Hersfelöer Tageblatt hersfel-er Kreisblatt Amtlicher Mnzeiger für öen Kreis hersfelS mit den Beilagen: Setmatschollen / Illustriertes Anterhaltungsblalt / Nach Feierabend / Serd und Scholle / Anlerhaltung und Wissen Belehrung und Kurzweil / Wirtschaftliche Tagesfragen.
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Nr. 164 «Erstes Statt)
Sonnabend, den 16. Juli 192t
tt. Jahrgang
Llnglückszeiten.
Die „internationale Katastrophe,Commission". - Verheerende Naturereignisse. — Bewährte deutsche Tatkraft. — Gegen Vergiftung der Volksseele.
In Genf war man — unter führender Mitwirkung unseres früheren Reichsinnenministers Kulz eben bauet, eine übervölkliche Hilfsorganisation für außergewöhnliche Unglückssälle einzurichten. Eine „internationale Katastrophenkommissron, wie sie alsbald von irgendeinem der berufsmäßigen Spötter getauft wurde, die die unermüdlichen Anstrengungen des Völkerbundes zur Ausbreitung von Frieden und Glückseligkeit in der Welt mit ihren beißenden Reden begleiten.
Man kann nun gewiß der Ansicht fein, daß es auch schon früher bei großen Elementarereigmssen, von denen bald dieses, bald jenes Land heimgesucht wurde, an Bekundungen internationaler Solidarität durchaus nicht gefehlt hat. Man kann wohl die berechtigte Frage aufwerfen, ob ein kunstvoll und mühselig aufgebauter Apparat volker- bundmäßiger Herkunft und Jnstanzenhäufung in gleicher Weise imstande fein würde, mit der gebotenen Schnelligkeit und Zielsicherheit einzugreifen, wo immer die Strafte des unmittelbar betroffenen Landes zur Bewältigung der Not nicht ausreichen. Wie gar soll es nun erst werden, wenn die Genfer Herren sich einer solchen F u l l e v e r - heerender Naturereignisse gegenubersehen, wie wir sie jetzt schaudernd Tag für Tag über uns herem- brechen sahen? Die entsetzlichen Folgen der Unwetter- katastrophe im Sächsischen Erzgebirge werden ungezählte Wochen und Monate beanspruchen, bis auch nur das primitivste Alltagsleben dieser bemitleidenswerten Ortschaften wieder als gesichert gelten kann. Reich, Staat und Gemeinden werden gewiß mit oft bewährter de u t - scher Tatkraft ungesäumt aus Werk gehen, um wiederaufzubauen, was diese losgelassenen Mächte der Hölle binnen wenigen Minuten zerstört haben. Sollten sie, wenn jene internationale Katastrophenkommissron jetzt schon fix und fertig bereit stände, etwa warten, bis man in Genf mit den unvermeidlichen Reden und Untersuchungen,
Ä-i^Ä» braucht und zuletzt vielleicht zu verständigen Entschließungen gelangt? Darauf wird sich keine Länderregierung einlassen — nicht einmal die p a l ä st i n e n s i s ch e, bte, kaum, daß die entfesselten Wassermassen der Mugtrtz und der Gottleuba sich verlaufen hatten, in ihrem Gebiet wieder andere Elementarkräfte zu spüren bckam, denen gleichfalls Hunderte von Menschenleben zum Opfer fielen.
So umschließt allerdings eine Kette gemein« samen Leides die Völker im Morgen- und im Abendland. Wir werden uns wieder einmal der zu oft vergessenen Tatsache bewußt, daß wir alle ohnmächtige Geschöpfe in der Hand höherer Gewalten sind, die trotz unablässig fortschreitender Zivilisation immer noch in einem Augenblick zu zerstören vermögen, was Tausende von Menschenhänden in jahrelanger Arbeit einem unwilligen Boden, einem mißgünstigen Geschick abgerungen haben. Irgendwie scheint uns die Welt aus den Angeln geworfen zu sein, ohne daß unsere Gelehrten zu sagen wüßten, wen oder was sie dafür verantwortlich zu machen hätten. Wer möchte da wohl glauben, daß der gute Wille des Völkerbundes die außer Rand und Band geratene Ordnung der irdischen Dinge wieder herzustellen oder auch nur in ihren unheilvollen Wirkungen wesentlich abzu- schwächen vermöchte?
