohn und Adjutant Major von Hindenburg.
Ein neuer Bund der Rationen.
Spanien macht einen Vorschlag.
Unter der Überschrift „Eine dauerhafte Friedensgarantie" veröffentlicht die Madrider „Marion" einen Artikel, dessen anonymer Verfasser einen groß angelegten Entwurf zur Schaffung eines Bundes der Nationen, der geeignet wäre, die Aufrechterhaltung des Weltfriedens zu gewährleisten, darlegt.
Vorgeschlagen wird die Neubildung einer Friedensliga der Staaten Europas, mit Ausnahme Sowjetruß. lands, und die Schaffung eines internationalen Gerichtshofes, der als oberstes Schiedsgericht in Betracht käme. Staaten, die einen Schiedsspruch nicht anerkennen wollen, sollen durch Diplomatie und wirtschaftliche Maßnahmen dazu gezwungen werden. Ist die Anerkennung des Schiedsspruches auch dann nicht zu erzielen, so kann durch die Friedensliga die Kriegserklärung erfolgen und durch ein internationales Heer von den Waffen Gebrauch gemacht werden. Jeder Staat soll eine nur zu diesem Zwecke gebildete Truppenmacht dem internationalen Heer zur Verfügung stellen. Die bisherigen nationalen Armeen würden ganz wegfallen, mit ihnen die allgemeine Wehrpflicht; die Staatsbürger hätten aus- fchließltch im internationalen Heer, zu dem Deutschland, England, Frankreich und Italien je 11 Prozent der Truppen stellen könnten, zu dienen.
Man vermutet, daß jene neue Völkerbundgründung von Primo de Rivera selbst angelegt worden sei und daß er auch den Artikel geschrieben habe.
Bei den Verhandlungen mit Polen handelt es sich in der Hauptsache um die Frage des Niederlassungs- rechtes Deutscher in Polen. Der deutsche Gesandte in Warschau, Rauscher, ist in Berlin eingetroffen, um über den Fortschritt der deutsch-polnischen Besprechungen zu berichten. Die Verhandlungen mit Polen sind zu einem vorläufigen Abschluß gelangt. Von polnischer Seite ist lange Zeit der Kreis der Personen, denen die Niederlassung gewährleistet sein sollte, sehr eng gezogen worden. Deutscherseits wurde demgegenüber betont, daß ine intensive Pflege der gegenseitigen Handelsbeziehungene nur dann möglich ist, wenn für deutsche kaufmännische und technische Vertreter absolute Sicherheit für ihren Aufenthalt in Polen gewährleistet ist. Durch die anscheinend befriedigende Lösung der Niederlaffungsfrage, um die lange Zeit zwischen beiden Parteien gekämpft wurde, ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Wiederaufnahme der deutsch-polnischen Handelsvertragsverhandlungen gegeben. Diese Wiederaufnahme dürfte, wie man in politischen Kreisen annnimt, aber kaum vor Beendigung des Sommers erfolgen.
Das Erdbeben in Palästina.
Viele Hunderte von Toten.
Die Zerstörungen, die das Erdbeben in Palästina angerichtet hat, sind viel größer, als man anfangs angenommen hatte, über 300 Tote (andere Meldungen ivollen sogar schon von tausend Toten wissen) und mehr als 600 Verletzte werden bereits gemeldet. Am schwersten hatte die Stadt N a b l u s, das aus der Bibel her bekannte Sichem, zu leiden. Sogar die Häuser, die an den Abhängen der Berge gelegen find, stürzten als Ganzes einschließlich ihrer Insassen auf den Marktplatz hinunter und forderten im Absturz weitere Opfer. Ausgrabungsarbeiten können nicht vorgenommen werden, da man den Ein- stürz weiterer Häuser befürchtet.
Die blühende Stadt Maan ist in ein einziges , Lazarett verwandelt. Hunderte von Verwundeten liegen an vielen Orten unter den Trümmern der einge- stürzten Häuser als Opfer der Naturgewalt. Auch Je- rusalem hat größeren Materialschaden zu beklagen.
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• Das Erdbebengebiet in Palastind .
So wurde die bekannte Synagoge Bethe! stark beschädigt, ebenso die Weihestätte des Islams, die Omar-Moschee, die aus dem ursprünglichen Platze des Salomonischen Tempels steht. Die Orte Ludd, Ram- leh und Jericho melden zahlreiche Tote und Hunderte von Verletzten.
Der Urgrund des Toten Meeres ist von jeher vul- kamsch gewesen, wie dessen ganze Umgebung in grauer Vorzeit ein einziger Krater war. Sodom und Go- m o r r h a, die einst vernichtet wurden, haben dort ge- legen, wo auch jetzt wieder das Erdbeben geherrscht hat. Der Erdstoß der letzten Tage hat seinesgleichen in der Vergangenheit der letzten 2000 Jahre nicht gehabt. In v.ransjordanien sind alle Landstraßen mit Fliehenden überschwemmt.
Die Unwetter haben aber ebenso stark wie am Jordan und :n der deutschen Heimat auch noch in den verschie- densten Gegenden des ehemaligen Russischen Reiches gewütet. Auf dem Kaspischen Meer herrschte ein Sturm, der 33 Fischerboote zum Kentern brächte, wodurch nach bisherigen Meldungen 47 Personen ertranken.
Ukraine wurden schwere Flurschäden an- gerichtet. Minsk litt unter schweren Hagelverwüstungen;, der Stadt fehlt es seit Tagen an Brot und Mehl. I
Die Hilfsaktion im Erzgebirge.
Die sächsische Regierung beantragte, für die Opfer des Unwetters im Erzgebirge 10 Millionen Mark als erste, Hilfe zu überweisen. Die Reichsgeschäftsstelle der Deutschen Nothilfe in Berlin, Wilhelmstraße 62, sammett für die geschädigten Bewohner der sächsischen Hochwaffer-