Doch dürfen über den großen die kleinen Katastrophen nicht übersehen werden. Sie Pflegen sich zwar nicht mit donnerartigem Getöse einzustellen, auch wenn sie gelegentlich von Revolverschüssen begleitet sind. Aber wo sich feststellen läßt, daß sie auf Ursachen allgemeiner Art zurückgehen, wäre es frevelhafte Unterlassungssünde, wollte man die Augen gegen sie verschließen, bis jeweils wieder einmal ein Unglück geschehen ist.
Der preußische Minister des Innern hat kürzlich den Polizeibehörden eingeschürft, was gegenüber gewissen Auswüchsen bei Theaterrevuen usw. ihres Amtes ist. Seine Aufmerksamkeit war durch einen sehr dankenswerten Landtagsbeschluß auf die außerordentlich große Gefährdung unseresössentlichen, kulturellen und sittlichen Lebens durch die in keinerlei Kunstinteressen begründete Aufführung der sogenannten Theaterrevuen mit sehr ausgiebigen N ackt- d a r st e l l u n g e n hingelenkt und er war gebeten worden, dagegen die geeignet erscheinenden behördlichen Maßnahmen zu treffen. Der gleiche Landtagsbeschluß hatte aber auch die Tatsache unterstrichen, daß sehr eindeuttge Schlager, Couplets, Lieder durch Verbreitung von Grammophonschallplatten heute bis in die kleinsten und abgelegensten Dörfer unb damit zugleich bei der Schuljugend nicht nur der Stadt, sondern auch des Landes Eingang finden, womit natürlich eine unberechenbar umfasfende Vergiftung der Volksseele bewirkt wird, und daß deshalb auch die Verbreitung solcher unheilvollen Kunsterzeugnisse mit allen ge- eignet scheinenden Maßnahmen verhindert werden müsse. Grund genug für den Minister, seinen Behörden erneut einzuschärfen, daß auch nach Beseitigung der sogenannten Vorzensur diePolizei zum Einschreiten gegen Theateraufführungen verpflichtet ist, sobald der Inhalt eines Theaterstückes oder die Art seiner Aufführung geeignet ist, die öffentliche Sittlichkeit zu gefährden; ihnen auch die Rechtsprechung des Reichsgenchts in Erinnerung zu
Blutige Ausschreitungen in Oesterreichs Hauptstadt.
Wien in Aufruhr.
In Wien sind blutige Straßenkärnpfe entbrannt. Den Anlaß zu diesen Kämpfen bot das Urteil des Wiener Schwurgerichts, das über einen Zusammenstoß zwischen Frontkämpfern und Mitgliedern des Republikanischen Schutzbundes im Januar d. I. in Schattendorf zu befinden hatte, bei dem ein Arbeiter und ein achtjähriger Knabe getötet und fünf Personen verletzt worden waren. Das Gericht sprach die drei angeklagten Frontkämpfer frei. Infolge dieses Freispruchs bemächtigte sich der Wiener Arbeiterschaft große Empörung, die ihre Wut in Demonstrationen und Tätlichkeiten auslietz.
Eingeleitet wurden die Demonstrationen gegen das Urteil durch Streiks der Arbeitnehmer bei einem Teil der Wiener Verkehrsmittel, des Wiener Elektrizitätswerkes und auch anderer Betriebe. Im Mittelpunkt der Demon- ftrationen standen das Parlament und der Justizpalast. Zwischen berittenen Wachleuten und den Demonstranten entstand vor dem Parlament ein regelrechter Kampf, bei dem die öffentliche Macht mit blanker Waffe gegen die Menge vorging. Auch wurden hier mehrere Schüsse gewechselt.
Zu weit ernsteren Szenen kam es vor dem Justizpalast, vor dem die Menge Barrikaden errichtete. Um die Mittagszeit drang ein starker Trupp Manifestanten in das Justizgebäude ein, warf große Bündel von Akten aus die Straße, wo sie in Brand gesteckt wurden. Auch im Justizgebäude selbst wurde Feuer angelegt; ein Teil des Palastes soll bereits den Flammen zum Opfer gefallen sein, da der heranrückenden Feuerwehr durch die Demonstranten jede Löscharbeit unmöglich gemacht wurde.
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bringen, wonach Lautüderttagungen durch Grammoptzon- Platten unter den Begriff der unzüchtigen Dar - st e l l u n g fallen, wenn die sonstigen Tatbestandsmerkmale der entsprechenden strafgesetzlichen Bestimmung vorliegen. In solchen Fällen soll „mit allem Nachdruck" ein- geschritten werden.
Gegen diesen Erlaß eines sozialdemokratischen Mi- M-sters ist erfreulicherweise von keiner Seite Einspruch erhoben worden. Stimmt es aber nicht bedenklich, wenn die Regierung bis auf die Zeiten des Allgemeinen Preußischen Land rechts zurückgeht, um sich einen Rechtstitel für die notwendige Bekämpfung solcher Schmutzleistungen zu holen, mit denen der gute Ruf unserer deutschen Kunst und Musik vor aller Welt geschändet wird?
Dr. Sy.
Deutschland und Belgien.
Die unhaltbaren Anschuldigungen de Broquevilles.
Der wegen der Angriffe des belgischen Kriegsministers, de Broqueville, auf die Reichswehr unternommene diplomatische Schritt Deutschlands in Brüssel ist jetzt von Belgien mit einer Note beantwortet worden.
Deutsche Kriegsschiffe in Danzig.
Zum erstenmal nach dem Kriege haben jetzt deutsche Kriegsschiffe Danzig einen Besuch abgestattet. Dieser
npfe in Wien
Vor dem Gebäude spielten sich wüste Szenen ab. Frauen, die unter den Demonstranten besonders stark vertreten sind, fielen in Ohnmacht und mußten fortgeschafft werden. Im Justtzpalast selbst sind mehrere Beamte mit Eisenstangen schwer mißhandelt worden.
Militär wird eingesetzt.
Da sich die Polizei als viel zu schwach gegenüber der erregten Menge gezeigt hat und der Polizeipräsident zudem den Auftrag gegeben hat, die Waffen zurückzu- ziehen, ist Militär eingesetzt worden, um die Revolten niederzuschlagen. Auf die Kunde von dem Heranrücken des Militärs zogen sich die Demonstranten nach dem Rathaus zurück, wo sie Barrikaden zu errichten begannen. Dafür gaben sie den Platz vor dem Justiz- gebäude frei, so daß die Feuerwehr dann zu den Lösch- arbeiten an das Gebäude herankam.
Bisher 15 Tote, 100 Verwundete.
Schutzbundabteilungen versuchen, auf die erregte Menge beruhigend einzuwirken. Doch scheint das bisher noch nicht gelungen zu sein. Im Gegenteil suchen sich die Demonstranten immer neue Objekte für ihre Angriffe aus. Verschiedene Zeitungsgebäude sind von ihnen gestürmt worden, wie überhaupt das Erscheinen der Mittags- und Abendblätter in Wien zur Unmöglichkeit gemacht worden ist, so daß, wie immer in solchen Fällen, den Gerüchten Tür und Tor geöffnet sind. Bei den bisherigen Zusammenstößen soll es 100 Verwundete gegeben haben. Wie verlautet, sind bereits 15 Personen getötet worden.
Die letzten Wiener Meldungen besagen, daß die Sicherheitswache in Wien mit Gewehren bewaffnet gegen die Demonstranten vorgeht, die der bewaffneten Macht vorläufig auszuweichen scheint. Immerhin ist die Erregung in der Donaustadt so gewaltig, daß mit neuen Zusammenstößen gerechnet werden muß.
Die dem deutschen belaubten in Brüssel übergeben worden ist. Diese Note wtto gegenwärtig im Auswärtigen Amt in Berlin bearbeitet. Schon jetzt zeigt sich, wie unbegründet die Angriffe des Broquevilles waren. Wie sich herausgestellt hat, hat sich der belgische Kriegsminister bei seinen Anklagen auf eine interne Note der Botschafterkonferenz von Anfang 1925 berufen, die sich mit der Frage der Schwarzen Reichswehr befaßt hat. Diese Angelegenheit ist aber im Januar dieses Jahres von der Botschafterkonferenz als völlig erledigt erklärt worden, so daß man sehen kann, auf wie schwachen Füßen die belgische Anklage steht.
Die ganze Angelegenheit, die der belgische Kriegsminister jetzt aufgerührt hat, scheint übrigens ein abgekartetes Spiel zwischen Frankreich und Belgien zu sein. Französischerseits hat man nämlich Material über die Reichswehr gesammelt, wie es sich aus Debatten in den deutschen Parlamenten über die Versorgung von Reichswehrentlassenen und Angehörigen der alten Armee ergab. Dieses Material ist dann dem belgischen Kriegsminister zur Verfügung gestellt worden, der den französischen Inspirationen auf den Leim gegangen ist. Selbst in einem Teil der Brüffeler Treffe begegnen die Behauptungen Broquevilles starken Zweifeln, und es wird daraus hingewiesen, daß, wenn Broquevilles Erklärungen richtig seien, Marschall Foch nicht die Erklärung abgegeben hätte, daß Deutschland seinen Entwaffnungsverpflich- tungen nachgekommen sei.
Man wird wohl nicht fehlgehen in der Annahme, daß die belgische Antwortnote an Deuffchland und die Stellungnahme der deutschen Regierung dazu bald veröffentlicht werden wird. Es wird sich dann zeigen, mit welchen Argumenten die deutschfeindliche Treffe in Frankreich und die von ihr beeinflußten Persönlichkeiten arbeiten.
Die Dreimächtekonserenz in Gens.
England macht Konzessionen in der Kreuzerfrage.
Trotz der Schwierigkeiten, die sich der Marine- konferenz in Genf entgegenzustellen schienen, ist es doch noch gelungen, die Delegierten der drei Mächte zu einer zweiten Plenarsitzung zusammenzubringen, so daß eine gewiste Klärung der Lage Herbeigeführt werden konnte. Für die englische Delegation sprachen der Marineminister Bridgeman und der Chef der Lldmiralität, Jellicoe. Beide verteidigten England gegen den Vor- Wurf übertriebener Forderungen für seine Marine. Bridgeman bemühte sich um den Nachweis, daß England den Wunsch auf Herabsetzung der Rüstungen dadurch bekunde, daß es Umfang und Bewaffnung der Schiffe zu verringern trachte. Lord Jellicoe erklärte, daß die englische Forderung von 70 Kreuzern bescheiden sei.
Aus den folgenden Reden des japanischen Delegierten I s h i i und des amerikanischen Delegierten Gib- f o n ging dann hervor, daß die Hauptschwierigkeit einer Einigung in der Kreuzerfrage noch immer bei England liegt, während zwischen Japan und Amerika verbälluis- mäßig leicht eine Verständigung möglich wäre. Als Ergebnis der anderthalbstündigen Aussprache war immerhin festzustellen, daß England in der Kreuzerfrage, Die allein noch größere Schwierigkeiten bietet, sehr bedeutende ®nniefitnnett aemockt bat.